Memoiren einer Schnecke

Nach „Mary & Max“ erzählt der australische Regisseur Adam Eliott auch in seinem zweiten Film MEMOIREN EINER SCHNECKE von einem tragischen menschlichen Schicksal. Diesmal verlässt er sich jedoch immer mal wieder zu sehr darauf, dass Leid allein schon Drama genug ist. Trotzdem erfindet er auch immer wieder Momente purer Filmmagie.

OT: Memoir of a Snail (AUS 2024)

Darum geht’s

In den 1970er Jahren wächst die schüchterne Grace Pudel (im Original: Sarah Snook) mit ihrem Zwillingsbruder Gilbert (Kodi Smit-McPhee) und ihrem alkoholkranken Vater Percy (Dominique Pinon) in Australien auf. Nach dem Tod des Vaters werden die beiden getrennt. Grace landet in einer wohlmeinenden, behüteten Pflegefamilie, ihr Bruder bei einer Gruppe religiöser Fanatiker, die ihre Pflegekinder zu schwerer körperlicher Arbeit zwingt. Einsam und von Schuldgefühlen geplagt, zieht sich Grace in ihre eigene Welt zurück. Lediglich eine Handvoll Schnecken werden zu ihrer einzigen Konstante im Leben. Und Gilberts regelmäßige Briefe. Als sie versucht, diesen zu retten, scheitert sie – ein traumatisches Ereignis, das sie jahrelang lähmt. Erst viele Jahre später findet sie durch die schrille, warmherzige Pinky (Jacki Weaver) wieder Zugang zum Leben…

Kritik

Keine digitalen Effekte, dafür über 7000 handgefertigte Requisiten und rund 135.000 Einzelbilder: Das sind die handwerklichen Zutaten, aus denen Regisseur Adam Eliott seinen erst zweiten Langspielfilm seit „Mary & Max“, im wahrsten Sinne des Wortes, gebaut hat. Eliott bezeichnet seinen Stil selbst als „Clayography“, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern für Ton (Clay) und Biografie (Graphy). Am ehesten erinnert das natürlich an die klassische Stop-Motion-Technik, für die per Hand aus Knetmasse gefertigte Figuren analog bewegt werden. Doch es gibt Unterschiede zur herkömmlichen, von großen Studios wie Laika praktizierten Arbeitsweise. Anstatt wie Eliott handmodelliertes Plastilin, Draht und Papier zu verwenden, setzen diese vor allem auf 3D-gedruckte Gesichter, Silikon, Harz und Mechanik. Außerdem ist ihr Aussehen glatt und technisch deutlich präziser, während Eliott bewusst gröber vorgeht und sogar mit Absicht sichtbare Fingerabdrücke auf seinen Figuren hinterlässt. Auch seine animierten Details sind insgesamt reduzierter, Gestik und Mimik eher minimalistisch. Wohingegen Laika und Co. bisweilen sogar auf fotorealistische Hintergründe und Tausende von verschiedene Gesichtsvariationen setzen. Generell sind auch die Sets hier wesentlich aufwändiger, Eliott dagegen setzt auf handgemalte, oft stilisierte Hintergründe.

Im Mikrowellenreparateur Ken findet Grace ihre erste große Liebe – doch auch dieses Glück ist nicht von langer Dauer.

Damit verschlang „Memoiren einer Schnecke“ ein Budget von gerade einmal 4,5 Millionen US-Dollar. Zum Vergleich: Ein mit ähnlicher Technik entstandener Film wie „Kubo – Der tapfere Samurai“ hatte ein Produktionsbudget von rund 60 Millionen. Beide Filme konnten ihr Budget nur mit Ach und Krach wieder einspielen. Aber beide haben auch gemein, dass sie sich, anders als die Frontrunner im Animationsfilmsegment, nicht primär an ein Familienpublikum richten. Überhaupt seit jeher ein Irrglaube, den Adam Eliott nun einmal mehr untermauert. „Memoiren einer Schnecke“ ist alles, aber sicher kein Film für ganz junge Menschen. Und das nicht nur, weil zwei Nebenfiguren ganz ungeniert als Swinger bezeichnet werden und ein anderer wiederum einen fragwürdigen Fetisch hat. Generell fällt der Umgang mit Nacktheit und Intimität hier ziemlich ungeniert aus. Aber es ist eben nicht nur das. „Memoiren einer Schnecke“ arbeitet sich an einem menschlichen Schicksal ab, das letztlich vor allem aus Tragödien besteht und damit in diverse, mal mehr, mal weniger abseitige Thematiken abdriftet. Es geht um so banale Dinge wie Freundschaft oder das Altern. Aber es geht auch um Selbstfindung und -hass, um Depressionen, um die Verarbeitung von Traumata und ganz allgemein das Außenseiterdasein, vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter.

