Berlin im „Steve Jobs“-Beat: David Dietls Neuinterpretation des Erich-Kästner-Klassikers EMIL UND DIE DETEKTIVE ist ein hochmodernes Kinderfilmabenteuer, das die Sprache der Jugend spricht und den Vibe der Hauptstadt kongenial einfängt.
Darum geht’s
Der zwölfjährige Emil Tischbein (Nicholas Jonah Peter) lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter Anna (Luise Heyer) weit vom Großstadttrubel entfernt in der Kleinstadt Bernburg. Nach einer folgenreichen Mutprobe kommt ihm die bevorstehende Reise zu seiner Großmutter Renate (Ursula Werner) nach Berlin gerade recht. Zumal er die Strecke wegen eines überfluteten Friseursalons seiner Mutter allein im Zug antreten muss. Doch bereits während der Fahrt gerät Emil an den zwielichtigen Max Grundeis (Merlin Sandmeyer), der ihn mit betäubten Gummibärchen außer Gefecht setzt und um ganze 1000 Euro bringt. Am Berliner Hauptbahnhof nimmt Emil kurzerhand die Verfolgung auf und bekommt schon bald Unterstützung von der selbstbewussten Pony (Lara Toni Lüdders), dem cleveren Gustav (Kilian Kasa) und den weiteren Nachwuchsdetektiven Dienstag (Bela Louis Plass), Anh (Ai Vy Bui) und Jason (Camille Moltzen). Gemeinsam setzen die Kinder alles daran, Grundeis aufzuspüren und Emil sein Geld zurückzubringen und machen aus der Suche nach einem einzelnen Betrüger eine rasante Detektivjagd quer durch Berlin.
Kritik
Kaum ein deutscher Kinderbuchklassiker dürfte sich so selbstverständlich immer wieder neu erfinden lassen wie „Emil und die Detektive“. Als Erich Kästner den Roman 1929 veröffentlichte, war seine Geschichte um den Berliner Jungen Emil Tischbein, der quer durch Berlin einem Dieb hinterherjagt und dabei von einer Gruppe gleichaltriger Kinder unterstützt wird, weit mehr als ein klassisches Abenteuerstück. Kästner verband die spannende Verfolgungsjagd mit einem ungewöhnlich modernen Blick auf seine jungen Heldinnen und Helden, die sich sowohl selbst organisieren, eigene Entscheidungen treffen und die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen durften. Die Erwachsenen spielten bei dieser Erfolgsgeschichte nur eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig war sein Berlin ein Spiegel seiner Gegenwart. Eine moderne Großstadt, in der soziale Unterschiede und das selbstbewusste Auftreten einer jungen Generation sichtbar wurden. Kein Wunder also, dass sich der Stoff immer wieder dem jeweiligen Zeitgeist anpassen ließ. Die erste große deutsche Verfilmung von 1931 überführte Kästners Geschichte noch unmittelbar in die Weimarer Republik, die Version von 1954 setzte andere gesellschaftliche Akzente und die prominent besetzte Fassung von 2001 machte aus dem Klassiker einen zeitgemäßen Familienfilm des neuen Jahrtausends. Selbst die Handlung blieb dabei immer stabil. Vielleicht auch deshalb, weil „Emil und die Detektive“ so sehr zum deutschen Kulturgut gehört, dass sich niemand so wirklich traut, an der zeitlosen Geschichte groß herumzudoktern.
Auf dem Weg nach Berlin trifft Emil (Nicholas Jonah Peter) auf den zwielichtigen Max Grundeis (Merlin Sandmeyer).
Auch Autorin Antonia Scheurlen („Last X-Mes“) erliegt nun nicht der Versuchung, Kästners Geschichte zwanghaft einen noch moderneren Anstrich zu verpassen. Im Gegenteil: Ihre Neuinterpretation bewegt sich betont nah an der Vorlage und beweist gerade dadurch deren Zeitlosigkeit. Denn trotz vermeintlich altbackener Namen und einer gewissen Naivität, mit der hier an eine Welt geglaubt wird, in der Zusammenhalt, Freundschaft und Optimismus tatsächlich noch etwas bewirken können, fühlt sich „Emil und die Detektive“ zu keinem Zeitpunkt angestaubt an. Natürlich müssen einzelne Elemente ins Jahr 2026 übersetzt werden. Der bewusst divers aufgestellte Cast gehört ebenso dazu wie die unterschiedlichen sozialen Hintergründe der Kinder, moderne Kommunikations- oder Fortbewegungsmittel vom E-Scooter bis zur Privatlimo. Im Kern bleibt die Geschichte jedoch ganz klassisch. Dazu trägt auch Scheurlens Gespür für die Sprache ihrer jungen Figuren bei. Ihre Dialoge klingen nicht wie von Erwachsenen erdachter Teenie-Slang, sondern tatsächlich so, wie junge Menschen heute miteinander sprechen. Dass dieser Eindruck so glaubwürdig entsteht, liegt nicht zuletzt am hervorragend zusammengestellten Newcomer-Cast. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller bringen nicht nur die nötige Spielfreude mit, sondern verfügen selbst in diesen jungen Jahren bereits über ein bemerkenswert natürliches Gespür für Timing und Sprache. Einige von ihnen empfehlen sich mit diesem Film bereits für weitere größere Schauspielkarrieren.
