Der Brutalist

Trotz der Kritik an der Verwendung von Künstlicher Intelligenz gilt Brady Corbets Mammutwerk DER BRUTALIST als einer der heißesten Anwärter auf die diesjährigen Oscars. Inwiefern ihm diese Diskussion das Genick bricht, oder bloß eine Fußnote bleibt, ist noch nicht abzusehen. Abgesehen von dieser Debatte erweist sich das fiktionale Biopic über einen ungarisch-jüdischen Architekten als überlebensgroßes Mammutwerk und denkwürdiges Film-Unikat.

OT: The Brutalist (USA/UK/CAN 2024)

Darum geht’s

Der ungarisch-jüdische Architekt László Tóth (Adrien Brody) wandert nach dem Holocaust von Bremerhaven in die USA aus. Hier findet er zunächst Unterschlupf bei seinem Cousin Attila (Alessandro Nivola) und widmet sich in dessen Möbelgeschäft seiner Leidenschaft für das Erschaffen eigener Bauten. Doch die Harmonie währt nicht lange. Nach einer kurzen Zeit des Umherirrens trifft László jedoch auf den schwerreichen Tycoon Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce), der ihn beauftragt, ein Gemeindezentrum zu errichten. Nachdem auch Lászlós Frau Erszébet (Felicity Jones) und seine Nichte Zsófia (Raffey Cassidy) in den USA eingetroffen sind, widmet er sich ganz dem riesigen Bauprojekt. Dabei muss er jedoch feststellen, dass er sich hier in der Fremde längst nicht so angenommen fühlt, wie er sich wünscht – und auch, dass sein Arbeitgeber ihm gegenüber Argwohn und Zorn hegt…

Kritik

Langezeit galt Brady Corbets Mammutwerk „Der Brutalist“ als der große Oscar-Favorit. Nun wurde das dreieinhalbstündige Einwanderungsdrama zwar tatsächlich für zehn Trophäen nominiert, doch eine Welle der Entrüstung schwappt derzeit über den Film. Der Grund: der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Und zwar an zwei Stellen. Zum einen wurde die ungarische Aussprache des Hauptdarstellers Adrien Brody („See How They Run“) via K.I. perfektioniert. Zwar gilt Ungarisch als eine der schwersten Sprachen der Welt, doch natürlich verpasst es der ansonsten so makellosen Darbietung des Akteurs einen kleinen Dämpfer. Darüber hinaus wurden einige zu Papier gebrachten, architektonischen Entwürfe und Zeichnungen mithilfe eines K.I.-Programms kreiert. Und das, wo es doch in „Der Brutalist“ auch ganz zentral darum geht, zu welch kreativen Leistungen der Mensch unter verschiedenen Umständen imstande ist. Wie man zum Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Filmproduktion steht, darüber muss sich jeder Zusehende schlussendlich eine eigene Meinung bilden. Letztlich ist es nur eine Fußnote eines ansonsten nahezu makellosen Films, den man so in der Form noch nie auf der Leinwand gesehen hat.

Nicht nur Adrien Brody, auch Guy Pearce liefert eine der besten Leistungen seiner Karriere.

Eine der ersten Assoziationen mit „Der Brutalist“ ist zweifelsohne Todd Fields vielfach ausgezeichnetes Dirigentinnendrama „Tár“. Nicht etwa, weil in den Filmen ähnliche Thematiken verhandelt werden würden. Stattdessen eint beide Filme die schier grenzenlose Detailverliebtheit im Entwurf einer fiktionalen Biographie. So wird „Tár“ beim Streamingdienst Prime Video derzeit sogar unter der Kategorie „Filme auf wahren Begebenheiten“ geführt. Dabei ist der Film kein echtes Biopic und Lydia Tár lediglich eine Erfindung. Auch den Protagonisten László Tóth aus „Der Brutalist“ gab es nie. Doch Brady Corbet („Vox Lux“) ist es mit seinem Film gelungen, ein Charakterporträt zu schaffen, das zum einen durch und durch so wirkt, als hätte die Geschichte so tatsächlich stattfinden können, während es zum anderen an den genau richtigen Stellen, der Dramaturgie zuträglich, emotionale Ausschläge nach oben und unten besitzt. Kurzum: Trotz der ausladenden dreieinhalb Stunden Laufzeit (inklusive einer 15-minütigen Pause) besitzt „Der Brutalist“ keinerlei Längen. Dafür passiert auf der Leinwand einfach viel zu viel, während der hochkomplexe Charakter László Tóth, ein jüdischer Architekt, das Publikum bei der Stange hält. Adrien Brodys Performance ist – mit K.I. perfektioniert hin oder her – denkwürdig. Irgendwo zwischen aufgrund der neue Umgebung verschüchtert, in seiner Kunst aufblühend und rebellierend sowie zutiefst demütig, liefert Brody einen absolut runden Charakter, dem zuzuschauen spannend und aufregend ist.

