Juror #2

Es könnte Clint Eastwoods letzter Film sein – und sollte er sich mit JUROR #2 wirklich von der großen Regie-Bühne verabschieden, geht er auf einer für ihn bekannten Note. Denn in seinem Gerichtsdrama geht es um das moralische Dilemma eines Mannes im Angesicht des US-amerikanischen Rechtssystems. 

OT: Juror #2 (USA 2024)

Darum geht’s

Der trockene Alkoholiker und werdende Vater Justin Kemp (Nicholas Hoult) wird als Geschworener eines Mordfalls berufen. Er soll mitentscheiden, ob ein Mann (Gabriel Basso) schuldig ist, seine Freundin Kendall (Francesca Eastwood) ermordet zu haben. Während des Prozesses kommen Justin plötzlich Zweifel: Vieles deutet darauf hin, dass er die Verstorbene in einer verregneten Nacht versehentlich mit seinem Auto überfahren hat. Während des Prozesses muss sich Justin immer mehr mit seiner eigenen Schuld auseinandersetzen und sich die Frage stellen, ob es moralisch vertretbar ist, dem Prozess weiterhin als Geschworener beizuwohnen – und die Geschicke sogar dahingehend zu lenken, dass am Ende ein Unschuldiger im Gefängnis landet…

Kritik

Im Rahmen der Berichterstattung zu „Juror #2“ wird immer wieder von „Clint Eastwoods letztem Film“ gesprochen. Das ist statistisch gesehen zwar durchaus wahrscheinlich – schließlich ist der Filmemacher und Schauspieler mittlerweile stolze 94 Jahre alt. Doch in aktuellen Interviews spricht er bereits von neuen Projekten. Auch wenn dazu bislang konkrete Angaben fehlen, ist durchaus vorstellbar, dass Eastwood („Der Fall Richard Jewell“) irgendwann an einem Filmset verstirbt. Bei dem, was er geliebt hat. Doch wenn „Juror #2“ tatsächlich sein letzter Film sein sollte, so lässt sich rückblickend sagen, dass Eastwood seine Karriere auf einer für ihn typischen Note beendet hat. Wieder einmal stellt er sich in dem Gerichtsdrama auf die Seite eines Einzelgängers, der es mit dem US-amerikanischen System zu tun bekommt und sich mit den Themen Recht, Unrecht und Moral auseinandersetzen muss. Das Vertrauen in das Rechtssystem lässt er im Laufe der Geschichte mehr als einmal erschüttern. Aber er betont auch seine Komplexität und arbeitet vor allem die Wichtigkeit des „Faktor Mensch“ heraus.

Toni Collette macht als Staatsanwältin Faith Killebrew eine hervorragende Figur.

Im Zentrum der Geschichte steht der von Nicholas Hoult („Nosferatu – Der Untote“) wunderbar ambivalent verkörperte Justin Kemp, der als Geschworener für einen Mordprozess ausgewählt wird und dabei erkennen muss, dass wohlmöglich er Schuld an dem hier verhandelten Todesfall sein könnte. Zugegeben: Schon die Prämisse von „Juror #2“ verlangt dem Publikum die berühmte Suspension of Disbelief ab. Einen so großen Zufall wie hier wird es im realen Leben kaum geben. Doch dem für das Drehbuch verantwortlichen Debütanten Jonathan A. Abrams gelingt es gut, der eigentlich doch ziemlich hanebüchenen Grundidee etwas durchweg Bodenständiges zu verleihen. Manchmal wirkt „Juror #2“ gar so unaufgeregt, dass man meinen könnte, es hier eben doch mit der Verfilmung einer realen Geschichte zu tun zu haben. Und das, obwohl Eastwood dem Pathos ja eigentlich nicht abgeneigt ist. Einen Großteil der Laufzeit nimmt dabei die Verhandlung vor Gericht ein. Hier wird der Fall einer mutmaßlich von ihrem Ex-Freund ermordeten Frau aufgerollt, in dem auf den ersten Blick bereits alle Puzzleteile an der richtigen Stelle liegen. Das Herunterbeten der vermeintlichen Fakten, die Befragung der Zeuginnen und Zeugen sowie die leidenschaftlich von Anwalt und Rechtsanwältin (sehr stark: Toni Collette, „Hereditary“) vorgetragenen Plädoyers für respektive gegen den Angeklagten sind für sich genommen spannend genug, um nicht noch zusätzlich einer Überdramatisierung unterliegen zu müssen.

