Good Boy – Trust His Instincts
Manchmal braucht es keinen Method Actor, um Emotionen glaubwürdig zu transportieren – ein gut getimter Hundeblick genügt. In GOOD BOY – TRUST HIS INSTINCTS überlässt Ben Leonberg die Hauptrolle seinem Retriever Indy und macht ihn zum Herzstück eines Horrorfilms, der weniger erschreckt als fasziniert.
Darum geht’s
Der Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever Indy und sein Besitzer Todd (Shane Jensen) leben gemeinsam in einem abgelegenen Haus am Waldrand. Was zunächst wie ein liebevolles, routiniertes Zusammenleben zwischen Mensch und Tier wirkt, kippt bald ins Unheimliche: Indy spürt eine unsichtbare Präsenz im Haus, weigert sich plötzlich, bestimmte Räume zu betreten und reagiert auf Geräusche, die Eli gar nicht wahrnimmt. Während sein von einer Krankheit schwer gezeichnetes Herrchen zunehmend von Halluzinationen und Wahnvorstellungen geplagt wird, bleibt Indy der einzige Zeuge des Grauens, das es scheinbar ganz gezielt auf ihn abgesehen hat…
Kritik
Man möchte meinen, es bei dem Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever-Rüden Indy mit einem der talentiertesten Filmhunde aller Zeiten zu tun zu haben. Doch der vierbeinige Protagonist in „Good Boy – Trust His Instincts“ ist kein dressierter Profi, sondern der ständige private Begleiter des Regisseurs Ben Leonberg. Während der Pressetour betonte der Filmemacher immer wieder, dass er Indy während der Dreharbeiten nie das Gefühl geben wollte, an einem Filmset zu sein – sofern sich ein Vierbeiner dieser Tatsache überhaupt bewusst sein kann. Statt dressierter Perfektion wollte der Regisseur echtes Verhalten einfangen. Spontane Reaktionen, Müdigkeit, Neugier, Unruhe; eben alles, was dazu gehört, um seinen Protagonisten möglichst authentisch wirken zu lassen. Um das zu ermöglichen, wurde der gesamte Drehprozess an Indys Rhythmus angepasst. Gedreht wurden maximal drei Stunden pro Tag, über rund 400 Drehtage verteilt auf drei Jahre. Szenen wurden minutiös vorbereitet, oft zunächst mit einer Attrappe geprobt, damit Indy beim eigentlichen Dreh möglichst wenig Stress erlebte. Diese ungewöhnliche Arbeitsweise verlangte dem Team viel Flexibilität ab. Wenn der Hund etwas Unerwartetes tat, wurde nicht abgebrochen, sondern die Szene kurzerhand umgeschrieben. Leonberg spricht von einem ständigen Balanceakt zwischen Planung und Improvisation, zwischen filmischer Kontrolle und tierischer Authentizität.
Und man kann es nicht anders sagen: Dieser Indy ist einfach ein Naturtalent. Insofern wundert es auch überhaupt nicht, dass sein „Schauspiel“ nach den ersten Vorstellungen von „Good Boy“ ähnlich schnell viral ging wie jenes seines vierbeinigen Kollegen Messi aus „Anatomie eines Falls“. Der brachte es 2024 gar zu einem Auftritt bei den Oscars. Mittlerweile existiert sogar ein offener Brief, in dem Fans an die Academy of Motion Picture Arts and Sciences appellieren, Indy bei der kommenden Preisverleihung zu berücksichtigen. Beim South by Southwest Filmfestival reichte es immerhin schon für den „Howl of Fame“-Award, eine offizielle Anerkennung für die „Best Canine Performance“. Einen Hund zum emotionalen Anker eines (Horror-)Films zu machen, ist gewiss mit Tücken verbunden. Eine zu starke Vermenschlichung kann die Gruselatmosphäre schnell abschwächen. Trotzdem muss der Hund in der Lage sein, das Publikum auf seine Seite zu ziehen; Letztlich trägt er den Film ganz allein auf seinen Schultern. Ben Leonberg kommt es ohne Zweifel zugute, dass sein Indy einfach verdammt niedlich ist. Wenn dieser ängstlich unters Bett krabbelt, fragend sein wirre Dinge tuendes Herrchen beobachtet oder mutig durch eine Fensterscheibe springt, hat man längst sein Herz an den Retriever verloren und hofft darauf, dass das alles bloß gut für ihn ausgehen möge. Indys extrem ausdrucksstarkes Mienenspiel tut sein Übriges.
