Was ist Liebe wert – Materialists
Eine Dreiecks-Liebesgeschichte schöner Menschen und vor der imposanten Kulisse New York ist WAS IST LIEBE WERT – MATERIALISTS zwar auch irgendwie, doch in dem neuen Film von „Past Lives“-Regisseurin Celine Song geht es eigentlich um etwas ganz Anders: die Liebe zu Zeiten des Kapitalismus. Und das ist mitunter ganz schön schmerzhaft.
Darum geht’s
Lucy (Dakota Johnson) lebt in New York, wo sie als professionelle Partnervermittlerin arbeitet. Sie ist sehr gut in ihrem Job und hat schon viele Menschen in die Ehe geführt. Doch romantisch ist sie nicht. Vielmehr glaubt sie daran, dass Romantik und materielle Sicherheit Hand in Hand gehen. Ihr Leben ist geprägt von Geld, sie träumt von einem gesellschaftlichen Aufstieg. Als sie bei einer Veranstaltung auf den wohlhabenden Geschäftsmann Harry (Pedro Pascal) trifft, scheint alles perfekt. Harry ist reich, genießt ein hohes Ansehen und ist äußerlich makellos. Damit verkörpert er genau das, was Lucy sucht. Doch ihre Welt gerät ins Wanken, als sie David (Chris Evans) wieder trifft, mit dem sie einst eine intensive Beziehung führte. Das Problem: David ist ein erfolgloser Schauspieler und lebt nicht etwa in einem Luxus-Appartement, sondern in einer versifften WG. Er ist das genaue Gegenteil von dem, was Lucy will – doch ihr Herz berührt er trotzdem noch immer…
Kritik
Die ursprünglich vom Theater stammende Regisseurin und Drehbuchautorin Celine Song machte sich direkt mit ihrem Spielfilmdebüt „Past Lives“ einen Namen in Hollywood. Ihr wurde sogar ein Gastauftritt in der gefeierten Apple TV+-Serie „The Studio“ zuteil, worin sie an ihrem Filmset penibel genau einen One Shot vorbereitet, der immer und immer wieder von Störungen unterbrochen wird. Trotzdem dürfte sich die Bedeutung ihrer Person wohl deutlich weniger Zuschauer:innen erschlossen haben, als etwa die Größe eines Martin Scorsese, der in „The Studio“ ebenfalls einen kurzen Auftritt als er selbst hat. Vielleicht ändert sich das nun, denn ihr zweiter Film „Was ist Liebe wert – Materialists“ liegt – gemessen an den bisherigen Erfolgen des Indie-Studios A24 – bereits auf Platz 7 der umsatzstärksten Filme in Nordamerika. Mit einem Einspiel von bislang knapp 40 Millionen US-Dollar konnte er bereits das Doppelte seines Budgets wieder einspielen. Vielleicht auch deshalb, weil Trailer und Promotion ihr potenzielles Publikum auf eine falsche Fährte locken. Mit einem Starcast um Dakota Johnson („Suspiria“), dem aktuell mega angesagten Pedro Pascal („Fantastic Four: First Steps“) und Chris Evans („Don’t Look Up“) sowie der prominent in Szene gesetzten Metropole New York verspricht „Was ist Liebe wert – Materialists“ – vor allem mit seinem deutschen Titel – eine klassische RomCom zu sein. Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuß, denn der Film offenbart diverse schmerzhafte Erkenntnisse über die wirtschaftliche Ausbeute der Partnerfindung.
