Rentierbaby

Die Tragik steckt zunächst nur im Detail. Eh sie sich über die sieben Folgen der Netflix-Serie RENTIERBABY kontinuierlich bahnbricht. Die auf den ersten Blick von Stalking handelnde Geschichte über einen erfolglosen Comedian und seine ihn auf Schritt und Tritt verfolgende Verehrerin ist eine gleichermaßen intensive wie schonungslos ehrliche Abhandlung von Traumata sowie die Schwierigkeit ihrer Aufarbeitung.

OT: Baby Reindeer (UK 2024)

Darum geht’s

Als die zurückhaltende Martha (Jessica Gunning) eines Tages in der Kneipe von Barkeeper Donny (Richard Gadd) auftaucht, ahnt der erfolglose Comedian nicht, dass seine Einladung auf einen Drink schwerwiegende Folgen für ihn haben wird. Fortan folgt ihm die sich als Anwältin der Reichen und Schönen ausgebende Frau auf Schritt und Tritt. Immer wahnhafter werden ihre Versuche, sich in das Privatleben des Mannes zu drängen, den sie fortan nur noch Rentierbaby nennt. Doch bis zu einer Anzeige vergehen ganze sechs Monate. Als sich Donny die Möglichkeit bietet, Martha endgültig aus seinem Leben zu verbannen, muss allerdings auch er einsehen, dass Martha für ihn längst mehr geworden ist, als bloß eine Stalkerin…

Kritik

Wenn zu Beginn eines fiktionalen Werks darauf verwiesen wird, dass die geschilderten Ereignisse auf wahren Begebenheiten beruhen, ruft das in einem heutzutage längst nicht mehr die damit beabsichtigten Gefühle hervor. Nicht zuletzt, weil sich die kreativen Köpfe hinter diesen True Stories immer wieder auch große Freiheiten nehmen, um ihre Geschichten zu erzählen. Wem läuft denn tatsächlich noch ein Schauer über den Rücken, wenn zu Beginn von „Conjuring“ davon die Rede ist, dass es Ed und Lorraine Warren tatsächlich gegeben und sich die nun folgende Filmhandlung auch ganz wirklich und in echt so zugetragen hat!? Im Falle der siebenteiligen Netflix-Serie „Rentierbaby“ mag man ebenfalls schnell wieder vergessen haben, dass all das Gezeigte mal so in der Art passiert ist. Doch mit fortlaufender Dauer sackt diese Information immer tiefer in einen hinein, bis sie es sich in der Magengrube endgültig gemütlich macht. Richard Gadd ist der Mann, um den sich alles dreht. Nicht nur in der Geschichte selbst, sondern auch vor und hinter den Kulissen. Gadd spielt die Hauptrolle des zu Beginn der Handlung noch erfolglosen Comedians Donny Dunn. Außerdem führte er Regie, fungierte als Produzent und schrieb das Drehbuch zu „Rentierbaby“. Und er ist auch derjenige, dem all das passierte, wovon er nun in leicht fiktionalisierter Form erzählt.

Donny (Richard Gadd) wäre gern ein erfolgreicher Comedian. Stattdessen arbeitet er hinterm Tresen eines Pubs.

„Rentierbaby“ macht keine Gefangenen. Es ist eine der aller ersten Szenen, in der das Skript Donny Dunn und seine spätere Stalkerin Martha zusammenführt. Sie sitzt allein am Tresen, hinter dem Donny als Barkeeper arbeitet – von seiner Comedy leben, das kann er noch nicht. Als sie ihm eröffnet, kein Geld für eine Cola zu haben und er ihr daraufhin einen ausgibt, verselbstständigt sich die Situation in rasender Geschwindigkeit. Zum einen, weil Gadd die sich intensivierende Beziehung der beiden im Zeitraffer vorantreibt – ein cleverer inszenatorischer Kniff, um Donnys Überforderung gleichermaßen zu veranschaulichen wie Marthas manische Euphorie über ihr Objekt der Begierde. Zum anderen hält sich die Serie dadurch nie zu lange an einem Zeitpunkt auf. „Rentierbaby“ umfasst gar mehrere Jahre, in denen beiden Charakteren so viel passiert, dass man als Zuschauer:in unweigerlich Angst vor dem Moment bekommt, in dem dieses fragwürdige Beziehungskonstrukt über den beiden zusammenbricht. Dass das Gezeigte unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuern muss, steht von Anfang an fest.

Dabei scheint es zunächst nicht so, als könnte es einem nahegehen, was später noch mit Martha passiert. Zu sehr gelingt es Schauspielerin Jessica Gunning („Pride“) in ihrer tadellosen Performance, alsbald reine Abscheu vor ihrer Figur hervorzurufen. Für einen kurzen Moment noch laut, unbeholfen und schlicht ungeübt in Sachen zwischenmenschlicher Interaktion wirkend, ist ihre Übergriffigkeit schnell unerträglich. Ohne jedwedes Schamgefühl drängt sie sich in das Leben des von ihr fortan fast nur noch „Rentierbaby“ genannten Donny, der zunächst gar nicht weiß, wie im geschieht. Auch ihm wohnt etwas Unbeholfenes inne; Irgendwo zwischen Mitleid mit einer offensichtlich einsamen, sich ob ihres trostlosen Lebens in Lügen verstrickenden Frau, Neugier und dem Spaß an der schmeichelhaften Aufmerksamkeit, die ihm Martha entgegenbringt. Denn genau das ist es, was ihm fehlt – nicht nur in seinem Job als Comedian.

Im Internet lernt Donny die hübsche Teri (Nava Mau) kennen, doch etwas in ihm sträubt sich gegen eine Beziehung mit der Transsexuellen.