„Alles im Film gilt es, infrage zu stellen. Vom sich aufblasenden Schatten an der Wand, bis hin zur schwerfällig die Treppe hochschlurfenden Gestalt ohne Gesicht: All das erleben wir aus den Augen des Hundes, also von einer deutlich tiefer gelegten Kameraperspektive, als man es normalerweise gewohnt ist.“
Nicht umsonst beginnen Haunted-House-Filme gerne mal damit, dass der Familienhund plötzlich nicht mehr über die Türschwelle steigen oder bestimmte Zimmer betreten möchten. Das war bereits im Original-„Poltergeist“-Film so und wurde später in zahlreichen Genrebeiträgen wie etwa „Conjuring – Die Heimsuchung“ wieder aufgegriffen. Der deutsche Untertitel „Trust His Instincts“ gibt ebenfalls die übernatürliche Marschrichtung vor. Alles im Film gilt es, infrage zu stellen. Vom sich aufblasenden Schatten an der Wand, bis hin zur schwerfällig die Treppe hochschlurfenden Gestalt ohne Gesicht: All das erleben wir aus den Augen des Hundes, also von einer deutlich tiefer gelegten Kameraperspektive, als man es normalerweise gewohnt ist. Konsequent in der First-Person-Ansicht bleibt der selbst für die Bilder verantwortliche Ben Leonberg dabei jedoch nicht. Sobald etwas Unheimliches geschieht, wechselt die Kamera in den Gegenschuss, um Indys wahlweise ratloses, panisches oder neugieriges Gesicht zu zeigen. Wer sich also eine Art „Hachiko“ im „Presence“- oder „Skinamarink“-Style erhofft hat, dürfte von „Good Boy“ enttäuscht sein. Ganz so experimentell wie diese artverwandten Genrebeiträge ist der Film dann doch nicht geworden. Und das ist leider auch das Hauptproblem.
Für ein radikales Regie-Experiment ist „Good Boy“ überraschend konventionell geraten. Die hier abgefeuerten Gruselelemente erfüllen zwar meistens ihren Zweck, stammen aber allesamt aus der Horror-Mottenkiste. So richtig unheimlich wird es daher nie. Und wenn dann doch einmal ein präzise platzierter Jumpscare zündet, entpuppt dieser sich in der Regel als Traum. Zwar weiß jede:r Hundebesitzer:in sehr genau, dass auch sein/ihr Vierbeiner im Schlaf träumt, doch so wie hier dargeboten, wirkt es bisweilen unfreiwillig komisch, in was für obskure Horrorfantasien sich der Hund nachts begibt. Zumal das „ein Schock entpuppt sich als Vision“-Motiv schon bei menschlichen Hauptfiguren einen ziemlich langen Bart hat. Dass Leonberg es nun auch in „Good Boy“ anwendet, steht symptomatisch dafür, dass ihm selbst während der gerade einmal 70 Minuten Laufzeit schnell die Ideen ausgehen. Auch die Metapher vom menschlichen Verfall hätte gern etwas subtiler ausfallen dürfen. Erst recht, da der hier für Angst und Schrecken sorgenden Gestalt eine schaurige Ausstrahlung weitestgehend abgeht; Sieht sie doch einfach nur aus wie ein Mensch im Latex-Ganzkörperanzug. Trotzdem nimmt man Indy ab, dass er Angst vor ihr hat. Und das ist ja schließlich die Hauptsache.
„Die hier abgefeuerten Gruselelemente erfüllen zwar meistens ihren Zweck, stammen aber allesamt aus der Horror-Mottenkiste. So richtig unheimlich wird es daher nie. Und wenn dann doch einmal ein präzise platzierter Jumpscare zündet, entpuppt dieser sich in der Regel als Traum.“
Menschliche Figuren kommen in „Good Boy“ zwar vor, finden allerdings nur peripher statt. Das Gesicht des Darstellers Shane Jensen bleibt meist von Schatten verborgen. Vielleicht auch, weil der zuvor in Kurzfilmen und Serien agierende Mime nicht durch das beste Schauspiel auffällt. Seine Interaktion mit Indy ist authentisch und niedlich, doch davon abgesehen wirkt Jensen sehr hüftsteif. Weitere Charaktere finden allenfalls am Telefon oder in auf dem ständig flimmernden Fernseher abgespielten Homevideos statt. Auch so ein Motiv, das sich längst abgenutzt hat. Immerhin verzichtet Leonberg über weite Strecken auf manipulative Musik. Auch bei der visuellen Gestaltung zeigt sich der Filmemacher experimentell, setzt auf ausgewaschene, trotzdem kontrastreiche Farben und hebt Indy mithilfe eines sogenannten Backlights konstant in den Fokus, was das Fell und die Augen des Hundes zusätzlich hervorhebt. Keine Frage: Ben Leonberg setzt mit seinem Film ein inszenatorisches Statement, gepaart mit viel Mut, ein solches Konzept bis in die letzte Szene durchzuziehen. Da muss – vor allem bei einem Debüt – noch lange kein Meisterwerk draus werden. Immerhin auf den Radar junger, eigenwillig-kreativer Filmemacher hat er sich mit „Good Boy“ gebracht.
Fazit: Trotz seines originellen Konzepts bleibt „Good Boy – Trust His Instincts“ hinter seinem Potenzial zurück. Ben Leonbergs Idee, einen Horrorfilm konsequent aus Hundeperspektive zu erzählen, ist mutig, verliert sich aber zu oft in bekannten Genreklischees und erzählerischer Beliebigkeit. Atmosphärisch gelingt manches, doch echte Spannung oder inhaltliche Tiefe stellen sich selten ein. Was bleibt, ist vor allem die Faszination für Indy – einen außergewöhnlich präsenten Filmhund, dessen natürliche Ausstrahlung den Film überhaupt trägt. Ohne ihn wäre „Good Boy“ kaum mehr als ein stilistisch ambitioniertes, aber erzählerisch blasses Experiment.
„Good Boy – Trust His Instincts“ ist ab dem 30. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



