In die Sonne schauen

Mit ihrem zweiten Spielfilm IN DIE SONNE SCHAUEN geht die Regisseurin Mascha Schilinski 2026 ins Oscar-Rennen. Eine gleichermaßen mutige als auch vollends naheliegende Wahl. Denn obwohl man sich den Film und seine Geschichten Stück für Stück selbst erarbeiten muss, ergibt sich am Ende doch ein unvergleichbares Faszinosum, das im deutschen Gegenwartskino seinesgleichen sucht.

OT: In die Sonne schauen (DE 2025)

Darum geht’s

Ein abgelegener Vierseitenhof in der Altmark. Hinter diesen Mauern spielen sich über ein Jahrhundert lang die Schicksale seiner zahlreichen Bewohnerinnen ab. In den 1910er-Jahren entdeckt die junge Alma (Hanna Heckt), dass sie einst nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde. Eine Erkenntnis, die sie fortan mit sich herumträgt, während ihre Kindheit von Tod und Trauer begleitet wird. Die Vierzigerjahre existieren im Schatten des Zweiten Weltkrieges, wo Erika (Lea Drinda) eine ungeahnte Faszination für ihren versehrten Onkel entwickelt. Knapp vierzig Jahre später changiert die Jugendliche Angelika (Lena Urzendowsky) zwischen Todessehnsucht und der Hoffnung auf ein besseres Leben, fernab ihrer Familie. Doch die starren Strukturen derselben halten sie zuhause gefangen. In der Gegenwart erlebt die junge Nelly (Zoë Baier) eine wohlbehütete Kindheit. Doch nach und nach wird auch sie von den Lastern der Vergangenheit eingeholt. Ein sich über die Jahrzehnte wiederholendes, tragisches Ereignis lässt die Grenzen zwischen den verschiedenen Dekaden zunehmend verschwimmen…

Kritik

Dieses Phänomen wird jede(r) schon einmal erlebt haben: Blickt man ungeschützt in die Sonne und schließt direkt danach die Augen, sieht man anschließend noch immer für einen kurzen Moment ihre kreisrunden Umrisse. Der Grund: eine Überstimulation der Netzhaut, während der keine „normalen“ Signale an das Gehirn gesendet werden. Stattdessen interpretiert es ebenjene Überstimulation als eine Art „Nachbild“. In der Regel verschwindet dieses nach einigen Sekunden bis Minuten, wenn die Rezeptoren sich wieder erholt haben. Es kann aber auch zu bleibenden Schäden kommen. Je nachdem, wie lange die Person direkt in das gleißende Licht geblickt hat.  Etwas sehen respektive fühlen, was nicht mehr da ist – dieser Grundgedanke zieht sich durch Mascha Schilinskis Drama „In die Sonne schauen“, das frisch als deutscher Oscar-Kandidat ins Rennen um den nächstjährigen Academy Award gehen wird. Es ist ein zweieinhalbstündiges Mammutwerk, das sich in keine Schublade pressen lässt – und das einen tief beeindruckt zurücklässt, wenn man seine Gedanken nach dem Kinobesuch erst einmal geordnet hat. Das kann durchaus seine Stunden und Tage dauern…

Angelika (Lena Urzendowsky) blickt sehnsuchtsvoll in eine Zukunft fernab ihrer Heimat.

Mascha Schilinski („Die Tochter“) erzählt in dem von ihr sowohl inszenierten als auch (mit-)geschriebenen Film eine Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert umspannt. Ihre Hauptfigur ist genau genommen kein Mensch, sondern ein Ort. Genauer: Ein Vierseitenhof in der Altmark, der sich durch seine für derartige Bauten typische Architektur auszeichnet: eine viereckige, dadurch geschlossene Anordnung verschiedener Gebäude (Wohnhaus, Scheune, Stallungen) und ein früher zu Arbeits-, heute zu Freizeitzwecken genutzter Innenhof. Dieser Ort ist es, um den sich alle hier erzählten Geschichten ranken. Erlebt von vier Mädchen und Frauen, die in dieser Umgebung aufwachsen. Keine von ihnen erarbeitet sich in den zweieinhalb Stunden eine alleinige Hauptrollenposition. „In die Sonne schauen“ ist stattdessen ein gleichermaßen spektakulär wie lebensecht gespieltes Ensemblestück, aus dem sich jede Darstellerin auf ihre ganz eigene Weise hervortun kann. Die von der Newcomerin Hanna Heckt gespielte Alma entdeckt als ganz junges Mädchen die Welt um sich herum. Einschließlich der überfordernden Gepflogenheiten ihrer Familie, durch die sie schon in frühen Jahren Dinge zu sehen bekommt, die man besser vor ihr verborgen hätte. Sie ist aber auch ausgelassen und neugierig; gleichsam wohnt ihrem Spiel – obwohl gerade erst 9 Jahre alt – eine ungeahnte Melancholie inne. Heckt ist auf jeden Fall die Entdeckung des Films…

