Sorry, Baby

Eva Victors SORRY, BABY ist kein Film, der einfach so an einem vorbeizieht. Er trifft mitten ins Herz! Mit feinem Gespür für Humor, Hoffnung und Heilung erzählt dey eine Geschichte, die unter die Haut geht. Ein Drama, das schwierige Themen ohne Belehrung beleuchtet und dabei überraschend optimistisch bleibt.

OT: Sorry, Baby (USA/ESP/FR 2025)

Darum geht’s

Vor vielen Jahren erlebte die junge Literaturstudentin Agnes (Eva Victor) ein traumatisches Erlebnis: Sie wurde von einem ihrer Professoren (Louis Cancelmi) in dessen Haus vergewaltigt. Noch Jahre später ringt sie mit den Folgen des sexuellen Übergriffs und versucht, endlich wieder zu sich selbst zu finden. Dabei hilft ihr nicht nur ihre beste Freundin Lydie (Naomi Ackie), die mittlerweile in einer lesbischen Beziehung lebt und ein Baby erwartet, sondern auch ihr neuer Freund Gavin (Lucas Hedges), der sich als ihr neuer Nachbar immer tiefer in ihr Herz gräbt. Diese beiden Beziehungen geben Agnes Halt, um trotz Schmerzen und Unsicherheiten weiterzuleben und neue Verbindungen einzugehen. Mal geht es auf, mal geht es ab – aber immer vorwärts…

Kritik

Das auf seiner Webpräsenz progressive Werte nachdrücklich betonende Filmfestival Cologne leistete sich in diesem Jahr einen gar nicht mal so kleinen Patzer. Bei der Anmoderation des Dramas „Sorry, Baby“ wurde Eva Victor („Eva vs. Anxiety“) konsequent als weiblich bezeichnet, obwohl Victor sich als nicht-binär identifiziert. Nun spielt diese Thematik in „Sorry, Baby“ selbst keine große Rolle: Victor, dey zusätzlich zur Hauptrolle die Regie übernahm und das Drehbuch verfasst hat, spielt im Film die weibliche Pronomen verwendende Agnes, die bloß in einer kurzen Szene durchblicken lässt, dass sie mit einer binären Genderaufteilung hadert. Möglich also, dass die Verantwortlichen vom Köl’schen Filmfestival im Eifer des Präsentationsgefechts versehentlich die Figur Agnes und Eva Victor durcheinander geworfen haben. Dennoch hat das Festival, das schon seit Jahren aufgrund des Arbeitsklimas hinter den Kulissen Negativschlagzeilen in der Lokal- und Fachpresse macht, somit weitere Sympathiepunkte eingebüßt, hat es doch eine Chance vertan, der LGBTQ+-Community jene selbstverständliche Sichtbarkeit zu geben, die sie verdient hat. An der Filmqualität ändert dieser Faux Pas allerdings gar nichts. „Sorry, Baby“ wurde nicht nur in Köln umjubelt, sondern erarbeitete sich – neben zahlreichen anderen Award-Nominierungen – jüngst sogar die Chance auf einen Golden Globe für die beste weibliche (!) Drama-Performance. Ob man will, oder nicht: So ganz kommt man aus dem altmodischen Geschlechter-Denken wohl nie heraus…

An der Seite ihrer Freundin Lydie (Naomi Ackie) findet Agnes (Eva Victor) langsam zurück ins Leben.

Doch wie eingangs gesagt: „Sorry, Baby“ macht sich das Geschlechter-Thema auf der Handlungsebene nicht zu eigen. Eine erzählerische Dringlichkeit existiert trotzdem, denn Eva Victor bereitet auf eine ganz eigene Art und Weise einen Missbrauchsfall auf, insbesondere die daraus resultierenden Folgen für das Opfer. Mit seiner Sensibilität und Zurückhaltung, gepaart mit einem betont warmherzigen Umgang mit seiner Hauptfigur, ist „Sorry, Baby“ so etwas wie die Antithese zu Luca Guadagninos „After the Hunt“, den der Regisseur seinem Publikum als eine Art Rundumschlag gegen jedes gesellschaftspolitische Reizthema zwischen der Gen Z und den sogenannten Boomern vor den Latz knallte. Jede einzelne Sekunde dieses Films fühlt sich unangenehm an. In „Sorry, Baby“ herrscht dagegen ein durch und durch versöhnlicher Tonfall vor. Was allerdings längst nicht bedeutet, dass Victor das Missbrauchsthema mit Samthandschuhen anpacken würde. Im Gegenteil. Doch anstatt von Zerstörung handelt der Film von Heilung. Und die beginnt bei manchen nicht erst viele Jahre nach der Tat, sondern manchmal schon direkt danach. Immer wieder begegnet Victor dem Szenario sowie seinen darin agierenden Hauptfiguren mit Humor. Allerdings einem solchen, bei dem einem das Lachen oft tief im Halse stecken bleibt.

