Bring Her Back
Nach ihrem beachtlichen Debüt „Talk to Me“ bleiben sich die beiden australischen Filmemacher Danny und Michael Philippou treu und perfektionieren ihre beachtlichen Regieskills mit dem herben Okkultdrama BRING HER BACK – dem vielleicht besten Horrorfilm des Jahres.
Darum geht’s
Bei einen tragischen Unfall verlieren Andy (Billy Barratt) und Piper (Sora Wong) ihren Vater. Da Andy noch nicht alt genug ist, um das alleinige Sorgerecht für seine Schwester zu übernehmen, kommen die beiden in eine Pflegefamilie. Die auf den ersten Blick liebevolle Laura (Sally Hawkins) findet sofort einen Zugang zu der stark sehbehinderten Piper, trägt allerdings selbst ein schweres Päckchen mit sich: den frühen Tod ihrer eigenen Tochter. Zwar gewöhnen sich die beiden Geschwister allmählich an die neue Situation, doch es mehren sich unheimliche Vorfälle, die vor allem mit Lauras gruseligem Pflegesohn Oliver (Jonah Wren Phillips) und einer Handvoll obskurer Videos zusammenzuhängen scheinen, auf denen okkulte Rituale zu sehen sind. Irgendetwas geht in dem gemütlichen Haus vor sich, das ganz und gar nicht irdischer Natur ist…
Kritik
Was ist eigentlich in Australien los? Blickt man auf das aktuelle Kinogeschehen, so könnte man meinen, unten in Down Under muss zuletzt irgendetwas sehr Dramatisches vorgefallen sein. Gleich mehrere Filmschaffende von dort legen dieser Tage düstere Geschichten vor. Nach dem bös-melancholischen Stop-Motion-Drama „Memoiren einer Schnecke“ und dem Bodyhorrorfilm „Together – Unzertrennlich“ ziehen nun die durch ihr Debüt „Talk to Me“ bekannten Philippou-Brüder Danny und Michael nach. Gelernt haben sie einst bei einer der besten Genre-Regisseurinnen unserer Zeit – am Set von Jennifer Kents „Der Babadook“. Übrigens auch aus Australien. Entsprechend groß war der Druck, sich erneut zu beweisen, bloß keine Eintagsfliege zu sein. Für die Konzeption ihres zweiten Films „Bring Her Back“, dessen Planungen bereits im April 2024 begannen, sagten sie sogar ihr Engagement am geplanten „Street Fighter“-Remake ab. Im Anbetracht dessen, was für ein Horror-Meisterwerk „Bring Her Back“ geworden ist, kann man die Philippous zu dieser Entscheidung nur beglückwünschen.

Andy (Billy Barratt) und seine Schwester Piper (Sora Wong) müssen sich in ihrem neuen Zuhause zurechtfinden.
Mit „Talk to Me“ war es den Danny und Michael Philippou nicht nur gelungen, einen wirklich schaurigen Stoff des übernatürlichen Horrors auf die Leinwand zu bringen. Vor allem ihr feinfühliger Umgang mit den charakterstarken (und dadurch nicht automatisch super-sympathischen) Figuren verhalf der Geschichte zu einer ungeahnten, vor allem psychologischen Tiefe. Ihr Schicksal wurde dadurch mindestens genauso wichtig wie die Auflösung des Mysteriums. Und genau das ist es nun auch, was „Bring Her Back“ von einem starken zu einem überragenden Film macht. Im Zentrum der Erzählung stehen erneut zwei vom Schicksal gebeutelte Geschwister, die nach dem tragischen Tod ihres Vaters in die Obhut einer Pflegemutter kommen. Die Dynamik zwischen der stark sehbehinderten Piper und ihrem vier Jahre älteren (Halb-)Bruder Andy ist eines von zwei Herzstücken des Films. Selbst ohne den übernatürlichen Genre-Überbau hätte „Bring Her Back“ ganz hervorragend als Teenager-Drama über das Verarbeiten von Traumata, Selbstfindung und geschwisterlichen Zusammenhalt funktioniert. Die komplex geschriebenen Figuren sowie ihre liebevolle Interaktion trägt ein ganz eigenes Drama und ist von emotionalen Höhen und Tiefen geprägt. Die Parallelen zum auf denselben Stärken fußenden „Talk to Me“ sind hier unübersehbar.