„Brady Corbet ist es mit seinem Film gelungen, ein Charakterporträt zu schaffen, das zum einen durch und durch so wirkt, als hätte die Geschichte so tatsächlich stattfinden können, während es zum anderen an den genau richtigen Stellen, der Dramaturgie zuträglich, emotionale Ausschläge nach oben und unten besitzt.“

Generell ist „Der Brutalist“ eine Ansammlung vielschichtiger Charaktere, die sich nie von Anfang an durchschauen lassen. Der scheinbar fürsorgliche Attila erweist sich sukzessive als gar nicht so herzlich, wie es zunächst scheint. Lászlós Ehefrau Erzsébet und seine Nichte Zsófia scheinen unter ihrer zunächst schweigenden Fassade irgendetwas zu verbergen. Und Lászlós augenscheinlicher Gönner und schwerreiche Tycoon Harrison Lee Van Buren ist nicht das, was er anfänglich vorgibt zu sein. Vor allem Guy Pearces Performance ist in ihrer Gnadenlosigkeit vergleichbar mit einer seiner Darstellung des bitterbösen Reverends in „Brimstone“ – nur eben in der Oberschicht-Version mit altehrwürdiger Villa und Bediensteten. Was genau seine eingemeißelt freundliche Fassade verbirgt, erschließt sich einem erst ganz langsam. Es beginnt mit kleinen Sticheleien, mit anmaßenden Forderungen und endet schließlich in einem durch und durch verabscheuungswürdigen, einzig und allein seine Macht über László demonstrierenden Gewaltverbrechen, dessen zuzusehen nur schwer zu ertragen ist. Doch anstatt gebrochen aus diesem herauszugehen, flieht László in seine Arbeit – und demonstriert seine Macht auf ganz eigene Weise.

Kameramann Lol Crawley liefert monumentale Bilder.

Die Kunst respektive die Architektur bildet in „Der Brutalist“ nicht bloß die künstlerische, sondern auch die erzählerische Klammer. Ohne sein architektonisches Können fühlt sich László, als wäre er nichts in dieser Welt, die nur vorgibt, die jüdischen Flüchtlinge gerne bei sich aufnehmen zu wollen, während in Wirklichkeit überall Antisemitismus und Ablehnung lauern. „Der Brutalist“ ist nicht nur ein Film über einen Mann, der sich in sein Handwerk flüchtet, sondern beleuchtet auch die Umstände, wie es dazu kommt. Es ist eine Geschichte über jüdische Identität und vor allem im letzten Drittel eine Studie dessen, wie sich die vom Krieg Vernarbten die Hoheit über sich und genau diese zurückzuerlangen versuchen. Insbesondere der Epilog lässt einen Lászlós Arbeit rückwirkend mit ganz anderen Augen sehen – und verleiht „Der Brutalist“ eine noch größere Tragik, die schlussendlich nur noch mehr Ehrfurcht vor seiner Hauptfigur zutage fördert. Das gleiche gilt für die nicht weniger hervorragend von Felicity Jones („Sieben Minuten nach Mitternacht“) gespielte Erszébeth, die ebenfalls ihren ganz großen Triumph haben darf. In einer Szene tritt sie selbstbewusst, voller Wut auf die Welt dem vermeintlich so unantastbaren Harrison Lee Van Buren gegenüber. Es ist die vielleicht kraftvollste im gesamten Film.

„‚Der Brutalist‘ ist eine Geschichte über jüdische Identität und vor allem im letzten Drittel eine Studie dessen, wie sich die vom Krieg Vernarbten die Hoheit über sich und genau diese zurückzuerlangen versuchen.“

Apropos kraftvoll: „Der Brutalist“ könnte seine volle Wucht nicht entfalten, wenn der gerade einmal 10 Millionen US-Dollar teure Film nicht derart wuchtig bebildert wäre. Kameramann Lol Crawley, der auch schon Brady Corbets „Vox Lux“ fotografierte, schwelgt geradezu in Lászlós visuellen Spielereien. Vor allem der Baufortschritt des von ihm kreierten und bautechnisch beaufsichtigten Kulturzentrums lässt einen ein Gespür der Ehrfurcht davor entwickeln, mit welcher Geistes- und Körperkraft derartige Bauten entstehen. Aber auch ein Besuch in einem Marmorsteinbruch oder das Design einer Bibliothek sorgen für absolute Gänsehautmomente. Es ist die Perfektion, die aus solchen Bildern hervorbricht, die einen das ganze Thema Architektur noch einmal mit völlig neuen Augen sehen lässt. Dass die Figur des László daneben nicht minder überlebensgroß erscheint, zeigt, mit welcher erzählerischen Wucht „Der Brutalist“ daherkommt.

Was verbergen Lászlós Ehefrau Erzsébet (Felicity Jones) und seine Nichte Zsófia (Raffey Cassidy)?

Fazit: „Der Brutalist“ ist ein überlebensgroßes Werk darüber, wie sich ein vom Holocaust gezeichneter, jüdisch-ungarischer Architekt die Deutungshoheit über seine Identität zurückholt. Famos bebildert und voller Ehrfurcht vor der Architektur, gelingt Brady Corbet und seinem grandiosen Ensemble ein moderner Klassiker, dem man noch nicht einmal seine dreieinhalbstündige Laufzeit anmerkt.

„Der Brutalist“ ist ab dem 30. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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