Saw X
Zwischen dem ersten und zweiten Teil angesiedelt, erzählt der zehnte Teil der berühmt-berüchtigten Horrorfilmreihe „Saw“ erstmals direkt aus dem Innenleben einer Horrorikone heraus, deren frühes Ableben dem Franchise einst ziemlich schadete. Das macht SAW X überraschenderweise zu einem der besten Filme der Reihe.
Darum geht’s
Gerade eben hat John Kramer (Tobin Bell) alias Jigsaw sein erstes „Spiel gespielt“. Nun geht es für ihn nach einer erschütternden Krebsdiagnose nach Mexiko. Dort hofft er einer experimentellen medizinischen Behandlung auf Genesung. Die Hoffnung auf eine Wunderheilung treibt ihn an. Doch stattdessen entdeckt er, dass die gesamte Operation ein teuflischer Betrug und seine vermeintlichen Helferinnen und Helfer nichts als Scharlatane sind. Mit einem neuen Ziel vor Augen kehrt der berüchtigte Serienmörder zu seiner Arbeit zurück: Er dreht den Spieß um und zieht die Betrüger auf seine ganz eigene, hinterhältige und raffinierte Art zur Rechenschaft. Unterstützung erhält er dabei von seinem früheren Opfer Amanda (Shawnee Smith), die der Ärztin Cecilia Pederson (Synnøve Macody Lund) und ihren Gehilfen qualvolle Stunden bereiten wird…
Kritik
Wenn man der „Saw“-Reihe von ihrem ersten Film aus dem Jahr 2004 bis hin zu Teil 7 von 2010 etwas nicht vorwerfen kann, dann, dass sie sich selbst immer treu geblieben ist. Der Fokus auf fiese Folterfallen, die den Lebenswillen ihrer Opfer testen sollen, eingebettet in eine mit der Zeit immer weiter ausufernde und konstruiertere Thrillerhandlung, hat viele Jahre (und pünktlich zu Halloween) immer das geboten, was die Fans spätestens seit Teil 2 von ihr erwarteten. Sieben Jahre nach dem vermeintlichen Ende „Saw 3D – Vollendung“ schien das Studio plötzlich die stets verlässlichen Einnahmen aus dem Franchise zu vermissen. Also wurden die durch Filme wie „Daybreakers“ und „Predestination“ bekannten Spierig-Brüder Peter und Michael damit beauftragt, die Jigsaw-Saga fortzusetzen. Dem Erfolg hat’s zwar nicht geschadet (der simpel „Jigsaw“ betitelte Film spielte das Zehnfache seiner Produktionskosten wieder ein), doch die Kritiken fielen weltweit vernichtend aus. Kein Wunder: In der mehr denn je hanebüchenen Story konnten sich nicht einmal mehr die hier durch und durch harmlosen Folterfallen zum Highlight emporschwingen. Und der kurze Auftritt von Tobin Bell als John Kramer grenzte an eine Frechheit. Seine vollständige Abwesenheit in der Neuauflage „Saw: Spiral“ wirkte da sogar konsequenter. Die Erkenntnis, dass sich Kramer längst zu einer modernen Horror-Ikone entwickelt hat, dürfte vermutlich der Grundpfeiler für die Entwicklung von „Saw X“ gewesen sein. Hier darf dieser nämlich erstmals so im Mittelpunkt stehen, wie es die Figur nicht nur verdient, sondern auch seit jeher hergegeben hat. Und siehe da: Auf die emotionale Verbundenheit mit der Hauptfigur zu setzen, funktioniert sogar dann, wenn diese ein brutaler Folterknecht ist. Damit gelingt es der „Saw“-Reihe zum ersten Mal so richtig, ein moralisches Dilemma heraufzubeschwören, das die bisherigen Filme zwar allesamt vor sich hertrugen, aber nie eindringlich umzusetzen vermochten.

Die Folterfalle vom Filmplakat kommt tatsächlich zum Einsatz – wenn auch nur in John Kramers Vorstellung.
