Das Licht

All in oder gar nicht: Nach diesem Credo scheint Regisseur und Autor Tom Tykwer bei seinem Mammutprojekt DAS LICHT vorgegangen zu sein. Das zahlreiche Themen auftürmende, alle möglichen Genreeinflüsse in sich vereinende Familiendrama ist ein Unikat von Film – und so etwas wie die deutsche Antwort auf „Megalopolis“.

OT: Das Licht (DE/UK 2025)

Darum geht’s

In einer chicen Altbauwohnung im von Dauerregen heimgesuchten Berlin wohnt die Familie Engels: Vater Tim (Lars Eidinger) und Mutter Milena (Nicolette Krebitz) sind tief in ihrer Arbeit versunken, während die beiden Kinder Frieda (Elke Biesendorfer) und Jon (Julius Gause) irgendwie versuchen, in diesen schwierigen Zeiten wachsender Weltkrisen erwachsen zu werden. Zwischen diesen Fronten befindet sich außerdem Dio (Elyas Eldridge), Milenas Sohn aus einer früheren Affäre. Als die syrische Einwanderin Farrah (Tala al-Deen) fortan als Haushaltshilfe bei den Engels arbeitet, bringt ihr Blick auf die Dinge Gespräche ins Rollen und Themen aufs Tableau, die von der Familie lange totgeschwiegen wurden. Doch Farrah verfolgt auch ihre ganz eigenen Ziele – und die haben unter anderem mit einem geheimnisvollen Licht zu tun…

Kritik

Es scheint für Filmschaffende eine ideale Zeit zu sein, um lang gehegte, mitunter wahnwitzige Projekte endlich realisieren zu können. Kevin Costner hatte sein Westernepos „Horizon“ bereits auf vier Teile ausgelegt, da stand die Finanzierung (von der er einen Großteil selbst trug) noch gar nicht final fest. Ob der vierte Teil überhaupt gedreht werden kann, steht aktuell, nachdem die ersten beiden Filme sogar bereits erschienen sind, noch in den Sternen. Und Francis Ford Coppolas „Megalopolis“ erschien wie das Paradebeispiel für ein Alterswerk, für das sich der Regisseur alle nur erdenklichen Freiheiten nehmen konnte. Zum einen, weil er den Film selbst finanzierte, zum anderen, weil er niemandem mehr etwas beweisen muss. Sowohl „Horizon“ als auch „Megalopolis“ eint eine gewisse Form des Größenwahns – und aus deutschen Landen kommt nun so eine Art Pendant zu derart großgedachtem Kino daher. Vor allem wenn es darum geht, das Publikum damit auch vor den Kopf zu stoßen. Nichts Neues für den Autorenfilmer „Tom Tykwer“, der mit Werken wie „Cloud Atlas“ – einer Zusammenarbeit mit den nicht minder großdenkenden Wachowski-Schwestern – bereits gezeigt hat, dass seine inszenatorische Kreativität keinerlei Grenzen zu kennen scheint.

Im Berlin in „Das Licht“ regnet es immer – es sei denn, die Figuren flüchten sich in ihre eigenen Welten.

