Primate

Warum eigentlich ausgerechnet Haie? Während weiße Riesen der Tiefsee seit Jahrzehnten das Horrorkino dominieren, fristen Affen als Monstertiere ein überraschendes Nischendasein – und das, obwohl sie uns näher sind als jedes andere Tier. Johannes Roberts’ PRIMATE tritt nun an, diese Lücke mit Blut, Gebrüll und einem sehr aggressiven Schimpansen zu schließen.

OT: Primate (USA/UK/CAN/AUS 2025)

Darum geht’s

Nach langer Abwesenheit kehrt Lucy (Johnny Sequoyah) wieder zu ihrem Vater Frank (Troy Kotsur) und ihrer Schwester Jess (Katie O’Grady) zurück, die gemeinsam mit einer Gruppe junger Erwachsener ein Wochenende in einer abgelegenen Villa verbringen wollen. Die familiäre Wiedervereinigung steht von Beginn an unter Spannung, denn alte Konflikte und Verletzungen sind zwischen den Schwestern ebenso ungelöst wie das schwierige Verhältnis zum Vater. Zeitgleich infiziert sich der Schimpanse Ben (Miguel Torres Umba) nach einem Biss mit Tollwut und entwickelt ein zunehmend aggressives, unkontrollierbares Verhalten. Als Ben auf dem Gelände der Villa auftaucht, schlägt die anfängliche Wochenend-Idylle in blanken Terror um. Während der Schimpanse die Gruppe brutal dezimiert, kämpfen Lucy, Jess und die übrigen Überlebenden nicht nur ums nackte Überleben, sondern auch darum, ihre zwischenmenschlichen Konflikte angesichts der eskalierenden Bedrohung zu überwinden.

Kritik

Es ist schon ein wenig amüsant, dass sich im Laufe der Jahrzehnte ausgerechnet der Hai als das ultimative Horrorfilm-Monstertier etabliert hat. Schließlich ist für die meisten von uns die Gefahr relativ gering, dass wir es im wirklichen Leben mit einem dieser imposanten Meeresriesen zu tun bekommen. Trotzdem hat Spielbergs „Der weiße Hai“ einst einen solch großen Nerv getroffen, dass bis heute Dutzende Hai-Horrorfilme das Licht der Leinwand (oder der Streamingdienste) erblickt haben. Dagegen hält sich die Anzahl an Genrebeiträgen, in denen Affen eine zentrale Rolle spielen, in engen Grenzen. Um die Ecke gedacht, dürfte die „28 Days Later“-Reihe die wohl bekannteste sein; Schließlich wird das Wut-Virus in dem Film vom Affen auf den Menschen übertragen. Und wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, dann sind Affen eigentlich perfekt für Horrorfilme. Nicht zuletzt, weil sie dem Menschen in Mimik, Gestik und Intelligenz verblüffend ähnlich sind. Das sorgt auf der einen Seite für eine emotionale Nähe, doch genau diese kann auch schnell ins Unbehagen kippt. Wenn etwas fast menschlich ist, wirkt jede Aggression, jeder Blick schnell bedrohlich. Zu guter Letzt: Affen sind körperlich überraschend stark, schnell und unberechenbar, was sie als Gegner realistisch und damit besonders verstörend macht. All das macht sich nun „The Strangers: Opfernacht“-Regisseur Johannes Roberts in seinem Film „Primate“ zunutze…

Frank (Troy Kotsur) versucht, seine Töchter vor dem Affen zu beschützen.

… in dem der Schimpanse Ben vom gelehrigen Schmusetier zur blutrünstigen Bestie wird, nachdem er sich bei einem Mungo mit Tollwut angesteckt hat. Und „blutrünstig“ ist hier absolut wörtlich zu verstehen. Denn trotz seiner deutschen Altersfreigabe ab 16 Jahren (!) werden in „Primate“ Kiefer herausgerissen, Köpfe zertrümmert und Frauen skalpiert. Und diese Gangart kündigt sich auch schnell an, denn in einem Prolog (danach setzt „Primate“ einige Stunden früher mit seiner eigentlichen Handlung an) darf der von einem Menschen im Affenkostüm gespielte Ben einem Tierarzt genüsslich das Gesicht vom Schädel reißen – in Nahaufnahme und ganz offensichtlich mit praktischen Effekten entstanden. Zwar haben sich die „Terrifier“-Filme in den letzten Jahren gerade wegen ihrer unermesslichen Brutalität einen Kultstatus erarbeiten können; das Publikum ist offenbar wieder bereit, richtig derben Splatter auf der Leinwand zu sehen. Doch während es sich bei „Terrifier“ um Independent-Filme handelt, in denen gerade im Horrorkino deutlich experimentierfreudiger agiert werden kann, sucht man einen solchen Gewaltgrad in klassischen Studioproduktionen oft vergebens. Kurzum: Johannes Roberts legt hier nicht nur den brutalsten Film seiner Karriere vor, sondern auch einen der derbsten, von einem Major-Studio (hier Paramount) vertriebenen Horrorbeiträge jüngerer Zeit.

