Wolf Man
Nach seiner Neuauflage des Unsichtbaren wagt sich Horrorregisseur und -Autor Leigh Whannell mit WOLF MAN nun an den Wolfsmenschen heran. Seinem brandaktuellen Kommentar auf toxische Beziehungen lässt er diesmal kaum Subtext folgen. Ein solider Verwandlungsgrusler ist sein Film trotzdem.
Darum geht’s
In der Ehe von Charlotte (Julia Garner) und Blake (Christopher Abbott) kriselt es. Als die beiden dann auch noch ein Brief erreicht, in dem steht, dass Blake von seinem Vater eine Waldhütte geerbt hat, ist seine Frau zunächst einmal gar nicht begeistert von der Idee, direkt dorthin zu fahren. Doch Blake sieht einen Kurzurlaub als Chance, wieder als Familie zusammenzufinden. Doch als das Paar und die gemeinsame Tochter Ginger (Matilda Firth) in dem Waldgebiet ankommen, werden sie von einer monströsen Kreatur überrascht. Nachdem ein Einheimischer dieser zum Opfer fällt, scheint die Gefahr vorerst gebannt. Doch Blake wurde von dem Monster gebissen und scheint sich nun nach und nach selbst in eines zu verwandeln…
Kritik
Leigh Whannell ist mit seiner Neuauflage des Gruselklassikers „Der Unsichtbare“ 2019 nicht nur die Pflicht, sondern auch die Kür gelungen. Anstatt einfach nur eine bekannte Gruselikone neu aufzulegen, hat er es geschafft, der Geschichte eine völlig eigene, zeitgemäße Note zu verleihen. Anstatt bloß die Bedrohung durch ein nicht sichtbares Monster hervorzustellen, ist sein Film ein Kommentar auf toxische Beziehungen und die Angst der in solche verwickelten Frauen, bei ihren Sorgen kein Gehör zu finden und stattdessen als hysterisch und unglaubwürdig abgestempelt zu werden. Insofern machte schon allein die Nachricht, Whannell würde nun auch den Wolfsmenschen neu auflegen, direkt Lust auf mehr. Darüber hinaus soll „Wolf Man“ der nächste Eintrag in eine Art Monster Universe sein, für das man sich bei Universal an den ganz großen Schauergestalten der Filmgeschichte bedient (nachdem das mit „Dracula Untold“ und „Die Mumie“ noch schiefgegangen war). Doch wer sich nach „Der Unsichtbare“ einen weiteren Film mit aktuellem Subtext erhofft, der wird von „Wolf Man“ vermutlich enttäuscht werden. Dann so wirklich was Tiefgründiges zu erzählen, hat Whannell diesmal nicht. Außer, dass man selbst zur Bestie werden muss, um sie zu bekämpfen.
Und das ist nun auch nicht wirklich etwas Neues. Doch natürlich muss ein (Horror-)Film nicht zwingend eine spektakuläre Botschaft haben, um trotzdem zu funktionieren. Auf dieser Ebene kommt nun auch „Wolf Man“ daher, der mit einer sehr einprägsamen Nahaufnahme einer sich im Todeskampf mit einer Horde Ameisen befindenden Wespe beginnt. Ein erster Vorgeschmack auf ein inszenatorisches Gimmick, das Whannell später noch öfter herausholen wird. Stichwort: geschärfte Sinne. Der ganze Kinosaal wird von den dröhnenden Geräuschen der Insektenansammlung eingenommen. Kurz darauf ist es still und Whannell etabliert das sehr reduzierte Setting des Films mithilfe einer Rückblende. Schon in dieser wird deutlich: Auch „Wolf Man“ lässt sich – ähnlich „Der Unsichtbare“ – eher dem klassischen Gruselkino als dem Horrorschocker zuordnen. Denn auch wenn er nicht vollends auf Jump Scares verzichten mag, ist es schon erstaunlich, wie viele offensichtlich mögliche Schockmomente er einfach links liegen lässt, um stattdessen auf eine dichte Atmosphäre zu bauen. Die setzt sich hier in erster Linie aus der minimalistischen Kulisse einer abgeschotteten Hütte sowie dem drumherum liegenden Wald zusammen. Außerdem aus der Tatsache, dass es in dieser abgeschiedenen Gegend – natürlich – keinen Handyempfang gibt, die später im Zentrum stehende Familie aus Vater, Mutter und Kind also vollends auf sich alleine gestellt ist.
