Die legendäre Slasher-Reihe kehrt erstmals ohne den verstorbenen Wes Craven zurück – mit einem Film, der gleichermaßen eine neue Generation ins Rampenlicht holt wie er die alte Garde zelebriert. Was SCREAM damit aussagt, verraten wir in unserer Spoiler-Kritik.
Der Plot
Etwa zehn Jahre herrschte Ruhe in Woodsboro, doch das Grauen ist wieder da: Junge Menschen werden über ihr Horrorfilmwissen befragt und brutal attackiert. Während die Teenager Wes (Dylan Minnette), Sam (Melissa Barrera), Chad (Mason Gooding), Richie (Jack Quaid), Mindy (Jasmin Savoy Brown), Amber (Mikey Madison) und Liv (Snia Ben Ammar) nach dem Angriff auf Tara (Jenna Ortega) debattieren, wer dieses Mal der Killer mit der Ghostface-Maske ist, werden auch frühere Mordserien-Überlebende in den Fall gezerrt. Können Sheriff Judy Hicks (Marley Shelton), Dewey Riley (David Arquette), Gale Weathers (Courtney Cox) und Sidney Prescott (Neve Campbell) mit ihren Erfahrungen helfen? Oder sorgt Ghostface für einen dramatischen Abgang der Veteran:innen?
Kritik
Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler zu „Scream“ sowie zu „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, „Star Wars: Die letzten Jedi“ und „Once Upon a Time in Hollywood“!
1996 in Woodsboro: Jugendliche lieben Horror – sie nehmen ihn nicht wirklich ernst, vielleicht sogar viel zu wenig. Schließlich geht gerade ein Serienmörder um. Und alles, was ihnen dazu einfällt, ist munter und erfreut über Horrorfilme zu diskutieren. Aber: Sie lieben diese Filme. Obwohl die Medien debattieren, ob Filmgewalt die Jugend zu Killern erzieht, wird letztlich deutlich: Die Behauptung, dass fiktive mediale Gewalt harmlose Menschen zu Killern macht, ist hirnrissig. Der Killer ist in Wahrheit ein Killer-Doppel – und diese beiden Killer sind instabile Eifersüchtlinge mit unterdrückten emotionalen Problemen, die sich darin suhlen, kleinliche Rachemotive denkbar aufgekratzt und übertrieben auszuleben. 2022 in Woodsboro: Wieder geht ein Serienmörder um, noch immer sind Filme Bestandteil der Jugendkultur. Aber die Gespräche laufen anders ab, denn mittlerweile wird mindestens ebenso eifrig über medial geäußerte Meinungen über Filme debattiert, wie über die eigentlichen Filme. Und wenn über Filme gesprochen wird, wird oftmals ausführlich, lautstark, harsch und kleinlich über eine sehr kleine Auswahl an Filmen geschimpft, statt eine breite Auswahl an Filmen verehrt oder respektvoll geneckt. Ghostface ist wieder ein Killer-Doppel. Auch diese emotional instabilen Aggressivlinge wurden nicht durch übertriebene fiktionale Gewalt zu den blutgierigen Monstern, die sie sind. Stattdessen kanalisierten sich kindische Obsession, theatralische Selbst- und Geltungssucht sowie das mangelnde Talent, Dinge entspannt und nuanciert zu betrachten, in den Wunsch, möglichst brutal das Sagen zu übernehmen.