„Keine von ihnen erarbeitet sich in den zweieinhalb Stunden eine alleinige Hauptrollenposition. ‚In die Sonne schauen‘ ist stattdessen ein gleichermaßen spektakulär wie lebensecht gespieltes Ensemblestück, aus dem sich jede Darstellerin auf ihre ganz eigene Weise hervortun kann.“

… der ihre im deutschen Kino schon etwas bekanntere Kollegin Lena Urzendowsky („Cocoon“) jedoch in Nichts nachsteht. Der Schauspielerin wird die Aufgabe zuteil, aus ihrer vom Leben verunsicherten Figur einen komplexen Charakter zu gestalten. Mit sich und ihrer Situation hadernd, die Erwachsenen um sich herum stets kritisch beäugend, mit Todessehnsüchten spielend und doch hoffnungsvoll in eine Zukunft fernab des Altmarkhofs blickend: Ihre Angelika ist unberechenbar, ohne dass ihr Agieren jemals willkürlich daherkäme. Die ebenfalls bärenstark agierenden Lea Drinda („Where’s Wanda?“) und Zoë Baier („22 Bahnen“) komplettieren ein Quartett aus vier Generationen von Weiblichkeit und weiblicher Existenz in ihrer jeweiligen Dekade. Es geht dabei immer auch um Leid und Qual. Mal körperlich, mal seelisch – denn egal in welchem Jahrzehnt man hier in der Altmark gelebt hat, sie alle tragen ihr Päckchen mit sich herum. Manchmal ist das der Wunsch nach einem Leben, fernab dieser Gemeinschaft hier, die vor allem in den Achtzigerjahren Rückschritt und Stillstand symbolisiert. Geht man noch früher zurück, werden wir Zeugen von Tod, Gewalt und sexueller Unterdrückung. Einmal ist in einem Nebensatz die Rede davon, eine der Mägde müsse sich für die Männer des Hofes uninteressant (= nicht begehrenswert) machen. Worauf das genau hinausläuft, wird nicht gezeigt. Muss es auch gar nicht. Es ist eine von vielen Randnotizen, mit denen „In die Sonne schauen“ Einblicke in fremde Vergangenheiten gewährt, die so nie beleuchtet werden.

Alma (Hanna Heckt) schaut ihrer Großmutter (Liane Düsterhöft) faszieniert beim Kochen zu.

Als Inspiration für „In die Sonne schauen“ nannte die Regisseurin alte Fotografien aus dieser Gegend; Am Anfang stand der Ort, erst dann kamen die Figuren dazu. Das merkt man auch der Erzählweise an. Die Geschichte unterliegt keiner klassischen Dramaturgie, sondern fühlt sich assoziativ an. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Zeiten sind fließend. Irgendwann beginnen sie sich zu überlappen, sodass wir aus der Perspektive der Figuren auch die vom Beginn dieses Texts beschriebenen „Nachbilder“ sehen können. Wobei „sehen“ hier nicht wortwörtlich zu verstehen ist. Schilinski verzichtet in „In die Sonne schauen“ auf Eindeutigkeiten, überlässt viel der Interpretation. Mit einer im wahrsten Sinne des Wortes berauschenden Tonspur und kunstvollen Bildern (Kamera: Fabian Gamper, „The Trouble with Being Born“) suggeriert sie eher, als dass sie Fakten vorgibt. Vor allem, dass Menschen die Erlebnisse jener Menschen, die vor ihnen an dem Ort ihrer Existenz gelebt haben, nachfühlen können, ist eine Lesart, aber keine Vorgabe. Eine Antwort darauf gibt der Film nicht. Es obliegt seinem Publikum, zu erspüren, wie viel Verbindung man den verschiedenen Figuren zugestehen möchte.

