Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel

Manchmal entsteht Kino nicht aus Kalkül, sondern aus Leidenschaft – und genau das spürt man in GOOD FORTUNE – EIN GANZ SPEZIELLER SCHUTZENGEL. Aziz Ansari erfüllt sich mit seinem Regiedebüt nicht nur den Traum, mit Keanu Reeves zu arbeiten, sondern liefert zugleich eine moderne Fabel über Glück, Arbeit und Gerechtigkeit in der Gig-Economy.

OT: Good Fortune (USA 2025)

Darum geht’s

Macht Geld wirklich glücklich? Der gutherzige, aber etwas unbeholfene Schutzengel Gabriel (Keanu Reeves) ist skeptisch. Eigentlich soll er Menschen retten, die beim Autofahren abgelenkt auf ihr Handy schauen. Doch Gabriel fühlt sich zu Höherem berufen. Als er den verzweifelten Gelegenheitsarbeiter Arj (Aziz Ansari) trifft, der trotz zahlloser Jobs kaum über die Runden kommt und oft im Auto schläft, beschließt er zu helfen. Er bietet Arj die Gelegenheit, für einige Tage in das Leben des Selfmade-Millionärs Jeff (Seth Rogen) zu schlüpfen, der in einer riesigen Villa mit Pool residiert. Seine Hoffnung: Arj soll erkennen, dass Reichtum allein nicht glücklich macht. Doch Gabriel hat die Rechnung ohne Arj gemacht. Der genießt es nämlich sehr wohl, plötzlich auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Als Gabriel versucht, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, gerät das Leben der beiden Männer völlig aus den Fugen – und das göttliche Chaos, das er entfacht, hat unerwartete Konsequenzen auch für ihn selbst.

Kritik

Manche Dinge in Filmproduktionen sind nicht das Ergebnis einer ausgeklügelten Kalkulation, sondern entwickeln sich ganz organisch. Zum Beispiel aus den Vorlieben der Filmschaffenden heraus. Für die Hauptrolle in seinem Regiedebüt „Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ hatte Comedian Aziz Ansari von Anfang an Keanu Reeves („John Wick“) und insbesondere den Keanu Reeves in seinen frühen Karrierejahren im Sinn. Nicht mit dem Hintergedanken, dass der allseits beliebte Mime seit seiner zweiten Karriere als Actionheld noch einmal eine ganz neue Fangemeinde um sich geschart hat, was dem Film natürlich einen zusätzlichen Popularitätspush verschaffen könnte. Sondern ganz einfach deshalb, weil Ansari selbst ein großer Reeves-Fan ist und gern einmal mit ihm zusammenarbeiten wollte. Entsprechend schrieb er seinem Idol die Rolle des Schutzengels Gabriel auf den Leib und überzeugte Reeves nicht nur mit dem Drehbuch, sondern auch mit seinen weiteren Inspirationsquellen. Für Ansari ist „Good Fortune“ eine moderne Variante solcher Dreißiger- und Vierzigerjahrefilme wie „It Happened One Night“ oder „You Can’t Take it with You“, in denen im Gewand leichtfüßiger Komödien auch gesellschaftsrelevante Diskurse über Klasse, Reichtum und Ungleichheit angestoßen wurden.

Schutzengel Gabriel (Keanu Reeves) fühlt sich zu Höherem berufen, als Menschen vor Autounfällen zu bewahren…

