Heldin
Petra Volpe bildet in ihrem Pflegedrama HELDIN eigentlich „nur“ den Alltag einer Pflegekraft ab. Doch die eindringliche Inszenierung und eine alles überragende Hauptdarstellerin formen aus dieser Ausgangslage einen waschechten Thriller – und jetzt schon einen der besten Filme des Jahres.
Darum geht’s
Die chirurgische Abteilung eines Schweizer Krankenhauses: Hier arbeitet Floria Lind (Leonie Benesch) als aufopferungsvolle Pflegefachfrau. Aufgrund des kleinen Kollegiums mangelt es an ausreichend Zeit für die Patientinnen und Patienten. Trotzdem versucht sie, für jede und jeden von ihnen stets ein offenes Ohr zu haben. Doch die harte Realität ihres Berufs lässt nicht immer die optimalen Abläufe zu. Zwar scheint Floria jeder noch so stressigen Situation gewachsen, doch die zu betreuenden Personen treiben sie mitunter an ihre Grenze. Herr Leu (Urs Bihler) wartet verzweifelt auf die Diagnose der Ärztin. Eine krebskranke Mutter (Lale Yavas) hadert mit der bevorstehenden Behandlung. Und Herr Severin (Jörg Plüss) hält sich als Privatpatient für den Nabel der Welt. So wird jede Schicht für Floria zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Doch selbst in diesem gibt es Momente der Ruhe, des Vertrauens und der Hoffnung…
Kritik
Bis ins Jahr 2040 werden in der Schweiz bis zu 40.000 Pflegekräfte fehlen. Knapp 40 Prozent der Fachangestellten in diesem Bereich beenden den Beruf frühzeitig. In Deutschland liegt die Ausbildungsabbruchquote bei über 30 Prozent. Da konnte die Regierung im Zuge der Corona-Pandemie noch so oft betonen, an der Situation der Pflegenden etwas ändern zu wollen. Am Ende herrscht weiterhin ein Beschäftigtennotstand, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz. Nun könnte man meinen, Regisseurin Petra Volpe („Die göttliche Ordnung“) würde mit „Heldin“ darauf reagieren und eine Art Werbefilm für den Berufsstand darlegen wollen. Ersteres stimmt auch, doch am Ende ist fraglich, wie viele Leute sich von dem Schicksal der hier im Zentrum stehenden Krankenschwester Floria berufen fühlen werden, selbst in einen Pflegeberuf einzusteigen. „Heldin“ ist zwar ein Plädoyer dafür. Doch die unerschöpfliche Aufopferungsbereitschaft der Protagonistin steht im krassen Gegensatz zu ihrer stressigen Realität, die ihr nur in den wenigsten Momenten genau das zurückgibt, was sie gibt – und verdient.
Gleichzeitig ist „Heldin“ mitnichten ein wehleidiger Film. Über den Umstand des Pflegenotstands wird zum Beispiel nie direkt gesprochen. Stattdessen sprechen die Umstände, in denen Floria und ihre Kolleginnen und Kollegen arbeiten, für sich. Die auch für das Drehbuch verantwortliche Petra Volpe setzt auf ein halsbrecherisches Tempo, ohne dabei gezielt in Richtung der Dramaturgie zu schielen. Aufgrund des ersten Eindrucks, „Heldin“ spiele in Echtzeit (was so nicht stimmt, schließlich umfasst der eineinhalbstündige Film eine ganze Schicht), wohnt dem Film eine irre Dynamik inne. Das Spital, in dem Floria arbeitet, entwickelt sich rasch zum brodelnden Dampfkochtopf und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der Deckel in die Luft geht. Die gestreiften Schicksale der zahlreichen Patientinnen und Patienten sind dabei alles andere als dramatisch aufgeladen; im Gegenteil. „Heldin“ zieht seine Intensität ausgerechnet daraus, eben keine besonders drastischen Ereignisse innerhalb einer solchen Schicht abzubilden, sondern in erster Linie business as usual zu zeigen. Eine ältere Dame muss nach einem Malheur neu eingekleidet werden. Angehörige einer schwerkranken Frau warten verzweifelt auf eine Rückmeldung durch die Ärzte. Ein aufbrausender Privatpatient verlangt eine Sonderbehandlung.