„Dem für das Drehbuch verantwortlichen Jonathan A. Abrams gelingt es, der eigentlich ziemlich hanebüchenen Grundidee etwas durchweg Bodenständiges zu verleihen. Manchmal wirkt ‚Juror #2‘ gar so unaufgeregt, dass man meinen könnte, es hier mit der Verfilmung einer realen Geschichte zu tun zu haben.“

Damit das Gezeigte nicht zu trocken wird, nimmt Justins Hintergrundgeschichte einen weiteren gewichtigen Teil in „Juror #2“ ein. Seine Figur eines werdenden Familienvaters, der früher ein Alkoholproblem hatte, sein Leben aber mittlerweile im Griff hat, ist nicht frei von Klischees. Etwa wenn man Justin in Rückblenden in einem Diner beobachtet, wo man ihn deutlich mit dem Verlangen kämpfen sieht, eben doch wieder zu einem alkoholischen Drink zu greifen. Auch sein nur rudimentär abgebildetes Familienleben ist vor allem Mittel zum Zweck. Zoey Deutch („Zombieland: Doppelt hält besser“) bekommt als werdende und später Mutter so gut wie gar nichts zu tun. Lediglich in einer späten Szene, in der sie auf einen Verdacht hin ihren Ehemann ob eines wichtigen Details zur Rede stellt (Stichwort: Autounfall), zeigt sich, dass die junge Schauspielerin deutlich mehr kann, als nur Babybauch und Säugling vor sich herzutragen. Aber im Anbetracht des erzählerischen Schwerpunkts wundert das auch nicht. Einmal mehr widmet sich Eastwood ganz seinem (männlichen) Hauptdarsteller…

Justin (Nicholas Hoult) versucht subtil, Einfluss auf die Meinungen seiner Mitstreiter:innen zu nehmen…

…dem es dank Nicholas Hoults starker Performance Spaß macht, bei seiner emotionalen wie moralischen Achterbahnfahrt zuzuschauen. Zwar macht das Skript von Anfang an deutlich, dass Justin wohl wirklich für Kendalls Tod verantwortlich ist. Doch immer wieder gibt es auch Widerhaken, die gerade im Anbetracht der Storyentwicklungen den Gedankengang zulassen, ob es Justin vielleicht doch gar nicht war. Überhaupt geht es in „Juror #2“ wenig um diese Frage, sondern mehr darum, wie man im Anbetracht des Rechtssystems, in das man ja eigentlich Vertrauen haben sollte, mit einer solchen Tat umgeht: Ist es moralisch vertretbarer, sich selbst, anstatt jemand Anderes schützen zu wollen? Wie viel Wert hat eigentlich das Eingeständnis einer Missetat auf die eigene Schuld? Und, ganz banal: Schützt Unwissenheit vor Torheit? All diese Fragen reißt „Juror #2“ im Laufe seiner sehr flott erzählten zwei Stunden an und verfolgt manche davon intensiver als andere. Eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit der hier und da durchschimmernden Bigotterie des Rechtssystems sollte man hier nicht erwarten. Dafür holt Eastwood über den Unterhaltungscharakter seines Films vermutlich ein deutlich größeres Publikum ab als mit einer staubtrockenen Abhandlung dieser Themen.

„Eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit der hier und da durchschimmernden Bigotterie des Rechtssystems sollte man hier nicht erwarten. Dafür holt Eastwood über den Unterhaltungscharakter seines Films vermutlich ein deutlich größeres Publikum ab als mit einer staubtrockenen Abhandlung dieser Themen.“

Neben der Gerichtsverhandlung und Justins Privatleben machen die Geschehnisse hinter den Kulissen des Prozesses den dritten und vermutlich spannendsten Teil des Films aus. „Juror #2“ zeigt die Abläufe einer Geschworenendebatte, ganz im Stile eines modernen „Die zwölf Geschworenen“. Da fühlt sich dann etwa plötzlich eine der Anwesenden zu Höherem berufen, weil sie ja regelmäßig True-Crime-Podcasts hört, während andere ihre persönlichen Antipathien gegen den mutmaßlichen Täter in ihre Urteilsbegründung einfließen lassen. Zuzusehen, wie Hoults Justin dazwischen sitzt und subtil versucht, die Geschicke zu lenken, macht Spaß und legt nach und nach die Schichten seines Charakters offen. Lediglich den Subplot rund um J.K. Simmons („Whiplash“) als ehemaliger Cop, der neben Justin seine eigene Form der Ermittlung durchführt, hätte es nicht gebraucht. Zuzuhören, wie ganz normale Menschen darüber verhandeln, ob ein Mensch lebenslang ins Gefängnis muss, wäre auch so spannend genug gewesen.

Justins Frau Allison (Zoey Deutch) ahnt (noch) nichts von dem moralischen Dilemma ihres Mannes…

Fazit: Eine Mischung aus „Die zwölf Geschworenen“, gängigen Gerichtsfilmen und Trinkerdrama: Clint Eastwood geht mit seinem vermutlich letzten Film noch einmal in die Vollen seines bisherigen Schaffens und kreiert mit „Juror #2“ einen typischen Film aus seiner Vita, der von einem Außenseiter in den Mühlen des US-amerikanischen Rechtssystems erzählt. Das ist unterhaltsam, spannend, wenn auch nicht frei von Klischees. Doch vor allem die großartige Besetzung kann derartige Schwächen zu weiten Teilen wettmachen.

„Juror #2“ ist ab dem 16. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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