A Real Pain
Kieran Culkin und Jesse Eisenberg spielen große Rollen bei den diesjährigen Filmawards. Doch ihre Tragikomödie A REAL PAIN hätte enorm davon profitiert, die beiden Schauspieler in jeweils andersherum. So wird der Film über ein sich entfremdetes Cousinpaar auf den Spuren ihrer polnisch-jüdischen Herkunft zur waschechten Geduldsprobe.
Darum geht’s
Benji (Kieran Culkin) und David Kaplan (Jesse Eisenberg) haben sich als Cousins entfremdet. Doch nach dem Tod ihrer Großmutter beschließen die beiden, sich gemeinsam auf eine Reise durch Polen zu begeben, um nicht nur mehr über ihre jüdische Herkunft zu erfahren, sondern auch das Haus ihrer Oma zu besuchen. Auf ihrer Reiseroute sind die beiden, an völlig unterschiedlichen Schwellen ihres Lebens befindlichen Männer dazu gezwungen, einander wieder besser kennenzulernen. Doch vor allem Benji macht es seinem Bruder mit seiner lauten Art schwer, während an David partout kein Herankommen ist…
Kritik
Manchmal kann eine Castingentscheidung maßgeblich zum Gelingen oder eben Nicht-Gelingen eines Films beitragen. Die Besetzung von Brad Pitt als White Savior in „12 Years a Slave“ etwa gehört aufgrund der hier nicht geforderten Strahlkraft des Hollywoodstars zweifelsohne zu den Negativbeispielen. Doch im besten Falle verschwindet eine schauspielende Person so sehr hinter ihrer Rolle, dass man sich niemand Anderen darin vorstellen kann. Oder fällt euch auch nur irgendein adäquater Ersatz für Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“ ein? Jesse Eisenbergs „A Real Pain“ ist ein Paradebeispiel, um die Wichtigkeit des Castings für das Endergebnis zu veranschaulichen. Denn ursprünglich sollten Eisenberg („Justice League“) und sein Co-Star Kieran Culkin („Succession“) in die Rolle des jeweils anderen schlüpfen. Das wäre spannend gewesen. So aber zeigt „A Real Pain“ nicht nur zwei Schauspieler in allzu bekannten (und damit irgendwie auch uninteressanten) Rollentypen, sondern lässt diese auch noch so aufspielen, als befänden sie sich in völlig unterschiedlichen Filmen.

Benji (Kieran Culkin) und David Kaplan (Jesse Eisenberg) treffen sich seit lange Zeit wieder und haben gemeinsame Reisepläne…
Eigentlich besitzt Jesse Eisenberg einen sehr privaten Bezug zur Materie. Die Hintergrundgeschichte der beiden Männer mit polnisch-jüdischer Abstammung, die in ihr Herkunftsland reisen, um das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter zu besuchen, ist nah an jener des Regisseurs und Hauptdarstellers selbst. Für seinen Film nutzte er sogar das echte Wohnhaus seiner in Diaspora ansässigen Vorfahren – und tatsächlich ist das dann auch die Szene, die in „A Real Pain“ am meisten zu Herzen geht. Einfach, weil sie sich – wie sonst kaum etwas in dem Film – echt und authentisch anfühlt. Überhaupt ist das Einfangen der von den beiden bestrittenen Reiseroute gelungen. Die Zusammensetzung der vorwiegend jüdischen Reisegruppe, von denen jeder und jede andere Beweggründe hat, weshalb man sich mit „dem jüdischen Polen“ befassen möchte, wirkt zwar arg stereotyp zusammengewürfelt, sodass auch wirklich jede Argumentationsebene im Hinblick auf die eigene Vergangenheitsbewältigung ihre Erwähnung findet. Doch dank der Darstellerinnen und Darsteller hat man trotzdem das Gefühl, hier einer homogenen Menschentruppe beizuwohnen. Spannende Figurenausreißer gibt es indes nicht. Sie alle reagieren während der Reiseroute genau so, wie man es von den jeweiligen zu besichtigenden Stationen erwarten würde – aber was soll man auch Anderes machen, als im Anbetracht eines Konzentrationslagers nicht einfach stumm und fassungslos dazustehen?
