Ein einfacher Unfall
Jafar Panahi dreht Filme, die zugleich Kunstwerke und Akte des Widerstands sind. Selbst unter Hausarrest und striktem Berufsverbot lässt er sich nicht zum Schweigen bringen. Mit EIN EINFACHER UNFALL zeigt er erneut, wie riskant politisches Kino sein kann. Doch hinter der mutigen Entstehungsgeschichte verbirgt sich ein Film, der zwischen Symbolkraft und erzählerischer Lebendigkeit schwankt.
Darum geht’s
Als Eghbal (Ebrahim Azizi) nachts mit seiner hochschwangeren Frau und seiner Tochter auf der Landstraße unterwegs ist, überfährt er versehentlich einen Hund. Auch sein Auto wird beschädigt, weshalb er eine nahegelegene Werkstatt aufsucht. Dort trifft er auf Vahid (Vahid Mobasseri), einen Automechaniker, der früher vom iranischen Regime inhaftiert und gefoltert worden ist. Als Vahid das leise Quietschen von Eghbals Beinprothese hört, ist er überzeugt, darin den Wärter zu erkennen, der ihn damals misshandelt hat. Er entführt Eghbal, fährt mit ihm in die Wüste und will ihn dort lebendig begraben. Während er jedoch gräbt, beginnt er an seiner Annahme zu zweifeln, denn Eghbal beteuert wiederholt, niemals in einem Gefängnis gearbeitet und sein Bein erst im letzten Jahr verloren zu haben. Vahid verwirft daraufhin seinen Plan, steckt Eghbal in eine Holzkiste und lädt ihn in seinen Lieferwagen, um ihn anderen ehemaligen Gefangenen zu zeigen und endgültige Gewissheit zu erlangen…
Kritik
Der iranische Regisseur Jafar Panahi ist international für seine künstlerische Brillanz und seinen mutigen politischen Stand bekannt. Seine Filme beleuchten gesellschaftliche Missstände, politische Repression und die Einschränkung von Freiheit im Iran. Aus diesem Grund wurde Panahi von der Regierung immer wieder mit Berufsverbot, Hausarrest und sogar Gefängnis bestraft. Trotz dieser Einschränkungen – seine Filme entstehen zumeist unter extrem restriktiven Bedingungen – schafft er Werke, die durch ihre Mischung aus realistischer, fast dokumentarischer Darstellung und subtiler, poetischer Bildsprache bestechen. Sie alle zeichnen sich durch eine intensive Nähe zu den Figuren, Alltagsbeobachtungen und eine feinsinnige Ironie aus, die gesellschaftliche und politische Themen auf eine persönliche und universelle Weise vermitteln. Filme wie „Taxi Teheran“ oder „This Is Not a Film“ sind nicht nur künstlerisch innovativ, sondern gelten auch als Akt des Widerstands, da Panahi mit ihnen das Sprechen über verbotene Themen erzwingt und so die Macht der Zensur herausfordert.
Auch seinen neuesten Film „Ein einfacher Unfall“ dürfte es eigentlich gar nicht geben. Zum Zeitpunkt seiner Entstehung stand Jafar Panahi bereits unter strikten Restriktionen durch die iranische Regierung, durfte offiziell überhaupt nicht drehen. Doch der Regisseur setzte seine Arbeit heimlich fort. Oft mit minimalem Equipment und improvisierten Mitteln. Vor allem die Gefahr einer ständigen Verhaftung musste Panahi aktiv in Kauf nehmen, um sein jüngst für den Golden Globe nominiertes, bereits auf zahlreichen Festivals vorgestelltes Werk vollenden zu können. So wurden viele Szenen unter realen Bedingungen mit Laiendarsteller:innen und versteckter Kamera gedreht. Zum einen, um eine authentische Wirkung zu erzielen. Zum anderen, um nicht die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen. Aufgrund dieser Entstehung wird „Ein einfacher Unfall“ selbst zu einem Akt des Widerstands – gegen genau jene Repressionen, unter denen der Regisseur zu leiden hatte.