„Auch ‚Wolf Man‘ lässt sich – ähnlich ‚Der Unsichtbare‘ – eher dem klassischen Gruselkino als dem Horrorschocker zuordnen. Denn auch wenn er nicht vollends auf Jump Scares verzichten mag, ist es schon erstaunlich, wie viele offensichtlich mögliche Schockmomente er einfach links liegen lässt.“
Kameramann Stefan Duscio (fotografierte bereits Whannells vorherigen Filme „Der Unsichtbare“ und „Upgrade“) lässt die allgegenwärtige Dunkelheit für sich sprechen. Simple Schüsse auf das bedrückende Wälderdickicht, das Innere der ohnehin sehr kleinen Hütte, die scheinbar ins Nichts führenden Waldwege: Mehr braucht es nicht, um in „Wolf Man“ eine stimmige Atmosphäre aufzubauen. Hinzu kommen vereinzelte Highlights wie etwa eine langsam die Dachbodenwände entlangkriechende Vogelspinne, die der sich sukzessive in einen Werwolf verwandelnde Blake aufgrund seiner geschärften Sinne als eine Art Donnergrollen wahrnimmt. Überhaupt ist die Idee, mit der Kamera immer wieder die Wahrnehmungsperspektive zu wechseln, eine, die „Wolf Man“ inszenatorische Würze verleiht. In einem Moment sehen wir die Hütte und alles, was darin passiert, noch ganz normal. Im nächsten fährt die Kamera um die Figuren herum, bleibt in Blakes POV hängen und vor uns tut sich eine verzerrte Realität auf, die uns kein klares Wort mehr hören und die Umgebung um viele (bisweilen überfordernde) Details ergänzt sehen lässt. Das sieht auf der einen Seite gut aus, fördert auf der anderen aber auch einen Hauch Subtext über die Schwierigkeiten der Kommunikation zwischen Blake und seiner Frau Charlotte zutage…

Charlotte (Julia Garner), Ginger (Matilda Firth) und Blake (Christopher Abbott) kommen an der verlassenen Waldhütte an…
… womit der Großteil dessen, was „Wolf Man“ abseits seiner recht konventionell erzählten Werwolfgeschichte sagen will, zusammengefasst wäre. Tatsächlich ist der Film in erster Linie klassischer Verwandlungs- und Bodyhorror, der dank der gelungenen Effekte auch eine gewisse Haptik besitzt. In den besten Momenten seiner Verwandlung mag man Blake kaum zusehen. Auch weil Christopher Abbott („Possessor“) das wahrlich bemitleidenswerte Opfer mit viel Eindringlichkeit verkörpert. Das trifft auf seinen Co-Star Julia Garner („The Assistant“) leider nicht ganz zu. Sowohl sie als auch Jungdarstellerin Matilda Firth („Subservience“) haben nicht viel mehr zu tun, als durchgehend schockiert dreinzublicken. Das ist im Anbetracht dessen, was sie hier sehen, zwar auch gar nicht so überraschend. Doch leider ist es Leigh Whannells größtes Versäumnis, die emotionale Komponente einer solchen Erfahrung angemessen herauszuarbeiten. Nicht nur der Verwandlungsprozess an sich geht überraschend schnell vonstatten. Auch Charlotte und Ginger scheinen sich mit der Situation bemerkenswert zügig arrangiert zu haben – und schalten um in den Überlebensmodus. Dabei wäre es doch gerade spannend gewesen, die wachsende Angst vor dem eigenen Ehemann und Vater intensiv zu beleuchten, vielleicht auch immer mal wieder Momente einzustreuen, in denen Blake noch bei klarem Verstand ist, um noch mehr hervorzustellen, dass in dem aufopferungsvollen Familienvater immer noch ein Mensch steckt.
„Nicht nur der Verwandlungsprozess geht überraschend schnell vonstatten. Auch Charlotte und Ginger scheinen sich mit der Situation bemerkenswert zügig arrangiert zu haben. Dabei wäre es doch gerade spannend gewesen, die wachsende Angst vor dem eigenen Ehemann und Vater intensiv zu beleuchten.“
Auch die Entscheidung, Blake als Wolf noch einen weiteren (aus irgendeinem Grunde noch böseren) Wolf als Gegner gegenüberzustellen, erschließt sich nicht so ganz. Das intime, eben mit Werfolfthematik angereicherte Familiendrama im Inneren der Hütte hätte locker gereicht, um die 100 Filmminuten zu füllen. Die Aufeinandertreffen zwischen Blake und seinem Widersacher sorgen zwar dafür, dass das Tempo zeitweise ordentlich anzieht, geht aber auch auf Kosten der Atmosphäre. Zumal sich Whannell dann eben doch hin und wieder dazu hinreißen lässt, die sich aufbauende Stimmung einem schnellen Jump Scare zu opfern.
Fazit: Als Werwolf-Horrorfilm ohne größeren Subtext funktioniert „Wolf Man“ die meiste Zeit über sehr ordentlich. Leider bleibt der emotionale Impact aus, da sich Leigh Whannell für diesen einfach nicht zu interessieren scheint.
„Wolf Man“ ist ab dem 23. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


