Weapons – Die Stunde des Verschwindens
Nach seinem kontroversen Horror-Hype „Barbarian“ denkt Regisseur und Autor Zach Cregger diesmal noch eine Spur größer und kreiert mit dem Mystery-Horrordrama WEAPONS – DIE STUNDE DES VERSCHWINDENS einen Kino-Albtraum epischen Ausmaßes über kollektive Traumata, Massenhysterie und Okkultismus.
Darum geht’s
In der Kleinstadt Maybrook geschieht etwas Unerklärliches: 17 Schülerinnen und Schüler aus der Klasse der aufopferungsvollen Lehrerin Justine Grandy (Julia Garner) stehen eines Nachts um genau 2:17 Uhr auf, verlassen ihre Häuser und verschwinden spurlos. Zurück bleiben die traumatisierten Eltern und diverse Aufnahmen der Überwachungskameras. Während sich Justine vor allem den Anfeindungen des Vaters Archer Graff (Josh Brolin) ausgesetzt sieht und sich zunehmend in den Alkohol flüchtet, versucht der ortsansässige Schulleiter Andrew (Benedict Wong) auf beiden Seiten Schadensbegrenzung zu betreiben. Polizist Paul (Alden Ehrenreich) führt während seiner Ermittlungen in dem Fall zudem einen Kleinkrieg mit dem Drogenjunkie Anthony (Austin Abrams). Und dann ist da ja auch noch der verstörte Alexander (Cary Christopher), der als Einziger aus Justines Klasse nicht in die Nacht entschwunden ist…
Kritik
Mit „Barbarian“ hat Regisseur und Autor Zach Cregger einen der umstrittensten Horrorfilme der letzten Jahre vorgelegt. Und das nicht etwa, weil er übermäßig Blut zeigen oder irgendwelche anderweitigen Grenzen sprengen würde. Sondern weil der von ihm im Laufe der Geschichte vollzogene (Sub-)Genrewechsel ebenso viele Befürworter wie Hasser kennt. Aus einem intensiven Psychospielchen um zwei versehentlich auf dieselbe Airbnb-Unterkunft gebuchte Menschen entspinnt sich nach und nach – nun – etwas ganz Anderes, Unvorhergesehenes. Und das gefiel weiß Gott nicht allen Zusehenden. Trotzdem entbrannte um Creggers Folgeprojekt ein regelrechter Bieterkrieg unter den Hollywoodstudios, aus dem unter anderem auch Jordan Peele als Verlierer hervorging. Es folgten große Besetzungscoups (ursprünglich sollten in dem Film Pedro Pascal, Renate Reinsve, Brian Tyree Henry und Tom Burke mitspielen), die aufgrund des zum Zeitpunkt der Entstehung stattfindenden SAG-Streiks jedoch wieder verworfen werden mussten. Außerdem rief der Verleih eine virale Marketingkampagne rund um die mysteriöse Website maybrookmissing.com ins Leben und sogar im Videospiel Fortnite schaltete Warner Bros. Promotion. So kreiert man Horror-Hypes im Jahr 2025!
Nun ist das mit Hypes im Genrekino ja immer so eine Sache. So schnell wie sie hochkochen können, ebben sie häufig auch wieder ab. Im Falle von „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ dauert die von ersten begeisterten Pressestimmen eingeläutete Euphorie nun allerdings schon eine ganze Weile an. Und auch wenn der Ausruf „The Hype is real!“ abgeschmackt anmutet, so seien bereits die folgenden Zeilen vorweggenommen: Ja, die Begeisterung für Zach Creggers vierten Spielfilm ist absolut verständlich. Mehr noch: Es macht nicht nur großen Spaß, der durch und durch kreativ erzählten Geschichte bei ihrer konsequenten Entwicklung zuzuschauen, bevor sie im Finale schließlich komplett eskaliert. Vor allem ist es eine Freude, Cregger wachsende Regie-Skills zu honorieren. Denn obwohl der Filmemacher für „Weapons“ ganz ähnlich vorgeht wie noch für „Barbarian“, indem er munter verschiedene Genre-Versatzstücke durcheinanderwürfelt, mit Tonalitäten sowie ihren Wechseln spielt und damit schließlich eine Story nahezu epischen Ausmaßes erzählt, steht diesmal nicht zu befürchten, dass er damit die Hälfte seines Publikums vor den Kopf stößt. Ließ sich in „Barbarian“ für viele noch sehr genau jener Moment ausmachen, in dem sie der Film verloren hat, wirkt Cregger Spiel mit den Konventionen diesmal runder, versierter und „Weapons“ dadurch nicht so merkwürdig zweigeteilt wie sein Vorgänger.
