28 Years Later: The Bone Temple

Was passiert, wenn nach Jahrzehnten der Apokalypse nicht mehr die Infizierten das größte Problem sind? 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE beantwortet diese Frage mit maximaler Konsequenz. Und stößt seine Welt dabei in eine ebenso verstörende wie faszinierende Richtung.

OT: 28 Years Later: The Bone Temple (USA 2026)

Darum geht’s

Nachdem er durch Zufall auf die extrem gewaltbereite Gemeinschaft der sogenannten „Jimmys“ trifft, ist der Überlebende Spike (Alfie Williams) gezwungen, sich ihnen anzuschließen. Angeführt vom charismatisch-wahnsinnigen Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell) lebt die Gruppe nach strengen Ritualen, in denen Gewalt, Inszenierung und Macht über Leben und Tod den Alltag bestimmen. Während die „Jimmys“ folternd und mordend durch die apokalyptische Welt ziehen, hat sich der Mediziner Dr. Kelson (Ralph Fiennes) von der brutalen Logik der neuen Welt abgewendet und versucht stattdessen, die Infizierten als Kranke zu verstehen. Mithilfe eines besonders entwickelten „Alpha“-Infizierten (Chi Lewis-Parry) will er einen medizinischen Durchbruch erzielen und die Krankheit heilen. Es dauert nicht lange, bis diese beiden grundverschiedenen Welten aufeinandertreffen…

Kritik

Es sind zwar erst zwei von drei Filmen erschienen, doch schon jetzt ist klar: Was die „28 Years Later“-Filme von den meisten Reihen ihrer Art unterscheidet, ist ihr bewusster Verzicht auf Kontinuität im klassischen Sinne. Zwar wurden der erste und zweite Teil back-to-back gedreht. Doch bereits der Wechsel der Regie – auf Danny Boyle folgt „Candyman“-Regisseurin Nia DaCosta – machte deutlich, dass es nie um eine einheitliche Handschrift oder die Fortschreibung einer klar umrissenen Heldenreise ging. Stattdessen funktioniert die Reihe eher wie eine lose verbundene Versuchsanordnung: Jeder Film greift denselben Ausgangspunkt auf, verschiebt jedoch Perspektive, Tonfall und gesellschaftliche Fragestellung. Damit stehen die „28 Years Later“-Filme in der Tradition ihrer beiden Vorgänger. Während „28 Days Later“ ein rauer, beinahe dokumentarisch anmutender Endzeit-Schocker ist, erweiterte „28 Weeks Later“ das Szenario zur bitteren Allegorie auf militärische Kontrollmechanismen und institutionelles Versagen. Zusammen mit „28 Years Later“ und „The Bone Temple“ teilen sich die Filme zwar ein Universum, verweigern aber ikonische Figuren, feste Regeln oder narrative Sicherheit. Stattdessen wird Zeit zum zentralen Gestaltungsmittel und die Reaktion auf die äußeren Umstände zum eigentlichen Thema.

Der infizierte Alpha Samson (Chi Lewis-Parry) und Dr. Kelson (Ralph Fiennes)

Bereits am Ende von „28 Years Later“ deutete sich ein radikaler Tonalitätswechsel an. Auf Nachfrage sprachen Regisseur Danny Boyle („Yesterday“) und sein Drehbuchautor Alex Garland („Warfare“) sogar davon, ihr Publikum aktiv provozieren zu wollen. Der Grund: Anstatt den Film auf der traurigen Note eines zuvor thematisierten Abschieds enden zu lassen, taucht in der aller letzten Szene plötzlich eine seltsame Gruppe von Überlebenden auf. Sie nennen sich die „Jimmys“ und werden angeführt von dem exzentrischen Sir Jimmy Crystal, der mit grell-blonden Haaren, farbigen Trainingsanzügen und auffälligem Schmuck auftritt. Gemeinsam mit seinen ähnlich gekleideten Gefährten tötet er vor den Augen des Jungen Spike eine Gruppe von Infizierten mit akrobatischen, beinahe kultisch anmutenden Kampftechniken. Entsprach Spike noch dem klassischen Figurentypus eines Survivors (darüber hinaus besitzt „28 Years Later“ viele Anleihen an einen klassischen Coming-of-Age-Film), erinnern die „Jimmys“ eher an eine sektenartige Gemeinschaft, deren Auftreten den Film abrupt in eine neue, verstörende Richtung rückte – und natürlich die Bühne für die Fortsetzung bereitete. Und so beginnt „28 Years Later: The Bone Temple“ auch mit genau jenen „Jimmys“ sowie einem brutalen Ritual: Wenn es Spike gelingt, einen aus ihrer Gruppe zu töten, darf er dessen Position einnehmen. Mit viel Glück gelingt ihm das sogar.

