Die My Love

Manie kennt kein Maß, kein Innehalten, kein Entkommen – und genau dieses Gefühl bannt Lynne Ramsey in DIE MY LOVE auf die Leinwand. Ihr Film rast, taumelt und explodiert wie der Geist seiner Hauptfigur, eine Mutter im Ausnahmezustand, gespielt von einer entfesselten Jennifer Lawrence.

OT: Die My Love (UK/CAN/USA 2025)

Darum geht’s

Grace (Jennifer Lawrence) hat gerade ihren ersten Sohn zur Welt gebracht und lebt mit ihrem Mann Jackson (Robert Pattinson) in einem hübschen, kleinen Haus auf dem Land. Doch seit der Geburt fühlt sich Grace gefangen zwischen der Einsamkeit hier draußen, ihrer neuen Mutterrolle und der Angst, sich und ihre Beziehung zu Jackson aus den Augen zu verlieren. Doch Grace wählt die Isolation, die sie in psychische Abgründe treibt. Während ihre Gedanken um Liebe, Begehren und Gewalt kreisen, verliert sie zunehmend den Bezug zur Realität. Es dauert nicht lange und der schonungslose Zusammenbruch folgt…

Kritik

Wie unbequem die Filme von Regisseurin Lynne Ramsay sein können, hat diese spätestens 2011 mit ihrem Kinodebüt „We Need to Talk about Kevin“ bewiesen. Fortan befand sie sich auf dem Radar der radikalsten Filmemacherinnen der Gegenwart. Und auch wenn sie seither nur einen weiteren Film gedreht hat, steht sie dort immer noch. Denn ihr zynisch betiteltes Joaquin-Phoenix-Vehikel „A Beautiful Day“ kam sechs Jahre später zwar mit einem klassischen Actionfilm-Racheplot daher, wurde in den Händen von Ramsay jedoch zu einer melancholischen Sinnsuche eines nihilistischen Außenseiters, der sich auf der Zielgeraden mit skrupellosen Menschenhändlern anlegt. In beiden Filmen treibt die gebürtige Schottin ihre Darsteller:innen zu Tour-de-Force-ähnlichen Höchstleistungen an. Die gebrochene Mutter eines Amokläufers in „We Need to Talk about Kevin“, der psychisch schwer angeknackste Ex-Veteran im Ringkampf mit seinen inneren Dämonen in „A Beautiful Day“ – und in diesen illustren Reigen reiht sich nun Jennifer Lawrence („American Hustle“) ein. Dass sie sich nach längerer Schauspielabstinenz direkt mit einer solch radikalen Rolle zurückmeldet, hat sie Buchmacher:innen zufolge bereits in die engere Wahl der diesjährigen Oscar-Kandidatinnen gebracht. Verständlicherweise. Seit Darren Aronofskys „mother!“ war Lawrence nicht mehr so frenetisch auf der Leinwand zu sehen.

Seit der Geburt ihres Kindes hat Grace (Jennifer Lawrence) zunehmend düstere Gedanken…

Auf den ersten Blick geht es in „Die My Love“ um eine Mutter, die nach der Geburt ihres ersten Kindes in eine tiefe (Sinn-)Krise stürzt. Die Folge: psychotische Schübe, mal manisch, mal depressiv. Lynne Ramsay bebildert die emotionale Ausnahmesituation ihrer Protagonistin mit schonungslosen Bildern. Da sieht man Jennifer Lawrence schon mal mit einem Messer durchs hohe Gras kriechen und sich in Sichtweite von Ehemann und Sohn selbst befriedigen. Auch Glastüren und ein Hund (!) müssen infolge von Graces Geisteszustand dran glauben; Spaß macht „Die My Love“ also schon mal nicht. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Aber etwas Anderes hätte man von Lynne Ramsay auch nicht erwartet. Denn wie schon in „We Need to Talk About Kevin“ geht die Filmemacherin auch diesmal wieder ganz tief rein in das Seelenleben ihrer Hauptfigur und kratzt wie mit dem Fingernagel jede noch so kantige Ecke aus, immer in der Hoffnung, das nächste Extrem aus ihr herauszukitzeln. Dabei geht „Die My Love“ weit über die (definitiv naheliegende) Zustandsbeschreibung „Frau hat postnatale Depressionen und dreht durch“ hinaus. Ramsey hat keinen inoffiziellen Nachfolger von „Tully“ oder „Nightbitch“ gedreht. Themen wie Regretting Motherhood und Co. können zwar nicht oft genug enttabuisiert werden, doch für Ramssy ist das fast schon zu einfach.

