Sentimental Value
Joachim Trier kehrt mit SENTIMENTAL VALUE zurück und liefert ein Familiendrama, das ebenso feinfühlig wie herausfordernd ist. Zwischen emotionalen Momentaufnahmen und atmosphärischer Präzision entfaltet sich ein Film, der berührt, aber nicht immer mitreißt. Ein Werk, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet.
Darum geht’s
Nach dem Tod ihrer Mutter sehen sich die beiden Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) gezwungen, sich wieder ihrem Vater Gustav (Stellan Skarsgård), einem berühmten Hollywoodregisseur, anzunähern. Als junger Mann hatte er die Familie und damit auch die Mädchen verlassen, um sich ganz auf seine Filmkarriere zu konzentrieren. Entsprechend angespannt ist das innerfamiliäre Verhältnis. Während seiner Abwesenheit haben die beiden Geschwister unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen. Nora ist Schauspielerin, kompromisslos und ehrgeizig. Agnes hingegen hat sich für ein ruhigeres, stabiles Leben mit Familie entschieden. Um endlich wieder Kontakt aufzubauen, fasst Gustav den Plan, die Hauptrolle seines neuesten Films von Agnes spielen zu lassen. Doch ganz so einfach, wie er es sich vorstellt, ist das nicht. Denn zu viele offene Fragen geistern noch durch den Raum. Denn wer sagt Agnes denn, dass ihr Vater nicht schon bald wieder aus ihrem Leben verschwinden wird?
Kritik
Der norwegische Regisseur und Autor Joachim Trier hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten als eine der markantesten Stimmen des europäischen Autorenkinos etabliert. Sein Spielfilmdebüt gaben er und sein langjähriger Co-Autor Eskil Vogt 2006 mit „Auf Anfang“ und legten damit den Grundstein für die sogenannte Oslo-Trilogie. Mit „Oslo, 31. August“ und „Der schlimmste Mensch der Welt“ erforschte das Duo auf einfühlsame, oft melancholische Weise die existenziellen Fragen junger Menschen. Es geht um Liebe, die eigene Identität, die damit verbundenen Selbstzweifel und das Verhältnis zur Zeit. Triers oft sehr introspektiven, subtilen Erzählweisen geben den porträtierten Charakteren den Raum, eine innere Zerrissenheit zu zeigen und gleichzeitig Raum für Reflexion zu lassen. Dieses sensible, psychologische Erzählen trifft bei Trier auf eine stilsichere und zurückhaltende Inszenierung, die in den bewusst gewählten Kulissen wie Oslo ihre atmosphärische Spiegelung finden. Trier bricht Alltagssituationen auf und macht universelle Erfahrungen fühlbar. Dieser zwischen poetisch, ehrlich und tiefgründig schwelgende Filmstil findet sich nun auch in seinem neuesten Film „Sentimental Value“ wieder. Doch diesmal fühlt sich das Ganze nicht mehr ganz so leichtgängig an, was einerseits auf einen zunehmenden Reifeprozess hindeutet, aber auch ein Stückweit der thematischen Redundanz geschuldet ist.

Im Gegensatz zu ihrer Schwester Agnes setzt Nora (Renate Reinsve) eher auf flüchtige Bekanntschaften.
In „Sentimental Value“ geht es um zwei Schwestern sowie ihren entfremdeten Vater. Anhand dieses Dreiergespanns entspinnt sich auch diesmal wieder ein Blick auf ganz existenzielle Themen wie Vergangenheitsbewältigung, den Wert von und die Wahrheit hinter Erinnerungen sowie das damit einhergehende Gefühlschaos. Das legt Trier auch direkt in der aller ersten Szene offen, die zugleich seine Vorliebe für „lebende Kulissen“ betont: Im Zentrum steht ein schönes, altmodisches Wohnhaus in Oslo, dessen Mauern in seinen vielen Jahrzehnten schon so Einiges gesehen haben. Eine weibliche Off-Stimme ordnet die mehrere Generationen umspannenden Geschehnisse innerhalb der im Zentrum stehenden Familie anhand dieses Gebäudes ein, das für alle Beteiligten stets eine ganz besondere Bedeutung besessen hat. Man möchte davon ausgehen, dass dieses Haus in den weiteren 100 Minuten sicherlich noch eine ganz zentrale Rolle spielen wird. Doch „Sentimental Value“ lässt diesen Ansatz schnell fallen und springt stattdessen zu der Person, um die es im Film hauptsächlich geht. Wir lernen die von Renate Reinsve („Der schlimmste Mensch der Welt“) einmal mehr sehr nuanciert gespielte Nora in ihrem Job als Bühnenschauspielerin kennen, wie diese kurz vor dem Aufritt an einer Panikattacke leidet. Ein intensives Opening und eine mutige Entscheidung, denn ohne jedwedes Hintergrundwissen zu den Gründen kann so ein Verhalten schnell abschreckend wirken.
