Heretic

Im Horrorthriller HERETIC darf Hugh Grant als irrer Psychopath seine Spielchen mit zwei jungen Frauen spielen, die eigentlich nur über ihren Glauben reden wollen. Dabei erweist sich das Konzept als deutlich spannender, als die zumeist ziemlich dröge Umsetzung.

OT: Heretic (USA/CAN 2024)

Darum geht’s

Die beiden Mormoninnen Schwester Paxton (Chloe East) und Schwester Barnes (Sophie Thatcher) ziehen von Haus zu Haus, um neue Mitglieder für ihre Glaubensgemeinschaft zu gewinnen. Im strömenden Regen erreichen sie das Anwesen des zuvorkommenden Mr. Reed (Hugh Grant), der sich selbst sehr gut mit Religion auszukennen scheint und die beiden interessiert hereinbittet. Während die Frauen auf den angekündigten Blaubeerkuchen von Mr. Reeds Ehefrau warten, verwickelt der undurchsichtige Mann sie in ein Gespräch über die Bigotterie des Glaubens – das eskaliert, als sich die Haustür nach draußen als verschlossen und Mr. Reeds Ehefrau als gar nicht existent erweist…

Kritik

In jüngerer Vergangenheit äußerte sich Schauspielstar Hugh Grant („Paddington 2“) wiederholt negativ zu gewissen Rollen. Im Falle seiner Performance als geschrumpfter, orangefarbener Oompa-Loompa wurde Grant mal wieder besonders laut. Auf einer Pressekonferenz gab er an, den Dreh gehasst und den Einsatz von Motion-Capture-Technologie als sehr unangenehm empfunden zu haben. Überhaupt hat Grant für seine vermeintlich weniger anspruchsvolle Rollen im Rückblick kaum noch etwas übrig. Sogar gegen seine kultige Tanzszene in der Weihnachtsromanze „Tatsächlich… Liebe“ wettert er mittlerweile. Insofern hat sein Mitwirken im Horrorthriller „Heretic“ fast schon etwas Trotziges der Kategorie „Wenn ich schon exzentrische Rollen spielen muss, dann lasst mich gefälligst völlig freidrehen!“; oder eben „Ich mach einfach, was ich will!“. Auch wenn man gespannt sein darf, wann sich Grant wohl diesmal negativ zu seiner mittlerweile Golden-Globe-nominierten Performance äußern wird.

Im strömenden Regen erreichen Schwester Paxton (Chloe East) und Schwester Barnes (Sophie Thatcher) das Haus von Mr. Reed…

Schön wäre es, wenn Hugh Grant in „Heretic“ dann auch wirklich freidrehen dürfte. Zumal das Horrorkino für den gebürtigen Londoner bis dato Neuland darstellt. Die Regisseure und Drehbuchautoren Scott Beck und Bryan Woods sind dagegen erfahrene Genrespezialisten, die etwa die Skripte zu „A Quiet Place“ und „The Boogeyman“ verfasst haben. Als Regisseure haben die beiden derweil den fiesen Feiertagsslasher „Halloween Haunt“ zu verantworten, der zwar keinen Kreativpreis gewinnt, wohl aber über seine extrem dichte Atmosphäre überzeugen konnte – und durch einige verdammt unheimliche Gruselclowns. In gewisser Weise wiederholen sich die Motive von „Halloween Haunt“ in „Heretic“. Der „Horrorclown“ ist hier Hugh Grant. Ohne Maskerade zwar, aber mit einem Auftreten, das die eigentlichen Beweggründe seiner Figur konterkariert. Das liebevolle Lächeln und seine Gastfreundschaft stehen im direkten Kontrast zu seinen späteren Taten. Seine Visage lockt an, sein Handeln schockiert – schon so ein bisschen wie das Konzept eines Horrorclowns. Darüber hinaus erweist sich die Atmosphäre, die in „Heretic“ vor allem von der labyrinthartig abgefilmten Hauskulisse ausgeht, als größter Pluspunkt eines Films, der ansonsten jedoch eher ein verklausuliertes Belehrungsprogramm abspult, anstatt die Möglichkeiten des Genres vollends auszunutzen. Die meiste Zeit über ist „Heretic“ schlicht und ergreifend ziemlich öde.

„Die Atmosphäre, die in ‚Heretic‘ vor allem von der labyrinthartig abgefilmten Hauskulisse ausgeht, erweist sich als größter Pluspunkt eines Films, der ansonsten jedoch eher ein verklausuliertes Belehrungsprogramm abspult, anstatt die Möglichkeiten des Genres vollends auszunutzen.“

