Unfrosted

„Anchorman“ trifft auf „Air“ – oder so ähnlich. Das Regiedebüt von Komiker Jerry Seinfeld ist mehr Produktfilm-Parodie als ernstzunehmende Pop-Tart-Erfindergeschichte. Dafür kommt UNFROSTED mit einer Gag-Schlagzahl daher, die dem Genre des Firmen-Biopics eine ganz neue, grelle Farbe verleiht. Mit der Feststellung, dass weniger dann manchmal doch mehr ist… 

OT: Unfrosted (USA 2024)

Darum geht’s

Zwei Cerealien-Riesen, eine Mission: einen Frühstückssnack zu erfinden, der sich ohne Milch genießen und im Toaster erwärmen lässt. Die Idee des Pop-Tarts ward geboren. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Als der Kellog’s-Chef Bob Cabana davon erfährt, dass die Konkurrenz von Post gerade dabei ist, mit einem solchen Snack möglicherweise den Frühstücksmarkt zu revolutionieren, stellt er ein Team aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammen. So wirklich Ahnung von Frühstück hat keiner von ihnen, aber irgendwie gelingt es Cabana und seiner von der NASA rekrutierten Kollegin Donna Stankowski (Melissa McCarthy), in den Erfinderwettstreit einzutreten. Doch damit fangen die Probleme erst an, denn nebenbei braut sich nicht nur ein Aufstand der US-amerikanischen Cerealien-Maskottchen unter der Führung des leidenschaftlichen Schauspielers Thurl Ravencroft (Hugh Grant) zusammen. Beim ersten Versuch, einen Pop-Tart zu toasten, gibt es einen Toten…

Kritik

Was haben der einstige Handy-Gigant Blackberry, der Sportschuh-Riese Nike, das beliebte Videogame Tetris und der Tortilla-Chip-Klassiker Cheetos gemeinsam? Sie, respektive ihre Entstehungsgeschichte, erhielten im Laufe der vergangenen zwei Jahre ein von Hollywood produziertes Biopic. Für diese zeichneten die Kreativen möglichst genau den Ablauf tatsächlicher Ereignisse in der Firmenhistorie nach. Je nach Schwerpunkt ist das durchaus unterhaltsam. „Tetris“ etwa handelt nicht, wie erwartet, von der Erfindung des Spiels an sich, sondern von den Schwierigkeiten in der internationalen Vermarktung zu Zeiten des Kalten Krieges. Oft wirkt es aber eher wie die Filmversion eines Wikipedia-Artikels. Damit unterscheiden sich all diese Markenfilme nur bedingt von personenzentrierten Filmportraits. Das Regiedebüt von Comedian Jerry Seinfeld schlägt nun in eine völlig andere Kerbe. „Unfrosted“ handelt im weitesten Sinne von der Erfindung des Pop-Tarts. Einem hierzulande nicht allzu populären Frühstücksgebäck. Vor allem geht es darin aber um den Kleinkrieg zwischen den Cerealien-Riesen Kellog’s und Post, den Kellog’s, zumindest was die Erfindung der gefüllten Kekse angeht, gewann. Jerry Seinfeld ist allerdings nicht daran interessiert, dieses Frühstücks-Wettrüsten als ernsthaftes Zwei-Firmen-Porträt aufzuziehen. Sein Film ist eine groteske Farce und Fast-Parodie auf all die vielen Marken-Biopics der letzten Jahre, in dem eine lebende Ravioli nur die Spitze des skurrilen Eisbergs darstellt.

Die Kellog’s-Crew tüftelt verzweifelt an der Idee für einen revolutionären Frühstückssnack.