„Der Film handelt von einem scheinbar banalen Ereignis, der sich allmählich zu größeren, schwerwiegenden Konflikten auswächst. Es ist ein Spiegelbild von Panahis eigener Erfahrung: jede künstlerische Handlung, so harmlos sie wirken mag, kann unter dem iranischen Regime drastische Konsequenzen nach sich ziehen.“
Auch der Inhalt von „Ein einfacher Unfall“ fungiert explizit als Metapher für Pahanis Lage als Regisseur unter Zensur. Der Film handelt von einem scheinbar banalen Ereignis (ebenjenem titelgebenden „einfachen Unfall“), der sich allmählich zu größeren, schwerwiegenden Konflikten auswächst. Es ist ein Spiegelbild von Panahis eigener Erfahrung: jede künstlerische Handlung, so harmlos sie wirken mag, kann unter dem iranischen Regime drastische Konsequenzen nach sich ziehen. Figuren, die versuchen, alltägliche Probleme zu lösen, während sie zugleich von äußeren Einschränkungen und gesellschaftlichen Regeln bedrängt werden, reflektieren die ständige Vorsicht, Kreativität und Subtilität, die Panahi beim Drehen unter Beobachtung aufbringen musste. So wird der „einfache Unfall“ selbst zu einer Metapher für die Unvorhersehbarkeit und das Risiko kreativer Arbeit in einem repressiven Umfeld. Keine Frage: Auf dieser (Meta-)Ebene ist „Ein einfacher Unfall“ ein beeindruckender Film, dessen Entstehungsgeschichte sämtliche Award-Nominierungen fast schon zu einer Selbstverständlichkeit machen. Als Geste an den Regisseur und als Anerkennung dessen Aufopferungsbereitschaft, sich für die Kunst in Gefahr zu begeben.
Abseits davon ist „Ein einfacher Unfall“ indes gar nicht so spannend, wie es die äußeren Umstände andeuten. Dass Panahi vorwiegend mit Laiendarsteller:innen dreht, um ein größtmögliches Maß an Authentizität, Natürlichkeit und unmittelbarer Präsenz zu erzeugen, erweist sich als erste große Hürde. Kaum eine:r von ihnen ist in der Lage, die notwendigen Emotionen aufzubringen, um das Erzählte beim Zuschauenden spürbar zu machen. Der bereits Schauspielerfahrung besitzende Ebrahim Azizi („The Cookbook“) spielt sich zwar hin und wieder in Rage, doch ohne das entsprechende Gegengewicht steht er mit seiner Präsenz allein auf weiter Flur. Das ist schade, da sich „Ein einfacher Unfall“ mit der Zeit immer mehr zum Ensemblestück entwickelt. Jede Figur besitzt ihre eigene symbolische Bedeutung die Panahis Situation und gesellschaftliche Themen reflektieren: Verursacher, Zeug:innen, Autoritäts- und Kontrollpersonen sowie Figuren der Unschuld machen „Ein einfacher Unfall“ zu einem Reigen von Beobachtungen über Macht, Angst und menschliche Verletzlichkeit.
„Trotz dieser dichten Symbolik und der klaren politischen Metaphern leidet ‚Ein einfacher Unfall‘ darunter, dass die echte Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit der Geschichte oft in den Hintergrund treten. Die Figuren wirken wie Träger von Botschaften als wie Menschen mit eigenständigen, lebendigen Persönlichkeiten.“
Doch trotz dieser dichten Symbolik und der klaren politischen Metaphern leidet „Ein einfacher Unfall“ klar darunter, dass die echte Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit der Geschichte oft in den Hintergrund treten. Die Figuren wirken eher wie Träger von Botschaften als wie Menschen mit eigenständigen, lebendigen Persönlichkeiten. Das geht auf Kosten des unmittelbaren Mitgefühls. Auch eine klassische narrative Spannung entsteht kaum. Viel zu oft driftet der Film in eine zu stark allegorische Ebene ab, auf der das politische Statement wichtiger wird als die natürlichen Abläufe der Handlung oder die Entwicklung der Charaktere. Auf der Zielgeraden geht es Panahi dann so sehr um das Aufrechterhalten seiner Allegorie, dass er die Glaubwürdigkeit der Situation und einzelner Charaktere dem symbolträchtigen Effekt opfert – was „Ein einfacher Unfall“ fast vollständig zerfasern lässt. Wo sich Panahis stärkste Filme normalerweise durch die Kunst der subtilen Beobachtung auszeichnen, tritt dies hier zugunsten der intellektuellen Aussage in den Schatten.
Fazit: „Ein einfacher Unfall“ beeindruckt vor allem durch Panahis Mut und Kreativität unter extremen Repressionsbedingungen, wobei der Film als kraftvolle Metapher für künstlerisches Schaffen unter Zensur funktioniert. Zugleich leiden narrative Spannung und emotionale Glaubwürdigkeit unter der starken Allegorie und der begrenzten Schauspielleistung der Laiendarsteller:innen. Insgesamt bleibt das Werk ein politisch und symbolisch bedeutender Film, der in erzählerischer und dramatischer Hinsicht hinter Panahis stärkeren Arbeiten zurückbleibt.
„Ein einfacher Unfall“ ist ab dem 8. Januar 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.



