Honey, Don’t!

Die Safdies sind getrennt, die Coens nur auf Pause – mit Chancen auf ein Comeback als Duo. Ethan und Tricia Cooke nutzen die Zwischenzeit für ihre queere B-Movie-Trilogie: originell in Idee und Figurenperspektive, aber schwankend zwischen cleverem Genre-Umbruch und altbekannten Klischees. Das macht HONEY, DON’T! kurzweilig, doch nicht immer treffsicher.

OT: Honey, Don’t! (UK/USA 2025)

Darum geht’s

Die toughe Privatdetektivin Honey (Margaret Qualley) ermittelt im kalifornischen San Fernando Valley in einem als Autounfall getarnten Mordfall. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit befindet sich eine sektenähnliche Glaubensgemeinschaft rund um den charismatischen, aber größenwahnsinnigen Anführer Drew Devlin (Chris Evans). Doch je weiter Honey in ihre Ermittlungen einsteigt, desto mehr Verdächtige tun sich ihr auf – und umso mehr Menschen sterben.

Kritik

Im Gegensatz zu den Safdie-Brüdern, die 2024 offiziell bestätigten, nicht mehr als Regie-Duo zusammenarbeiten zu wollen, haben die Coens („The Ballad of Buster Scruggs“) ihr vorerst separiertes Arbeiten immer nur als „vorläufig“ bezeichnet. Anstatt kreativer Differenzen sind in erster Linie Terminschwierigkeiten der Grund dafür, dass Joel und Ethan sich vorerst Solo-Projekten zuwandten. Die Coen-Brüder sind also nicht im klassischen Sinne getrennt, sondern befinden sich in einem „Pause-Modus“ voneinander, der aber schon ganz bald beendet sein soll. So gibt es bereits Gerüchte über ein bereits 2023 gemeinsam fertiggestelltes Drehbuch für einen Horrorfilm, der von Insidern bereits als „eine Art Liebeserklärung an das Splatter- und Grindhouse-Genre der Siebzigerjahre“ bezeichnet wird. Das Projekt gilt als potenzieller Neustart für die Zusammenarbeit der Coens als Duo – es bleibt abzuwarten, wann und wie die beiden ihre Pläne dann auch tatsächlich in die Tat umsetzen.

MG Falcone (Aubrey Plaza) und Honey (Margaret Qualley) beginnen, sich zu daten…

Auf ihren Solo-Pfaden könnten sich die Projekte der beiden derweil nicht weiter voneinander unterscheiden. Während Joel 2021 die hochambitionierte Tragödie „Macbeth“ vorlegte, bleibt sein Bruder den schrulligen Coen-Wurzeln treu. Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz klar ist, ob auch der dritte Teil „Go, Beavers!“ tatsächlich als Abschluss der einst anvisierten lesbian-b-movie-trilogy noch realisiert werden wird, so ist die Grundidee doch sehr stark von der lakonischen Natur bisheriger Coen-Filme geprägt. Ethan und seine Ehefrau Tricia Cooke hatten die Idee, exploitationhafte B-Movie-Genres wie Crime, Roadmovies oder Screwball aus einer queeren Perspektive neu zu erzählen. So viel sei gesagt: Diese Grundansprüche erfüllten sowohl der Auftakt „Drive-Away Dolls“ als auch der zweite Teil „Honey, Don’t!“. Ersterer überzeugte in seinen besten Momenten vor allem aufgrund seiner Murphys Law-Mentalität: In dem pulpigen Heist Movie über zwei Freundinnen, die auf einem Roadtrip allerlei skurrile (und auch sexuelle) Abenteuer erleben, geht schief, was nur schiefgehen kann. Und das gerät – trotz, oder aber gerade aufgrund sichtbarer Anleihen an Tarantino und Co. – bisweilen ziemlich amüsant. Für „Honey, Don’t!“ verlassen Coen und Cooke das Heist-Genre und wenden sich dem Noir-Thriller zu. Wie für den Regisseur typisch allerdings nicht ohne den gewohnt spleenigen Humor…

„Die Femme Fatale ist in ‚Honey, Don’t!‘ am ehesten noch die ermittelnde Hauptfigur selbst. Die in ‚The Substance‘ zum sexualisierten Objekt der Begierde gemachte Margaret Qualley findet sich hier sicher nicht ganz zufällig in der Hauptrolle wieder.“

… und natürlich die dazugehörigen Charaktere. Doch vor allem erweist sich gerade in „Honey, Don’t!“ der Perspektivwechsel des männlichen (und meist weißen) Protagonisten hin zur weiblichen Protagonistin als spannendstes Element. Die klassischen Stereotypen im Genre sind hier vertauscht: Die Femme Fatale ist in „Honey, Don’t!“ am ehesten noch die ermittelnde Hauptfigur selbst. Die in „The Substance“ zum sexualisierten Objekt der Begierde gemachte Margaret Qualley findet sich hier sicher nicht ganz zufällig in der Hauptrolle wieder. Die darf sich auf der einen Seite immer wieder anrüchig auf die Lippe beißen, während die Kamera (Ari Wegner, „The Power of the Dog“) wie paralysiert an ihren Kurven klebt. Der erzählerische Fokus liegt allerdings klar auf ihren starken Ermittlungsfähigkeiten. In ihrem Privatbüro sammeln sich derweil jene Figuren, die bislang immer eher von Frauen verkörpert wurden. Allerdings nicht ohne dabei das ein oder andere Klischee zu bedienen: Damit, Billy Eichner („Bros“) als Karikatur eines queeren Jammerlappens zu inszenieren, schießt Coen deutlich am Ziel vorbei – was nicht bedeutet, dass Eichner selbst mit seiner nur kurzen Screentime einen bleibenden Eindruck in „Honey, Don’t!“ hinterlässt.