„Es macht nicht nur großen Spaß, der durch und durch kreativ erzählten Geschichte bei ihrer konsequenten Entwicklung zuzuschauen, bevor sie im Finale schließlich komplett eskaliert. Vor allem ist es eine Freude, Creggers wachsende Regie-Skills zu honorieren.“
Dabei macht es sich Cregger strukturell alles andere als leicht. In Anlehnung an das Paul-Thomas-Anderson-Drama „Magnolia“ erzählt „Weapons“ die Geschichte vom Verschwinden einer Schulklasse aus verschiedenen Perspektiven. Begonnen bei der verzweifelten Lehrerin, die seit dem Vorfall von den Eltern ihrer vermissten Schüler:innen angefeindet wird, über die Sichtweise eines besorgten Vaters oder des ortsansässigen Schulleiters bis hin zum einzig übrig gebliebenen Jungen, der seither ganz allein in der Klasse die Stellung hält: All die verschiedenen Positionen ergeben nach und nach ein stimmiges Ganzes. Nicht nur, weil sich die sukzessive gestreuten Informationen mit der Zeit wie Puzzleteile ineinanderfügen, die das mysteriöse Verschwinden der Kinder, vor allem aber seine Folgen für die Hinterbliebenen, aus möglichst vielen Blickwinkeln beleuchten. Zudem beendet Gregger jede Episode auf einem emotionalen Höhepunkt. „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ ist daher voller Gefühlspeaks, die aus dem Kinobesuch eine regelrechte Achterbahnfahrt machen. Dabei eine einzelne Highlight-Episode auszumachen, gestaltet sich indes schwierig. Mit jeder von ihnen ergänzt Cregger seinen Film um neue Facetten.

Was hat der kleine Alexander (Cary Christopher) gesehen? Der einzige Junge aus der Klasse, der in dieser Nacht nicht verschwunden ist…
Alles beginnt mit dem hochdramatischen Schicksal der Lehrerin, die sich neuerdings in den Alkohol flüchtet und gebetsmühlenartig betont, nichts von dem Verbleib ihrer Schüler:innen zu wissen. Julia Garner („Fantastic Four: First Steps“) erinnert mit ihrer Performance stark an Maika Monroes Darbietung in „Longlegs“. Auch sie wirkt unnahbar, lässt nur vor ausgewählten Menschen Gefühle zu und wirft sich verbissen in die (in diesem Fall mehr als amateurhaften) Ermittlungen, um endlich auch ihren eigenen Seelenfrieden zu finden. Josh Brolins („Sicario“) Part aus der Perspektive eines verzweifelten Vaters steckt dagegen voller Schmerz. In seiner Performance spiegelt sich das kollektive Trauma wider, das die vermissten Kinder an ihrer Stelle zurückgelassen haben. In diesen Momenten ist „Weapons“ in erster Linie ein herbes Drama, dem Gregger aber auch immer wieder mit mal schrägem, mal bissigem, mal aus der Absurdität des Gezeigten heraus resultierendem Humor begegnet. Allen voran das aus zwei Perspektiven heraus erzählte Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem Drogenjunkie und einem Dorfpolizisten hat in den besten Momenten den Charme eines Coen-Brüder- oder Martin McDonagh-Films. Und wenn schließlich ganz zum Schluss die Geschichte von Alex erzählt wird – dem Jungen, der als einziger aus der Klasse nicht in die Nacht entschwunden ist – fügen sich (okkulter) Horror in all seinen Genreausprägungen, das zuvor heraufbeschworene Drama sowie morbide Comedy zu einem Gesamtbild, das auf den ersten Blick unstemmbar anmutet, von Gregger allerdings mit genügend Selbstbewusstsein und Verve dargeboten wird.
„Dieses Gefühl des Zerfalls von Realität und Zeitgefühl hilft dem Film auch über manch kleine Handlungsunebenheit hinweg. Manches Detail muss man einfach schlucken.“
Diese verschiedenen, mitunter widersprüchlichen aber am Ende doch immer irgendwie ineinandergreifenden Tonfälle verhelfen „Weapons“ zu seiner ganz eigenen, dabei durch und durch bedrohlichen Atmosphäre. Geschickt verteilt Cregger kleine Horrorspitzen – mal in Form von Suspense, mal in Form von durchaus drastisch gezeigter Gewalt – über den gesamten Film. Da jedes Charakterschicksal schlussendlich auf den großen Höhepunkt zusteuert, macht auch jede Figur früher oder später Bekanntschaft mit „dem Bösen“, dessen Herkunft und Dasein an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll. Insofern kommen nicht nur die sehr vereinzelt stattfindenden Jumpscares überraschend. Auch das allgegenwertige Paranoiagefühl lässt einen von Beginn an nicht los. In „Weapons“ kann zu jedem Zeitpunkt alles passieren. Dieses Gefühl des Zerfalls von Realität und Zeitgefühl hilft dem Film auch über manch kleine Handlungsunebenheit hinweg. Manches Detail muss man einfach schlucken. Zum Beispiel die offenkundige Inkompetenz der Polizei oder die Tatsache, dass sich die Massenhysterie einzig und allein auf die Lehrerin konzentriert, die Familie des übrig gebliebenen Alexander dagegen keinerlei Anfeindungen zu fürchten hat. Trotzdem – oder auch gerade deshalb – fühlt sich „Weapons“ an wie ein einziger, großer Albtraum, der auf der Zielgeraden all das einlöst, was die zwei Stunden vorher bereits unheilvoll angekündigt haben.
Fazit: Zach Cregger gelingt mit dem Mystery-Horrordrama „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ ein Kino-Albtraum epischen Ausmaßes.
„Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ ist ab dem 7. August 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



Starke Kritik! Besonders der Blick auf Creggers gereiftes Spiel mit Tonalitäten und die erzählerische Struktur aus mehreren Perspektiven hat mich abgeholt – dein Magnolia-Verweis sitzt, und die Eskalation Richtung Finale klingt herrlich konsequent. Auch die Einordnung der Performances (u. a. Julia Garner, Josh Brolin, Benedict Wong, Alden Ehrenreich) macht richtig Lust auf den Film. Danke für die klare, spoilerarme Einordnung – jetzt bin ich noch heißer auf diesen Kino-Albtraum.