Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von WESSELS‘ WEEKLY, unserer wöchentlichen Vorschau auf die anstehenden Filmstarts. Heute geht es um den Starttag des 22. November, dessen größter Start „Verschwörung“ am meisten enttäuscht. Der neueste Film aus der Stieg-Larsson-Reihe wird zugleich zum bisher schwächsten, trotz einer starken Claire Foy. Einen ersten Vorgeschmack auf Weihnachten gibt es dafür mit einer Geschichte über den Autor der Weihnachtsgeschichte. Das biographische Drama ist allerdings eher ein Erwachsenen-Weihnachtsmärchen. Darüber hinaus geht’s mit „So viel Zeit“ in den Ruhrpott, mit „Der Dolmetscher“ nach Bratislava und mit dem Berlinale-Zankapfel „Mein Bruder heißt Robert uns ist ein Idiot“ ins unerträgliche Nichts… Dafür gibt’s als Heimkinotipp diesmal etwas ganz Besonderes!
Wenn Ihr mehr zu den einzelnen Filmen wissen wollt, klickt einfach auf’s Plakat und entdeckt dort entweder die Kritik oder den dazugehörigen Trailer. Bei Produktionen, die ich vorab nicht sichten konnte, liefere ich Euch auch diesmal wieder eine Zusammenfassung der Handlung. Und wer lieber daheim bleibt, für den habe ich natürlich auch einen hübschen Heimkinotipp parat. Ich wünsche Euch viel Freude mit dieser neuen Ausgabe und natürlich viel Spaß im Kino!
CHARLES DICKENS: DER MANN, DER WEIHNACHTEN ERFAND | Regie: Bharat Nalluri | IE/CAN 2017
Mit 31 Jahren hat der Autor Charles Dickens im Jahr 1843 alles erreicht. Das Feuilleton und die Leser lieben ihn für seinen bahnbrechenden Roman „Oliver Twist“, er wird durch die ganze Welt kutschiert und für sein Werk gefeiert. Drei Flops später sieht sich Dickens am gesellschaftlichen Abgrund. Er ist pleite und eine Schreibblockade verhindert, dass sich daran so schnell etwas ändert. Als er eines Tages durch Zufall einer Beerdigung beiwohnt, an dem kein einzelner Freund oder Verwandter des Verstorbenen anwesend ist, kommt er auf die Idee, ein Buch über Weihnachten als die Zeit des Miteinanders und des Zusammenrückens zu schreiben. Einen Protagonisten hat er in dem griesgrämigen Greis Ebenezer Scrootch schnell gefunden. Doch auf dem Weg zum Bestseller suchen ihn nicht bloß seineGeldsorgen und Streitereien mit seinem Vater heim…
„Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ ist ein ebenso liebevoller wie ernsthafter Einblick in eine spannende Lebens- und Arbeitsphase von Charles Dickens, das durch seine technische Aufmachung einen ähnlichen Charme erreicht wie das Werk, das hier überhaupt erst entsteht.
SO VIEL ZEIT | Regie: Philipp Kadelbach | DE 2017
„So viel Zeit“ ist eine sympathische Tragikomödie über ein paar Freunde, die sich nach langer Zeit noch einmal zum Musikmachen zusammenfinden. Das verläuft hin und wieder in formelhaften Bahnen, doch die toll aufgelegten und unkonventionell zusammengecasteten Hauptdarsteller können das die meiste Zeit über ausgleichen.
VERSCHWÖRUNG | Regie: Fede Alvarez | UK/DE/SWE/CAN/USA 2018
Es ist schon lange her, seit sich die unkonventionelle Hackerin Lisbeth Salander und der von ihr heimlich angehimmelte Journalist Mikael Blomkvist gesehen haben. Erst ein neuer Fall führt die beiden zusammen, als es die NSA auf Lisbeth abgesehen hat. Sie hat Beweise für eine Verschwörung des Auslandsgeheimdienstes aufgedeckt, die auf gar keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen sollen. Und um das zu verhindern, ist Lisbeths Gegnern jedes Mittel recht! Nachdem ihr Haus in Flammen aufgegangen ist und der Wissenschaftler Frans Balder ermordet wird, tickt für die vom Schicksal gebeutelte Hackerin langsam die Zeit herunter. Zum Glück kann sie sich auf Mikael verlassen, der längst die Fäden zusammengeführt hat, die alle zu Lisbeth führen. Und zu Balders hochintelligentem Sohn August, der der Schlüssel zu allem zu sein scheint…
Wenig Thrill, kaum Gewalt und eine Lisbeth Salander, über die man nur erfährt, dass sie auch von Claire Foy toll gespielt werden kann – „Verschwörung“ ist eine der größten Enttäuschungen des Kinojahres.