Officer Marty Metakawitch (Charlie Day) versteht einfach nicht, dass Honey auf Frauen steht.

Generell sind die Männer im Film allesamt vor allem auf ihre Spleens reduziert. Die „schwule Memme“, der sexbesessene Pfarrer, der einfach nicht locker lassende Police Officer (Charlie Day), der Honey immer wieder anbaggert und ihr „Nein, ich stehe auf Frauen!“ einfach nicht akzeptieren will: Die männlichen Darsteller kommen hier wahrlich nicht gut weg, haben aber allesamt sichtbar Freude an ihren Rollen. Allen voran Chris Evans („Was ist Liebe wert – Materialists“), der obendrein mit einem herrlich garstigen Abgang beschenkt wird. Es ist eines von insgesamt einer Handvoll Highlights, die „Honey, Don’t!“ zwar sehenswert machen, den Film aber insgesamt kaum im Gedächtnis bleiben lassen. Ethan Coen versteht sein inszenatorisches Handwerk und entwirft einen zu gleichen Teilen altmodischen als auch auf links gedrehten Filmkosmos, in dem mal die gängigen Genreregeln gelten, dann wiederum nicht. Hier abzuwarten, was sich hinter der nächsten Ecke versteckt, macht Spaß und sorgt für Kurzweil während der ohnehin recht übersichtlich bemessenen 89 Minuten. Inhaltlich führt allerdings viel ins Leere und lässt vor allem im Anbetracht des gehetzt wirkenden Finals vor allem eine Frage aufkommen: „What’s the Point?“

„Die Ermittlungen rund um den Mordfall sind in erster Linie der Aufhänger für Honeys private Eskapaden. Alles hängt mit allem zusammen – und in klassischer Whodunit-Manier kann es am Ende ja nur einer oder eine gewesen sein, die wir im Laufe der eineinhalb Stunden irgendwann schon mal gesehen haben.“

Die Ermittlungen rund um einen als Autounfall getarnten Mordfall sind in erster Linie der Aufhänger für Honeys private Eskapaden. Alles hängt mit allem zusammen – und in klassischer Whodunit-Manier kann es am Ende ja nur einer oder eine gewesen sein, die wir im Laufe der eineinhalb Stunden irgendwann schon mal gesehen haben. Genau so erfüllt es sich dann auch, doch viel mehr als ein Schaulaufen potenzieller Verdächtiger hat „Honey, Don’t!“ dann doch nicht zu bieten. Nach und nach klopft das Skript jede neue Figur auf ihr Mörder:innenpotenzial ab, während sich im Hintergrund ein Subplot um eine sektenähnliche Glaubensgemeinschaft entspinnt, dessen Vorkommen allein dafür zu dienen scheint, noch ein paar mehr skurrile Charaktere in den Topf der Verdächtigen zu werfen; Und dafür, eine skurrile Sexszene zu installieren, die – wie kaum etwas im Film – dann doch erinnerungswürdig ist. Letztlich macht es vor allem Spaß, Margaret Qualley als toughe Privatermittlerin in einem pulpigen Abbild des kalifornischen San Fernando Valleys zuzuschauen. Vor allem zusammen mit ihrem vom Aubrey Plaza („Megalopolis“) gespielten Love Interest MG ergeben sich einige stark gespielte, mit erotischen Untertönen versehene Augenblicke. Doch wie schon im Falle von „Drive-Away Dolls“ muss Ethan Coen auch diesmal aufpassen, nicht einfach nur Altherrenfantasien zu bedienen. Da liegt es vielleicht an Tricia Cooke, die Aufrichtigkeit für den Genre Gender Swap bis zum Schluss in den Vordergrund zu rücken.

Was hat der egomanische Sektenführer Drew Devlin (Chris Evans) mit dem Mordfall zu tun?

Fazit: Ethan Coen und Tricia Cooke liefern mit ihrem komödiantischen Noir-Thriller „Honey, Don’t“ durchaus unterhaltsame Genre-Spielereien, die durch starke Frauenfiguren, absurde Charaktere und lakonischen Humor überzeugen. Trotz kreativer Ansätze schwankt der Film allerdings zwischen originellem Gender-Swap und altbekannten Klischees, sodass die Wirkung teils charmant, teils etwas unklar bleibt.

„Honey, Don’t“ ist ab dem 11. September 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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