Nicht nur in Woodsboro gilt: Seit 1996 hat sich viel, und doch eigentlich recht wenig geändert. Modetrends kommen und gingen, Technologie schritt voran und in den Medien werden nicht-weiße, nicht-heterosexuelle Menschen etwas häufiger repräsentiert. Aber von einer medialen Revolution kann man keineswegs sprechen. Und dann sind ja auch noch viele der Filmreihen, die damals populär waren, immer noch populär. Bloß, dass manche von ihnen nicht mehr fortgesetzt oder komplett neu gestartet werden, sondern ein kurioser Mix aus „Dieselbe Story nochmal!“, „Lasst uns neue Ansätze suchen!“, „Wir führen die alte Geschichte fort“, „Wir behalten die alten Figuren bei“ und „Wir schaffen Platz für eine neue Generation“ beliebt geworden ist. Siehe etwa die „Creed“-Filme, David Gordon Greens „Halloween“-Teile, „Ghostbusters: Legacy“, J. J. Abrams‘ „Star Trek“ oder die Serie „Cobra Kai“. Filmkritiker Matt Singer taufte diese Erzählform „Legacyquel“. Und ähnlich, wie 1996 Leute ohne Filmaffinität keine Ahnung hatten, was Menschen mit Filmaffinität wirklich bewegt („Lasst uns gruseln und darüber lustig machen, wie sehr wir uns gruseln“, nicht etwa das befürchtete „Oh, das muss ich nachmachen!“), sitzen auch 2022 Menschen mit anderen Interessen ratlos daneben, wenn Filmfans über kontroverse Themen debattieren. Nur, dass die Themen gleichzeitig populärer (Filme sind leichter zugänglicher und daher noch mehr Teil der kulturellen allgemeinen Erfahrung als noch in den 1990ern) und nischiger geworden sind (es wird nicht einfach über einen allgemein bekannten Film gestritten, sondern über die Reaktion irgendwelcher YouTuber auf die Kommentare unter den den Kritiken anderer YouTuber).
Imitieren, referenzieren, parodieren. Massakrieren.
Der Original-„Scream“ von Regisseur Wes Craven und Drehbuchautor Kevin Williamson verneigt sich mit zahlreichen liebevollen Referenzen und passioniert inszenierten Imitationen vor Slahern. Gleichzeitig nimmt er Klischees sowie Horror-Rezeption gehörig auf die Schippe, indem er einzelne Elemente auf den Kopf stellt, andere subtil kritisiert und auf wieder andere mit dem Steakmesser einsticht, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen sind. Wie könnte der nach David Gordon Greens verwirrender „Halloween“-Manier „Scream“ betitelte, neue Teil dieser Horrorkulturgut gewordenen Reihe besser auf die „Legacyquel“-Kultur eingehen, als mit dem Schutzpatron des „Es geht vorwärts, aber irgendwie auch nicht“ – also mit „Star Wars“?! George Lucas sagte über die erzählerische Struktur seiner Filmsaga, dass sie „wie Poesie ist – sie reimt sich“. Beispiel: Der erste „Star Wars“ handelt von einem von Abenteuern träumenden Knaben auf einem Wüstenplaneten, der von einem Mann, der einer mystischen Macht nahesteht, darüber aufgeklärt wird, dass er wie für’s Abenteuer gemacht ist. Der erste Film der zweiten von Lucas verantworteten Trilogie folgt diesen elementaren Aspekten – und beide Trilogien erzählen davon ausgehend unter anderem von Mentorenverlust, Versuchung durch das Böse, dem Kampf zwischen Spiritualität und Militarismus, und von den Bemühungen der Demokratie, sich gegen faschistoide Mächte durchzusetzen.
„Der Original-‚Scream‘ verneigt sich mit zahlreichen liebevollen Referenzen und passioniert inszenierten Imitationen vor Slahern. Gleichzeitig nimmt er Klischees sowie Horror-Rezeption gehörig auf die Schippe, indem er einzelne Elemente auf den Kopf stellt, andere subtil kritisiert und auf wieder andere mit dem Steakmesser einsticht, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen sind.“
Lucas‘ zwei Trilogien trennt, qualitative Unterschiede ausgeblendet, welche Charakterzüge die zentralen Figuren aufweisen, in welcher kulturellen Grundstimmung sie leben, und daher, wie sie sich an schicksalsträchtigen Wendepunkten entscheiden. Ihrerzeit wurde Lucas‘ zweite Trilogie von vielen älteren Fans der Vorgängerfilme brutal verrissen – wahnsinnig oft aufgrund kosmetischer Dinge. „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, der 2015 ohne Lucas‘ Beteiligung eine dritte Trilogie in Gang setzte, dreht sich dann um noch eine junge Figur, die auf einem Wüstenplaneten aufwuchs und gesagt bekommt, sie sei für das große Abenteuer bestimmt. Erneut werden einige der Zwischenetappen aus früheren Filmen wiederholt, erneut gibt es vereinzelte, folgenschwere Unterschiede – so steht dieses Mal eine junge Frau im Mittelpunkt, die alles erdenkliche will, außer in ein Abenteuer gezogen zu werden.