Sein „Das Licht“ ist ein durch und durch faszinierender, da einzigartiger Film geworden. Aber auch einer, währenddessen man immer sich immer mal wieder mit der flachen Hand vor die Stirn schlägt. Einfach weil man kaum glauben kann, mit welcher Chuzpe Tykwer hier seine verschachtelt-ausufernde Geschichte erzählt. Das beginnt schon bei den zahlreichen Genreeinflüssen, die er mit voller Wucht aufeinanderprallen lässt. Eine genaue Einordnung ist schwer. Es gibt das (Familien-)Drama, Musicalelemente, Fantasysequenzen und auch viele humoristische Momente. Dieses Auftürmen verschiedener, sich mitunter beißender Tonalitäten findet sich auch in den aufgegriffenen Themen wieder. Im Zentrum steht die sich auseinandergelebte Familie Engels. Er arbeitet in einer hochmodernen Werbeagentur, wie man sie heutzutage wohl als woke bezeichnen würde. Sie arbeitet als Entwicklungshelferin und finanziert mit ihrem Unternehmen verschiedene Projekte in Kenia. Der Sohn der Familie verbringt seinen Alltag in virtuellen Realitäten. Die Tochter zieht feiernd durch die Hauptstadt und ist – zumindest in der Theorie – eine Weltverbesserin, die zumeist mit Verachtung auf ihre beiden Eltern und deren Art, zu leben, herabblickt. Und dann ist da auch noch der Halbbruder der beiden Geschwister, der wöchentlich zwischen Vater und Mutter pendelt und sich in Stresssituationen in Fantasiewelten flüchtet, in denen er zu „Bohemian Rhapsody“ singt und tanzt…

„Es gibt das (Familien-)Drama, Musicalelemente, Fantasysequenzen und auch viele humoristische Momente. Dieses Auftürmen verschiedener, sich mitunter beißender Tonalitäten findet sich auch in den aufgegriffenen Themen wieder.“

Warum Tochter Frieda mit einem fremdartigen, dem ersten Eindruck nach zu urteilen vermutlich niederländischen Akzent spricht, ist eines von vielen Rätseln, die Tom Tykwer in „Das Licht“ aufwirft, ohne sie je zu beantworten. Vor allem aber stellt sich immer wieder die Frage, wie der Filmemacher all das unter einen Hut bringen will, was er in seinem Film anreißt. Denn mit der Beschreibung der Familie ist es längst nicht getan. Da ist ja noch das titelgebende Stroboskop-Licht, das sich sowohl symbolisch als auch wortwörtlich durch den gesamten Film zieht. Die neue Haushaltshilfe der Familie Engels lässt sich regelmäßig von einem solchen Licht bestrahlen und findet schon bald für jedes Familienmitglied einen Grund, sich selbst einmal davor zu setzen. Zumindest dieses Mysterium löst Tykwer am Ende auf und unterstreicht damit die Erzähldimensionen. Ein Schlussakt, in den visuell vermutlich ein Großteil des Budgets geflossen ist (neben den Tantiemen für „Bohemian Rhapsody“ natürlich!), überschwemmt einen im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Symbolik und rückt das zuvor Gesehene noch einmal in ein völlig neues und ziemlich dramatisches Licht.

Dass die von Elke Biesendorfer gespielte Tochter Frieda einen Akzent hat, ist eine von zahlreichen Ungereimtheiten in „Das Licht“. 

Überhaupt ist „Das Licht“ ein Film der ganz großen Gesten. Das Schauspiel des Ensembles schwankt wankelmütig zwischen theatralischem Overacting und subtiler Gefühlsregung hin und her. Es ist bisweilen auch ziemlich schwer mitanzusehen, wie hölzern und emotionsarm hier manche Dialoge vorgetragen werden. Und die Qualität schwankt nicht nur zwischen den verschiedenen Schauspielenden, sondern auch im Spiel jedes und jeder Einzelnen. Weitere Parallelen zu „Megalopolis“ finden sich in der Inszenierung, die in „Das Licht“ allerdings deutlich stärker einem Konzept folgt. Auch hier durchbrechen plötzlich an billige Neunzigerjahre-Musikvideos erinnernde Szenenmontagen das Geschehen, erfüllen hier aber zumeist den Zweck, das Innenleben der Figuren widerzuspiegeln. Trotzdem ist das längst nicht immer schön anzusehen. Auch die zwischendurch eingestreuten Musicalsequenzen unterliegen in der Ausführung der Choreographien qualitativ starken Schwankungen. „Das Licht“ ist nicht nur inhaltlich ein Film der Gegensätze, sondern auch in seiner Beschaffenheit.

