Der unsichtbare Gast

Der spanische Regisseur Oriol Paulo liefert mit DER UNSICHTBARE GAST seinen nächsten Thriller-Hit, nachdem er das Publikum schon mit „The Body – Die Leiche“ so herrlich spannend an der Nase herumgeführt hat. Hierzulande kommt der Film nicht in die Kinos. Warum das so schade ist, verrate ich in meiner Kritik.Der unsichtbare Gast

Der Plot

Ein verschlossener Raum, eine Leiche und ein dringend Tatverdächtiger: Der erfolgreiche Geschäftsmann Adrián Doria (Mario Casas), gleichzeitig der Liebhaber der Toten. Frau und Tochter hat er in der Folge bereits verloren, ebenfalls den Kampf um die öffentliche Meinung. Bis die Anwältin Virginia Goodman (Ana Wagener) an seine Tür klopft – mit neuem Zeugen und neuen Fragen im Gepäck. Der Beginn eines nervenaufreibenden Katz- und Mausspiels, in dessen Verlauf die Geschichte von Adrián immer neue Löcher, aber auch immer neue, atemberaubende Wendungen erhält.

Kritik

Liebhabern des spanischen Kinos dürfte der Name Oriol Paulo bereits ein Begriff sein. Zunächst mit „Julia’s Eyes“, vor allem aber mit seinem pfiffigen Twist-Ride „The Body – Die Leiche“ machte sich der gebürtig aus Barcelona stammende Regisseur vor allem einen Namen unter Thriller- und Horrorfans. Besonders amüsant ist die Anekdote, dass ein Kino-Betreiber während einer Festival-Vorstellung von „The Body“ anbot, jenem Zuschauer ein Getränk auszugeben, der noch vor Filmende auf die Auflösung der Geschichte käme. Müßig zu erwähnen, dass der Veranstalter nicht pleite gegangen ist, sondern sich vielmehr an den verdutzten Gesichtern der Zuschauer erfreuen durfte. Paulo hat es sich zur Aufgabe gemacht, gewitzt mit den Erwartungen des Publikums zu spielen und so viele wilde Haken zu schlagen, dass man sich nie sicher sein kann, worauf die Geschichte eigentlich hinauslaufen könnte. Der große Reiz daran: Trotz der diversen Turn-Arounds und Plottwists bleibt die Storyentwicklung immer nachvollziehbar. Wenngleich man spätestens mit Einsetzen des Abspannes erkennt, dass all das vorab schon ganz genau konstruiert werden musste, damit es am Ende auch aufgeht. Zum Miträtseln sind Paulos Filme trotzdem ideal, hochspannend außerdem und sein hierzulande (wieder einmal) nur im Heimkino erscheinender Kammerspiel-Thriller „Der unsichtbare Gast“ schlägt natürlich auch in exakt die Kerbe seiner Vorgängerfilme. Mit viel Glück schafft es Paulo beim nächsten Mal dann ja auch endlich in die deutschen Kinos.

t

Virginia Goodman (Ana Wegener) muss die ganze Wahrheit aus ihrem Mandanten (Mario Casas) herausbekommen.

Das Grundkonzept von „Der unsichtbare Gast“ ist eigentlich viel zu simpel, um hieraus einen Film konstruieren zu können, der nicht das x-te Krimiklischee wiederkäut. Ein des Mordes angeklagter Mann schildert seiner Anwältin die Tat und ihre Hintergründe aus seiner Sicht – bis diese den Ball zurückspielt und sich die wildesten Theorien zusammenspinnt, wie es vermutlich auch die verhandelnden Richter und Staatsanwälte tun würden, wenn sie den Angeklagten in die Mangel nehmen. Der besondere Clou: Wir als Zuschauer wissen zu keinem Zeitpunkt, welche Fassung eigentlich der Wahrheit entspricht. Drehbuchautor und Regisseur Oriol Paulo lässt sich erzählerisch zwar so weit in die Karten gucken, dass ersichtlich ist, wessen Erzählungen das Publikum gerade Folge leistet. Doch die dadurch stets vollkommen subjektive Erzählperspektive formt das Geschehen auf ihre eigene Weise. Mitunter widersprechen sich die sich nach und nach doppelnden Rückblenden immer mehr – und Paulo ist ein so geradliniger Geschichtenerzähler, dass für den Moment nie infrage gestellt wird, dass das jetzt nun aber wirklich der Wahrheit entspricht. Dieses Konzept der sich in jeder Szene abwechselnden Erzählperspektiven könnte vor allem dann schief gehen, wenn die Darsteller diesem permanenten Wechsel nicht gewachsen wären; immerhin sollte man Mario Casas („69 Tage Hoffnung“) sowohl den potenziellen Mörder, als auch das brave Unschuldslamm (oder eben den „Businessman of the Year“) glaubhaft abnehmen. Dasselbe gilt für Hauptdarstellerin Bárbara Lennie („Die Haut, in der ich wohne“) sowie für die undurchsichtige Ana Wegener („Fliegende Liebende“) als knallharte Anwältin Virginia Goodman, die so etwas wie Good und Bad Cop in einem ist.

