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Problemista

Tilda Swinton und Julio Torres spielen sich in der verschrobenen Comedy PROBLEMISTA die Seele aus dem Leib. Doch der eigentliche Star des Films ist die wilde, ungehemmte Inszenierung, die Erinnerungen an den Oscar-Liebling „Everything Everywhere All at Once“ aufkommen lässt. Einen ungestühmeren Film wird man in diesem Jahr kaum zu Gesicht bekommen.

OT: Problemista (USA 2023)

Darum geht’s

Bis vor Kurzem noch hat der eigentlich als Spielzeugdesigner tätige Alejandro (Julio Torres) für ein Unternehmen gearbeitet, das Menschen beaufsichtigt, die sich nach dem Tod haben einfrieren lassen. Doch eine kurze Unachtsamkeit, die noch nicht einmal nennenswerte Folgen nach sich zieht, setzt ihn auf die Straße – und damit vor ein gewaltiges Problem! Ohne ein gültiges Arbeitsvisum beziehungsweise einen Bürgen muss Alejandro in einem Monat das Land verlassen. Also durchforstet er Craigslist und studiert Zeitungsanzeigen, um sich irgendwie beruflich über Wasser zu halten. Durch einen glücklichen Zufall trifft er eines Tages auf die exzentrische Kunstkritikerin Elizabeth (Tilda Swinton). Die hat an einen persönlichen Assistenten zwar enorme Ansprüche, doch Alejandro willigt ein, ihr bei der Organisation einer Ausstellung zu helfen. Aller Widersprüchlichkeiten zum Trotz wird aus den beiden ein engagiertes Gespann, doch Elizabeths Unberechenbarkeit droht Alejandros Plan, sie als Bürgen zu gewinnen, immer wieder einen Strich durch die Rechnung zu machen…

Kritik

In seinem Regiedebüt „Problemista“ verarbeitet Drehbuchautor und Regisseur Julio Torres seine eigene Lebensgeschichte in fiktionalisierter Form. Anstatt sich eine Karriere in der Spielzeugbranche zu wünschen (mit dem Weltkonzern Hasbro als ultimatives Ziel), erarbeitete sich der Sohn einer Architektin und Künstlerin sowie eines Bauingenieurs eine Anstellung als Schreiber bei der hierzulande kaum bekannten The Chris Gethard Show, eh er als festes Autorenmitglied für Saturday Night Live tätig war. Insgesamt vier Emmy-Nominierungen gingen aus dieser vierjährigen Kooperation – von 2016 bis 2019 – hervor. Darüber hinaus arbeitete er federführend an der spanischen Comedyserie „Los Espookys“ und spielte kleinere Rollen in Filmen und Serien. Julio Torres ist also wahrlich kein unbeschriebenes Blatt – sofern man mit US-amerikanischen Sketch-Comedy-Shows vertraut ist und sich hier auch primär für die Leute hinter der Kamera interessiert. Kurzum: Für viele dürfte Torres, der in „Problemista“ auch die Hauptrolle spielt, nun erstmalig auf der Bildfläche erscheinen. Im Anschluss an die surrealistische Komödie wünscht man sich dann aber sofort, ihn möglichst schnell in vielen weiteren Filmen wiederzusehen.

Elizabeth (Tilda Swinton) will die Bilder ihres verstorbenen Ehemannes mit einer Ausstellung würden. Alejandro (Julio Torres) hilft ihr dabei.

Wer sich schon immer mal gefragt hat, wie Craigslist (so etwas wie das US-amerikanische Pendant zu Ebay Kleinanzeigen) eigentlich als eine Art eigene Welt aussehen würde, der bekommt mit „Problemista“ endlich die Antwort serviert: ein bisschen wie ein Planet, auf dem auch die Guardians of the Galaxy einkehren würden. Mit einem einzigen Bewohner, der den Ankömmlingen, in diesem Fall Alejandro, alle möglichen Jobangebote vorliest, durch die sich der dringend um ein Arbeitsvisum (ebenfalls basierend auf Torres‘ wahren Hintergründen) bemühte Nachwuchs-Spielzeugdesigner in seiner Verzweiflung wühlt. Auf seinem unaufhaltsamen Weg in Richtung Abschiebung nimmt Alejandro jeden noch so abseitigen, immerhin halbwegs infrage kommenden Job an. Unter anderem als nur leicht bekleidete Putzkraft für einen zurückhaltenden Gönner oder eben als persönlicher Assistent der titelgebenden Problemista Elizabeth. Als Witwe eines Künstlers will diese ihrem verstorbenen Ehemann Bobby (RZA) posthum jene Aufmerksamkeit zukommen lassen, die er zu Lebzeiten nicht erhalten hat – mit einer ganzen Reihe an Gemälden im Fundus, auf denen nicht mehr zu sehen ist als in verschiedenen Ausführungen gemalte Hühnereier. Für Alejandro könnte Elizabeth die Rettung sein. Hat dieser doch gerade seine Anstellung als Aufpasser in einer Firma für kryogenisch eingefrorene Körper verloren, wo er ausgerechnet Elizabeths toten Mann beaufsichtigen sollte.