Weitere Parallelen zu ‚Megalopolis‘ finden sich in der Inszenierung. Auch hier durchbrechen plötzlich an billige Neunzigerjahre-Musikvideos erinnernde Szenenmontagen das Geschehen, erfüllen hier aber zumeist den Zweck, das Innenleben der Figuren widerzuspiegeln. Das ist längst nicht immer schön anzusehen.“

Neben dem Drang, Familiendrama, Musical, Fantasyfilm und Komödie auf einmal zu inszenieren (und auch hier findet sich wieder die Parallele zu „Megalopolis“, wenn man das Gefühl hat, dass sich der Kreative hinter dem Projekt nie von irgendjemandem hat zu Kürzungen überreden lassen müssen), hat Tom Tykwer obendrein auch viel zu sagen. Zumindest in der Theorie, denn das, was er aufgreift, ist zwar aller Ehren wert, aber mitunter auch ziemlich platt. Seine Dialoge erinnern bisweilen an stur heruntergeratterte Pro-Contra-Debatten aktueller gesellschaftspolitischer Streitthemen. Darüber hinaus ist das Arsenal der angeschnittenen Thematiken immens: Klimawandel, das Für und Wider von Entwicklungshilfe, das komplexe Schicksal Geflüchteter, Selbstfindung, Patchwork, die erste Liebe, Beziehungskrisen sowie das Bewältigen ebendieser, Weltschmerz, fehlgeschlagene Kommunikation: Diese Menge ist so groß, dass es eigentlich gar keine Möglichkeit gibt, all das in einem einzelnen Film (und „Das Licht“ geht geschlagene 162 Minuten) so abzuhandeln, wie es angebracht wäre. Eine Relevanz in derartigen Debatten kann sich der Film daher nie arbeiten. Tykwer kratzt bloß an der Oberfläche, wofür man ihm in Anbetracht der beschränkten (Zeit-)Möglichkeiten aber noch nicht mal groß einen Vorwurf machen kann.

Sohn Jon (Julius Gause) flüchtet sich in seiner Freizeit in dreidimensionale Fantasywelten.

Irgendwie meint man, während des Schauens von „Das Licht“ Tom Tykwers Kill your Darlings-Dilemma nachzuempfinden. Gefühlt benötigt es in der Geschichte alles und nichts davon; Und genau dieses Gefühl des berauschten All In-Gehens ist es, was das Endergebnis auf seine ganz eigene Weise faszinierend macht. Wenn Kameramann Christian Almesberger („Babylon Berlin“) mit seiner Drohne durch das dauerverregnete Berlin (Achtung, wieder Symbolik!) schwebt, durch die Häuserschluchten rast und im nächsten Moment wieder ganz nah bei seinen Figuren ist, dann kommt dieses große Denken im Sinne der Kinoleinwand wieder ganz besonders zur Geltung. Doch im nächsten Moment ist da wieder die inhaltliche Leere, die immens schwankende inszenatorische Qualität und das von grandios bis katastrophal reichende Spektrum an Schauspielleistungen, die einen fassungslos vor der Leinwand zurücklassen. Trotzdem muss man „Das Licht“ gesehen haben, um zu glauben, dass so ein einzigartiger Film seinen Weg ins deutsche Kino gefunden hat.

„Irgendwie meint man, während des Schauens von ‚Das Licht‘ Tom Tykwers Kill your Darlings-Dilemma nachzuempfinden. Gefühlt benötigt es in der Geschichte alles und nichts davon; Und genau dieses Gefühl des berauschten All In-Gehens ist es, was das Endergebnis faszinierend macht.“

Fazit: Tom Tykwers „Das Licht“ ist die deutsche Antwort auf Francis Ford Coppolas „Megalopolis“. Und das ist in all seinen positiven wie negativen Facetten zu verstehen.

„Das Licht“ ist ab dem 20. März 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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