„In seiner tonal ambivalenten Betrachtung von schwierigen Familienbeziehungen, Entfremdung und der komplizierten (Wieder-)Annäherung von Eltern und ihren erwachsenen Kindern erinnert der Film unweigerlich an Maren Ades Tragikomödie ‚Toni Erdmann‘.“
Im weiteren Verlauf macht es Joachim Trier seinem Publikum – wieder einmal – nicht unbedingt leicht. Auch die Hauptfiguren in „Sentimental Value“ sind nicht darauf aus, von ihrem Publikum bedingungslos geliebt zu werden. Anstatt sich bei den Zuschauenden anzubiedern, begeben sich Skript und Inszenierung lieber in die Beobachterposition und schicken die Figuren durch ein emotionales Auf und Ab. Je länger „Sentimental Value“ geht, desto mehr realisiert man schließlich, dass es vor allem um Noras Geschichte geht. Nicht immer direkt und subjektiv aus ihrer Position heraus erzählt. Sondern auch über Bande – unter Zuhilfenahme des von Stellan Skarsgård („Dune“) gespielten Filmregisseurs Gustav und zugleich Noras entfremdeter Vater. Joachim Trier erzählt seine Geschichte klar unterteilt in zwei sich einander immer wieder kreuzenden Abschnitten: der eine betrachtet Noras, der andere Gustavs Leben. Während jede Figur für sich reift und emotionale Fortschritte macht, arbeitet „Sentimental Value“ auf die finale Versöhnung hin. In seiner tonal ambivalenten Betrachtung von schwierigen Familienbeziehungen, Entfremdung und der komplizierten (Wieder-)Annäherung von Eltern und ihren erwachsenen Kindern erinnert der Film unweigerlich an Maren Ades Tragikomödie „Toni Erdmann“. Auch Trier stellt in seinem Film immer wieder die Selbstinszenierung der Authentizität gegenüber und nutzt vermeintlich banale Alltagsmomente, um sie zu emotionalen Knotenpunkten zu verdichten.
Anstatt auf tragikomischen, oft improvisiert wirkenden Realismus setzt Joachim Trier allerdings auf seine poetisch-melancholische, psychologisch subtile Handschrift. Das macht die Charaktere in „Sentimental Value“ zwar ein Stückweit nahbarer als jene in „Toni Erdmann“. Doch inwiefern einen das Geschehen emotional mitnimmt, ist auch hier sehr stark davon abhängig, wie sehr man sich mit den Belangen der Hauptfiguren identifizieren kann. Man mag es Joachim Trier hoch anrechnen, dass er sich mit seinem vollständigen Verzicht auf Kitsch und auf bestimmte Emotionen abzielende Vorgaben gänzlich von jedweder Form der Manipulation lossagt. So gibt es keine bewusst gefühligen Musikeinsätze, auch gezielt auf Drama geschriebene Mono- und Dialoge finden sich in „Sentimental Value“ nicht. Doch leider versäumt es Joachim Trier, einem seine ambivalenten Charaktere auf andere Weise näherzubringen. Der Regisseur beendet jede Szene – ganz gleich, ob sie fertig ausformuliert ist oder nicht – mit einer langen Schwarzblende. Danach springt er zum nächsten Moment, bemüht sich um einen neuen Emotionsaufbau, nur um die Sequenz schließlich wieder abrupt zu beenden. Jede Szene gibt neue Einblicke in das Seelenleben der Charaktere preis. Aber um sich ein finales Gesamtbild zu machen, lässt Trier seine Figuren nicht genug atmen. Alles was „Sentimental Value“ zeigt, sind Momentaufnahmen, aus denen sich kein emotionales Geflecht bilden lässt. Dafür lässt Trier – egal ob beabsichtigt oder nicht – einfach zu viele erzählerische Leerstellen.
„Gustav ist kein klassischer Rabenvater, seine Verbindung zu Nora und ihrer Schwester nicht von Grund auf zerrüttet. Aber so fehlt es der Figurenannäherung auch ein Stückweit an Fallhöhe, denn irgendwie fragt man sich die ganze Zeit, ob Trier bei seiner Charakterkonzeption nicht irgendwas vergessen hat.“
Überhaupt hat man das Gefühl, in „Sentimental Value“ stecken in Wirklichkeit zwei Filme. Auf der einen Seite geht es um Gustav, seinen Werdegang als Filmregisseur mitsamt kleiner Seitenhiebe in Richtung Entertainmentbranche. Hier erhält auch Elle Fanning („Predator: Badlands“) als Hollywood-Megastar Rachel Kemp einen kurzen, aber sehr einprägsamen Auftritt. Doch mit zunehmender Laufzeit bekommt man den Eindruck, dass die Vater-Tochter-Geschichte auch ohne diesen beruflichen Background funktioniert hätte. So sorgt der Filmbusiness-Subplot eher dafür, dass die Geschichte sich sukzessive ausfransend anfühlt. Denn da ist ja eben noch das Leben von Gustavs Töchtern, insbesondere Nora. Nach und nach begreifen wir, was sie zu den Menschen gemacht hat, die sie heute sind und was zu dem Zerwürfnis mit ihrem Vater geführt hat. Auch hier geht Joachim Trier wieder gewohnt subtil vor. Sein Gustav ist kein klassischer Rabenvater, seine Verbindung zu Nora und ihrer Schwester nicht von Grund auf zerrüttet. Aber so fehlt es der Figurenannäherung auch ein Stückweit an Fallhöhe, denn irgendwie fragt man sich die ganze Zeit, ob Trier bei seiner Charakterkonzeption nicht noch irgendwas vergessen hat. Denn all das das hier in der Theorie schon emotional, aber auch kühl, distanziert und unausgegoren.
Fazit: „Sentimental Value“ bestätigt Joachim Triers Talent für poetisch-melancholisches Erzählen, bleibt jedoch hinter der emotionalen Kraft seiner stärksten Werke zurück. Trotz nuancierter Darstellungen und sensibler Themenführung wirken viele Szenen wie isolierte Momentaufnahmen, die sich nicht zu einem vollends tragfähigen Ganzen verbinden. Der Film beeindruckt mit atmosphärischer Präzision und feinem psychologischem Gespür, lässt seine Figuren jedoch nicht genügend Raum, um echte Nähe zu erzeugen. So entsteht ein nachdenkliches, aber letztlich eher distanziertes Filmerlebnis.
„Sentimental Value“ ist ab dem 4. Dezember 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


