Die Spannweite zwischen Potenzial und dem Unvermögen, dieses umzusetzen, könnte kaum größer sein. Der Teenie-Horrorfilm TAROT: TÖDLICHE PROPHEZEIUNG hat eine eingängige Prämisse, zehrt in den besten Momenten von engagierten Bildkompositionen und verliert sich am Ende doch in abgegriffenen Horrormotiven und vorhersehbaren Aufbauten.
Darum geht’s
Gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden Grant (Adain Bradley), Paxton (Jacob Batalon), Paige (Avantika), Madeline (Humberly González), Lucas (Wolfgang Novogratz) und Elise (Larsen Thompson) macht Haley (Harriet Slater) Urlaub in einer einsamen Waldhütte. In dem Keller des Gebäudes findet die Clique ein altes Tarotkartendeck und beschließt, sich von der esoterisch veranlagten Haley die Karten legen zu lassen. Was die Gruppe nicht ahnt: Das Set ist verflucht und die eigentlich so harmlosen Prophezeiungen werden schon bald zur Todesfalle, wenn der Magier, der Narr und Co. in der Realität Jagd auf die Teenager machen.
Kritik
Mit Filmtiteln ist das ja so eine Sache. Insbesondere die Übersetzung vom Original ins Deutsche treibt oft seltsame Blüten. Da wird aus Jim Cummings‘ bitter-süßem Charakterdrama eines vom Leben überforderten Polizisten namens „Thunder Road“ mal eben der an Adam-Sandler-Komödien erinnernde „Der Chaos-Cop“. Auch die verschwurbelten Untertitel allerlei Disney-Trickfilme („Riesiges Robuwabohu“, „Neu verföhnt“, „Völlig unverfroren“…) sind Auswüchse skurriler Neubetitelungen für den deutschen Markt. Doch die Eindeutschung allein hat dieses „Problem“ nicht für sich gepachtet. Generell können Filmtitel nichtssagend oder unpassend sein. Oder aber im Falle von „Tarot: Tödliche Prophezeiung“ das Opfer einer Verschlimmbesserung. Ursprünglich unter dem auf seiner Buchvorlage basierenden Titel „Horrorscope“ geplant (und seien wir einmal ehrlich: Warum ist nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen, einen Horrorfilm so zu nennen?), trägt der Teenie-Grusler auf dem nationalen wie internationalen Markt nun eben den Titel „Tarot“ und könnte damit kaum weniger auffallen. Immerhin verspricht er nichts Falsches: Das Böse lauert hier nämlich tatsächlich in verfluchten Tarotkarten.
„Horrorscope“ wäre nicht nur aufgrund seines eingängigen Wortspiels der bessere Filmtitel gewesen. Zumal der Ursprung alles Übels in „Tarot“ ein mit den Karten gelegtes Horoskop ist, dessen böse Personifizierungen Jagd auf die Hauptfiguren machen und sich dafür an den vorher getätigten Vorsehungen bedienen. Nein, auch der insbesondere durch die sozialen Netzwerke angeheizte Trend dazu, astrologische Themen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen wieder en vogue zu machen (mit Erfolg: einer aktuellen Umfrage zufolge glaubt über die Hälfte der Deutschen an den Zusammenhang zwischen Sternzeichen und Persönlichkeit), hätte mit Sicherheit besser gezogen. Das Thema Tarot bringt man dann ja doch eher mit Jahrmärkten und obskuren „Wahrsagerinnen“ in Verbindung. In „Tarot: Tödliche Prophezeiung“ ist es jedoch nicht ein geldgieriger Scharlatan, der den Teens die Karten legt, sondern ein Mitglied der Clique selbst. Doch es ist nicht sie, die das Todesurteil ihrer Freundinnen und Freunde mit den Horoskopen besiegelt, sondern das verfluchte Kartendeck, das einen lange zurückliegenden Ursprung in einem vom Schicksal gebeutelten Königshaus hat.
„Den Ursprung des Bösen zu finden und damit seinem Todesschicksal zu entkommen, steht hier nämlich eher weniger im Vordergrund. Stattdessen erinnert ‚Tarot‘ an eine Art ’noch jüngeres ‘Final Destination‘‘: Es geht nicht darum, ob die Freund:innen sterben, sondern darum, wann und unter welchen obskuren Umständen.“
Das offenbart „Tarot: Tödliche Prophezeiung“ bereits, als gerade einmal die Hälfte des mit 90 Minuten kurzweilig geratenen Films vorbei ist. Den Ursprung des Bösen zu finden und damit seinem Todesschicksal zu entkommen, steht hier nämlich eher weniger im Vordergrund. Stattdessen erinnert „Tarot“ an eine Art „noch jüngeres ‘Final Destination‘“: Es geht nicht darum, ob die Freund:innen sterben, sondern darum, wann und unter welchen obskuren Umständen. Nur dass es die Gruppe hier nicht mit dem Tod höchstpersönlich zu tun bekommt, sondern mit Personifizierungen der Wesen respektive Motive, die sich auf den Rückseiten der Karten befinden. Da gibt es unter anderem den Narren, den Magier und wie jemand stirbt, dem blöderweise die „Die neun Schwerter“-Karte gezogen wurde, kann man sich an dieser Stelle vermutlich denken. Nach dem Abzählreim-Prinzip macht die böse Macht Jagd auf die Teenager. Und so viel lässt sich sagen: Die Idee dahinter ist gut. Auch wenn die gruseligen Gestalten einen Tick zu digital aussehen, ist die Simplizität des Konzepts ziemlich genial. Zumal die aufgrund des Horoskops getätigten Aussagen nie so eindeutig sind, dass sie zu platt daherkämen. Für einen Film dieser Couleur muss man doch überraschend oft um die Ecke denken, um die Zusammenhänge zwischen Todesumstand und Horrorscope zu erkennen. Zumindest so lange, bis man das Konzept durchschaut hat. Je länger „Tarot“ geht, desto mehr lernt man, die Motive in den gelegten Karten zu deuten und die damit einhergehenden Drohungen zu verstehen.