Wie schon die beiden „Star Wars“-Trilogie-Eröffnungen zuvor war „Das Erwachen der Macht“ finanziell extrem erfolgreich. Wie schon Lucas‘ zweiter Trilogiestarter „Die dunkle Bedrohung“ wurde „Das Erwachen der Macht“ aller Massenpopularität zum Trotz zum Filmdiskurs-Streitobjekt. Die einen alteingesessenen Fans äußerten sich froh, weil viele ästhetische Elemente näher an „ihrer“ Trilogie dran sind. Andere waren erzürnt, weil sich zu viel wiederholt. Wieder andere störten sich an kleinsten produktionsgestalterischen Neuerungen. Oder an den prominenten Frauenrollen und dem britischen Schauspieler John Boyega, der als schwarzer Mann keinen Sturmtruppler spielen „dürfte“. Was 2015 aber niemand ahnen konnte: Egal, wie anstrengend „Star Wars“-Debatten damals waren, mit dem Start von „Episode VIII“ alias „Die letzten Jedi“ sollte alles noch viel, viel schlimmer werden…
Der von Legacyquels handelnde, neue „Scream“ imitiert den mit einem Schlag zum Konsensfilm gewordenen Start der dritten „Star Wars“-Saga vielfach, so wie Wes Cravens „Scream“ zuvor viele Slasher nachahmte: Beide Filme führen eingangs Figuren ein, die mal mehr, mal weniger Vorwissen über die Geschehnisse aus den vorhergegangenen Teilen haben. Sie alle müssen auf späte Nachwirkungen der vergangenen Filme beziehungsweise Ereignisse reagieren. Ein beim Publikum beliebter Veteran der früheren Teile, der laut ursprünglichen Skriptplänen bereits in einer zurückliegenden Arbeit des Originalregisseurs hätte sterben sollen, voller Westernreferenzen skizziert wird und mit stoppelbärtig-knurriger Freundlichkeit auftritt, gesellt sich zur jungen Protagonistin dieser neuen Geschichte. Dort Harrison Ford als Han Solo, hier ein rau-charmanter David Arquette als Dewey. In beiden Filmen trauert der Veteran der vergeigten Romanze mit seiner früheren Partnerin nach (dessen Darstellerin auch im wahren Leben etwas mit ihm hatte), ist über die veränderte Stimmung in der Welt verwundert, und steht trotzdem den neuen Figuren mit Vorwissen aus den früheren, uns bekannten Geschichten zur Seite. Doch dann wird er vom schwarz gekleideten Bösewicht (der wiederum riesiger Fan des Schurken aus dem Original ist) in einem bläulich-gräulich erleuchteten Raum brutal erstochen. Zwei weitere Publikumslieblinge aus der Originaltrilogie stoßen ebenfalls zum Geschehen dazu. Und nicht nur, aber insbesondere das große Finale des Films hält sich dank zahlreicher Parallelen zum Ursprungsfilm der Filmreihe sehr an Lucas‘ „es ist wie Poesie – es reimt sich!“-Vorstellung.
„Der von Legacyquels handelnde, neue ‚Scream‘ imitiert den mit einem Schlag zum Konsensfilm gewordenen Start der dritten ‚Star Wars‘-Saga vielfach, so wie Wes Cravens ‚Scream‘ zuvor viele Slasher nachahmte.“
Aber der von James Vanderbilt („Zodiac – Die Spur des Killers“) und Guy Busick („Ready or Not“) geschriebene, neue „Scream“ bleibt jedoch auch dem Geiste des Original-„Scream“ treu, indem diverse Elemente der Vorlage verdreht werden. „Scream“ von 1996 imitiert nicht nur Slasher-Konventionen, sondern geht einigen gezielt aus dem Weg, wie etwa dem Klischee der „schützenden Jungfräulichkeit“, der intensiven Objektivierung von Frauen oder der Erwartung, dass es nur einen einzigen Killer gibt. Der neue „Scream“ verdreht ebenso einige „Das Erwachen der Macht“-Elemente. So ist die Stimmen in ihrem Kopf hörende, schwarzhaarige Figur, die gedanklich mit dem Schurken des Originalfilms spricht und ständig ob ihrer Position zwischen Gut und Böse hadert, allen Kylo-Ren-Parallelen zum Trotz keine Schurkin. Sie ist das Pendant zu Rey, unsere neue Heldin. Konsequenterweise spielt Melissa Barrera ihren Part mit einer schwer einzuordnenden, spannenden Balance aus freundlichem Tatendrang und innerlich zerrissener, knurriger Pampigkeit – das ist mehr als nur das Verschmelzen zweier „Star Wars“-Figuren, es ist auch die Möglichkeit, dieser Slasher-Reihe eine Protagonistin zu verleihen, die wie für die moderne Horrorära voller emotional unsortierter Hauptfiguren gemacht ist.
