Silent Night, Deadly Night

Ein Weihnachtsmann mit Axt, Kultskandal im Gepäck und „Terrifier“-Verheißung im Marketing: SILENT NIGHT, DEADLY NIGHT weiß genau, wie man Erwartungen schürt. Doch statt hemmungslosem Festtagsgemetzel serviert Mike P. Nelson zunächst Zurückhaltung, Charakterstudie und unerwartet viel Gefühl. Ob das mutige Neuinterpretation oder verschenktes Slasher-Potenzial ist, zeigt sich erst nach dem Auspacken.

OT: Silent Night, Deadly Night (USA 2025)

Darum geht’s

Billy Chapman (Rohan Campbell), muss als Kind an Heiligabend miterleben, wie seine Eltern von einem als Weihnachtsmann verkleideten Killer ermordet werden. Das traumatische Erlebnis hinterlässt tiefe seelische Narben und prägt Billys gestörtes Verhältnis zu Weihnachten und Moral. Jahre später lebt er ein scheinbar normales Leben und arbeitet in einem Laden, wo er eine enge, aber komplizierte Beziehung zu seiner Kollegin Pamela (Ruby Modine) aufbaut. Doch mit der Rückkehr der Weihnachtszeit brechen Billys verdrängte Erinnerungen und sein verzerrtes Gerechtigkeitsempfinden wieder hervor. Er zieht selbst ein Santa-Kostüm an und beginnt, Menschen, die er als „schlecht“ oder schuldig empfindet, brutal zu bestrafen. Während seine Gewalttaten eskalieren und die Grenze zwischen Opfer und Täter zunehmend verschwimmt, beginnt Billy ganz langsam, über seine Taten nachzudenken. Doch die Stimme in seinem Kopf ist lauter, als ihm lieb ist…

Kritik

Als das Original von „Silent Night, Deadly Night“ 1984 in die Kinos kam – hierzulande unter dem Titel „Stille Nacht, Horror Nacht“ direkt im Heimkino – gab es in den USA massive Proteste. Die dato ohnehin vorherrschende, von zahlreichen Medien angefeuerte Panik davor, blutige Filme würden aus ihren Zuschauenden mindestens genauso gefährliche Zeitgenossen machen, wie die darin agierenden Killer, fand ihren Zenit in Demonstrationen. So richtig mit Plakaten und so. Der Grund: In „Silent Night, Deadly Night“ wird der Weihnachtsmann höchstpersönlich zum axtschwingenden Mörder. Außerdem störten sich manche an den im Film gezeigten Umgang mit Religion. Zuviel für die sorgenvollen Eltern. Santa Clause – Ursprung hin oder her – ist einfach ein Kulturgut. Und die Aneignung zu Slasher-Zwecken ein Verbrechen. Mittlerweile gibt es nicht nur vier, das Original mehr oder weniger lose fortsetzende Sequels, sondern auch ein Remake von 2012. Und jetzt eben das nächste. Inszeniert und geschrieben von Mike P. Nelson, der bereits das „Wrong Turn“-Franchise nach langer Pause wieder zum Leben erweckte. Und egal, ob man diese Fortsetzung nun für gelungen oder eben nicht gelungen hält: Nelson traut sich immerhin was Neues. So auch bei seinem „Silent Night, Deadly Night“-Remake.

Rohan Campbell in seiner Rolle als Billy Chapman.

Wobei das mit dem Begriff „Remake“ so eine Sache ist. Der neue „Silent Night, Deadly Night“ ist genau genommen eine sehr locker an das Original angelehnte Neuinterpretation, die sich gleich in mehreren Aspekten von der Vorlage abhebt. So ist der Einstieg und damit die Etablierung des Weihnachtsmann-Killers diesmal nicht nur deutlich straffer. Sie ist auch etwas weniger dramatisch geraten. Zumindest fehlt eine im Original angedeutete Vergewaltigung. Auch ein Erzählabschnitt in einem Nonnenkloster hat es nicht in die Neuauflage geschafft. Nach einem kurzen Rückblick auf ein wahrlich tragisches Ereignis in seinen Kindheitsjahren lernen wir die Hauptfigur Billy Chapman hier direkt in seiner blutverschmierten Weihnachtsmannkluft kennen. Und genau diese hat sich als Killerkostümierung ja gerade erst auch in der längst zum Kult avancierten „Terrifier“-Reihe etabliert. In der Eröffnungsszene des dritten Teils trägt Art, der Clown nämlich ein ebensolches Kostüm und richtet – Überraschung – ein waschechtes Gemetzel an. Dass das Plakat von „Silent Night, Deadly Night“ nun damit wirbt, „vom Studio von ‘Terrifier 3‘“ zu sein, soll da eine gewisse Marschrichtung vorgeben. Doch zumindest in der ersten Hälfte löst Mike P. Nelson dieses Versprechen nicht ein.

