Caddo Lake
Ein überraschender Mysterythriller in bester früher (!) M. Night Shyamalan-Manier – kein Wunder, dass im Falle von CADDO LAKE diese Assoziation so naheliegt. Schließlich hat der „The Sixth Sense“-Macher den im Rest der Welt direkt ins Streaming gewanderten Film produziert. Und das ist in diesem Fall endlich mal wieder ein Qualitätsversprechen.
Darum geht’s
Die achtjährige Anna (Caroline Falk) ist verschwunden! Von einem Tag auf den anderen ist das junge Mädchen nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Nun machen sich nicht nur ihre Eltern große Sorgen, denn das Sumpfgebiet des Caddo Lake birgt jede Menge Gefahren. Vor allem Annas Schwester Ellie (Eliza Scanlen) macht sich nach einem Streit Vorwürfe und beginnt mit der Suche. Dabei ist der Verbleib ihrer Schwester plötzlich gar nicht mehr das einzige Mysterium, das den Caddo Lake umgibt. Darauf stößt auch der grüblerische Außenseiter Paris (Dylan O’Brien), der ebenfalls von Annas Verschwinden mitbekommen und genau wie Ellie plötzlich auf ein Geheimnis stößt, das nicht nur seine Welt auf den Kopf stellt…
Kritik
Night Shyamalan ist aktuell sehr umtriebig. Allein in diesem Jahr hat er mit dem Thriller-Kabinettstückchen „Trap“ nicht nur eine eigene Regiearbeit veröffentlicht. Obendrein war er für das Debüt „They See You“ seiner Tochter Ishana Shyamalan als Produzent sowie kreativer Berater tätig und nahm diese Position nun auch bei „Caddo Lake“ ein – einem Mysterythriller von Logan George und Celine Held („Topside“). Natürlich immer im Rücken all dieser Arbeiten: Shymalans Produktionsfirma Blinding Edge Pictures. Und genau so wie Blumhouse für kostengünstig produzierten, häufig doch eher gefälligen Horror steht oder die Will-Ferrell-Adam-McKay-Schmiede Gary Sanchez Productions für ausgemachten Quatsch, bleiben sich Shymalans Werke auch dann in ihrem einheitlichen Grundton treu, wenn der gebürtig aus Indien stammende Filmemacher „nur“ als Produzent agiert. Blinding Edge Productions ist so etwas wie die Anlaufstelle für potenziell überraschendes, mit einem Anstrich des Übernatürlichen versehenes Mysterykino, in das „Caddo Lake“ nicht besser hineinpassen könnte.
Eigentlich würde es ausreichen, „Caddo Lake“ mit einer großen deutschen Netflix-Erfolgsserie zu vergleichen und sofort wüsste jeder und jede, welches konkrete Geheimnis in dem Film steckt. Vor allem seine Genreeinordung würde dies um Einiges erleichtern. Aber gleichzeitig würde man dem nichts ahnenden Publikum damit auch den Aha-Effekt vorwegnehmen. Denn wo Shyamalan bei seinen eigenen Filmen zuletzt zunehmend auf den einen großen Twist verzichtete – womit er natürlich auch wieder viele vor den Kopf stieß, die seinen Namen genau damit verbinden – erinnert „Caddo Lake“ nun umso mehr an Shyamalans Frühwerke. Mit dem Unterschied, dass der große Mindfuck-Moment hier nicht erst in der letzten Viertelstunde schwallartig über sein Publikum hereinbricht, sondern sich stattdessen wie ein Rinnsal durch den gesamten Film schlängelt. Er beginnt wie ein klassischer Vermisstenthriller: Ein Mädchen ist verschwunden und gleich mehrere Leute machen sich auf, die kleine Anna zu finden. Aus unterschiedlichen Perspektiven schildert „Caddo Lake“ ebenjene Suche, die schon für sich genommen spannend ist. Doch nach und nach wird sie von einem Geheimnis an den Rand gedrängt und die vermeintlich wichtigste Frage, nämlich ob das Mädchen wieder auftauchen wird, und wenn ja, ob tot oder lebendig, beantwortet der Film dann auch recht zügig.