Ja, richtig gelesen: Ein Nebenhandlungsstrang in „Unfrosted“ handelt von einer ausgebüxten Ravioli, die zwar niedlich ist, allerdings eher in einem Film wie „Sausage Party“ zu vermuten wäre. Irgendwann im Laufe der kurzweiligen neunzig Minuten – überraschend wenig für einen Netflix-Film – nimmt man aber auch diese Absurdität in Kauf. Allein die Tatsache, dass bei der Weltpremiere des Films ein Mensch im Pop-Tart-Kostüm über den roten Teppich lief, gibt Aufschluss über die Marschrichtung von „Unfrosted“. Zu Beginn sehen wir einen kleinen Jungen (Isaac Bae), der in einer Kneipe einen Pop-Tart bestellt. Während er die Verpackung studiert, nimmt neben ihm ein Mann, gespielt von Jerry Seinfeld, platz, der verspricht, ihm die wahre Geschichte hinter seiner Lieblingssüßigkeit zu erzählen. Widerwillig stimmt der Junge zu und wird gemeinsam mit dem Publikum in eine knallbunte, stets einen Tick zu hell ausgeleuchtete Welt entführt, in der die Spitzenposition im Cerealienbusiness der einzige Lebensinhalt sämtlicher handelnder Figuren zu sein scheint. Eine Preisverleihung, auf der Awards in so absurden Kategorien wie „Der beste Einsatz gesundheitsschädlicher Zusatzstoffe“ verliehen wird, zeugt früh von dem Bewusstmachen der Kreativen für die Banalität des Inhalts. Soll doch die Tatsache, dass Kellog’s in jeder nur erdenklichen Kategorie gewinnen kann, einfach nur auf amüsante Weise veranschaulichen, wer hier im weiteren Verlauf der erzählerische Mittelpunkt (und natürlich die unangefochtene Frühstücks-Nummer-eins) ist.

„Eine Preisverleihung, auf der Awards in so absurden Kategorien wie ‚Der beste Einsatz gesundheitsschädlicher Zusatzstoffe‘ verliehen wird, zeugt früh von dem Bewusstmachen der Kreativen für die Banalität des Inhalts.“

Von da an wird es immer alberner. Und es war schon die richtige Entscheidung, weder in einer Texttafel vor noch nach dem Film über die „Unfrosted“ zugrundeliegenden, wahren Ereignisse aufzuklären. Die Erfindung eines Frühstücksgebäcks, das sich ohne Milch genießen und im Toaster aufwärmen lässt, fand zwar tatsächlich parallel in den Labors von Kellog’s und Post statt. Auch einige der handelnden Charaktere gab es tatsächlich. Doch der Film überhöht all das auf eine Art und Weise, die aus den Figuren Karikaturen und aus der Handlung eine Farce macht. Dabei nehmen manche Handlungsstränge ein solch hohes Ausmaß an greller Skurrilität an, dass sich auch der parodistische Charakter von „Unfrosted“ nicht leugnen lässt. Der Film folgt den Storybeats eines gewöhnlichen Marken-Biopics: Auf die zündende Idee folgt das Zusammenstellen eines Teams, es kommt zu Aufs und Abs während der Erfinderphase und im Finale findet durch allerhand glückliche Fügungen doch noch alles zu einem erfolgreichen Ende. Den einzelnen Stationen fehlt dabei jedoch jedweder Realitätsbezug. So besteht die Pop-Tart-Erfindermannschaft nicht etwa aus Ernährungswissenschaftler:innen und Marketing-Experten:innen, sondern unter anderem aus einem exzentrischen italienischen Koch, einem Erfinder für Alltagsgegenstände und einem Computer-Monstrum mit AI-Anleihen, das absurd-anzügliche Nachrichten an die Labor-Mitarbeitenden verschickt. Das alles bereitet „Unfrosted“ zudem als Parallele zur NASA-Mondmission auf. Natürlich lässt sich nichts davon in irgendeiner Form ernst nehmen. Dafür ist es aber auch ziemlich erfrischend, dass dieser Film auf keinen Fall als überlanger Werbefilm für das Unternehmen durchgeht.

Marjorie Post (Amy Schumer) and Rick Ludwin (Max Greenfield) als Doppelspitze bei Post, dem größten Konkurrenten von Kellog’s.