„Ohnehin könnte es manche Zuschauenden irritieren, dass dieser ’28 … Later‘-Film zwar seinem Titel alle Ehre macht, wohl aber längst nicht so viel Zombie-Action auffährt, wie seine drei Vorgänger. Stattdessen ist der zweite ’28 Years Later‘-Film mehr denn je eine Bestandsaufnahme dieser verlorenen Welt.“

Im Mittelpunkt von „The Bone Temple“ stehen nunmehr die „Jimmys“, die – ein bekanntes Motiv im Horrorkino – trotz ihres menschlichen Daseins weitaus gefährlicher anmuten als die um sie herum stattfindende Infizierten-Apokalypse. Ohnehin könnte es manche Zuschauenden irritieren, dass dieser „28 … Later“-Film zwar seinem Titel alle Ehre macht, wohl aber längst nicht so viel Zombie-Action auffährt, wie seine drei Vorgänger. Stattdessen ist der zweite „28 Years Later“-Film mehr denn je eine Bestandsaufnahme dieser verlorenen Welt, in der es jeder überlebenden Person freisteht, dieses Szenario für sich auszunutzen. Der wahnhafte Jimmy Crystal, den Jack O’Connell („Blood & Sinners“) so brillant widerwärtig verkörpert, dass man beim Blick auf seine Taten eine fast körperliche Wut verspürt, repräsentiert die groteske Verformung von Moral und Identität nach Jahrzehnten im Ausnahmezustand. Er steht für eine Generation, die die alte Welt nur noch als Mythos kennt und Gewalt nicht mehr als notwendiges Übel, sondern als ästhetisierten Selbstzweck begreift. Die Szenen, in denen er und sein Gefolge aus einer wahnwitzigen Vorstellung heraus (die an dieser Stelle nicht verraten sei) Menschen foltern und töten, sind in ihrer gezielt eingesetzten Drastik nur schwer zu ertragen. So paradox es klingt: „28 Years Later: The Bone Temple“ ist zwar der Film mit den wenigsten Zombies und zugleich der brutalste der gesamten Reihe, weil sich seine Grausamkeit weniger aus der Masse der Infizierten speist als aus der enthemmten Gewalt der Überlebenden selbst.

Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell) mit den „Jimmys“.

Jimmy Crystals grelle Erscheinung und sein kultartiges Auftreten machen ihn zur Karikatur eines Messias. Zu jemandem, der Ordnung und Gemeinschaft verspricht, diese aber ausschließlich aus Inszenierung, Narzissmus und ritualisierter Brutalität schöpft. Damit verkörpert Jimmy Crystal weniger Hoffnung oder Widerstand als vielmehr den Punkt, an dem Überleben endgültig in Wahnsinn und Ideologie kippt. Dem gegenüber steht die ebenfalls wiederkehrende Figur des Mediziners Dr Kelson. Er ist das bewusste Gegenbild zu den „Jimmys“ und repräsentiert eine andere, leise Form des Umgangs mit der Apokalypse. Wo Crystal Gewalt stilisiert und nach außen trägt, steht Fiennes’ Figur für Rückzug, Reflexion und ein beinahe archaisches Festhalten an Würde und Erinnerung. Seinen auf Nächstenliebe fußenden Versuch, Menschlichkeit nicht durch Dominanz zu behaupten, sondern durch Ordnung und die Akzeptanz des Verfalls, unterstreicht Fiennes mit seiner von tief moralischen Motiven geprägten Präsenz. Seine Performance ist gerade deshalb so kraftvoll, weil sie fast vollständig aus Zurückhaltung und innerer Spannung lebt und jede Regung wie ein bewusst gesetztes Zeichen wirkt. Gerade in der Stille, in Blicken und Pausen, macht er den moralischen Verschleiß dieser Welt spürbarer als jede explizite Gewaltdarstellung.