Wer nun befürchtet, mit „Saw X“ mehr Charakterdrama als Torture-Horror serviert zu bekommen, braucht sich an dieser Stelle allerdings keine Sorgen zu machen. Zwar rückt das erste Drittel des Films näher als sonst an John Kramer heran und erzählt die Ereignisse vornehmlich aus seiner persönlichen Perspektive. Den ersten Kontakt mit einer seiner berühmten Fallen macht das Publikum trotzdem schon nach rund einer Viertelstunde. Die auch für das Filmplakat herhaltende Vorrichtung, in der dem Opfer mit Hochdruck die Augen aus dem Schädel gesaugt werden, wird zwar nur in Kramers Fantasie zum Laufen gebracht. Das Ergebnis bekommt man als Zuschauer:in dennoch in voller Länge zu sehen. Darüber hinaus erhält man durch diese Szene einen noch detaillierteren Einblick in John Kramers verschobenes Moralverständnis: Als er einen Krankenpfleger dabei beobachtet, wie dieser sich an den Wertsachen eines Patienten zu vergreifen scheint, spielt Kramer im Geiste ebenjene Falle durch, nur um den Gedanken daran sofort wieder zu verwerfen, als das Opfer in spe seine Beute zurücklegt. Das schürt natürlich nur bedingt Sympathien für den Fallenkonstrukteur, aber es legt sukzessive seine Denkweise offen, die in den bisherigen Filmen vornehmlich auf vage bleibenden Monologen basierte. Auch ein kurzer Moment auf einer Parkbank hinterlässt Eindruck: Infolge seiner vermeintlich geglückten Krebsoperation beendet John Kramer die Pläne für eine weitere Falle und schmeißt den Zettel mit der Skizzenzeichnung in den Müll. Subtil geht anders. Doch solche Szenen reichen im „Saw“-Kontext für ein nachvollziehbar-rundes Bild des Jigsaw-Killers, um mit ihm mitzufiebern. Und sei dies nur stellvertretend für all jene Menschen, die selbst schon zum Opfer von Betrügern, Scharlatanen und selbsternannten Wunderheiler:innen geworden sind.
„Zwar rückt das erste Drittel des Films näher als sonst an John Kramer heran und erzählt die Ereignisse vornehmlich aus seiner persönlichen Perspektive. Den ersten Kontakt mit einer seiner berühmten Fallen macht das Publikum trotzdem schon nach rund einer Viertelstunde.“
Schon in den bisherigen Filmen wählte der Jigsaw-Killer seine Opfer anhand ihres gesellschaftlichen, charakterlichen oder strafrechtlich relevanten Fehlverhaltens aus. Die größte Ausbreitung dessen erfolgte in „Saw VI“, als sich dieser Menschen vornahm, die für eine Krankenversicherung über die Genehmigung von Behandlungen entscheiden dürfen – und einst jene John Kramers ablehnten. In der Theorie hätte schon dieser Versuchsaufbau ähnliche, ambivalente Emotionen auslösen können wie nun auch „Saw X“. Doch die Verbindung zwischen dem moralisch fragwürdigen Verhalten der Opfer und deren Einfluss auf Kramers Leben blieb in „Saw VI“ bloße Behauptung. Diesmal bekommen wir alles mit. Von den höchst verwerflichen Methoden der vermeintlichen Heiler:innen über ihr Spiel mit der Hoffnung von Krebspatienten bis hin zu John Kramers maximaler Verzweiflung, die ihr Ventil einmal mehr in der Kreation eines kranken Folterspiels findet. Dass die Drehbuchautoren Pete Goldfinger und Josh Stolberg (schrieben schon gemeinsam die Skripte zu den beiden Vorgängerfilmen) das Publikum schon früh im Film mit dem Sadismus des Jigsaw-Killers konfrontieren, kann auch als eine Art Erinnerung gedeutet werden: Sympathisiert bloß nicht zu sehr mit diesem Mann, der zwar ein mitleidserregendes Betrugsopfer geworden ist, gleichwohl mit seinen fragwürdigen Methoden, Menschen den Lebenswert ihrer Existenz aufzuzeigen, nicht minder Schmerz und Leid in die Welt gebracht hat. „Saw X“ schürt also kein Verständnis für die Taten an sich, macht Kramer als Figur allerdings nahbarer. Ob wir auch tatsächlich mit ihm mitfühlen, bleibt allein dem Publikum überlassen. Die notwendige Gravitas, um eine solch kontroverse Figur auszufüllen, besaß Tobin Bell („Die Firma“) immer schon.

Amanda Young (Shawnee Smith), ehemalige Überlebende des Jigsaw-Killers, geht quasi bei John Kramer in die Lehre.
Für die weniger an Charakterentwicklung interessierten Zuschauerinnen und Zuschauer bietet die zweite Filmhälfte genau das, was sie von der „Saw“-Reihe ab Teil zwei gewohnt sind. Ohne den kompletten Versuchsaufbau (und den – franchisetypisch – finalen und leider recht vorhersehbaren Twist) vorwegzunehmen, wandelt der schon für „Saw VI“ und „Saw 3D – Vollendung“ zuständige Regisseur Kevin Greutert auf bekannten Pfaden. Gemeinsam mit Kameramann Nick Matthews („Mob Land“) kreiert er zunächst ein mehr als klischeehaftes Bild von Mexiko – inklusive dunkelgelben Farbfilter. Dabei wurde eigentlich ohnehin an Originalschauplätzen gedreht. Verlagert sich die Handlung schließlich in die vier Wände eines stillgelegten Fabrikgebäudes, kommt indes der typische „‘Saw‘-Look“ hervor. Zwar sieht das alles insgesamt hochwertiger aus als insbesondere die ersten Filme der Reihe. Das schmälert jedoch nicht die aus den Vorbildern bekannte Grittines. Auch bei der Darstellung der Fallen selbst geht es wieder ans Eingemachte. Die vornehme Zurückhaltung der letzten beiden Franchisebeiträge macht Greutert vergessen. Hier wird es gewohnt blutig, schmierig und auch auf der Tonspur so richtig schön widerlich. Eine etwaige Indizierung wie sie ein Großteil der „Saw“-Filme in ihrer ungekürzten Fassung erfahren hat, steht bei „Saw X“ allerdings kaum zu befürchten. Dafür kommen die Fallen hier ohne die Anklänge einer Perversion aus, wie sie vor allem „Saw III“, „Saw VI“ und „Saw V“ besaßen. „Saw X“ ist ergo nicht der krasseste Film der Reihe, wohl aber einer der rundesten. Und mit dem Vorwissen auf die bevorstehenden Ereignisse in „Saw II“ bis „Saw 3D – Vollendung“ hält der Film obendrein das ein oder andere Easter Egg parat. Letztlich zählt aber ohnehin nur, dass John „Jigsaw“ Kramer nach seinem frühen Ausscheiden aus der Reihe endlich jene Aufmerksamkeit erfährt, die er verdient. Dafür hat seine Performance das moderne Horrorkino einfach zu sehr geprägt.