„Lynne Ramsay macht früh deutlich, dass man es sich in den folgenden zwei Stunden niemals bequem machen sollte – und dass man sich Graces zu riesigen Unwetterwolken auftürmender Gefühlswelt zwangsläufig ergeben muss, wenn man zu ‚Die My Love‘ irgendeinen Zugang finden möchte.“

Stattdessen erzählt sie unter dem Deckmantel ebenjener Thematik eine Geschichte über Manie. Sofern man es denn überhaupt Geschichte nennen kann. „Die My Love“ ist vielmehr eine Abfolge von sukzessive eskalierenden Einzelszenen, in denen man sich zu keiner Sekunde sicher sein kann, dass der Peak bereits erreicht ist. Schon in der Eröffnungssequenz dröhnen uns durch die Lautsprecher brachiale Rockbeats entgegen, die vor allem in einem Kino mit voll aufgedrehter Soundanlage ihre volle Wirkung entfalten dürften. Ramsay macht früh deutlich, dass man es sich in den folgenden zwei Stunden niemals bequem machen sollte – und dass man sich Graces zu riesigen Unwetterwolken auftürmender Gefühlswelt zwangsläufig ergeben muss, wenn man zu „Die My Love“ irgendeinen Zugang finden möchte. Über Sympathien mit der Hauptfigur ist dem Film nämlich schlecht beizukommen. Vor allem, weil Jennifer Lawrence für ihre Rolle zu jeder Sekunde außerhalb ihrer Komfortzone spielt. Zwischen Ekstase und Verzweiflung changiert sich Lawrence in die Rolle des emotionalen Wracks, das sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr anders zu helfen weiß, als eine radikale Entscheidung nach der anderen zu treffen.

Jackson (Robert Pattinson) ist Grace keine große Hilfe.

Naheliegend ist die Vermutung, dass Grace mit ihrem Verhalten in erster Linie Aufmerksamkeit generieren will. Erst recht, weil sich seit der Geburt ihres Sohnes auch sie und ihr Ehemann Jackson entfremdet haben. Doch darum geht es in „Die My Love“ nicht. Das Besondere an der Betrachtung der Protagonistin ist die Reduktion auf die manischen Phasen. Wo andere Filme über bipolare Störungen darauf ausgelegt sind, beide Extreme zu bebildern, bricht Lynne Ramsay immer dann ab, wenn es in Graces Kopf mal ruhiger, wenn nicht gar richtig dunkel wird. Das macht „Die My Love“ zu einem fast schon rasenden Film, der dem Publikum keinerlei Möglichkeit lässt, hin und wieder auch mal kurz durchzuatmen. Stattdessen fühlt man sich während des Kinobesuchs wie in einer Achterbahn, die nach dem Erklimmen des Berges für 119 Minuten bergab rast – und bei der nie ganz sicher ist, ob am Ende der Strecke der sichere Bahnhof steht, oder eine Wand, an der die Wagen zerschellen. Darauf muss man sich unbedingt einlassen wollen. Vor allem auf die Phase nach „Die My Love“. Denn nach zwei Stunden Dauerbeschallung weiß man erst einmal lange Zeit nicht, wo einem der Kopf steht. Und damit kommt man dem Inneren einer manischen Person vielleicht näher als bisher in jedem anderen Film.

„Während des Kinobesuchs fühlt man sich wie in einer Achterbahn, die nach dem Erklimmen des Berges für 119 Minuten bergab rast – und bei der nie ganz sicher ist, ob am Ende der Strecke der sichere Bahnhof steht, oder eine Wand, an der die Wagen zerschellen.“

Inszenatorisch ist „Die My Love“ überraschend zurückhaltend. Anstatt sich in einen naheliegenden Filmrausch zu begeben, legt Lynne Ramsay den Fokus ganz klar auf die Performancewucht ihrer Schauspielenden. Hier liegt natürlich das Hauptaugenmerk auf Lawrence, denn ihr Film-Ehemann Robert Pattinson („The Batman“) hat daneben überraschend wenig zu tun, außer die Gefühlsausbrüche seiner Gattin mit zunehmender Verzweiflung abzufangen. Doch auch hier macht es sich Ramsey nicht leicht. Wenn Jackson eines Tages einen dauerkläffenden Hund mit nach Hause bringt, obwohl ein Haustier das Letzte ist, was er und seine Frau gerade gebrauchen können, zweifelt man auch an seinem Geisteszustand. In „Die My Love“ geraten jede Handlung, jeder Wortwechsel und jede Entscheidung zu einem Tanz auf dem Vulkan. Dass der Film am Ende – im wahrsten Sinne des Wortes – in Flammen aufgeht, ist da nur die logische Konsequenz.

Die düsteren Gedanken in Graces Kopf wollen einfach nicht verschwinden.

Fazit: Lynne Ramsay bestätigt mit „Die My Love“ einmal mehr ihren Ruf als kompromisslose Grenzgängerin des Kinos. Ihr Film ist keine gefällige Psychostudie, sondern ein emotionaler Ausnahmezustand, der Publikum und Darstellerin gleichermaßen fordert. Jennifer Lawrence liefert dabei eine radikale, mutige Performance fern jeder Eitelkeit. „Die My Love“ ist unbequem, verstörend und doch von hypnotischer Wucht – ein Werk, das nicht gefallen will, sondern überwältigen muss.

„Die My Love“ ist ab dem 13. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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