Das Ensemble trägt diese schwierige Aufgabe souverän auf seinen Schultern und bleibt trotz des permanenten Perspektivwechsels jederzeit glaubhaft fokussiert. In der Position des mutmaßlichen Mörders verleiht Mario Casas seinem Adrián jene Gefühlskälte, die es braucht, um auch den Zuschauer davon zu überzeugen, dass hinter der hübschen Stirn finstere seelische Abgründe schlummern könnten. Im nächsten Moment erscheint er wie das Opfer einer um ihn herum gesponnenen Intrige, was er mit Zerbrechlichkeit und Unsicherheit hervorragend unterstreicht. Auch die Ermordete, jedoch über große Teile der Laufzeit in den Rückblenden auftauchende Bárbara Lennie schafft es gekonnt, den Zuschauer um den Finger zu wickeln – ist sie doch je nach Perspektive mal ein eiskaltes Luder und mal einfach nur das von ihrer Affäre erschlagene Opfer. Besonders intensiv gerät außerdem die Performance von Ana Wegener, die ganz und gar in ihrer Rolle der abgebrühten Anwältin aufgeht, das Gefühl, mit allen Wassern gewaschen zu sein, jedoch auch abseits ihrer beruflichen Tätigkeit transportiert. Ergänzt wird der Cast durch eine Handvoll wichtiger Nebendarsteller, doch um nicht zu viel Aufschluss über den Handlungsverlauf zu geben, seien diese an dieser Stelle nicht weiter beleuchtet. Tatsächlich entfaltet sich „Der unsichtbare Gast“ dann nämlich am besten, wenn man im Voraus möglichst wenig über die Geschichte weiß.

t

Geschäftsmann Adrián Doria (Mario Casas) ist nicht bloß um seine Freiheit, sondern auch um seinen Ruf besorgt.

Im Original heißt „Der unsichtbare Gast“ „Contratiempo“, was auf Deutsch soviel bedeutet wie „Widrigkeit“ oder „Unannehmlichkeit“. Obwohl der deutsche Titel die inszenatorische Ähnlichkeit zu diversen Hitchcock-Thrillern unterstreichen kann, trifft es die Aussage des Originaltitels doch deutlich besser; der Film ist nämlich nicht bloß ein spannendes Verwirrspiel mit dem Zuschauer und stellt ein intensives Machtspiel zwischen Angeklagtem und Anwältin dar. Er ist obendrein auch eine bitter-zynische Veranschaulichung der Mechanismen innerhalb unserer Gesellschaft, in der ein Mord manchmal nicht mehr ist, als ein unangenehmer Image-Schaden, den es zu verheimlichen gilt. Mit den oberen Zehntausend wird gnadenlos abgerechnet, während die Aufgaben von Polizei und Rechtsstaat kontinuierlich infrage gestellt werden. Passend dazu kleidet Kameramann Xavi Giménez („Der Maschinist“) seinen Film in pessimistisch-düstere Bilder, die an „House of Cards“ und „Shining“ erinnern, während Komponist Fernando Velázquez („Sieben Minuten nach Mitternacht“) den Film in ein subtil-bedrohliches Musikgewandt kleidet. Die zwischenzeitlich eingeschobenen Beziehungsdramaelemente fallen gegen die eigentliche Aufklärungsarbeit ein wenig ab und scheinen eher wie notgedrungen ins Skript eingefügt. Diese Kleinigkeit lässt sich jedoch hervorragend verschmerzen, wenn man bedenkt, dass Zeugen auch im echten Leben nicht unbedingt immer das erzählen, was für den Kriminalfall eigentlich relevant ist.

Fazit: Auch wenn sich ein Film wie „Der unsichtbare Gast“ zuhause ebenso entfaltet wie im Kino, ist es doch schade, dass Oriol Paulo der Weg in die deutschen Lichtspielhäuser bisher verwehrt blieb. Sein hochspannender Kammerspiel-Thriller ist ein Twistride aller erster Güte, der aus einem simplen Konzept das Optimum an Suspense, Unterhaltung und Wow-Effekt herausholt.

„Der unsichtbare Gast“ ist ab dem 23. Februar auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich.

2 Kommentare

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s