„Wer sich schon immer mal gefragt hat, wie Craigslist eigentlich als eine Art eigene Welt aussehen würde, der bekommt mit „Problemista“ endlich die Antwort serviert.“

Fassen wir einmal zusammen: In den letzten Zeilen ging es um eine personifizierte Variante von Craigslist, um nach dem Tod eingefrorene (und später, wenn die Forschung es ermöglicht hat, wieder aufzutauende) Körper, um ein auslaufendes Arbeitsvisum, um gemalte Eier und ums (Halb-)Nacktputzen. Eine ziemlich bunte und den Film trotzdem noch nicht einmal vollständig zusammenfassende Mischung, denn als Sammelsurium diverser verschrobener Ideen sollte man sich von der Exzentrik eines „Problemista“ am besten so weit wie möglich überraschen lassen. Nicht auf diese „Ich möchte nicht wissen, wie der Film ausgeht, weil es einen Twist gibt“-Art, sondern eher auf die „Ich möchte all diese kreativen Einschübe und Facetten möglichst ohne Vorwissen genießen, um mich ahnungslos vom Film überrollen zu lassen“-Weise. Zumal es ohnehin kaum möglich ist, den Film in Gänze akkurat wiederzugeben, ohne dabei reine Verwirrung zu stiften. In dieser Beziehung wirkt „Problemista“ ein bisschen wie der kleine Bruder des Überraschungshits und Oscar-Gewinners „Everything Everywhere All at Once“, nur eben ohne Zeitreisen, dafür mit einer ähnlich überbordenden Fantasie ausgestattet, mit der Julio Torres durch die vielen Setpieces hindurchrast.

Elizabeths wiederkehrendes Problem: ein widerspenstiges Computerprogramm.

Dass es Torres dabei längst nicht nur um bloßes Chaos geht, wird schon bei der Prämisse deutlich. Wenngleich sich der Regisseur bei der Abschiebethematik vorwiegend mit den Widersprüchlichkeiten und Absurditäten des US-amerikanischen Einwanderungssystems befasst, fehlt es diesen Szenen trotzdem nicht an emotionalem Punch. Alejandros Situation wird immer auswegloser. Es ist einzig und allein dem optimistischen, dabei nie naiven Gemüt des Protagonisten zu verdanken, dass aus „Problemista“ in diesen Momenten kein zweiter „Blue Bayou“ wird. Das andere tonale Spektrum bildet Alejandros Interaktion mit Elizabeth, dargestellt von Tilda Swinton („The French Dispatch“) als einmal mehr schauspielerische Urgewalt. Julio Torres erklärte den Filmtitel „Problemista“ mit einer Person, die Probleme schafft, Probleme sucht und sich in Problemen wohlfühlt. Swinton geht in der Rolle dieser über allen Maßen exzentrischen Problemsucherin voll auf und schafft es mit viel Fingerspitzengefühl, ihre Elizabeth, aller Spleens zum Trotz, zu einem weitestgehend liebenswerten Charakter zu machen. Mit ihrem Handeln und ihren Worten könnte sie auch sehr leicht dagegen anarbeiten. Trotzdem käme man nie auf die Idee, Alejandro um seine kuschende Handlangerposition zu beneiden. Bis es dem Schauspielduo schließlich gelingt, sich in ihrer Widersprüchlichkeit zu ergänzen, indem sie einander so nehmen, wie sie sind.

„Wenngleich sich der Regisseur bei der Abschiebethematik vorwiegend mit den Widersprüchlichkeiten und Absurditäten des US-amerikanischen Einwanderungssystems befasst, fehlt es diesen Szenen trotzdem nicht an emotionalem Punch. Alejandros Situation wird immer auswegloser.“

Die tonalen Widersprüchlichkeiten von „Problemista“ – die den Ernst der Lage nie unter den Teppich kehrende Abschiebesituation auf der einen Seite und den großen humoristischen Reiz des merkwürdigen Künstlerin-Helferlein-Gespannes auf der anderen Seite – finden sich auch in der Inszenierung wieder. Manchen Momenten wohnt eine regelrechte Trostlosigkeit inne. Dann dominieren kontrastarme Grautöne das Bild und die Kamera (Fredrik Wenzel, „Triangle of Sadness“) fängt Alejandro wahlweise von oben herab oder ganz klein aus der Ferne ein. Je nachdem, wer ihn da gerade verurteilend betrachtet oder aber nur als winziges Lichtlein wahrnimmt. Dann plötzlich steht Alejandro vor einem riesigen, Feuer speienden Drachen, gegen den er sich heldenhaft zur Wehr setzen muss, indem er sich seiner inneren Stärken besinnt. Und dazwischen sieht man Torres und Swinton oft auch einfach nur durch die Gegend laufen, in einem Café sitzen oder über Computerprogramme diskutieren, während die Stärke der Dialoge (oder im Falle von Swinton eher Monologe) die visuelle Wirkungskraft des Films überstrahlt. Dass Julio Torres all diese inszenatorischen wie erzählerischen Fäden so mühelos zusammenhält, ist im Anbetracht eines Debüts schon erstaunlich. Damit katapultiert er sich aus dem Stand in die Liste der meistversprechenden Jung-Regisseure der Gegenwart.

Fazit: Der kleine Bruder von „Everything Everywhere All at Once“ – und das als Regiedebüt! Julio Torres gelingt mit „Problemista“ ein verschrobenes Kleinod voller kreativer Ideen, eine Ode an die Kunst und gleichzeitig die offene Sezierung des US-amerikanischen Einwanderungssystems – mit einer Tilda Swinton als schauspielerische Urgewalt und Torres selbst, der ihr mit bemerkenswerter Selbstsicherheit Paroli bietet.

„Problemista“ ist ab dem 13. Juli 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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