„Es überrascht schon ein wenig, wie nahezu handzahm es in der knappen ersten Stunde von ‚Silent Night, Deadly Night‘ zugeht. Die Andeutungen der blutrünstigen Kills sind zwar immer vorhanden, doch bevor es richtig zur Sache geht, blendet Kameramann Nick Junkersfeld weg.“

Es überrascht schon ein wenig, wie nahezu handzahm es in der knappen ersten Stunde von „Silent Night, Deadly Night“ zugeht. Die Andeutungen der blutrünstigen Kills sind zwar immer vorhanden, doch bevor es richtig zur Sache geht, blendet Kameramann Nick Junkersfeld („Wrong Turn – The Foundation“) weg. Das würde Sinn ergeben, würde Mike P. Nelson ohnehin eher mit angezogener Handbremse fahren und nicht direkt mit der Axt ins Haus fallen wollen. Für die risikofreudigeren Gore-Hounds gibt es dann ja die „Terrifier“-Reihe. Doch im weiteren Filmverlauf wird Nelson zeigefreudiger, wenn auch inszenatorisch nicht besonders clever. Allerdings erst, nachdem eine groß angelegte Szene inmitten einer Nazi-Gruppierung ihr Schlachtplatten-Potenzial verspielt. Immerhin bekommt man in der letzten halben Stunde schon eher das geboten, was Titel, Trailer und Plakat versprechen. Allerdings nur vom Gewaltgrad her. Denn die Art und Weise, wie in „Silent Night, Deadly Night“ mit der Hauptfigur umgegangen wird, ist weit entfernt von der Austauschbarkeit von Slasher-Killern, abseits der bekannten Franchises, in denen sich Michael, Freddy und Co. zur eigenen Kultfigur etabliert haben.

Auf einer Nazi-Weihnachtsfeier wird Billy gleich seine Axt schwingen…

Gewiss: Billy Chapman ist in „Silent Night, Deadly Night“ ein gnadenloser Killer. Daran lässt der Film von Anfang an keinen Zweifel. Wohl aber daran, dass er bei seinen Attacken wahllos-willkürlich vorgeht. Stattdessen sitzt ihm eine Stimme im Ohr, die Billy so etwas wie „einen Blick ins Innere“ seiner zukünftigen Opfer ermöglicht – und nur, wer richtig, richtig naughty war, kommt schließlich in den „Genuss“ der Axt. Das kann man kritisieren und für moralisch fragwürdig halten, da als Absolution für Massenmord empfinden. Doch so weit will Mike P. Nelson mit seiner Geschichte gar nicht gehen. Spätestens in der aller letzten Szene legt „Silent Night, Deadly Night“ seinen reinen Unterhaltungswillen frei – und eröffnet außerdem die Möglichkeit einer Fortsetzung. Auch die Verkörperung der Hauptfigur durch Rohan Campbell zahlt nicht auf die möglichen Kritikargumente ein. Der durch „Halloween Ends“ und „The Monkey“ horrorerprobte Schauspieler kommt als Billy nicht in der Form eines klassischen Sympathieträgers daher. Auch das Hadern mit seiner Rächer-Rolle findet viel zu unterbewusst (und spät) statt, als dass man sich voll und ganz von ihm und seiner Motivation einlullen lassen könnte. Für einen Slasher-Spaß ist „Silent Night, Deadly Night“ daher überraschend ambivalent geraten.

„Rohan Campbell kommt als Billy nicht in der Form eines klassischen Sympathieträgers daher. Auch das Hadern mit seiner Rächer-Rolle findet viel zu unterbewusst (und spät) statt, als dass man sich voll und ganz von ihm und seiner Motivation einlullen lassen könnte.“

Das bedeutet aber auch, dass der Film nicht ganz das einlöst, was man sich von einem kurzweiligen Spaß-Schocker verspricht. Mike P. Nelson nimmt sich dann eben doch die Zeit, um sich ausgiebig mit seiner Hauptfigur zu beschäftigen. Dazu zählen vor allem jene Szenen an der Seite von Ruby Mondine („Happy Deathday 2U“), mit deren Pam er zu Tarnzwecken in einem Weihnachtsgeschäft arbeitet. Die aufkeimende Chemie zwischen den beiden nimmt überraschend viel Raum ein. Sodass man fast schon von einer Lovestory sprechen möchte. Die sorgt zwar für eine gewisse emotionale Komponente, aber sie bremst den Film auch immer wieder aus. Eigentlich möchte man ja nur sehen, wie ein fieser Weihnachtsmann noch fiesere Gesellen killt.

Bei seinen Kills ist Billy nicht allein…

Fazit: „Silent Night, Deadly Night“ erweist sich als ambivalente Neuinterpretation, die zwischen Slasher-Unterhaltung und ernsthafter Figurenzeichnung schwankt und dadurch ihr eigenes Spaßversprechen nur teilweise einlöst. Zwar punktet der Film mit einem unverbrauchten Ansatz und einem ungewöhnlich vielschichtigen Killer, doch die lange Zurückhaltung beim Gore und eine ausbremsende Liebesgeschichte mindern den Schauwert. Unterm Strich ist das Remake mutiger als viele Genrevertreter, aber weniger konsequent, als es Titel, Marketing und Erwartungen nahelegen.

„Silent Night, Deadly Night“ ist ab dem 11. Dezember 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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