„Aufgrund des ersten Eindrucks, ‚Heldin‘ spiele in Echtzeit, wohnt dem Film eine irre Dynamik inne. Das Spital, in dem Floria arbeitet, entwickelt sich rasch zum brodelnden Dampfkochtopf und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis der Deckel in die Luft geht.“
Trotzdem rast Floria in „Heldin“ durch die Gänge, als ginge es zu jeder Sekunde um Leben und Tod. Das erinnert – auch aufgrund der die meiste Zeit über an ihrem Hinterkopf klebenden Kamera – immer mal wieder an „Das Lehrerzimmer“. Und das ist kein Wunder: Nicht nur spielt Leonie Benesch („September 5 – The Day the Terror went live“) in beiden Filmen die Hauptrolle einer Frau unter enormer Anspannung im eigentlich vertrauten Arbeitsumfeld. Auch die Kamerafrau Judith Kaufmann fotografierte bereits den oscarnominierten „Schulthriller“, ist mit Beneschs Art des Spiels und ihrer riesigen Präsenz also bestens vertraut. Beim Genre möchte man ebenfalls dazu tendieren, „Heldin“ als Thriller zu bezeichnen – auch ganz ohne bevorstehende Eskalation. Es sind kleine Momente, die einem den Atem stocken lassen. Zum Beispiel jedes Mal, wenn Floria Medikamente für ihre Patient:innen auswählt. Zwar lässt der Film nie einen Zweifel an ihrer riesigen Kompetenz, doch im Stress des Krankenhausalltags könnte so leicht ein folgenschwerer Fehler passieren. Es ist eine der größten Stärken von „Heldin“, dass Petra Volpe auf eine typische, dramaturgisch bedingte Zuspitzung verzichtet. Was leicht ein Dahinplätschern zur Folge haben könnte,…
…doch „Heldin“ ist trotzdem einer der spannendsten Filme der letzten Jahre. Ganz gleich, ob man mit dem „Mikrokosmos Krankenhaus“ von Anfang an connected, oder einem dieses Setting zunächst einmal fremd ist: Es steht nie außer Frage, was von diesem von Unterbesetzung und Zeitdruck geprägten Arbeitsumfeld für ein riesiger Druck auf die Beschäftigten ausgeht. Die Momente, in denen nicht nur Floria, sondern auch das Publikum Zeit zum Durchatmen bekommen, sind rar gesät. Aber sie sitzen. Zum Beispiel das an der genau richtigen Stelle platzierte Schlaflied für eine verwirrte alte Dame. Oder kleine Gesten der Dankbarkeit. „Das hat noch nie jemand sofort geschafft“ sagt einmal eine Patientin mit „schwierigen Venen“ zu Floria, nachdem es ihr gelungen ist, auf Anhieb einen Braunülenzugang zu legen. Solche Szenen rühren, bei aller Beiläufigkeit, fast zu Tränen. Überhaupt stößt einen Petra Volpe nie mit der Nase auf das, was ihrem Ermessen nach gerade „wichtig ist“. „Heldin“ kommt sogar fast ohne Musik aus. Emilie Levienaise-Farrouch („All of us Strangers“) widersteht der Genrevorgabe, die ohnehin hitzige Stimmung zusätzlich mit einem treibenden Score zu untermalen. Stattdessen sind ihre musikalischen Einsätze sehr subtil, man muss regelrecht nach ihnen suchen.
„‚Heldin‘ ist ist einer der spannendsten Filme der letzten Jahre. Ganz gleich, ob man mit dem ‚Mikrokosmos Krankenhaus‘ von Anfang an connected, oder einem dieses Setting zunächst einmal fremd ist.“
Leonie Benesch beweist als Floria einmal mehr, dass sie aktuell zu den besten Schauspielerinnen unseres Landes gehört. Während sie anderen Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten sowie ihren Patientinnen und Patienten mit aufrichtiger Ruhe und Höflichkeit begegnet, nutzt sie unbeobachtete Momente, um sich wieder aufzuladen. Versucht, den Stress abzuschütteln und sich auf ihre Aufgaben zu besinnen. Sofern es ihr das permanent klingelnde Telefon denn erlaubt. Dass sie bei den zu pflegenden Personen gut ankommt, glaubt man sofort. Dass gewisse Ausnahmesituationen dafür sorgen, dass man ihr trotzdem nicht immer mit Freundlichkeit begegnet, ebenso. Und wenn Floria in der letzten halben Stunde schließlich sogar noch die Gelegenheit bekommt, den auf ihr lastenden Druck für einen kurzen Moment rauszulassen, ist „Heldin“ in der nächsten Szene schon wieder beim unaufgeregten Krankenhausalltag, in dem nichts konsequenzlos bleibt.
Fazit: Der beste Film des Jahres, der auf keiner „Most Wanted“-Liste steht: „Heldin“ ist spannend wie ein Thriller, durch und durch authentisch, unaufgeregt-emotional und ein Plädoyer auf den Beruf der Pflegekraft. Damit ist der Film alles andere als Werbung, aber aufrichtiger könnte man der unbändigen Aufopferungsbereitschaft von Pflegenden nicht begegnen. Und Leonie Benesch zementiert ihr Dasein als eine der besten deutschsprachigen Schauspielerinnen unserer Zeit.
„Heldin“ ist ab dem 27. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.




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