„Über Geld spricht man nicht!“, so sagt man. Und vielleicht ist dieses heimlich verabredete Stillschweigen in unserer Gesellschaft mit ein Grund dafür, dass es in Filmen so selten darum geht, was die Figuren in den Geschichten eigentlich verdienen. Überhaupt wohnen überdurchschnittlich viele Filmcharaktere in großen Häusern, haben einen gut bezahlten Job und eigentlich nie finanzielle Probleme. Wenn dann mal doch, wird es zumeist ein wichtiger Bestandteil der Handlung. So auch in „Was ist Liebe wert – Materialists“, nur geht es hier nicht etwa darum, wie Geldarmut Menschen in prekäre Lebensverhältnisse treibt. Im Zentrum des Films steht noch immer die Upper Class. Und dass ausgerechnet die so ihre Probleme mit Geldangelegenheiten hat, insbesondere wenn es um die Liebe geht, erweist sich im Laufe des Films als zunehmend zermürbend. Wenn Dakota Johnsons Lucy in einer Szene ihr Brutto-Gehalt nennt, das selbst nach Abzügen und im Anbetracht der teuren Lebenshaltungskosten in New York weit über dem (deutschen) Durchschnitt liegt, realisiert man, in welchen Sphären sich „Materialists“ respektive die Menschen darin bewegen. Doch es geht Celine Song nicht einfach nur darum, von First World Problems zu erzählen. Denn letztlich entlarvt sie anhand der hier dargestellten Welt eigentlich nur die allgemein in der Partnerfindung vorherrschende Oberflächlichkeit, von der sich niemand, aber auch wirklich niemand freisprechen kann – und da kann er oder sie noch so oft sagen, dass es ja „auf die inneren Werte“ ankomme.
„Es geht Celine Song nicht einfach nur darum, von First World Problems zu erzählen. Denn letztlich entlarvt sie anhand der hier dargestellten Welt eigentlich nur die allgemein in der Partnerfindung vorherrschende Oberflächlichkeit, von der sich niemand, aber auch wirklich niemand freisprechen kann.“
„Materialists“ beginnt mit einer Szene, in der sich Lucy die Beschwerde eines von ihr vermittelten Kunden anhören muss. Er beschreibt ihr, was ihm an seinem Date alles nicht gepasst hat. Automatisch ist man auf der Seite der Frau, über die er spricht. Alles an seinen Ausführungen ist oberflächlich, bezieht sich auf das Aussehen, ihren Job und nicht darauf, dass es etwa charakterlich nicht gematcht hat. Da hat man ihn also: Den oberflächlichen Mann, der absurd hohe Anforderungen bei der Partnerinnenwahl hat, dabei aber selbst nicht ansatzweise eine „10 von 10“ ist. Nach dem Gespräch klingelt Lucys Telefon erneut. Am anderen Ende: das Date ihres Kunden. Und deren Beschwerden über die vorangegangene Verabredung stehen den Ausführungen des Mannes in Nichts nach. Frauen sind beim Dating also längst nicht die armen, unschuldigen Opfer allzu anspruchsvoller Männer, sondern mindestens genauso hart und kritisch. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass Celine Song in diesen wenigen Filmminuten die Erwartungen ihres Publikums unterläuft. Ihre Protagonistin ist keine hoffnungsvolle Romantikerin, sondern eine knallharte Geschäftsfrau. Die erfolgreiche Vermittlung zwischen zwei Kund:innen ist alles, worauf sie in ihrem Job hinarbeitet. Da ist kein Platz für Gefühlsduselei. Entsprechend nüchtern geht sie selbst bei der Partnerfindung vor und klopft ihre potenziellen Love Interests nach ganz ähnlichen Maßstäben ab, wie sie es für ihre Klientinnen und Klienten tut.