„Dazu trägt auch Scheurlens Gespür für die Sprache ihrer jungen Figuren bei. Ihre Dialoge klingen nicht wie von Erwachsenen erdachter Teenie-Slang, sondern tatsächlich so, wie junge Menschen heute miteinander sprechen.“
Regisseur David Dietl („Feste & Freunde“) beschränkt sich derweil nicht darauf, „Emil und die Detektive“ einfach nur ins Jahr 2026 zu übertragen, sondern macht daraus einen ausgesprochen modernen Kinder-Krimi. Dabei hält er die Balance zwischen den Berliner Postkartenmotiven, die in einer Geschichte wie dieser natürlich nicht fehlen dürfen, und Schauplätzen, die man im Kino weitaus seltener mit der Hauptstadt verbindet. Siegessäule und Brandenburger Tor sind gesetzt, dazwischen finden sich aber auch moderne Spree-Bars, urbane Hinterhöfe und andere Ecken einer Stadt, die längst weit über ihre touristischen Wahrzeichen hinausgewachsen ist. Besonders viel Spaß hat Dietl dabei mit den typischen Berliner Eigenheiten, die er konsequent an der Grenze zur Karikatur entlangführt. So läuft der frisch in Berlin angekommene Emil beispielsweise einer Gruppe „Druffis“ über den Weg – eine Bezeichnung, die seine neue Freundin Pony vollkommen unverblümt verwendet. Weil Emil zuvor erzählt wurde, dass es in Berlin sogar Zombies geben soll, hält er die vermeintlich zugedröhnten Gestalten prompt für Untote. Das ist herrlich überzeichnet, funktioniert aber gerade deshalb, weil Dietls Berlin nie vollkommen aus der Luft gegriffen wirkt. Ob alternative Großstadtmilieus, Hipster, Partygänger, Straßenkünstler oder die ganz unterschiedlichen Jugendkulturen, die in der Hauptstadt aufeinandertreffen: Vieles davon ist überspitzt, aber eben auch fest in der Realität dieser Stadt verankert. Und so wird „Emil und die Detektive“ auch 2026 zu einem Liebesbrief an Berlin.
Auch visuell hat Dietl seine Hausaufgaben gemacht. Die dynamische Kameraarbeit von Philip Peschlow („One for the Road“) lässt „Emil und die Detektive“ immer wieder groß nach Leinwand aussehen, während Michal Kamms („Who Am I?“) Score den modernen Anstrich noch zusätzlich unterstreicht. Besonders während einer ausgedehnten Montagesequenz erinnert seine Musik auffällig an Daniel Pembertons Score zu „Steve Jobs“. Weniger als plumpe Kopie denn als charmante Verbeugung vor einer ganz anderen Art des modernen Großstadtkinos. Doch so modern die Inszenierung daherkommt, so klassisch bleibt der Kern der Geschichte: ihre klare Gegenüberstellung von Kindern und Erwachsenen. Dafür braucht es einen Schurken, den man ernst nehmen kann. Merlin Sandmeyer („Das Kanu des Manitu“) verleiht seinem Max Grundeis genau die richtige Mischung aus Hinterlist, Bedrohlichkeit aber kennzeichnet ihn auch als klar überzeichnete Schurkenfigur. Wenn Emil sich während einer Überwachungsaktion unter dem Hotelbett des Betrügers verstecken muss, während dieser nur wenige Zentimeter über ihm liegt, bekommt selbst das erwachsene Publikum kurz Herzklopfen. Gleichzeitig bleibt Grundeis stets genügend überzeichnet, dass es in dieser Kombination nie unglaubwürdig wirkt, wenn eine Gruppe Kinder ihm am Ende tatsächlich das Handwerk legt. Die finale Konfrontation auf der Brücke treibt dieses Prinzip schließlich auf die Spitze: Fast schon wie in einem Western stehen sich hier die beiden Seiten gegenüber, bevor sich die Kinder ihren Sieg erkämpfen. Eine klassische Katharsis, die vermutlich nicht nur die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer mit einem ziemlich großen Hochgefühl aus dem Kinosaal entlassen dürfte.
„Wenn Emil sich während einer Überwachungsaktion unter dem Hotelbett des Betrügers verstecken muss, während dieser nur wenige Zentimeter über ihm liegt, bekommt selbst das erwachsene Publikum kurz Herzklopfen.“
Fazit: Mit viel Gespür für seine Vorlage, einem großartigen Nachwuchsensemble in einem wunderbar modernen Berlin gelingt Regisseur David Dietl eine Neuauflage, die Kästners Klassiker nicht neu erfinden muss, um ihn ins Jahr 2026 zu holen. „Emil und die Detektive“ ist zu gleichen Teilen nostalgisch und durch und durch gegenwärtig.
„Emil und die Detektive“ ist ab dem 24. September 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