Courtney Cox und Neve Campbell wiederum sind nicht in der Position, die Carrie Fisher als Leia und Mark Hamill als Luke Skywalker in „Das Erwachen der Macht“ einnehmen. Selbst wenn narrativ genau solch minimale Parts angedeutet werden… Mit Biss, Altersweisheit und einem sich jeweils unterschiedlich äußernden, ihre Rollen dennoch einenden „Nicht schon wieder!“-Feeling schleppen sie sich sich als Gale Weathers und Sidney Prescott in das paradoxe Ungewisse voller Déjà-vus. Außerdem zielt das „Scream“-Regie-Duo Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett („Ready or Not“) deutlich weniger darauf ab, Wes Cravens „Scream“-Ästhetik zu replizieren, als J. J. Abrams in „Das Erwachen der Macht“ zum Original-„Star Wars“ schielt: Bettinelli-Olpin, Gillett und ihr Kameramann Brett Jutkiewicz lassen weitestgehend die kräftigen Farben Cravens hinter sich, um stattdessen mehrere wichtige Szenen in stahlblau-graues Licht zu tauchen. Das weckt durch dezent eingearbeitete, weitere ästhetische Feinheiten mal Erinnerungen an die deprimierte Atmosphäre im „Elevated Horror“, also den arthousetauglichen Horrorfilmen, die in der aktuellen Genreära viel Achtung erfahren und auf die dieser „Scream“-Film mehrmals anspielt. Andere Male fühlt man sich glatt in eine Teen-Dramaserie versetzt, wie sie für CW, Netflix oder Freeform entstehen könnte – womit das Regie-Duo das Publikum gekonnt an der Nase herumführt:
Schon „Scream 4“ schielte mit seinem Prolog auf Teenager-Serien des neuen Jahrtausends, und in Teil fünf wird dies doppelt unterstrichen, wenn die langjährige Sitcom-Darstellerin Jenna Ortega naiv dreinschauend durch einen Teen-Drama-Look stolpert und die von Slasher-Logik überforderte Tara spielt. Tara ist jedoch nicht das Frischfleisch-Kanonenfutter, als das sie eingangs präsentiert wird – als erstes Prolog-Opfer in einem „Scream“-Film übersteht sie die Ghostface-Attacke und verbringt den Rest des Films damit, sich aufzurappeln und allen möglichen Fallen aus dem Weg zu gehen, in die Slasher-Opfer sonst treten. Alte Hasen, unterschätzt die neuen Horrorfans nicht, sie halten mehr aus, als ihr denkt, egal, wie oft ihr raunt, dass früher ja alles besser, schockierender und brutaler war…
Once Upon a Scream: Das Erwachen der Verteidigung der letzten Jedi
Eingebettet in dieses Nest aus „Imitation ist die größte Form der Schmeichelei“-Liebe für „Das Erwachen der Macht“ sowie Cravens ersten „Scream“-Film und einer Menge an filigranen Details, die den anderen „Scream“-Sequels Tribut zollen, ist dies wohl die denkbar passionierteste Verteidigungsrede, die sich „Star Wars – Die letzten Jedi“ im Horrorgenre wünschen kann. Damit geht, wenig überraschend, nahtlos eine zielsicher zugespitzte Abrechnung mit moderner Filmdiskus- und Fankultur einher…
Es beginnt bereits mit dem Prolog: Im die damalige Filmkultur kommentierenden Original-„Scream“ fragt der von Horrorfilmen besessene Killer sein Opfer Löcher über eine Vielzahl an Slashern in den Bauch. Der neue „Scream“ widmet sich konsequent dem neuen Fanklima in der Filmkultur: Obwohl es einfacher denn je geworden ist, eine ebenso breite wie tiefe Filmdiät zu führen, kennt der neue Ghostface nur eine einzige Obsession: „Stab“, die Slasherreihe im „Scream“-Universum, die in ihren ersten Teilen die Story der frühen „Scream“-Filme erzählt. Das ist gleichermaßen Kommentar auf das moderne „Star Wars“ wie auf Teile der Filmfan-Subkultur: Aus einer Filmsaga, die sich aus zahlreichen, eklektischen Inspirationen nährte, wurde eine Filmreihe, die oft auf sich selbst