In „Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ geht es nun im Kern über unsere Kapitalismusgesellschaft, die in der von Aziz Ansari selbst verkörperten Rolle des Arj ihre Personifizierung findet. Wer bis dahin noch nie davon gehört hat, dem bringen die ersten zwanzig Minuten das Prinzip der in den USA weit verbreiteten Gig Community näher. Über verschiedene Apps und Plattformen können hier Menschen Mini-, Liefer- und andere Dienstleistungsjobs, sogenannte „tasks“, annehmen. Bezahlt werden sie pro Auftrag, von denen sie so viele annehmen können, wie sie möchten. Zu den wohl größten und auch hierzulande bekanntesten dieser Art zählen Uber oder Lieferando. Auch der Giga-Konzern Amazon besitzt mit Amazon Flex ein eigenes Modell für selbstständige Zusteller. Arj ist ein Teil dieser Gig Community. Und all das, wofür sich dieses System scharf kritisieren lassen muss, hat dieser auch bereits erlebt. Es gibt weder Arbeitsschutz noch anderweitig soziale Absicherung. Mit einem sicheren Einkommen lässt sich nicht planen. Und da die Apps von Algorithmen gesteuert werden, die ihre Nutzer:innen anhand verschiedener Parameter analysieren und bewerten, sind Entscheidungen über Sperrungen oder Kündigungen oft undurchsichtig. Mit „Algorithmic Management“ hat dieses System sogar einen eigenen Namen.

„Der sich über Arj auftürmende psychische Druck macht aus der Anfangsphase des Films eine durchaus ernste Angelegenheit. Wir begreifen schnell, dass dieses System zwangsläufig krank machen muss. Und dass Arj irgendwann resigniert, fühlt sich da auch nicht wie weinerliches Selbstmitleid an.“

Dass sich Aziz Ansari vor dem Schreiben von „Good Fortune“ sehr genau mit der Thematik befasst und sogar Menschen der Gig Community bei ihrer Arbeit begleitet hat, ist dem fertigen Film und insbesondere der Charakterzeichnung seines Protagonisten anzumerken. Der sich über Arj auftürmende psychische Druck macht aus der Anfangsphase des Films eine durchaus ernste Angelegenheit. Wir begreifen schnell, dass dieses System zwangsläufig krank machen muss. Und dass Arj irgendwann resigniert, fühlt sich da auch nicht wie weinerliches Selbstmitleid an, sondern ist durch und durch nachvollziehbar. Gegengewicht zu Arjs belastender Lebenssituation kommt direkt von zwei Seiten: Auf der einen lernen wir Gabriel und dessen eher einfältige Tätigkeiten als Schutzengel kennen. Sein Aufgabenbereich sind unachtsame Autofahrer:innen, denen er in den entscheidenden Momenten zu Aufmerksamkeit verhilft, um Unfälle zu vermeiden. Eine ziemlich monotone Angelegenheit für Gabriel, der sich zu Höherem berufen fühlt. Auf der anderen Seite bringt uns „Good Fortune“ früh das Leben des neureichen Jeff näher, dessen Weg sich alsbald mit Arjs kreuzt. Der von Seth Rogen („Long Shot“) gespielte Multimillionär erfährt dabei eine überraschend ambivalente Charakterisierung. Zwar liegen die Sympathien (natürlich) zunächst ganz klar bei dem sich den Hintern aufreißenden Arj, weniger auf dem Reiche-Leute-Partys veranstaltenden, hin und wieder mal alibimäßig irgendwelche Videokonferenzen abhaltenden Jeff. Doch „Good Fortune“ macht früh und bemerkenswert subtil klar: Auch hinter Jeff steckt ein „normaler Mensch“, der Arj – seinen Umständen entsprechend – sogar weitestgehend auf Augenhöhe begegnet.

Gabriel hatte sich den Rollentausch von Jeff (Seth Rogen) und Arj (Aziz Ansari) ein bisschen anders vorgestellt…