Einst trennte sich Lucy von David (Chris Evans), da dieser ihr keinen Luxus bieten konnte. Doch zwischen den beiden funkt’s noch immer…
Es ist daher auch gar nicht selbstverständlich, dass man Lucys Dreiecks-Liebeseskapaden durchgehend gern verfolgt. Bisweilen rückt Celine Song ihre Protagonistin in ein alles andere als angenehmes Licht. In den kurzen Rückblenden zu ihrer Beziehung mit dem nur wenig erfolgreichen Schauspieler John wird schnell deutlich: Lucy beendet eine Partnerschaft schon mal aus rein materialistischen Gründen, was das zaghafte Wiederanbandeln zwischen den beiden von Anfang an mit Widerhaken versieht. Deutlich mehr von den typischen Liebesfilm-Funken sprühen da schon zwischen Lucy und dem schwer reichen Harry. Doch ihre nüchterne Brille, durch die sie die Liebe an sich vor allem als wirtschaftlich auszählbares Gut betrachtet, kann sie selbst in der Gegenwart eines absoluten Traumtyps nicht ablegen. Die Spitze ihres zynischen Blicks ist eine Hochzeit, die sie und John aus der Ferne beobachten. Anstatt sich an dem Anblick des frisch vermählten Paares zu erfreuen, liefert Lucy, passend zum Eheschwur, ein schmerzhaftes Voice Over, das das aus ihrer Sicht unweigerlich bevorstehende Scheitern dieser Beziehung durchexerziert. Dabei kommt man nicht umher, sich über seine eigene – falls vorhandene – Beziehung Gedanken zu machen. Ist man wirklich in jedem Bereich miteinander kompatibel? Hat man nicht nur dieselben Zukunftsvorstellungen, sondern auch einen ähnlichen Kontostand? Sieht man ungefähr gleichermaßen attraktiv aus? Und wie wichtig ist all das eigentlich für eine funktionierende Beziehung?
„Gleichzeitig gelingt es Celine Song, zwischen all diesen pragmatischen Beobachtungen kleine Momente des romantischen Zaubers zuzulassen. Immer wieder durchbricht sie die bittersüße Stimmung und verteilt in ihrer Geschichte kleine Hoffnungsschimmer.“
„Materialists“ gibt einem zu verstehen, dass all diese Fragen im Laufe einer Beziehung irgendwann auf den Tisch kommen werden. Eine derart unromantische Darstellung der Liebe hat es im Mainstreamkino selten gegeben. Die Hochglanzinszenierung, wie man sie von klassischen Hollywood-RomComs kennt, wiegt einen in falscher Sicherheit. Es würde daher kaum wundern, sollten Singles nach dem Kinobesuch einfach direkt ganz auf das Thema Dating verzichten. Gleichzeitig gelingt es Celine Song aber trotzdem, zwischen all diesen pragmatischen Beobachtungen kleine Momente des romantischen Zaubers zuzulassen. Immer wieder durchbricht sie – auch mit einem augenscheinlichen Happy End – die bittersüße Stimmung und verteilt in ihrer Geschichte kleine Hoffnungsschimmer, die nicht nur die Figuren in ihrer Oberflächlichkeit infrage stellen, sondern auch das ganze Thema Partnerfindung an sich. „Was ist Liebe wert – Materialists“ entlässt sein Publikum daher nicht auf einer allzu galligen Note. Wohl aber auf einer, die einen die Liebe nach dem Abspann noch lange mit neuen Augen sehen lassen wird. Das hier ist einfach so viel mehr als einfach nur eine weitere Hollywood-Lovestory.
Fazit: Celine Song gelingt mit ihrem zweiten Film „Was ist Liebe wert – Materialists“ ein ungeschönter Blick auf die Liebe als kapitalistisches Produkt. Obwohl sie aus der Perspektive von Menschen erzählt, die fast alle äußerst wohlsituiert sind, lässt sich ihre Geschichte auf jeden übertragen, der sich selbst schon mal in der Partnerfindung versucht hat. Nach dem Film ist man ernüchtert – und sieht die Liebe mit ganz anderen Augen. Das ist schmerzhaft und alles andere als romantisch, hat aber auch jede Menge erzählerische Wucht und ist einfach mal etwas ganz Anderes, als dass, was einem das Plakat und der Trailer zum Film versprechen. Nämlich sehr viel mehr.
„Was ist Liebe wert – Materialists“ ist ab dem 21. August 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



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