zurückblickt – und das in den Augen einer penetranten Fan-Gruppe noch häufiger tun sollte. In der Welt der Filmbesprechung derweil hat sich die Anzahl der stark spezifizierten Portale, Magazine und Kanäle vermehrt, obwohl theoretisch ein Wandel zu immer mehr breit gefächerten Filmberichten genauso denkbar war. Schon vor der Titeleinblendung macht „Scream“ klar: Spezialisierung ist per se kein Problem (Sympathieträgerin Tara hat sich auf Filme wie „It Follows“ und „Der Babadook“ eingeschossen), zeigt aber leider sehr häufig ihr hässliches Gesicht (wie uns Videoreaktionen auf „Stab 8“ und die Taten Ghostfaces vorführen).
„Aus einer Filmsaga, die sich aus zahlreichen, eklektischen Inspirationen nährte, wurde eine Filmreihe, die oft auf sich selbst zurückblickt – und das in den Augen einer penetranten Fan-Gruppe noch häufiger tun sollte.“
Von diesem Intro ausgehend wird der fünfte „Scream“-Teil auf narrativer Ebene zu einer Geschichte, in der sich sowohl eine neue Generation als auch die Veteranen der vorherigen Filmen mit den Auswirkungen des Vergangenen befassen müssen. Gleichzeitig wird auf thematischer Ebene der Umgang mit Obsession behandelt, ebenso geht es um die (Un-)Fähigkeit, dazuzulernen – genauso wie in „Die letzten Jedi“ von „Knives Out“-Regisseur Rian Johnson. Doch der neue „Scream“ wiederholt nicht einfach die Lektionen des achten Teils der zentralen „Star Wars“-Saga. Er zieht ein entnervtes, leidenschaftliches, ergänzendes Fazit nach Jahren des toxischen Filmdiskurses, der rund um Johnsons Weltallepos entbrannt ist und sich selbst fernab der Lucasfilm-Produktion bemerkbar macht.
Die Welt dieses „Scream“-Films ist bevölkert mit Archetypen, die auch den wahren Filmdiskurs zu einem nervlichen Drahtseilakt formen: Detailversessene Fans, die die wahre Essenz geliebter Filmreihen nicht mehr erfassen, weil sie sich an kosmetischen Details aufhängen. Leute, die überzeugt sind, dass nur die Generation, mit der sie aufgewachsen sind, es richtig macht. Die psychotischen, blutlüsternen „Stab“-Fans im fünften „Scream“ beklagen ein „woke“ gewordenes Hollywood, das Frauen mehr Raum einräumt – obwohl „Stab“ eine nuancierte, durchsetzungsfähige Frau im Mittelpunkt aufweist, also zur Intoleranz dieser Fans eine doppelzüngige Begriffsstutzigkeit hinzukommt. Das erinnert an gewisse „Star Wars“-Fans, die über kompetente Frauen jammern, obwohl einer der herausragenden Aspekte des Originals die für ihr Genre bemerkenswert stark skizzierte Leia Organa ist (gespielt von der im realen leben überaus starken Carrie Fisher). Oder an eine eine lärmende Minderheit an „Ghostbusters“-Fans, die sich über die Außenseiterinnen in Paul Feigs „Ghostbusters – Answer the Call“ lustig machen – was die Halt und Anerkennung suchenden Protagonisten aus dem Originalfilm gewiss beschämen würde. Oder, oder, oder…
Die Krönung sind aber nicht die von Jasmin Savoy Brown pointiert abgelieferten, ironischen Monologe über Filmkultur. Es sind auch nicht die Anspielungen darauf, dass dem Filmdiskurs von manchen Fans mehr Bedeutung zugeschrieben wird als den Filmen selbst. Oder die kurzen Einblicke in die (keine Zuspitzung mehr benötigende) Subkultur von „Fans“, die sich im Netz selbstständig gemacht haben und Geld mit Wut, Zorn, Hass, Polemik und Fehlinformation verdienen, sowie mit dauernden Behauptungen, sie selbst könnten es besser. Die Krönung ist die Enthüllung der wahren Identitäten des neuen Ghostface, die ein hoch sarkastisches, aber auch verstörendes Zerrbild der Enthüllung aus dem „Scream“-Original darstellt.