„Jesse Eisenberg agiert als zurückhaltender Neurotiker in gewohnter ‚ein nachdenklicher Gesichtsausdruck‘-Manier. In dieser Rolle funktioniert der ‚The Social Network‘-Star zweifelsohne seit Jahren gut. Trotzdem wirkt sein David Kaplan hier wie eine Blaupause für exakt diesen Charaktertypus.“
Noch mehr als um die polnisch-jüdischen Wurzeln der beiden Hauptdarsteller, geschweige denn die jüdische Geschichte Polens, geht es in „A Real Pain“ um die beiden Hauptfiguren. Und die sind, wie eingangs erwähnt, eher mutlos bis sogar ziemlich ätzend besetzt. Jesse Eisenberg agiert als zurückhaltender Neurotiker in gewohnter „ein nachdenklicher Gesichtsausdruck“-Manier. In dieser Rolle funktioniert der „The Social Network“-Star zweifelsohne seit Jahren gut. Trotzdem wirkt sein David Kaplan hier wie eine Blaupause für exakt diesen Charaktertypus. Wer sich an diesem ohnehin längst sattgesehen hat, der dürfte von Eisenbergs Spiel hier in erster Linie angeödet sein. Trotzdem macht der Akteur seine Sache in gewohnt guter Manier, die auch gar nicht so sehr – und erst recht nicht negativ – ins Gewicht fallen würde, hätte sich Eisenberg mit Kieran Culkin nicht einen dem Film tonal komplett widersprechenden Schauspielpartner an seine Seite geholt. Auch Culkin überrascht mit seiner Performance nicht. Kennt man diese doch so eins zu eins aus der Erfolgsserie „Succession“. Allerdings ist die vielfach preisgekrönte TV-Show von ganz anderer Intention. Kurzum: „Succession“ als Ansammlung großer Egos ist wie gemacht für eine solch exaltierte Darstellung. In „A Real Pain“ wirkt sie, erst recht im Zusammenspiel mit Eisenberg, vor allem laut, ätzend und karikaturesk.

Gemeinsam geht es für die beiden auf eine Tour durch Polen, um mehr über ihre polnisch-jüdische Herkunft zu erfahren.
Dass „A Real Pain“ vor allem die Widersprüche der beiden sich entfremdeten Cousins herausarbeiten möchte, wird zwar deutlich. Doch Culkin wird als vollkommen von sich überzeugter, die Bedürfnisse seines Umfelds nie wahrnehmender Dampfplauderer Benji zur waschechten Geduldsprobe. Vor allem weil der auch für das Skript verantwortliche Eisenberg nie genau erkennen lässt, wie man zu Benji nun eigentlich stehen soll. Für einen sympathischen Außenseiter leistet er sich – mal direkter, mal beiläufiger – zu viele Ego-Trips, als dass man ihm diese nur allzu schnell verzeihen könnte. Auch die Versuche, die Unbekümmertheit seiner Figur als eine Art heimliches Vorbild der Marke „so wäre ich auch gern“ zu inszenieren, untergräbt der Film genauso wie anklingendes Mitleid, wenn sich Benji mal wieder missverstanden und einsam fühlt. Und Jesse Eisenberg? Über seinen David erfährt man nicht viel mehr, außer dass er schöne Füße hat (!) und glücklich mit Frau und Kind – und weit, weit weg von Benji – lebt. Vielleicht lässt sich das ja als ein sympathisches Understatement werten. Jesse Eisenberg überlässt in seinem eigenen Film lieber anderen die große Bühne. Und es scheint ja auch zu funktionieren: Gerade erst konnte Kieran Culkin für seine Rolle den Golden Globe gewinnen. Aber letztlich wurde hier vor allem viel und nicht gutes Schauspiel bewertet.
„Culkin wird als vollkommen von sich überzeugter, die Bedürfnisse seines Umfelds nie wahrnehmender Dampfplauderer Benji zur waschechten Geduldsprobe. Vor allem weil der auch für das Skript verantwortliche Eisenberg nie genau erkennen lässt, wie man zu Benji nun eigentlich stehen soll.“
Fazit: Kieran Culkin als die Karikatur eines ätzenden Dampfplauderers trifft auf Jesse Eisenberg im gewohnt verhuschten Neurotiker-Modus – eine widersprüchliche Konstellation, die in „A Real Pain“ nie zusammenfindet. Und erst recht nicht zu einem runden Film.
„A Real Pain“ ist ab dem 16. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.