„Denn all das hier in ‚Sorry, Baby‘ fühlt sich verdammt authentisch an. Es ist Eva Victor sowohl als schauspielender als auch als Regie führender Person zu verdanken, dass der hoffnungsvolle Tonfall nie zu einem Abbruch findet.“

Eine den Tonfall des Films symptomatisch abbildende Szene zeigt Agnes und ihre beste Freundin Lydie (toll: Naomi Ackie, „Blink Twice“) bei einem Arztbesuch. Der sichtbar unbeholfene Doktor (Mark Carver) soll das Missbrauchsopfer nach Spuren untersuchen, stellt ihr unangenehme Fragen und kennt zwar die Vorschriften, weiß diese allerdings nicht direkt in die Praxis umzusetzen. Das Ergebnis ist maximal Cringe. Was sich allerdings auch die beiden Frauen bewusst sind. Lydie kontert direkt, Agnes kichert hinter vorgehaltener Hand – am Ende geht aus der Situation trotzdem keiner mit erhobenem Haupt heraus. Das Gleiche gilt für eine Anhörung vor zwei Uni-Professorinnen, die den Missbrauchsfall untersuchen. Der Satz „Wir verstehen Sie, wir sind Frauen.“ Ist so jenseits jedweden ernsthaft aufgebrachten Verständnisses, dass sich ein kurzes, lautes Auflachen befreiend anfühlt – eh man kurz danach wieder in tiefe Hoffnungslosigkeit zu versinken droht. Denn all das hier in „Sorry, Baby“ fühlt sich verdammt authentisch an. Es ist Eva Victor sowohl als schauspielender als auch als Regie führender Person zu verdanken, dass der hoffnungsvolle Tonfall nie zu einem Abbruch findet.

Auf einem Parkplatz kommt es zu einer intensiven Begegnung zwischen Agnes und einem Fremden (John Carroll Lynch)…

Auch die Tatsache, dass Viktor nicht auf linear-chronologisches Erzählen, sondern auf eine wild durch die Zeit springende Kapitelstruktur setzt, trägt ihren Teil zum überraschend optimistischen Erscheinungsbild des Films bei. Der Vorfall selbst – einzig und allein durch eine lange Einstellung auf das Gebäude dargestellt, in dem sich der Missbrauch abspielt – bekommt hier nicht die Bedeutung eines tonalen Bruchs. Stattdessen widmet sich Eva Victor viel ausführlicher der Heilung der Protagonistin, die sie an der Seite ihrer besten Freundin sowie eines neuen Schwarms (nach längerer Leinwand-Abstinenz endlich wieder da: Lucas Hedges, „Ben is Back“) langsam erlebt. Vor allem Hedges‘ Gavin, Agnes‘ leicht naiv wirkender, dabei durch und durch liebenswerter Nachbar bekommt einige entscheidende Einzelszenen spendiert. Sowohl seine Figur als auch die einer Zufallsbekanntschaft auf einem Rastplatz – auf ihr Konto geht die beste Szene des Films – sind vor allem deshalb so wichtig für „Sorry, Baby“, weil sie das nur zu gern in derartige Filme hineinzulesende Hass-auf-Männer-Schüren verhindern. Ohne den eigentlichen Vorfall in seiner Boshaftigkeit und Radikalität zu unterschätzen, bleibt der Film bis zuletzt tief in der Hoffnung verhaftet, dass das Leben für die geschädigte Person trotzdem weitergehen wird. Nicht als Universallösung formuliert, sondern ganz individuell abgestimmt auf die von Eva Victor überragend subtil verkörperte Hauptfigur.

„Der Vorfall selbst – einzig und allein durch eine lange Einstellung auf das Gebäude dargestellt, in dem sich der Missbrauch abspielt – bekommt hier nicht die Bedeutung eines tonalen Bruchs. Stattdessen widmet sich Eva Victor viel ausführlicher der Heilung der Protagonistin.“

Fazit: „Sorry, Baby“ überzeugt als sensibler, authentischer und hoffnungsvoller Film, der ein schwieriges Thema mit Wärme, Humor und erzählerischer Raffinesse behandelt. Die künstlerische Leistung von Eva Victor als schauspielende und Regie führende Person ist herausragend, insbesondere durch die subtile Figurenarbeit und die nonlineare Erzählstruktur. Dadurch gelingt dem Film eine beeindruckende Balance zwischen Trauma und Heilung, ohne den Ernst des Themas zu verwässern.

„Sorry, Baby“ ist ab dem 18. Dezember 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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