Fazit: Dem Fokus auf John Kramer alias Jigsaw sei Dank, erweist sich der für die Reihe gewohnt brutale „Saw X“ als einer der besten Filme der Reihe – vor allem deshalb, weil das moralische Dilemma, ob man nun doch eher mit einem Killer oder aber mit seinen Opfern mitfiebert, hier präsenter ist als in sämtlichen Vorgängerfilmen, in denen das nur Behauptung war.
„Saw X“ ist ab dem 30. November 2023 in den deutschen Kinos zu sehen.

Hallo Antje,
ich habe kein Twitter, schau da aber ab und zu rein, um zu gucken, ob meine Lieblingskritiker wieder was machen, das mir entgangen ist. Da sind mir deine Tweets ins Auge gestochen, die nach Feedbackwunsch zu deiner Arbeit klingen. Also poste ich meine Wünsche einfach in die Kommentare deiner Seite. Hoffentlich guckst du hier noch vorbei.
Am allerliebsten hätte ich wieder Texte von dir und mehr Podcasts. Du schreibst so vollumfänglich – über Story, Look, Sound, Emotion, Aussage und Hintergründe eines Films. Und das so verständlich. Super schade, dass du selten noch schreibst. In KinoPlus bist du die vernünftige, nicht schon vor Jahrzehnten eingeschlafene Stimme in dem ganzen Nostalgiegerede. Das ist auch mal informativ, da die Jungens ja sich in ihren Lieblingsbereichen auskennen. Aber halt auch nichts neues in der Filmkritik. Und bei Filmgedacht beweisen du und Sydney, dass Filmkritik mehr ist als „Joah, war gut“ und „Neee, war zum Kotzen“. Ihr seid so passioniert und klug, ohne diese Arroganz von Marko oder Schmitt Junior. Und ihr bleibt beim Thema, anders als David und Robert, die besonders gerne von sich reden. Alles Leute, die ich schnell aufgegeben habe. Außer, wenn sie Filme bereden, die mich interessieren. Da werde ich schwach.
1 Stunde Horror ist noch nicht ganz meins. Da schrammt ihr doch nah am Anekdotenrunterrattern herunter. Aber aus Sympathie für dich und Thilo als tollen Filmemacher (hast du eigentlich je wo über seine Filme gesprochen oder geschrieben? Wäre toll) bleibe ich am Ball. Ist ja auch nur eine Folge im Monat. Das hört sich weg.
Youtube gewinnt garantiert deine Umfrage. Finde ich schade. Das ist immer so inhaltsleer. Finde da dein Talent, das du in deinen Texten und Podcasts beweist, verschwändet. Und für mich ist es anstrengend, dass das aufwendigste Medium den wenigsten Inhalt bietet. Ich habe eine Kritik schneller durchgelesen als ein Standard-Youtubevideo gekuckt und einen Podcast kann ich beim Sport oder im Bus und in der Straßenbahn hören. Youtube erfordert so viel Zeit und Aufmerksamkeit. Und dann ist es nur Geplenkel. Wenigstens sind du und Mirco nicht so vulgär wie die meisten deutschen Youtuber. Weiter so.
Ich fürchte, du liest das nicht oder ich bin eine Minderheitenstimme, weshalb du nicht auf mich hören wirst. Aber ich mag dich wissen lassen, dass du eine fähige Kritikern bist und es schade wäre solltest du aufhören. Oder nur noch Youtube. Natürlich steckt da das große Geld (denke ich. warum sonst machen das alle?). Und bevor du gar nix machst, mach das. Aber da du uns schon nach Meinung fragst. Das ist meine.
Danke für die gute Arbeit.
Hochachtungsvolle Grüße aus Köln. (Deine alte Konkurrenz sitzt wenige Meter neben meinem Stammsupermarkt. Ulkig.)