„Das hier angewendete Motiv ward in dieser Art schon viel und häufig im Genrekino gesehen und ist nicht selten von massiver Kritik betroffen. Insbesondere wenn es um das Aufwerfen der Frage nach innerfilmischer Logik geht, könnte sich ‚Caddo Lake‘ schnell angreifbar machen.“
Im Kern geht es in „Caddo Lake“ nämlich um etwas völlig Anderes. Das hier angewendete Motiv ward in dieser Art schon viel und häufig im Genrekino gesehen und ist nicht selten von massiver Kritik betroffen. Insbesondere wenn es um das Aufwerfen der Frage nach innerfilmischer Logik geht, könnte sich „Caddo Lake“ schnell angreifbar machen – kann dann aber überraschenderweise genau damit punkten. Die Geschichte hält auch dem mehrfachen Drüber Nachdenken hervorragend stand und ergibt somit ein stimmiges Ganzes. Und dass man nach dem Film noch länger über „Caddo Lake“ nachdenken wird (oder muss!), liegt auch daran, dass die Kreativen hier ein nahezu halsbrecherisches Tempo auffahren. Es gibt kaum eine Szene, in der nicht irgendwas für die Handlung Relevantes verhandelt wird. Früh wird deutlich: Jeder Moment, jedes Wort, jede Kamerafahrt birgt die Möglichkeit, ein wichtiges Puzzlestück zu sein, das später nur an seinen richtigen Platz gesetzt werden will. Da ist die Gefahr groß, dass die ein oder andere Information einfach über die Zuschauenden hinwegfegt.
Dabei lohnt es sich nicht nur, aufgrund der inhaltlichen Ausmaße von „Caddo Lake“ gebannt auf die Kinoleinwand zu schauen, um bloß kein Detail zu verpassen. Auch das Setting des titelgebenden Sumpfgebiets ist – und nicht bloß aufgrund seines Seltenheitswerts – eine richtige Augenweide, die maßgeblich zur dichten Atmosphäre des Films beiträgt. Zwar merkt man „Caddo Lake“ sein offenbar nicht ganz so üppiges Budget an. Zumal der Film außerhalb Deutschlands direkt ins Streaming kam, hierzulande aber überraschenderweise im Lichtspielhaus landet. Den Bildern mangelt es hier und da an Opulenz und Tiefe (Kamera: Lowell A. Meyer, „Knock at the Cabin“), die rar gesäten Computereffekte fügen sich nicht immer stimmig ins reale Setting, alles wirkt wie (zweifelsohne gut gemachtes) Fernsehen, aber nur bedingt wie großes Kino. Und trotzdem kann sich „Caddo Lake“ voll entfalten. Insbesondere sein alles umfassendes Mysteryelement verleiht der Story eine ungeahnte Größe. Hinzu kommen eine Handvoll Darstellerinnen und Darsteller, die der Geschichte zusätzlich Gravitas verleihen. Die Geheimnisse rund um den Caddo Lake legen auch in den Figuren ungeahnte Facetten frei. An vorderster Front: „Maze Runner“-Star Dylan O’Brien, dessen Charakter Paris sich zwar bis zuletzt nicht in die Karten schauen lässt, dessen Unnahbarkeit aber nie stört, sondern ihn eher geheimnisvoll macht. Eliza Scanlen („Little Women“) mimt den offensiven Gegenpart ihres verschwiegenen Co-Stars und überzeugt als aufopferungsvolle junge Frau, die auf der Suche nach ihrer vermissten Schwester Unglaubliches entdeckt.
„Den Bildern mangelt es hier und da an Opulenz und Tiefe, die rar gesäten Computereffekte fügen sich nicht immer stimmig ins reale Setting, alles wirkt wie zweifelsohne gut gemachtes Fernsehen, aber nur bedingt wie großes Kino. Und trotzdem kann sich ‚Caddo Lake‘ voll entfalten.“
Fazit: Auch wenn es „Caddo Lake“ an den ganz großen Kino-Ausmaßen fehlt und er – wie überall sonst in der Welt – auch hierzulande einfach im Streaming hätte landen können, ist es doch schön, den im Stile von M. Night Shyamalans Frühwerken gehaltenen Mysterythriller auf der großen Leinwand zu erleben. Nicht nur aufgrund der tollen Kulisse, sondern auch, weil man so im besten Fall kein noch so kleines Detail versäumt.
„Caddo Lake“ ist ab dem 28. November 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.