„Selbst ohne den übernatürlichen Genre-Überbau hätte ‚Bring Her Back‘ ganz hervorragend als Teenager-Drama über das Verarbeiten von Traumata, Selbstfindung und geschwisterlichen Zusammenhalt funktioniert.“
Das zweite Standbein des Films ist die überragende Performance von Sally Hawkins („Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“). Die durch ihre liebevollen Rollen wie etwa jene der Mutter in „Paddington“ bekannte Schauspielerin – schon allein deshalb ein großartiger Besetzungscoup – wird die schwierige Aufgabe zuteil, eine mehrdimensionale Person zu verkörpern, die in den Momenten der liebevollen Zuwendung genauso glaubwürdig agiert wie als durch und durch bedrohliche Erscheinung. Der Background ihrer Figur, ihr tragischer Verlust der eigenen Tochter ist hochdramatisch. Immer wieder changiert Hawkins zwischen der aufopferungsvollen Ersatzmutterrolle und der psychisch kranken Wahnsinnigen. Doch sowohl ihrer starken Performance als auch dem cleveren Skript ist es zu verdanken, dass ihre Darbietung nie ins Extreme kippt, „Bring Her Back“ dadurch womöglich sogar ins Lächerliche abdriften könnte. So kommt es auch, dass einen der Verbleib ihrer Figur ebenso interessiert wie jener von Andy und Piper. Gleichzeitig kommt es im Film zu Szenen, die die pure Ablehnung gegenüber Laura provozieren, ohne sie zu dämonischer Größe aufzublasen. Der von ihr an den Tag gelegten Psychoterror gegen Andy ist vor allem deshalb so unangenehm, weil ihre Methoden so einfach umzusetzen sind – was sie nichts an ihrer entwürdigenden Wirkung einbüßen lässt.

Was hat es mit dem unheimlichen Olli (Jonah Wren Phillips) auf sich, der ebenfalls in Lauras Obhut lebt?
„Bring Her Back“ macht von Anfang an deutlich, dass in Lauras gemütlichem Haus irgendetwas Unheilvolles vor sich geht. Vielleicht ist das der einzige richtige Kritikpunkt, der sich am Film finden lässt: Hätten sich die Macher ein wenig mehr Zeit genommen, zunächst ein Idyll zu entwerfen, um dem Publikum später umso schmerzhafter den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wäre das ganze Szenario womöglich noch intensiver geraten. Vor allem Lauras Pflegesohn Oliver wird von Anfang an derart bedrohlich und unheimlich inszeniert (einer seiner ersten Auftritte zeigt ihm bei dem Versuch, eine Katze zu töten), dass nie zur Debatte steht, dass diese Situation hier schon bald eskalieren wird. Die Frage ist nur: wann, wie und warum. Schleichend arbeitet sich das Grauen unter die Haut des Publikums. Dafür kreieren Danny und Michael Philippou sowie ihr Stamm-Kameramann Aaron McLisky Bilder, die sich nicht bloß wie ein Schlag, sondern direkt wie blindes Eindreschen in die Magengrube anfühlen. In diversen Splatter- und Slasherfilmen mag man gewiss schon Derberes gesehen haben. Doch die Gewaltmomente hier kommen plötzlich, aus dem Nichts, unvorhergesehen – und oft mit einer fies-präzisen Ankündigung durch die Tonspur. Insbesondere der Einbezug von Kindern dürfte hier auch seine Kritiker finden. Doch gerade, weil alle Beteiligten in „Bring Her Back“ so jung sind, entwickelt die Geschichte erst so richtig einen Punch.
„Schleichend arbeitet sich das Grauen unter die Haut des Publikums. Dafür kreieren Danny und Michael Philippou sowie ihr Stamm-Kameramann Aaron McLisky Bilder, die sich nicht bloß wie ein Schlag, sondern direkt wie blindes Eindreschen in die Magengrube anfühlen.“
Das gilt auch für die Auflösung, die an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll. Genauso wenig wie das große Mysterium, das vom Film bis zuletzt nicht vollends dargelegt wird. „Bring Her Back“ behält es sich vor, minimale Leerstellen zu hinterlassen, anstatt jedes kleinste Geheimnis auszuformulieren. Das kann sich durchaus frustrierend anfühlen, denn es gibt Szenen, auf denen denkt man noch lange nach dem Film drauf herum, versucht sie einzuordnen, in das große Storypuzzle einzusetzen. Aber anstatt wie Versäumnisse zu wirken, erweckt all das den Eindruck, als würden die Verantwortlichen ihr Publikum ernst nehmen und an das eigene Mitdenken appellieren. Nach und nach ergibt sich so eine Abhandlung über Verlust, Traumata und Mutterschaft – mit einem Schlussbild, das zu Tränen rührt, obwohl die Sympathien zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht bei dem liegen, was auf diesem zu sehen ist.
Fazit: „Bring Her Back“ ist ein harter Psychohorrorfilm, der vor allem deshalb so tief reingeht, weil die Regisseure – wie schon bei „Talk to Me“ – nicht einfach nur Schockvalue kreieren, sondern im Kern eine tiefdramatische Geschichte mit starken, komplex geschriebenen Figuren erzählen.
„Bring Her Back“ ist ab dem 14. August 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