„Johannes Roberts legt hier nicht nur den brutalsten Film seiner Karriere vor, sondern auch einen der derbsten, von einem Major-Studio (hier Paramount) vertriebenen Horrorbeiträge jüngerer Zeit.“

Bis es – nach der „Affe reißt Mann Gesicht am Schädel“-Szene – allerdings zu all diesen brutalen Eskapaden kommt, vergeht eine ganze Weile. Der gemeinsam mit Ernest Riera („47 Meters Down“) auch für das Drehbuch verantwortliche Roberts nimmt sich (zu) viel Zeit, um die wichtigsten Figuren zu etablieren. Unter anderem geht es um die Beziehung zwischen zwei Schwestern, ihre angespannte familiäre Vergangenheit und alte Konflikte. Aber auch unterschwellige Rivalitäten, Eifersüchteleien und Romanzen innerhalb der Gruppe finden ihren Platz im ersten Filmdrittel – und das ist eindeutig zu viel des Guten. Schließlich kann sich jede:r halbwegs genreerfahrene Zuseher:in von Beginn an ausmalen, welche der Figuren (Stichwort: Final Girl) am Ende übrigbleiben und dass Extremsituationen sich auseinandergelebte Menschen wieder zusammenführen, ist auch kein neues Filmmotiv. Hier hätte „Primate“ deutlich zweckdienlicher sein können. Schließlich dürfte keine der im Publikum sitzenden Personen ein Ticket für das im Film steckende Familiendrama gelöst haben, sondern für effektvolle Affe-jagt-Mensch-Action.

Lucy (Johnny Sequoyah) versucht, Ben mit Kreativität und List auszutricksen…

Dass Ben nicht etwa von einem echten Affen verkörpert wird, ist aus ethischer Tierschutz-Perspektive absolut lobenswert. Trotzdem muss man sich erst einmal daran gewöhnen, den in einem Kostüm steckenden Miguel Torres Umba als echtes Tier zu akzeptieren. Das Affenkostüm schwankt sichtbar zwischen erstaunlich effektiv und gelegentlich irritierend künstlich. Maske und Körperarbeit geben Ben eine physische Präsenz. In Bewegung, bei Angriffen und in  halbdunklen Bildausschnitten wirkt der Schimpanse bedrohlich, wuchtig und überraschend agil. Hier funktioniert das Kostüm fast wie ein klassisches Creature-Feature-Monster. Schwächen zeigen sich dagegen in ruhigeren Momenten und Nahaufnahmen. Hier bleibt vor allem die limitierte Mimik ein Problem. Auch Proportionen und Felltextur erinnern stellenweise zu sehr an einen Menschen im Anzug, was die Illusion bricht. Doch auch wenn das Kostüm beileibe kein Realismus-Wunder ist, fügt es sich in „Primate“ solide ein. So roh und handgemacht passt all das deutlich besser in den kompromisslosen B-Movie-Ansatz als eine glattpolierte CGI-Lösung. Doch auch wenn der Film einen gewissen Retro-Trash-Charme aufweist, sieht er am Ende doch erstaunlich „sauber“ aus. Die Kameraarbeit (Stephen Murphy, „Heart Eyes“) ist kontrolliert, die Ausleuchtung oft eine Spur zu edel und die Locations sehen eher nach gehobenem Streaming-Thriller aus als nach schmuddeligem Mitternachtskino.

„Statt den Affen als frei umherstreifende, allgegenwärtige Bedrohung zu inszenieren, sperrt sich der Film gewissermaßen selbst in sein Setting ein und beraubt sich damit jener räumlichen Eskalation, die dem ohnehin überschaubaren Szenario zusätzliche Wucht verliehen hätte.“

Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem auffällig zentralen Swimming-Pool-Setting, das den Film stärker limitiert, als es ihm guttut. Dabei ergibt es durch aus Sinn, dass die Figuren in „Primate“ Zuflucht im Wasser suchen, wo Schimpansen doch nicht schwimmen können. Und tatsächlich bietet der Pool als Schauplatz zunächst eine reizvolle, fast ironische Kulisse für eskalierende Gewalt. Leider nutzt sich diese räumliche Fixierung erstaunlich schnell ab. Große Teile der Handlung spielen in unmittelbarer Nähe desselben Ortes, wodurch „Primate“ an Dynamik verliert und der Horror vorhersehbarer wirkt, als er sein müsste. Statt den Affen als frei umherstreifende, allgegenwärtige Bedrohung zu inszenieren, sperrt sich der Film gewissermaßen selbst in sein Setting ein und beraubt sich damit jener räumlichen Eskalation, die dem ohnehin überschaubaren Szenario zusätzliche Wucht verliehen hätte. Das bedeutet jedoch nicht, dass Johannes Roberts nicht trotzdem einige sehr starke audiovisuelle Ideen hätte. Dass der von Troy Kotsur („Coda“) gespielte Vater etwa taubstumm ist, nutzt der Regisseur für eine verdammt effektive, dabei auf jedwede Geräuschkulisse verzichtende Szene, in der sich das Grauen still und heimlich im Hintergrund abspielt, während die Figur im Vordergrund überhaupt nichts davon mitbekommt.

Egal wie laut Lucy schreit: In dem abgeschiedenen Haus an der Klippe besteht kaum Chance auf Hilfe.

Fazit: „Primate“ ist ein widersprüchlicher, aber doch auch bemerkenswerter Genrebeitrag. Deutlich roher und brutaler als der übliche Studiohorror, zugleich jedoch zu kontrolliert, um sein volles B-Movie-Potenzial auszuschöpfen. Explizite Gewaltszenen, praktische Effekte und einzelne starke inszenatorische Ideen stechen hervor, werden jedoch durch erzählerische Umwege und eine visuell zu glatte Präsentation gebremst. So bleibt ein Film, der mehr wagt als viele Vergleichstitel, sich letztlich aber oft selbst im Weg steht.

„Primate“ ist ab dem 29. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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