Maria
Ein letztes Mal widmet sich „Jackie“-Regisseur Pablo Larraín dem Leben einer bedeutsamen Frau des öffentlichen Lebens. In MARIA verkörpert Angelina Jolie die Operndiva Maria Callas, die der Film auf ihren letzten Lebenstagen begleitet. Ein würdevolles Porträt, das seiner Protagonistin trotzdem Schwächen zugesteht – und inszenatorisch immer wieder in Genre-Gefilden fischt.
Darum geht’s
Im September 1977 lebt die einstige Opern-Diva Maria Callas (Angelina Jolie) ein zurückgezogenes Leben in Paris. Ihre Stimme erreicht längst nicht mehr die Höhen und Tiefen wie früher. Ein Umstand, der Maria sehr zusetzt. Sie sehnt sich zurück nach alten Zeiten, doch hinter den schweren Vorhängen ihrer riesigen Wohnung vereinsamt die Frau immer mehr. Ihr treuer Kammerdiener Ferruccio (Pierfrancesco Favino) und die Köchin Bruna (Alba Rohrwacher) haben dabei stets ein Auge auf ihre Arbeitgeberin, sind aber auch zunehmend besorgt um Marias Geisteszustand. Ausgerechnet ein TV-Interview animiert Maria dazu, es noch einmal zu wagen und auf die große Bühne zurückzukehren. Doch nicht nur Ferruccio und Bruna halten das für keine gute Idee…
Kritik
Die Biopics über Jackie Kennedy („Jackie“), Prinzessin Diana („Spencer“) und Maria Callas („Maria“) überschneiden sich zwar nur marginal aufgrund winziger Übereinstimmungen in den Lebensläufen. Doch Regisseur Pablo Larraín nennt diese drei Filme trotzdem eine Trilogie, der er den Titel „Lady in Heels“ verpasste. Es ist fast ein wenig schade, dass diese mit „Maria“ nun ihr Ende findet. Denn wenn es in den vergangenen Jahren einer filmemachenden Person gelungen ist, aufregende Porträts über noch viel aufregendere Frauen zu inszenieren, dann Larraín, der sich für „Jackie“ nicht umsonst mit Regielegende Darren Aronofsky („Black Swan“) zusammengetan hat. Wie auch seinem Kollegen gelingt es Larraín kongenial, mit wenigen Mitteln derart intensive Spannungen auf die Leinwand zu bringen, dass man sich immer auch ein bisschen wie in einem Horrorfilm wähnt. Selbst wenn man die Vitas der einzelnen Frauen kennt, wird man das Gefühl absoluter Unberechenbarkeit. Dann ist da aber wiederum auch die aller erste Szene in „Maria“, die diesen Eindruck untergräbt – und damit vielleicht auch die Erwartungen des Publikums, die nach „Jackie“ und „Spencer“ ein ähnlich diffuses Drama erwarten.
„Maria“ trägt zwar durch und durch die Handschrift von Pablo Larraín, doch diesmal gibt er bereits in der Eröffnungsszene den Blick auf den Ausgang der Geschichte preis: Maria Callas liegt tot auf dem Fußboden ihrer großen, dunklen Wohnung. Umringt von einer Heerschaar an Leuten. Sicher kennt man die tragischen Umstände rund um Lady Dianas Tod in- und auswendig. Auch dass Jackie Kennedy irgendwann gestorben ist, weiß man in dem Moment, in dem „Jackie“ anfängt. Im Falle von „Maria“ steht allerdings von Anfang an der Erzählzeitraum fest: Wir folgen Maria Callas bis in den Tod. Das macht den Film jedoch nicht weniger unberechenbar. Vor allem, weil Larraín diesmal umso mehr mit den Wahrnehmungsebenen des Publikums, aber auch mit jener seiner Protagonistin spielt. Erneut kann gefühlt zu jedem Zeitpunkt alles passieren. Erst recht, weil der Film Maria Callas in einer Lebensphase abbildet, in der sie für andere aber auch sich selbst kaum noch zurechnungsfähig war. Massiver Medikamentenkonsum, Halluzinationen, ein Abdriften in eine eigene Realität: „Die Callas“ ist in „Maria“ nur noch ein Schatten ihrer selbst. Mit leichten Anleihen an den Schwarz-Weiß-Klassiker „Boulevard der Dämmerung“ zeichnet Pablo Larraín das Porträt einer Frau, die sich nach ihren Glanzzeiten zurücksehnt, jedoch immer und immer wieder den Bruch mit der Realität erleben muss.
