Alfred Morettis Opus

Mark Anthony Greens Regiedebüt ALFRED MORETTIS OPUS hinterfragt die Auswüchse des Personenkults und erinnert dabei stark an Filme wie „Blink Twice“. Trotzdem kann der Filmemacher die Spannung konstant aufrechterhalten – bis zum ernüchternden Finale.

OT: Opus (USA 2025)

Darum geht’s

Zu ihrer großen Überraschung wird die Juniorredakteurin Ariel Ecton (Ayo Edibiri) zu einem riesigen Presseevent eingeladen. Der lange verschollene Superstar Alfred Moretti (John Malkovich) will sein musikalisches Comeback im Kreise einer Handvoll ausgewählter Journalistinnen und Journalisten irgendwo auf einem abgeschiedenen Anwesen feiern. Hier fährt seine Gefolgschaft die ganz große Show auf. Inklusive obskurer Darbietungen vermeintlich bahnbrechender, neuer Musikstücke, die sich jedoch eher als 08/15-Pop erweisen. Vor Ort angekommen, genießen Ariel und ihre Kollegschaft zunächst die Vorzüge von Luxussuite und Edeldinner. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass hier draußen nichts so ist, wie es scheint…

Kritik

Als die schwedische Erfolgsband ABBA 2021 ihr Comeback ankündigte, war die Begeisterung unter Musikfans zunächst groß. Auf zwei Singleauskopplungen folgte schließlich das lang ersehnte, neue Album von Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad. „Voyage“ kletterte in Deutschland und Großbritannien auf die 1 – doch dann war es das auch schon mit der großen Euphorie. Vielleicht auch deshalb, weil nach den oben genannten Releases nichts mehr folgte und eine Tour der Vier von vornherein ausgeschlossen wurde. Das Szenario in „Alfred Morettis Opus“ könnte gegensätzlicher nicht sein, obwohl es eigentlich von der gleichen Ausgangslage erzählt. Ein in diesem Fall nicht nur europa-, sondern weltweit bekannter Künstler kündigt seine Rückkehr ins Musikgeschehen an und nicht nur die Liebhaber:innen seiner Werke stehen Kopf, sondern mehr oder weniger die gesamte (Medien-)Welt. Doch weil die Veröffentlichung eines Songs respektive Albums natürlich heutzutage längst nicht mehr das Optimum an Aufmerksamkeit generieren würde, bettet der titelgebende Alfred Moretti sein Comeback in ein gigantomanisches Presseevent ein das natürlich nur ein Vorwand ist. Denn, so viel haben der Trailer und die bekannt gegebene Synopsis vorab bekannt gegeben: Die Ankündigung einer solchen Medienveranstaltung ist eine Falle. Eher früher als später gerät alles außer Kontrolle. Und aus „Alfred Morettis Opus“ wird ein finsterer Albtraum, irgendwo zwischen „Blink Twice“ und einer allzu ausufernden „Black Mirror“-Folge.

Die Jungjournalistin Ariel (Ayo Edibiri) merkt, dass an dieser Veranstaltung irgendwas faul ist…

Widmen wir uns zunächst dem ersten Vergleich. Das Regiedebüt von Zoë Kravitz sorgte im vergangenen Jahr nicht nur aufgrund seiner sämtliche Weinstein- und Epstein-Skandale kommentierenden Prämisse für Aufsehen. Die bis dato nur vor der Kamera präsente Schauspielerin legte in ihrem ersten Langfilm einen ungemeinen Stilwillen an den Tag, wie man ihn sonst eher von modernen Regisseur:innen wie etwa Jordan Peele kennt. Ein großes Verständnis für die Bedeutung von Farben und Bildgestaltung, ein hervorragendes Gespür für Rhythmus und musikalische Untermalung und nicht zuletzt die Fähigkeit, eine Dramaturgie zu entwickeln, die die Thematik bis zum Optimum ausreizt: All das machte „Blink Twice“ zu einem zwar nicht perfekten, wohl aber aufregenden Genrebeitrag, der Kravitz von jetzt auf gleich zu einer der aufregendsten Filmemacher:innen der Gegenwart machte. Auch der Regisseur und Autor Mark Anthony Green, der viele persönliche Erfahrungen in seinen Film hat einfließen lassen, legt mit „Alfred Morettis Opus“ (der im Original übrigens nur „Opus“ heißt) sein Debüt vor und punktet zunächst mit seinen audiovisuellen, und eben sehr stark mit „Blink Twice“ vergleichbaren Stärken, mit denen auch er eine Atmosphäre kreiert, die bis zu einem gewissen Punkt zum Zerreißen angespannt ist.

