Frankenstein
Wenn sich Guillermo del Toro FRANKENSTEIN annimmt, darf man Großes erwarten. Der Oscarpreisträger, bekannt für seine Liebe zu Monstern, Außenseitern und märchenhaften Albträumen, verbindet in seinem neuen Werk handgemachte Filmkunst mit tief empfundenem Pathos. Herausgekommen ist ein visuell atemberaubendes, emotional aufgeladenes Werk, das jedoch vor allem vom Schöpfer und weniger vom Monster erzählt.
Darum geht’s
Der kleine Victor Frankenstein (Christian Convery) verliert bereits in jungen Jahren seine Mutter (Mia Goth). Dieser Verlust weckt in ihm den Ehrgeiz, selbst über Leben und Tod herrschen zu wollen. Mit der Hilfe eines reichen Gönners (Christoph Waltz) gibt er sich ganz Experimenten mit dem menschlichen Körper hin – und erschafft eines Tages ein Monster. Mit der Überzeugung, die volle Herrschaft über seine Schöpfung zu haben, ergeht sich Victor in Gottfantasien, nicht ahnend, dass die Kreatur alsbald zurückschlagen wird. Denn als Elizabeth, Victors Schwägerin in spe (ebenfalls Mia Goth), das Monster mit dessen menschlicher Seite konfrontiert, lernt dieses nach und nach, für sich selbst und seine Bedürfnisse einzustehen. Schon bald finden sich Schöpfer und Schöpfung in einem erbitterten Kampf über die Oberhand wieder, an dessen Ende die Frage steht, wo genau eigentlich Menschlichkeit beginnt…
Kritik
Das, was da zwischen Guillermo del Toro („Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“) und „Frankenstein“ abgeht, ist vermutlich der Inbegriff eines sogenannten Matchs made in Heaven. Er sah nicht nur seine erste Verfilmung des Stoffes im Alter von sieben Jahren, sondern spricht sogar davon, sich bereits in so jungen Jahren darin wiedergefunden zu haben. „Ich identifizierte mich vollständig mit ihm […] So fühle ich mich im Inneren – dieses Wesen, das fehl am Platz und mit dem niemand so ganz glücklich ist.“ Als er später mit etwa elf Jahren das dazugehörige Buch las, wuchs in ihm der Wunsch, später selbst einmal eine Filmadaption auf die Beine zu stellen – seine Version. Und damit auch eine, die sich nicht bloß als gewöhnlicher Horrorfilm lesen lässt, sondern von „Themen wie Elternschaft, Sohnschaft sowie das Unbehagen mit sich selbst“ erzählt. Jetzt ist Del Toros „Frankenstein“ endlich da – und trägt insbesondere visuell unübersehbar seine Handschrift. Auch seine Vorliebe für ebenjene Ausgestoßene, als der er sich selbst sieht, hat ihren großen Platz in der Adaption. Schade ist nur, dass ihm ausgerechnet die adäquate Betrachtung von Letzterem nicht so ganz gelingen mag. Auch sein „Frankenstein“ ist in erster Linie eine Geschichte über Victor und weniger über dessen Schöpfung.
Schaut man sich die ersten Minuten von „Frankenstein“ an, könnte man zunächst meinen, man befände sich buchstäblich im falschen Film. Nur selten fand in einer Adaption des Stoffes auch die im Buch eine Klammer bildende Rahmenhandlung im arktischen Meer statt. Genau hier setzt nun Del Toro an – und irritiert direkt. Als sich das Monster zum ersten Mal der zuvor den verletzten Victor Frankenstein geborgenen, im Eis festgefrorenen Schiffsbesatzung nähert, wähnt man sich eher in einem DC-Superhelden- und weniger wie in einem (klassischen) Monsterfilm. Mit den unmenschlichen Kräften seiner Kreatur hält Del Toro nicht hinterm Berg. Stattdessen lässt er es die ihm im Wege stehenden Männer mit ganzer Kraft durch die Gegend schleudern, wie man es sonst nur vom Hulk oder artverwandten Figuren kennt. Um allzu viel Mitgefühl oder gar Mitleid bettelt der auch für das Drehbuch verantwortliche Autorenfilmer also schon mal nicht; Ein erfrischender Ansatz für eine Geschichte, bei der sich mittlerweile ohnehin herumgesprochen hat, dass die tragische Figur darin die Kreatur und die monströse in Wirklichkeit der Mensch ist. Etwas, was allerdings auch Del Toro nochmal explizit verbal ausformulieren lässt – ganz ohne geht es dann wohl doch nicht.