„Die Krönung ist die Enthüllung der wahren Identitäten des neuen Ghostface, die ein hoch sarkastisches, aber auch verstörendes Zerrbild der Enthüllung aus dem ‚Scream‘-Original darstellt.“
In „Das Erwachen der Macht“ und „Die letzten Jedi“ sind die Schurken sozusagen „Neonazis im Weltall“, eine sich nach dem Faschismus sehnende, neue Generation an Zornigen, die den an Nazis angelehnten Fieslingen der Original-Trilogie nacheifern. Im neuen „Scream“ sind die Killer, wie könnte es anders sein, zornige junge Menschen ohne jegliche Empathie, die den Tätern aus dem Erstling nacheifern. Ihre Ideologie ist ähnlich hirnrissig wie das Motiv von Billy und Stu: Sie wollen das, was sie lieben (die „Stab“-Filme) beschützen, indem sie die Überlebenden der darin geschilderten Woodsboro-Attentate töten, obwohl sie beteuern, sie zu verehren. All das, weil sie Hollywood eine Botschaft übermitteln möchten: „Wir geben Hollywood frische Ideen: Zurück zu den Wurzeln!“ – ein Originalzitat.
Es ist eine Kakophonie der Widersprüche, eine im Stechschritt marschierende Parade der Unsinnigkeit, die die Grimassen schneidenden Richie (Jack Quaid) und Amber (Mikey Madison) verursachen – und es könnte mit etwas Distanz zum Gezeigten nicht köstlich-irrsinniger sein. Aber gleichzeitig ist es aufwühlender als das, was zum Abschluss des ersten „Scream“-Films passiert, denn die Distanz zwischen „Scream“-Zerrspiegel und „Scream“-Zielscheibe schmilzt dahin: Craven und Williamson präsentieren die demaskierten Billy und Stu als schrille Witzfiguren, als wandelnde Antwort auf Moralhüter, die das Horrorkino hinterfragen. „Denkt ihr wirklich, das passiert, wenn Jugendliche diese Filme gucken?!“, schreit die Auflösung des Krimi-Elements im ersten „Scream“. Im neuen „Scream“ dagegen macht sich im Finale weiterhin diese stahlblau-graue, ernste Wolke bemerkbar, die zuvor schon einige der einschneidend inszenierten Ermordungen und den trockenen Rapport zwischen den Figuren beeinflusste. Ja, diese Auflösung ist noch immer karikiert, und die Verachtung, die das Regie-Duo sowie das Skript-Team für diese Figuren übrig haben, ist überwältigend. Trotzdem schlägt dieses Ende anders ein: harscher! Der Filmdiskurs, auf den dieser „Scream“ blickt, ist bornierter, zutiefst beleidigter als der aus den vorhergegangenen Teilen, und die aufgekratzte Art des Killer-Doppels kann darüber nicht hinwegtrösten. Im Gegenteil. Es ist fast so, als wollten Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett, James Vanderbilt und Guy Busick sagen: „Unsere Ghostfaces sind nahezu echt, oder?“
Gemordet haben die Ambers und Richies unserer Realität noch nicht, doch sie haben bereits Newcomer wie Daisy Ridley und Loan Tran in Windeseile verhärmt und aus den sozialen Netzwerken gemobbt. Sie beschimpfen Leute wie John Boyega und Ruby Rose Tag für Tag auf’s Härteste. Sie führen erfolgreiche YouTube-Kanäle, die nahezu ausschließlich aus Hetze gegen Kathleen Kennedy und Brie Larson bestehen. Und sie keifen Leute wie „The Witcher“-Macherin Lauren S. Hissrich an, es seien einzig die Fans, die ihre Werke richtig verstehen. Daher wohl auch die so drastisch inszenierte Szene im neuen „Scream“, in der Ghostface die nach Wes Craven benannte Figur tötet, indem er ihm ein Messer durch die Kehle (und somit die Stimmbänder) jagt.