Den zu Beginn noch so nah liegenden Konflikt zwischen dem superlieben, aber armen Arbeiter und dem stinkreichen aber ätzenden Geschäftsmann – zusammengeführt in einer Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung – fällt hier auch beileibe nicht so plakativ aus, wie gedacht. Trotzdem drückt Aziz Ansari im weiteren Filmverlauf naheliegende Knöpfe. Wenn Gabriel mit seinen Engelskräften dafür sorgt, dass Arj und Jeff die Rollen tauschen, weiß man bereits, wer hier wohl am Ende wie geläutert aus der Situation heraustreten wird. Denn natürlich macht „Good Fortune“ zu keinem Zeitpunkt einen Hehl aus den hier verteilten Sympathien. Gleichwohl macht es sich Ansari auch nie zu einfach. Arj entwickelt sich in der neuen Position als Reicher nämlich nicht zum erwartbaren Arschloch, sondern entdeckt ganz einfach neue Seiten an sich. Dasselbe gilt für Jeff, der sich plötzlich in der Position als Tagelöhner wiederfindet. Mit einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnungen gibt sich Ansari nicht zufrieden. Auch im Umgang mit seinen Figuren nicht. Seth Rogen hätte seinen Jeff auch als richtig unangenehme Person anlegen können, doch einmal mehr zeigt der Comedian hier seine Fähigkeiten, auch nuancierter angelegte Rollen authentisch zu verkörpern. Ansari selbst verleiht seiner Figur jede Menge Tiefe und lotet auch ihre weniger vorteilhaften Seiten aus. Dadurch verschieben sich die Anfangs so eindeutigen Sympathien immer wieder und es bleibt Bewegung in den Charakterporträts.

„Es sind die kleinen Dinge, dank derer es dem Film gelingt, sein ernsthaftes Anliegen mit niedlichem Humor und sogar noch einer zarten Romanze hervorragend unter einen Hut zu bringen.“

Während sich der Hauptkonflikt also zwischen Arj und Jeff entspinnt, bleibt Keanu Reeves als Gabriel eher im Hintergrund. Sein Handlungsstrang folgt noch am ehesten dem klassischen Fish-out-of-Water-Prinzip, wenn er die menschlichen Gepflogenheiten kennenlernt und dabei begreifen muss, dass sein Job als Schutzengel vielleicht doch nicht immer so eindeutig auszulegen ist, wie er sich das wünscht. Vor allem in der Interaktion zwischen ihm und Jeff ergeben sich zahlreiche komische Momente. Allein Gabriels Begeisterung für das Arbeiten in einer Großküche ist zuckersüß und in seiner naiven Kindlichkeit fast herzzerreißend. Spannend ist auch die Beobachtung, dass Aziz Ansari immer wieder verschiedene Speisen und Lebensmittel nutzt, um Situationen ohne Worte zu beschreiben oder Figuren weiterzuentwickeln. In „Good Fortune“ wird Essen mal zum Statussymbol, mal veranschaulicht es, wie weit ein Charakter in seiner emotionalen Reifung bereits vorangeschritten ist. Es sind solche kleinen Dinge, dank derer es dem Film gelingt, sein ernsthaftes Anliegen mit niedlichem Humor und sogar noch einer zarten Romanze hervorragend unter einen Hut zu bringen. Vielleicht lässt sich drüber streiten, inwiefern eine so harsche Kritik am Kapitalismus letztlich die Basis für einen klassischen Feel-Good-Film bieten darf. Doch einen ähnlichen, wenngleich inhaltlich anders verorteten Spagat hat die Tragikomödie „TheBig Sick“ ja vor einigen Jahren auch geschafft. Beide Filme fühlen sich an, als würden sie im selben, zu gleichen Teilen schmerzhaften wie herzerwärmenden Universum spielen.

Arj hat ein Auge auf seine Kollegin Elena as Ari (Keke Palmer) geworfen.

Fazit: Mit „Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ legt Aziz Ansari ein bemerkenswert durchdachtes Regiedebüt vor, das persönliche Leidenschaft, gesellschaftliche Beobachtung und klassische Komödienkunst zu einem stimmigen Ganzen verbindet. Der Film beweist, dass sich ernste Themen wie soziale Ungleichheit, algorithmische Kontrolle und psychische Belastung auch in einer humorvollen Erzählung sensibel und zugänglich vermitteln lassen. Dabei gelingt es Ansari, seinem Publikum nicht nur die Schattenseiten der modernen Arbeitswelt nahezubringen, sondern gleichzeitig Empathie für all seine Figuren zu wecken – ob arm oder reich, himmlisch oder menschlich.

„Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ ist ab dem 16. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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