„Wir erfahren vom frühen Tod seiner Mutter und von seiner daraus resultierenden Besessenheit, Leben zu erschaffen, um sein Geheimnis zu entschlüsseln und den Tod zu überwinden. Neu sind all diese Erkenntnisse – insbesondere für Kennende des Stoffes – wahrlich nicht.“
Das gilt natürlich auch für die Hintergrundgeschichte Victor Frankensteins, für die sich Del Toro in seinem Film die erste Hälfte lang Zeit nimmt, bevor er die zweite schließlich aus der Perspektive des Monsters erzählt. Wir erfahren vom frühen Tod seiner Mutter und von seiner daraus resultierenden Besessenheit, Leben zu erschaffen, um sein Geheimnis zu entschlüsseln und den Tod zu überwinden. Neu sind all diese Erkenntnisse – insbesondere für Kennende des Stoffes – wahrlich nicht. Da Del Toro sie jedoch mit voller audiovisueller Hingabe vorträgt, kann man sich an der hier erschaffenen Welt wahrlich kaum sattsehen. Neben den handgebauten Settings, den opulenten Kostümen, physischen Requisiten und praktischen Effekten kommen nur sehr vereinzelte Elemente aus dem Computer. Ein „handgemachter Film nach epischen Maßstäben“ sollte es werden. Sogar Jacob Elordi („On Swift Horses“) trägt als Frankensteins Monster 42 einzelne Prothetik-Teile. Allein 14 davon an Kopf und Hals, wofür er täglich bis zu zehn Stunden in der Maske saß. Trotzdem ist seine Kreatur eine – vor allem an bisherigen Film-Maßstäben gemessen – von bemerkenswert attraktiver Natur. Etwas, was insbesondere der Beziehung zwischen ihm und seiner ihn ehrlich respektieren Schwägerin in spe ein Stückweit die Fallhöhe nimmt; Vollständig auf seine inneren Werte lässt sich Elordis Monster-Interpretation einfach nicht reduzieren.

Elizabeth (Mia Goth), die Verlobte von Victors Bruder William (Felix Kammerer), scheint die Einzige zu sein, die das Monster versteht.
Das ist auch der große Haken an der zweiten Filmhälfte, in der eben genau diese Figur ihre Variation der Geschichte erzählt. Eine zweifelsohne tragische, aber auch eine, die nie viel mehr aus ihr herauszukitzeln vermag als das Monsterdasein. Das muss nichts per se Schlechtes sein; Dass wir es bei „Frankenstein“ immer noch mit einem klassischen Monsterfilm zu tun haben sollen, war schließlich auch einer von Del Toros Ansätzen. Leider ergeben sich aus der Perspektive der Kreatur eher redundante Motive. Neben einem kurzen Abstecher zu einer ihn kurzzeitig bei sich duldenden (und teilweise mit ihm anfreundenden Familie) wird der zweite Filmteil vor allem zu einer Aneinanderreihung von Aufeinandertreffen mit Victor Frankensteins Umfeld. Er sorgt für Angst und Schrecken, findet in der Interaktion mit Elizabeth aber immer wieder auch zu seinem zarten Kern. Szenen, in denen der Begriff Menschlichkeit betont infrage gestellt wird, indem Victor Frankenstein und seine Schöpfung konkret einander gegenübergestellt werden. „Es ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“, so Del Toros Äußerung zu seinem Anliegen. Und das in Teilen sogar mit angedeuteten homoerotischen Untertönen.
„Schmerzhafte Momente, die zu den stärksten des gesamten Filmes zählen und die Wucht der Geschichte selbst am treffendsten herausarbeiten. Für diese Intensität war sicherlich auch Del Toros persönlicher Bezug zum Stoff von großem Vorteil. Wann immer man diese Verbindung im Film spürt, ist diese „Frankenstein“-Variation persönlich, intim und sehenswert.“
Um auf seine 150 Minuten zu kommen, nimmt sich Guillermo del Toro eben einfach sehr viel Platz, was in der schwächeren zweiten Hälfte zu deutlichen Längen führt. Längen, in denen man als Zuschauer:in die Gelegenheit bekommt, die fehlende Varianz in den hier angesprochenen Themen zu registrieren – und unweigerlich das Ziel und weniger den Weg dorthin zu ersehnen. Das funktioniert in der ersten Hälfte alles sehr viel besser. Nicht nur aufgrund der Bildgewalten in den Innenräumen, sondern auch weil mit dem Charakter des Victor Frankenstein deutlich mehr geschieht. Wenngleich auch er weitestgehend in seiner Figur des manischen Wissenschaftlers verhaftet bleibt. Oscar Isaac („Auslöschung“) gefällt vor allem in jenen Momenten, in denen er völlig freidrehen und auch seine Körperlichkeit gegenüber seiner Schöpfung ausspielen darf. Schmerzhafte Momente, die zu den stärksten des gesamten Filmes zählen und die Wucht der Geschichte selbst am treffendsten herausarbeiten. Für diese Intensität war sicherlich auch Del Toros persönlicher Bezug zum Stoff von großem Vorteil. Wann immer man diese Verbindung im Film spürt, ist diese „Frankenstein“-Variation persönlich, intim und sehenswert.
Fazit: Guillermo del Toro inszeniert „Frankenstein“ als prachtvoll handgemachtes Herzensprojekt voller Emotion, Detail und visueller Wucht. Doch hinter der beeindruckenden Ästhetik bleibt die Erzählung unausgewogen. Der Fokus liegt stärker auf Victor als auf seiner Schöpfung und die zweite Hälfte verliert an Spannung. Trotz berührender Momente und subtiler homoerotischer Untertöne überzeugt der Film mehr als persönliche Vision denn als neue Interpretation des Klassikers.
„Frankenstein“ ist ab dem 23. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen und ab dem 7. November bei Netflix abrufbar.