„Gemordet haben die Ambers und Richies unserer Realität noch nicht, doch sie haben bereits Newcomer wie Daisy Ridley und Loan Tran in Windeseile verhärmt und aus den sozialen Netzwerken gemobbt.“
Beängstigend ist die Frage, wohin die Reise in unserer Realität noch hingehen wird. Schon 2018 bewies eine Studie, dass unter anderem rechtsextreme Gruppierungen kontroverse Filmdebatten wie die über „Die letzten Jedi“ nutzen, um Leute zu rekrutieren – und was hat sich seither getan? Genau, solche ins Extreme verzerrte Filmstreits werden von Filmportalen, YouTube-Channels und Co. verstärkt kultiviert, denn die grellste, meistbeleidigte Meinung ist es, die Reichweite generiert. Nicht die ruhig abwägende. Ein beunruhigendes Filmdiskurssittengemälde, das dadurch intensiviert wird, dass Mikey Madison schon einmal eine durchgeknallte Gewalttäterin spielte – nämlich ein real existierendes, mordlüsternes Manson-Fangirl in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“, zu dem in diesem „Scream“ sogar mehrmals visuelle Parallelen gezogen wird. Manson-Meta-Schreck lass nach.
Was das Ganze in einem „Scream“-Film zu suchen hat? Ganz einfach: Ähnlich wie schon die ständigen Kommentare auf Sequels, Trilogie-Abschlüsse und angeblich die Originale auslöschende Remakes in „Scream 2“ bis „Scream 4“, treffen auch hier die Seitenhiebe auf das Filmgeschäft und die Filmfankultur auf’s Horrorgenre zu. Zwar schwappte keine Horror-Fankontroverse derart in den Mainstream über wie der Hass auf „Star Wars – Die letzten Jedi“ oder „Ghostbusters – Answer the Call“. Dennoch muss man nicht lange suchen, um in Social Media, auf Filmportalen und auf YouTube Gezeter über progressive Werte, kleinliches Gemotze über das Verletzen der (angeblichen) „wahren Identität“ einer Filmreihe und ungefilterten, übergriffigen Zorn zu finden. Vom Gatekeeping, wer Horror machen, in Horror abgebildet und Horror konsumieren darf, ganz zu schweigen. Der queere „Freaky“-Regisseur/Autor Christopher Landon etwa ging öffentlich bereits mehrmals darauf ein, wie ratlos ihn unflätige Reaktionen auf seinen Film zurücklassen. Etwa Zorn darüber, dass es eine hilfreiche, schwule Nebenfigur gibt, der kein Leid angetan wird. Oder solche, laut denen Hauptdarstellerin Kathryn Newton „zu hübsch“ sei, um eine schüchterne Schülerin zu spielen – als hätten von Heteromännern festgelegte Schönheitsstandards und das Selbstwertgefühl eine per Naturgesetz definierte, unverrückbare Beziehung zueinander. Der andere „Freaky“-Autor, Michael Kennedy, teilte wiederum bereits wüste Beschimpfungen, die ihn ereilen, weil er „zu schwul“ für das Horrorkino sei, und es doch endlich wieder Horrorfilme für Heteros bräuchte.
Doch letztlich müssten die im fünften „Scream“ attackierten Probleme in der Filmkultur gar nicht erst Fuß im Horrorgenre fassen: Cravens und Williamsons „Scream“ kreiert spannend-vergnüglichen Filmhorror aus dem eingebildeten Grauen der auf das Publikum abfärbenden, fiktiven Filmgewalt. Der neue „Scream“ kreiert einen satirisch-beißenden, dramatischen Filmhorror aus dem realen Grauen der vom Publikum vollführten Verbalgewalt über so manch‘ fiktive Gestalt. Es ist, mit Betonung auf Poe, wie Poesie. Es reimt sich.
„Scream“ ist aktuell in vielen deutschen Kinos zu sehen.