„Im Falle von ‚Maria‘ steht von Anfang an der Erzählzeitraum fest: Wir folgen Maria Callas bis in den Tod. Das macht den Film jedoch nicht weniger unberechenbar. Vor allem, weil Larraín diesmal umso mehr mit den Wahrnehmungsebenen des Publikums, aber auch mit jener seiner Protagonistin spielt.“
In „Maria“ äußert sich dies primär in einem „Interview“, das sie zwei Journalisten gibt – oder zumindest zu geben glaubt. Immer wieder macht der Film anhand seiner Nebenfiguren deutlich, dass nur Maria selbst die Reporter sehen kann, also offenbar Selbstgespräche führt oder auf offener Straße plötzlich einen Chor zu sehen und zu hören glaubt. Pablo Larraín ändert für all diese Momente nichts an seiner Inszenierung. Sein Wechselspiel aus dem Wahren einer übergroßen Distanz und dem Kreieren intimer Nähe mündet in eine flirrende Atmosphäre, der auf den schwer zu durchschauenden Charakter Maria Callas‘ einzahlt. Bisweilen fühlt man sich von ihrer romantisierten Sicht auf sich und die Welt abgestoßen. Möchte nicht nur ihr, sondern auch ihren Bediensteten zurufen, ihr doch endlich die Augen zu öffnen, anstatt sie durch eine Realität irrlichtern zu lassen, die keine ist. Doch dann sind da auch Szenen des aufrichtigen Mitgefühls, wenn deutlich wird, wie essentiell das Singen für Maria war, sodass das nicht mehr singen Können den entsprechenden Niederschlag zur Folge hat.

Kammerdiener Ferruccio (Pierfrancesco Favino), Maria Callas und ihre Köchin und Vertraute Bruna (Alba Rohrwacher).
Es ist nicht nur Pablo Larraín zu verdanken, dass „Maria“ aller Tragik zum Trotz nie in reine Mitleidshascherei abkippt; Wir erinnern uns schmerzlich an „Back to Black“, das Biopic über Amy Winehouse, das das Leben einer Süchtigen, von Männern Abhängigen darstellte, dabei aber die musikalische Genialität der Interpretin fast vollständig aussparte. Larraín ist es bereits mit „Jackie“ und „Spencer“ gelungen, Frauen in Extremsituationen abzubilden, ohne seinen Protagonistinnen die Würde und Selbstbestimmung zu nehmen. Vielmehr wachsen all die von ihm porträtierten Frauen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – noch einmal über sich hinaus; auch Maria Callas. Die holt sich all ihrer schmerzlichen Erfahrung zum Trotz die Hoheit über ihr Dasein als Opernsängerin zurück. Ihre schweren Selbstzweifel lässt das von Steven Knight („Spencer“) verfasste Skript zwar zu, nutzt sie aber nicht als treibende Plotfeder. So weiß man bis zum Schluss nie so richtig, wie man zu einem so komplexen Charakter wie Maria Callas nun eigentlich stehen soll. Aber genau das macht „Maria“ auf so vielen Ebenen interessant.
„Larraín ist es bereits mit ‚Jackie‘ und ‚Spencer‘ gelungen, Frauen in Extremsituationen abzubilden, ohne seinen Protagonistinnen die Würde und Selbstbestimmung zu nehmen. Vielmehr wachsen all die von ihm porträtierten Frauen – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – noch einmal über sich hinaus.“
Auch auf der darstellerischen, die die bei den Oscars schmerzlich ausgesparte Angelina Jolie („They Want Me Dead“) in einer ihrer besten Rollen zeigt. Ihre Performance changiert behutsam zwischen gebrochen und hoffnungsvoll. Zwischen erschüttert und beharrlich. Zwischen tough und fragil. Vor allem das Stilelement, ihre eigenen Gesangsaufnahmen je nach Zustand ihrer Stimme mal mehr, mal weniger mit den Originalaufnahmen der echten Maria Callas verschmelzen zu lassen, lässt Jolie – in Zusammenarbeit mit dem perfekten Sounddesign – brillieren. Für eine Nominierung hat es trotzdem nicht gereicht. Chancen auf einen Academy Award darf sich lediglich Kameramann Edward Lachman („Vergiftete Wahrheit“) ausrechnen. Seine Arbeit ist maßgeblich daran beteiligt, dass in „Maria“ eine entrückte Atmosphäre vorherrscht, die ihren beiden Vorgängern „Jackie“ und „Spencer“ in Nichts nachsteht. Mit verzerrten Perspektiven, die Räume mal übergroß, dann wiederum winzig klein erscheinen lassen – immer ganz der Eigenwahrnehmung der Protagonistin angepasst – fühlt man sich alsbald selbst wie in Callas‘ ganz eigener „Realität“ gefangen.
Fazit: Pablo Larraín porträtiert große Frauen der Zeitgeschichte, die Dritte: Sein Maria-Callas-Biopic „Maria“ steht seinen beiden Vorgängern „Jackie“ und „Spencer“ in Nichts nach, lässt eine überlebensgroße Angelina Jolie brillieren und nimmt das Publikum mit in eine entrückte, realitätsferne Welt zerschlagener Träume und dem unbedingten Streben nach Hoffnung.
„Maria“ ist ab dem 6. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