Das Gleiche gilt für einen Mafia-Subplot, in dem die ortsansässigen Milchhändler einen Angriff auf den Kellog’s-Chef planen – schließlich würden Pop-Tarts das milchfreie Frühstück ermöglichen. Und Hugh Grant („Paddington 2“) zettelt parallel zu all diesen Vorkommnissen eine Rebellion der Cerealien-Maskottchen an, die für mehr Aufmerksamkeit und mehr Rechte protestieren. Doch wie lustig sind denn nun die von „Unfrosted“ auf das Publikum losgelassenen Gags, die in einer mit „Anchorman“ vergleichbaren Schlagzahl daherkommen? Auf dieser Ebene ist die Komödie ein klassischer Hit and Miss-Fall. Vor allem die miteinander agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler haben die Tonalität des Films vollkommen verinnerlicht. Amy Schumer („Dating Queen“) und Max Greenfield („Promising Young Woman“) harmonieren hervorragend als Doppelspitze bei Post und erlauben sich ein herzhaftes, zum Rest passendes Overacting, während Jerry Seinfeld als Kellog’s-Chef Bob Cabana (namentlich angelehnt an den berühmten Astronauten Robert D. Cabana) und seine Crew zwar etwas zurückgenommener spielen, allerdings Zeilen in den Mund gelegt bekommen, durch die jeder, aber auch wirklich jeder Dialog auf eine Pointe abzielt. Und genau hier liegt oftmals das Problem – denn es glückt längst nicht jede davon.

„Doch wie lustig sind denn nun die von „Unfrosted“ auf das Publikum losgelassenen Gags, die in einer mit ‚Anchorman‘ vergleichbaren Schlagzahl daherkommen? Auf dieser Ebene ist die Komödie ein klassischer Hit and Miss-Fall.“

Je realitätsferner die handelnden Personen agieren, desto besser funktioniert der Humor in „Unfrosted“. Die Beisetzung eines Kellog’s-Mitarbeiters etwa wird zu einem riesigen Cornflakes-Happening, bei dem am Ende nicht etwa Erde auf den Sarg gestreut wird, sondern Milch und Früchte. Das ist so völlig jenseits irgendeiner Humor- und Erzählfarbe, dass die Albernheit für sich stehend funktioniert. Doch darüber hinaus bietet „Unfrosted“ einfach viel zu viel von allem. Jerry Seinfeld erlaubt sich als übermotivierter Regisseur ein Tempo, das keinerlei Pause zwischen den einzelnen Gag-Aufbauten und Setpieces ermöglicht. Der Humor funktioniert oft bloß für den Bruchteil von Sekunden, kann aber nicht lange nachwirken, weil kurz darauf sofort die nächste Pointe kommt. Szenen wie eine im Vergleich zum Rest sehr lange und dramaturgisch durchdachte „Mad Men“-Hommage sind da die Ausnahme. Darüber hinaus ist „Unfrosted“ auch erzählerisch häufig Kraut und Rüben. Das Drehbuch der „Seinfeld“-Masterminds Spike Ferestein, Andy Robin, Jerry Seinfeld selbst und Barry Marder („Bee Movie – Das Honig-Komplott“) eröffnet so viele verschiedene Handlungsstränge, dass die Quantität schlussendlich die Qualität überlagert. Die Subplots ermöglichen zwar einigen namhaften Gast- und Nebendarsteller:innen wie Hugh Grant, Peter Dinklage („Game of Thrones“) oder Dan Levy („Schitt’s Creek“) eine Handvoll Szenen und dabei einen Platz auf dem Filmplakat. Doch auch diese gehen hinter der Prämisse und Umsetzung gnadenlos unter.

Schauspieler Thurl Ravencroft (Hugh Grant) fühlt sich eigentlich zu Höherem berufen, ist aber vor allem das Maskottchen der Kellog’s Frosties.

Fazit: In „Unfrosted“ ist die Schlagzahl an Gags und Kalauern derart hoch, dass im Laufe der kurzweiligen neunzig Minuten so einige kleben bleiben. Doch die Kreativen wären mal lieber dem Motto „weniger ist mehr“ gefolgt. Irgendwann kann man den zahlreichen skurrilen Ideen nämlich nicht mehr wirklich folgen. Immerhin bringt Jerry Seinfeld eine neue Farbe ins derzeit viel beachtete Firmenfilm-Genre.

„Unfrosted“ ist auf Netflix verfügbar.

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