Droht „Rentierbaby“ mit der dritten Folge, den Reiz dieses beklemmenden Wechselspiels zwischen Donnys Schockstarre und Marthas immer schwerer wiegenden Attacken – so taucht sie nicht nur täglich in seinem Pub auf und verfolgt ihn, sondern schickt ihm auch bis zu 200 E-Mails täglich – zu überspannen, wechselt Richard Gadd die Erzählperspektive. Völlig überraschend kommt das nicht. Wenn „Rentierbaby“ damit eröffnet, dass sich Donny auf dem Polizeirevier selbst die Frage stellen muss, weshalb er Martha erst nach einem halben Jahr anzeigt, ist klar, dass früher oder später die Antwort darauf folgen muss. Die Stalking-Thematik legt Gadd damit zwar noch nicht völlig ad acta – auch wenn er Martha in Folge vier nahezu ausklammert. Stattdessen lässt sich fast von einem Genrewechsel sprechen, wenn er auf einmal nicht länger die Geschichte einer Täter-Opfer-Beziehung erzählt. Zu ergründen, was Martha zu der Frau gemacht hat, die nicht nur Donny seit einem halben Jahr auflauert, sondern schon vor ihm mehrere Stalkingopfer hatte, wäre sicherlich auch ein spannender Ansatz gewesen. Doch die Frage was Tätern zu Tätern macht, strapaziert nicht nur der anhaltende Trend für True Crime über. Lieber erzählt Gadd von dem, was er selbst am besten kennt: von sich. Und so rollt er Donnys (und somit sein) Leben auf.

„Zu ergründen, was Martha zu der Frau gemacht hat, die nicht nur Donny seit einem halben Jahr auflauert, sondern schon vor ihm mehrere Stalkingopfer hatte, wäre sicherlich auch ein spannender Ansatz gewesen. Doch die Frage was Tätern zu Tätern macht, strapaziert nicht nur der anhaltende Trend für True Crime über.“

In Rückblenden erfahren wir von einem schwer traumatisierten Mann. Von einem Opfer schweren körperlichen sowie seelischen Missbrauchs. Plötzlich entdecken wir Querverweise zwischen Donnys bisweilen widersprüchlich wirkenden Verhaltensweisen und den Spätfolgen seiner Pein, die sich auch auf sein Privat- und besonders auf sein Datingleben auswirken. Dass Marthas beständiges Ringen um Donnys Aufmerksamkeit nicht nur die Folge einer psychischen Störung ist, sondern auch ein offensichtlicher Hilfeschrei, liegt auf der Hand. Dass jedoch auch Donnys Verhaltensweisen auf einem solchen Untergrund gebaut sind, legt die zweite Serienhälfte sukzessive offen – und macht „Rentierbaby“ zu einer hochkomplexen Analyse traumabedingter Spätfolgen. Alsbald verdichten sich die Vermutungen, dass Marthas Obsessionen längst nicht so einseitig sind, wie es die Ereignisse einen zunächst annehmen ließen. Und Donnys schonungslos ehrlicher Voice Over bestärkt diesen Eindruck. Marthas Bewunderung wird für ihn zur Wichsvorlage, sein Ergründen ihres Charakters nimmt manische Züge an. Und die Aussicht darauf, Martha mithilfe einer Polizeianzeige tatsächlich von seinem Leben fernzuhalten, löst in ihm eine noch größere Angst aus als vor Martha selbst.

Martha (Jessica Gunning) erwartet Donny täglich an der Bushaltestelle vor seiner Wohnung.

Das alles stößt uns als Zuschauerin und Zuschauer unweigerlich vor den Kopf. Schien „Rentierbaby“ doch zunächst auf unser Mitleid mit Donny abzuzielen, der nie etwas dafür konnte, als Marthas Stalkingopfer auserwählt zu werden. Doch plötzlich wirken die Nachwirkungen seiner traumatischen Erfahrungen wie ein Brandbeschleuniger auf die Situation und führen mehr und mehr zusammen, was sich auf eine komplex-widersprüchliche Weise vielleicht doch gesucht und gefunden hat. Wie es für Martha so weit kommen konnte, daran ist „Rentierbaby“ schlussendlich weniger interessiert. Richard Gadd belässt es bei Andeutungen. Vielleicht auch, um nichts in seine Figur hineinzuinterpretieren, was sich schlussendlich nicht belegen lässt. Lediglich die Bedeutung des Serientitels lässt einen in der letzten Folge für einen kurzen Moment hinter Marthas Fassade blicken, deren Gefühlsleben bis zuletzt rätselhaft verworren und undurchdringlich bleibt. Donny dagegen hat sich bis zum Serienfinale vollends entblößt. In der aller letzten Einstellung treibt Gadd die Wahrnehmung seiner beiden Hauptfiguren noch einmal kongenial auf die Spitze und löst sich vollends von jedweden Täter-Opfer-Fragen. Manchmal führt schon eine falsche Entscheidung zu völliger Eskalation. Und manche wissen vielleicht gar nicht mehr, wie sie in eine solche hineingeraten sind.

Fazit: Wenn aus der anfänglich vorhersagbar anmutenden Stalking-Geschichte mit der Zeit eine komplexe Abhandlung über Traumata und Spätfolgen von Missbrauch wird, läuft die achtteilige Netflix-Serie „Rentierbaby“ zur Höchstform auf.

„Rentierbaby“ ist bei Netflix zu sehen.

One comment

  • Schönes Review einer bemerkenswerten Serie. Bei Folge 4 – dem Rückblick auf die Vorgeschichte – war ich zuerst leicht enttäuscht, aber wie es am Ende einen ganz anderen Blick auf die Ereignisse ermöglicht, war super.
    (Es sind nur 7 Folgen.)

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