„Die äußerst reduzierte, Graces Seelenleben widerspiegelnde Farbpalette gibt von Anfang an den Ton vor: ‚Memoiren einer Schnecke‘ ist in den emotionalen Spitzen melancholisch, die meiste Zeit über aber vor allem niederschmetternd.“

In „Memoiren einer Schnecke“ spielen Schnecken zwar durchaus eine Rolle, doch anstatt sprechenden Weichtieren beim Rumkriechen zuzuschauen, wird das Publikum Zeuge eines dramatischen Menschenlebens. In Rückblenden erzählt die sich selbst als Schnecke bezeichnende Protagonistin Grace ihr Leben nach. Von der dramatischen Geburt bis hin zu jenem Punkt, an dem sie nun allein in ihrem Garten sitzt, gerade ihre geliebte Schnecke freigelassen und somit ihre einzige, letzte Freundin verabschiedet hat. Die äußerst reduzierte, Graces Seelenleben widerspiegelnde Farbpalette gibt von Anfang an den Ton vor: „Memoiren einer Schnecke“ ist in den emotionalen Spitzen melancholisch, die meiste Zeit über aber vor allem niederschmetternd. Immer wieder versprechen – auch auf visueller Ebene – kleine (Farb-)Details Hoffnung. Doch in Graces Leben hat jeder Schimmer davon einen Widerhaken. Das sorgt über längere Zeit für eine gewisse dramaturgische Gleichförmigkeit. Irgendwann hat man verstanden, dass es im Leben der Hauptfigur kaum bis keine Haltegriffe gibt. Stattdessen fragt man sich alsbald, wie ihr wohl als nächstes der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Und auch, wenn das von Adam Eliott selbst verfasste Skript die Schicksalsschläge seiner Hauptfigur abwechslungsreich verpackt, fühlt sich Graces Leidensweg beizeiten redundant an.

Schnecken – egal ob als Figur oder lebendig – spielen in Graces Leben eine große Rolle.

Doch „Memoiren einer Schnecke“ schafft es, dem Vorwurf des Misery Porn (also dem übertriebenen und manipulativen Hervorkehren von emotionalem Leid und menschlichem Elend) immer wieder knapp zu entgehen. Vor allem ab dem Moment, in dem Grace die lebenslustige, in ihrem Leben viel durchlebte Rentnerin Pinky kennenlernt, stellt der Film seiner schwermütigen Hauptfigur einen deutlich optimistischeren Charakter gegenüber, ohne damit Graces psychischen Zustand unter den Teppich zu kehren. Zwar erfahren wir gleich in einer der ersten Szenen, dass auch Pinky nicht vor einem tragischen Schicksal gefeit is. Doch gerade die Szenen zwischen ihr und Grace sind extrem wichtig, damit auch der Schlussakt von „Memoiren einer Schnecke“ so funktioniert, wie er funktionieren soll. Bis in die finalen 15 Minuten hinein lässt es sich Niemandem vorwerfen, wenn aufgrund der schieren Menge an Schicksalsschlägen einfach keine Träne kullern wollte. Doch ausgerechnet das optimistische Finale ist es dann, für das Adam Eliott zu seinen detailreichen Bildern auch noch exakt die richtigen Worte findet, um aufs Tiefste zu berühren – und die Hauptfigur im Rückblick auch nochmal in ein leicht anderes Licht zu rücken. Denn dass sich Grace irgendwann in ihrem wortwörtlichen Schneckenhaus arrangiert hat, ist ja vielleicht auch mit daran schuld, dass ihr Leben bislang so verlaufen ist, wie geschildert.

„Würde sich ‚Memoiren einer Schnecke‘ nicht zwischendurch zu sehr darauf ausruhen, dass Leid allein schon Drama erzeugt, wäre das hier vermutlich einer der besten (Erwachsenen-)Animationsfilme der letzten Jahre.“

Ebenfalls für so etwas wie Leichtigkeit sorgen die zahlreichen kauzigen Nebencharaktere. Neben Pinky sind da Graces es einfach ein bisschen zu gut meinenden Pflegeeltern, ihr erster fester Partner und Mikrowellenreparateur Ken (dessen Enthüllung seiner eigentlichen Gesinnung vermutlich die größte Überraschung im gesamten Film darstellt) und auch ihr Vater Percy blickt auf eine unkonventionelle Lebensgeschichte zurück. Graces Zwillingsbruder Gilbert sowie später dessen regelmäßige Briefe bilden dagegen die einzige Konstante in Graces Leben, weshalb man sich für diesen Handlungsstrang am dringendsten ein Happy End erhofft. Doch wie so ziemlich alles im Leben der titelgebenden Schnecke ist auch hiervon nicht auszugehen. Wäre da nicht Adam Eliotts Gespür dafür, eben doch in den entscheidenden Momenten hoffnungsvolle und positive Akzente zu setzen. Würde sich „Memoiren einer Schnecke“ nicht zwischendurch zu sehr darauf ausruhen, dass Leid allein schon Drama erzeugt, wäre das hier vermutlich einer der besten (Erwachsenen-)Animationsfilme der letzten Jahre.

Grace und die rüstige Rentnerin Pinky werden schon bald unzertrennlich.

Fazit: „Memoiren einer Schnecke“ erzählt aus dem Leben einer vom Schicksal extrem gebeutelten Frau. Dass Regisseur und Autor Adam Eliott dafür sehr lange immer wieder ähnlich niederschmetternde Motive verwendet, bis sich ob der gleichförmigen Dramaturgie eine gewisse Redundanz einstellt, ist schade. Denn vor allem dann, wenn der Macher der Dramatik die dringend notwendigen, positiven Akzente gegenüberstellt, entfaltet der Film seine ganze Magie. Insbesondere die letzten 15 Minuten geraten zutiefst berührend, was es umso bedauerlicher macht, dass alles davor die so wichtigen emotionalen Ausschläge vermissen lässt und sich stattdessen auch ein bisschen in seinem Leid suhlt.

„Memoiren einer Schnecke“ ist ab dem 24. Juli 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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