„Regisseur und Autor Mark Anthony Green legt mit ‚Alfred Morettis Opus‘ sein Debüt vor und punktet zunächst mit seinen audiovisuellen, sehr stark mit ‚Blink Twice‘ vergleichbaren Stärken, mit denen auch er eine Atmosphäre kreiert, die bis zu einem gewissen Punkt zum Zerreißen angespannt ist.“

Pressemeetings sind in der Regel eine eher trockene Angelegenheit. Das, was Green hier darbietet, besitzt dagegen einen fast schon futuristischen Touch. In Zukunft werden sich Künstlerinnen und Künstler immer größere Ereignisse ausdenken müssen, mit denen sie auf ihre neue Arbeit aufmerksam machen. Hier ist es der Besuch in einem riesigen Wohn- und Arbeitscamp, das entfernt an die abgeschotteten Lebensverhältnisse verschiedener Glaubensgemeinschaften erinnert. Und natürlich kommt einem da auch direkt der Begriff „Sekte“ in den Sinn – und bei denen weiß man ja nie so genau, wozu die so alles imstande sind. Aus genau dieser Ungewissheit zieht „Alfred Morettis Opus“ vor allem in der ersten Hälfte seine ganze Spannung. Irgendwas ist hier faul. Doch was, das lässt sich einfach nicht greifen. Nach und nach summieren sich die kleinen Ungereimtheiten in diesem vermeintlichen Paradies, in dem offenbar alle ein ideales Leben führen. Insbesondere kleine Beobachtungen wie ein der Hauptfigur Ariel auf Schritt und Tritt folgendes Zimmermädchen oder die, euphemistisch ausgedrückt, merkwürdigen Ankleidungsrituale inklusive Intimrasur sorgen für Unbehagen, gerade weil sie in ihrer Bedrohlichkeit so diffus sind. Erst später, vielleicht einen Tick zu spät eskaliert die Situation. Und genau das ist dann auch der Moment, in dem „Alfred Morettis Opus“ seine zuvor angesammelten Stärken nicht bis zuletzt ausspielen kann.

…und versucht, gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen, hinter das Geheimnis zu kommen.

Die von Ayo Edibiri („Bottoms“) gespielte Hauptfigur ist der emotionale Anker des Films. „Alfred Morettis Opus“ ist immer ganz nah dran an ihr, ihrer seelischen sowie körperlichen Verfassung. Edibiri spielt das in ihr hochkochende Unbehagen, das im letzten Drittel in blanke Panik umschwängt, nachvollziehbar und authentisch. Doch das darstellerische Highlight ist klar John Malkovich („Burn After Reading“). An seine wahnwitzige Performance, an der der zweifach oscarnominierte Schauspieler sichtbar Spaß hatte, muss man sich ein wenig gewöhnen. Das Ego der von ihm verkörperten Superstar-Figur ist riesig, er so gut wie nie richtig greifbar. Doch es macht Spaß, Malkovich beim völligen Freidrehen zuzuschauen, auch wenn dadurch keine echte Bedrohung von ihm ausgeht. Sein Charakter ist nie angsteinflößend. Das sind hier eher die Umstände. Doch leider ernüchtert die finale Erkenntnis von „Alfred Morettis Opus“. Um die Idiotie derartiger Promikults darzustellen, ist der Film an vielen Stellen zu plump respektive zu offensichtlich in dem, was er anprangert. Darüber hinaus lässt Green seinen Film auf eher unbefriedigende Weise ausplätschern, anstatt ihm im Finale noch einen Punch zu verleihen. Das lässt die Beweggründe für die ganze Show ein Stückweit banal erscheinen. Obwohl der Aufbau bis dorthin so intensiv und mitreißend geraten ist.

„Das darstellerische Highlight ist klar John Malkovich. An seine wahnwitzige Performance, an der der zweifach oscarnominierte Schauspieler sichtbar Spaß hatte, muss man sich jedoch erst ein wenig gewöhnen.“

Trotzdem sorgt Kameramann Tommy Maddox-Upshaw („White Men Can’t Jump“) für einige erinnerungswürdige Bilder. Da ist es dann auch nebensächlich, dass manche von ihnen nur allein deshalb existieren, um für einen kurzen Moment den Shock Value in die Höhe zu treiben, ohne dass sie irgendeinen logischen Sinn ergäben, geschweige denn etwas zur Handlung beizutragen hätten. Vielleicht ist das aber auch die naheliegende Konsequenz aus der Prämisse selbst: „Alfred Morettis Opus“ treibt die Verblendung vom „schönen Schein“ auf die Spitze – und genau dieser schöne Schein ist es letztlich, aus dem der Film seine größten Stärken zieht.

John Malkovich dreht als Megastar Alfred Moretti voll auf.

Fazit: Der Mysterythriller „Alfred Morettis Opus“ erinnert stark an dem im vergangenen Jahr erschienenen „Blink Twice“, sowohl von der Dramaturgie her als auch von der Ästhetik. Das macht die meiste Zeit über gar nichts, da die Atmosphäre reizvoll ist und die Anspannung mit der Zeit immer mehr ansteigt. Doch die Auflösung ist dann eher ernüchternd und hat dem zentralen Thema der Promi-Heroisierung nicht wirklich Neues hinzuzufügen.

„Alfred Morettis Opus“ ist ab dem 24. April 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?