Das beginnt schon bei der Charakterzeichnung der beiden weiblichen Hauptfiguren. Die Mormoninnen Schwester Barnes und Schwester Paxton ziehen in missionarischer Absicht von Haus zu Haus, um neue Mitglieder für ihre Glaubensgemeinschaft anzuwerben. Um zu realisieren, wie motiviert die beiden vollends hinter ihrem Glauben stehenden Frauen bei ihrem Vorhaben sind, genügt ein Blick auf die aufopferungsvollen Darbietungen der zwei Hauptdarstellerinnen Sophie Thatcher („MaXXXine“) und Chloe East („Die Fabelmans“). Trotzdem kommt das Skript nicht umhin, sie schon sehr früh eine durchscheinende Bigotterie in Bezug auf einzelne Bibel- und Religionsauslegungen formulieren zu lassen. Ein Dialog über Hardcore-Pornos legt wenig subtil die Tonalität von „Heretic“ offen. Denn auch im weiteren Verlauf kommen immer wieder absurde, vor allem popkulturelle Gleichnisse zum Einsatz, um den Sinn und Unsinn von Religionen aller Art (und damit ist wirklich aller Art gemeint!) zu hinterfragen. An der anfänglichen (und sicherlich nicht uninteressanten) Positionierung beider relevanter Parteien – den beiden Frauen und dem von Grant gespielten Mr. Reed – lässt der Film somit keinen Zweifel. Doch leider belassen es Scott Beck und Bryan Woods hierbei, verschieben die Figuren auf dem imaginären Schachbrett nur minimal.

…der die beiden sogleich in ein Gespräch verwickelt.

Das eigentliche Konzept lässt sich schon in der ersten halben Stunde leicht durchschauen und erweist sich darüber hinaus sehr schnell als redundant. Die Schwestern starten ihren Missionierungsversuch, Mr. Reed ist ihnen mit seinen philosophischen und psychosozialen Parabeln und Vergleichen voraus – zumindest immer so lang, bis sich auch er bisweilen in seinen Ansätzen verliert und sich manches Gleichnis eher als pseudo-philosophisch herausstellt. Dies sind mit Abstand die interessantesten Momente in „Heretic“, kommen aber leider nur selten vor. Stattdessen sind Mr. Reeds Monologe in diesem auch insgesamt sehr redseligen Film vollgestopft mit allerlei Popkulturanspielungen – vom Gesellschaftsspiel Monopoly bis hin zu Songtexten bekannter Evergreens. Redundant wird es nicht durch die immer wieder neuen Bildnisse, sondern dadurch, dass sie im Grunde alle das Gleiche auszusagen haben, indem sie die Scheinheiligkeit religiösen Glaubens und Fanatismus unterstreichen. Aber nicht mit einem Textmarker, sondern mit sämtlichen nur erdenklichen Farben. Das ist mal amüsant, meistens aber eher ermüdend. Zumal Beck und Woods auch kaum Neues zu der Thematik beizutragen haben. Da zeigt ein Edward Berger mit seinem Vatikanthriller „Konklave“ aktuell doch ein weitaus clevereres Verständnis dafür, Glauben zu demaskieren.

„Redundant wird es nicht durch die immer wieder neuen Bildnisse, sondern dadurch, dass sie im Grunde alle das Gleiche auszusagen haben, indem sie die Scheinheiligkeit religiösen Glaubens und Fanatismus unterstreichen.“

Den eingangs zitierten „freidrehenden Hugh Grant“ bekommen wir immerhin im letzten Drittel in voller Blüte präsentiert. Dann, wenn „Heretic“ immer abgefahrenere Haken schlägt und sich schließlich auch endlich von seinem immer drögeren Philosophiestundenkonzept entfernt. Was dann passiert, muss man allerdings auch erstmal schlucken. Zum einen, weil es den Willing Suspension of Disbelief bis aufs Äußerste ausreizt. Zum anderen, da es im direkten Kontrast zur vorherigen Tonalität steht. Die finale Pointe ergänzt die verbale Holzhammer-Message um eine körperliche, was zwar immerhin einen exaltierten Hugh Grant zur Folge hat, „Heretic“ aber vollends zerfasern lässt. Darüber hinaus ist Grant auch nicht so überzeugend, wie es die Golden-Globe-Nominierung vermuten lässt. Seine zukünftigen, abschätzigen Bemerkungen zu dieser Rolle meint man seinem Spiel bereits während des Films anzusehen. So richtig ernst lässt sich sein Mr. Reed jedenfalls nicht nehmen. Was eine Stärke sein könnte – die, denen man am wenigsten zutraut, überraschen einen schließlich oft am meisten. Aber hier steckt außer ein bisschen Grimassieren und Gestikulieren nur wenig dahinter.

Was führt Mr. Reed (Hugh Grant) im Schilde?

Fazit: Was die „Halloween Haunt“-Regisseure Scott Beck und Bryan Woods mit ihrer polemischen Glaubensanalyse und -Kritik aussagen wollen, ist von der ersten Minute an klar. Hieraus entwickelt sich ein zeitweise ganz amüsanter und aufgrund seiner stimmigen Kameraarbeit atmosphärischer Streifzug durch allerlei popkulturinspirierte Religionsparabeln, doch das eher unglaubwürdige Spiel Hugh Grants nimmt dem Film ebenso seine Gravitas wie die Tatsache, dass in „Heretic“ keinerlei Erkenntnisgewinn steckt.

„Heretic“ ist ab dem 26. Dezember 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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