DER DOLMETSCHER | Regie: Martin Šulík, Jiří Menzel | SWK/CZE/AT 2018
Der in Bratislava lebende Dolmetscher Ali Ungár reist nach Wien um den mutmaßlichen Mörder seiner Eltern, die im Holocaust getötet wurden zur Rede zu stellen. Doch statt des ehemaligen SS-Offiziers Kurt Graubner findet dieser nur dessen Sohn Georg vor, der ihm erklärt sein Vater sei bereits verstorben. Georg ist ein pensionierter Schwerenöter und Bonvivant, das genaue Gegenteil des ernsthaften und grüblerischen Ali. Zuerst abweisend, beginnt er in dem unerwarteten Besuch eine Chance zu sehen, den dunklen Fleck in seiner Familiengeschichte endlich aufzuarbeiten. Er engagiert Ali kurzerhand als Fremdenführer und Übersetzer für eine gemeinsame Forschungsreise durch die Slowakei. Zusammen wollen sie die wenigen noch lebenden Zeitzeugen und ihre Nachkommen aufstöbern, die ihnen etwas über dieses dunkle Kapitel in der Vergangenheit von Georgs Vater erzählen können.
„Der Dolmetscher“ wäre gern ein Film über die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs, ohne dabei auf die Ernsthaftigkeit eines klassischen Dramas zu setzen. Doch die komödiantischen Einschübe wirken befremdlich und dem tragischen Teil der Geschichte nehmen sie den emotionalen Punch.
MEIN BRUDER HEIßT ROBERT UND IST EIN IDIOT | Regie: Philip Gröning | DE/FR/CH 2018
Ist „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ philosophisch, weil die ganze Zeit über Philosophie gesprochen wird? Vielleicht. Sind die beiden Hauptfiguren, denen man ihr Bruder-Schwester-Verhältnis zu keiner Sekunde abnimmt und wodurch für das alles andere als skandalöse Finale keinerlei emotionale Fallhöhe entsteht, ätzend und unausstehlich? Auf jeden Fall! Muss man den Film sehen? Definitiv nicht.
COLD WAR – DER BREITENGRAD DER LIEBE | Regie: Paweł Pawlikowski | POL/GB/FR 2018
Während des polnischen Wiederaufbaus ist der begabte Komponist Wiktor auf der Suche nach traditionellen Melodien für ein neues Tanz- und Musik-Ensemble. Dem Kulturleben seines Landes möchte er so frisches Leben einhauchen. Unter seinen Studentinnen ist auch die Sängerin Zula, gleich im ersten Augenblick elektrisiert sie Wiktor. Schön, hinreißend und energiegeladen ist Zula schon bald der Mittelpunkt des Ensembles und die beiden verlieben sich ineinander. Ihre brennende Leidenschaft scheint keine Grenzen zu kennen. Doch als das Repertoire des Ensembles zunehmend politisiert wird, nutzt Wiktor einen Auftritt in Ostberlin, um in den Westen zu fliehen. Zula bleibt der verabredeten Flucht fern und doch führt das Schicksal die beiden Liebenden Jahre später erneut zueinander. Wiktor begegnet Zula in Paris, nur so flammend ihre Liebe, so zerrissen ist das Paar und Zula muss eine tiefgreifende Entscheidung treffen.
JUPITER’S MOON | Regie: Kornél Mundruczó | HUN/GER/FR 2017
Trotz seiner übernatürlichen Elemente spielt der atemberaubende Film vor einem realen politischen Hintergrund – im Ungarn von heute. Der außergewöhnliche Film „Jupiter’s Moon“ ist ein fantastischer Mix aus politischer Parabel und sarkastischem Superhelden-Epos.
Heimkinotipp: SCHNEEFLÖCKCHEN | Regie: Adolfo Kolmerer, William James | DE 2017
Die deutsche Hauptstadt Berlin in naher Zukunft: Die zwei Gesetzlosen Tan (Erkan Acar) und Javid (Reza Brojerdi) suchen den Mann, der ihre Familien auf dem Gewissen hat. Ihre Suche gerät ins Stocken, als die beiden das Drehbuch zu genau dem Film finden, in dem sie sich selbst gerade befinden. Das geheimnisvolle Drehbuch eines verrückten Zahnarztes namens Arend Remmers (Alexander Schubert) bereitet die Bühne für zwei Freunde, die sich mehr Sorgen über ihren Döner als ihr Leben machen; du wirst Gott begegnen, der gerne Ravioli aus der Dose isst, einem hoffnungslos hoffnungsvollen Engel (Judith Hoersch), einen hyper-elektrischen Superhelden (Mathis Landwehr), sowie kannibalistische Auftragskiller und einen furchtbar gehorsamen Android Prototypen.
Spike Jonze trifft auf Tarantino: Adolfo Kolmerer gelingt mit „Schneeflöckchen“ ein abgefahrener Meta-Trip, auf dem zwei kleingeistige Ganoven ihr eigenes Drehbuch umschreiben und nebenbei blutige Rache nehmen wollen. Das ist kreativ, absurd, wahnwitzig und brutal – kleinere Abzüge in der B-Note nehmen wir für so viel Mut zur Innovation gern in Kauf.