Doch eine Prämisse allein macht leider keinen guten Film. Und genau diesem Umstand fällt nun auch „Tarot“ zum Opfer. Das Regie- und Autor:innenduo Spenser Cohen und Anna Halberg („The Expendables 4“) bleibt mit jedem noch so vielversprechenden Ansatz in den Anfängen stecken. Dabei täten sich ihnen so viele Möglichkeiten auf, um aus „Tarot“ einen Teen-Horror-Hit, irgendwo in der Nähe eines „Smile“ oder eben „Final Destination“, zu machen. Die Figurenkonstellation ist zwar durchweg sympathisch (für einen Film, bei dem man auf der Seite der Opfer mitleiden soll, ist das schon mal die halbe Miete), hat abseits von ein paar Spleens aber so gut wie keinerlei Charakterzüge spendiert bekommen. Jacob Batalon („Spider-Man: Homecoming“) sticht da als hysterischer Gute-Laune-Bär noch am ehesten hervor und macht, wie der Rest seiner Kolleg:innen, das Beste aus den Gegebenheiten. Avantika („Mean Girls – Der Girls Club“) spielt obendrein deutlich engagierter auf, als es in diesem Genre nötig wäre. Für Harriet Slater („Indiana Jones und das Rad des Schicksals“), Adain Bradley („Wrong Turn – The Foundation“), Humberly González („Ginny & Georgia“), Wolfgang Novogratz („Assassination Nation“) und Larsen Thompson („Gänsehaut um Mitternacht“) ist „Tarot“ business as usual.
„Das Regie- und Autor:innenduo Spenser Cohen und Anna Halberg bleibt mit jedem noch so vielversprechenden Ansatz in den Anfängen stecken. Dabei täten sich ihnen so viele Möglichkeiten auf, um aus ‚Tarot‘ einen Teen-Horror-Hit, irgendwo in der Nähe eines ‚Smile‘ oder ‚Final Destination‘, zu machen.“
Darüber hinaus kündigt sich immer mal wieder an, was Elie Smolkin („The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte“) für ein fähiger Kameramann ist. In „Tarot: Tödliche Prophezeiung“ gibt es Motive, die das Zeug dazu gehabt hätten, sich nachhaltig in die Köpfe des Publikums einzubrennen. Insbesondere das Zirkus-Setting des Magiers steckt voller pervers-kreativer Ideen. Genauso wie das Figurendesign des Narren oder eine Todesszene in einer U-Bahnstation, bei der sich obendrein zeigt, dass die Macher:innen auch mit Blut nicht zwingend gegeizt hätten, wäre „Tarot“ ein reiner „Erwachsenen-Horrorfilm“ geworden. Die Bildkompositionen sind in den besten Momenten richtig schön schaurig, doch die Editoren Tom Elkins („Annabelle“) und Josh Sgarlata („The Possession of Hannah Grace“) – beides Fachleute im Genre – bereiten mit ihrem übermotivierten Schnitt lieber einer ganzen Reihe in ihrer Wirkung überstrapazierter Jumpscares die Bühne. Und die treten in einer solchen Schlagzahl auf, dass eine Handvoll von ihnen sogar ihre gewünschte Wirkung haben, sie jedoch primär ermüden – insbesondere dann, wenn man schon mal irgendeinen ähnlichen Horrorfilm gesehen hat. Damit ist „Tarot“ vor allem eines: klassisch-moderner Geisterbahnhorror, der unter einer fähigeren Regie jedoch so viel besser hätte sein können.
Fazit: „Tarot: Tödliche Prophezeiung“ hätte so viele Ansätze gehabt, um als moderner Teen-Horror mit visueller Stärke, sympathischen Charakteren und einer starken Grundidee zu überzeugen. Doch der Film bleibt bei jedem dieser Punkte in seinen vorhersehbaren Aufbauten und Gruselmotiven stecken.
„Tarot: Tödliche Prophezeiung“ ist ab sofort in den deutschen Kinos zu sehen.