„Die Geschichte unterliegt keiner klassischen Dramaturgie, sondern fühlt sich assoziativ an. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Zeiten sind fließend. Irgendwann beginnen sie sich zu überlappen.“

Wie ein Mosaik nutzt die Regisseurin immer wieder szenische Gegenüberstellungen von Momenten der Banalität und tiefgreifenden Ereignissen. Wo die eine vor vielen Jahrzehnten eine lebensverändernde Entscheidung fällte, gibt die andere ihrem Ehemann unverblümt einen Blowjob. Damit erinnert der ansonsten nur schwer mit anderen Filmen vergleichbare „In die Sonne schauen“ mit seiner Auswahl an scheinbar willkürlichen Momenten am ehesten noch an Richard Linklaters „Boyhood“. Und die Auswahl an Szenen hat hier und da auch etwas Komisches. Denn generell ist „In die Sonne schauen“ ein Film, der die niederschmetterndsten Erlebnisse immer wieder mit morbidem (Situations-)Humor aufbrechen kann. Nie fühlt sich das auf Biegen und Brechen gewollt an. Wie alles im Film fügen sich die verschiedenen Genreeinflüsse (es lassen sich hier Spurenelemente des Dramas, des Horrors, der Komödie und des Heimatfilms finden) hervorragend zu einem sich ständig um neue Facetten und Sichtweisen ergänzenden, funktionierenden Gesamtkunstwerk.

In der Gegenwart hat Christa (Luise Heyer) mit ihrer Familie den Altmarkhof frisch bezogen und macht sich an die Renovierung.

Fazit: Mit „In die Sonne schauen“ gelingt Mascha Schilinski ein nahezu unvergleichbares Mammutwerk für die Ewigkeit. Den Zugang zu den verschiedenen Geschichten muss man sich erarbeiten. Auch nach dem Film weiß man möglicherweise noch nicht alles für sich einzuordnen. Aber nach und nach entfaltet sich eine Faszination, die im deutschen Kino ihresgleichen sucht. Genres verschmelzen, das Gefühl für Zeit wird aufgebrochen und Schicksale fließen ineinander, obwohl zwischen ihnen viele, viele Jahrzehnte liegen.

„In die Sonne schauen“ ist ab dem 28. August 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

3 comments

  • Ein so hoch gelobter Film – wie habe ich mich gefreut als der Startschuss fiel, und ich diesen Film „In die Sonne schauen“, endlich ansehen konnte!
    Schon lange hatte ich nicht mehr so einen Drang einen Film zu besuchen.
    Ggf. bin ich nicht die richtige Kinobesucherin, und ebenso auch meine Kino-Freundin, mit der ich seit Jahren gerne besondere Neuerscheinungen anschaue –
    wir waren beide schwer entsetzt, was uns dargeboten wurde. Ein Film, für den eine
    Gebrauchsanweisung nötig ist, bevor das Kino aufgesucht wird. Die Geschichten der Frauen haben sich uns nicht erschlossen…. Im Gegenteil – sie haben eine große Verwirrung angerichtet. Das Fazit lautet, dieser Film ist das Eintrittsgeld nicht wert –
    Sorry, das ich mit meinem und dem Empfinden meiner Freundin nichts anderes berichten kann!

  • Die Kritik gibt einen sehr guten Einblick. Kein Film zum “ Verstehen“, kein Film mit einem simplen Plot. Nicht die eine Wirklichkeit oder gar Wahrheit. Ein phantastisches Meisterwerk, das Hinsichten ermöglicht, Perspektiven und Verwebungen ermöglicht, nicht schafft oder gar fordert. Ein offener Blick und sich Einlassen genügt …

  • Pingback: In die Sonne schauen – Filmkritik - Passion of Arts

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