„Dr Kelson ist das bewusste Gegenbild zu den ‚Jimmys‘ und repräsentiert eine andere, leise Form des Umgangs mit der Apokalypse. Wo Crystal Gewalt stilisiert und nach außen trägt, steht Fiennes’ Figur für Rückzug, Reflexion und ein beinahe archaisches Festhalten an Würde und Erinnerung.“

Immer wieder springt das erneut von Alex Garland verfasste Skript zwischen den blutigen Eskapaden der „Jimmys“ und dem Handlungsstrang rund um Dr. Kelson hin und her. Schon im ersten Film wurde angedeutet, dass die Existenz der sogenannten „Alphas“ noch eine wichtige Rolle spielen wird. In „The Bone Temple“ verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Alphas eine weiterentwickelte, körperlich überlegene Form der Infizierten sind, die nicht mehr nur blind wüten, sondern erstmals ein rudimentäres Jagdverhalten und eine primitive Hierarchie zeigen. Wirkte es im ersten Film noch irritierend, dass Dr. Kelson einen seiner Angreifer nicht tötete, sondern nur betäubte, eröffnet sich einem im zweiten Teil das ganze Bild: Angetrieben vom medizinischen Kodex, Leben zu schützen, Schaden zu vermeiden und die Würde des Menschen zu achten, betrachtet er die Infizierten nicht mehr als Feinde, sondern als unheilbar Kranke und versucht, anhand eines von ihm „Samson“ getauften Alphas, eine medizinische Heilung zu finden. Seine aufrichtige Hoffnung, gepaart mit Aufopferungsbereitschaft und körperlicher Sanftheit machen aus Dr. Kelson eine der gütigsten Figuren im modernen Horrorkino.

Liegt in Samson die Lösung für alles?

Während Nia DaCosta inszenatorisch deutlich versierter vorgeht als ihr stilistisch wild hin und her springender Vorgänger, speist sich die Faszination für das Geschehen in „28 Years Later: The Bone Temple“ vornehmlich aus den tonalen Gegensätzen. Der Film lebt von der konsequenten Gegenüberstellung zweier radikal unterschiedlicher Handlungsebenen. Auf der einen Seite rohe Brutalität, Hoffnungslosigkeit und ideologischer Wahn. Auf der anderen eine fragile, beinahe anachronistische Vorstellung von Güte und Mitmenschlichkeit. Die blutigen Eskapaden der „Jimmys“ zeichnen eine Welt, in der Gewalt längst Selbstzweck geworden ist, während Dr. Kelsons leiser, auf Fürsorge und Ethik gegründeter Ansatz wie ein moralischer Fremdkörper wirkt. Gerade aus dieser Reibung entsteht bisweilen Hochspannung. Nicht, weil der Film einfache Antworten anbietet, sondern weil er Hoffnung und Grausamkeit unversöhnlich nebeneinanderstellt. „The Bone Temple“ wird so weniger zum klassischen Horrosequel als zu einer düsteren Meditation darüber, welche Haltungen dem Untergang standhalten könnten – und welche ihn nur weiter beschleunigen. Am Ende prallen beide Welten aufeinander und kulminieren in einem absoluten Wahnwitz-Finale, das man gesehen haben muss, um es zu glauben.

„‚The Bone Temple‘ wird so weniger zum klassischen Horrosequel als zu einer düsteren Meditation darüber, welche Haltungen dem Untergang standhalten könnten – und welche ihn nur weiter beschleunigen.“

Fazit: Mit ihrem bewussten Bruch mit erzählerischer Sicherheit und klassischer Franchise-Logik erwies sich die „28 … Later“-Reihe schon immer als ungewöhnlich konsequentes Experiment. „The Bone Temple“ ist dabei der bislang radikalste Beitrag: weniger Horror-Sequel als schonungslose Charakter- und Moralstudie, die durch extreme Gegensätze verstört und fasziniert zugleich. Gerade diese Kompromisslosigkeit macht den Film ebenso schwer erträglich wie bemerkenswert stark.

„28 Years Later: The Bone Temple“ ist ab dem 15. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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