Website-Icon Wessels-Filmkritik.com

Das Ende der Sterne

Was bleibt vom Menschen übrig, wenn die Menschheit fast verschwunden ist? Mit seiner meditativen Romanverfilmung DAS ENDE DER STERNE liefert Regie-Altmeister Ridley Scott eine gleichermaßen melancholische wie wuchtige Antwort auf diese Frage.

OT: The Dog Stars (USA 2026)

Darum geht’s

Als eine verheerende Pandemie den Großteil der Menschheit auslöscht, verliert Hig (Jacob Elordi) seine Frau, seine Freunde und nahezu alles, was sein bisheriges Leben ausgemacht hat. Gemeinsam mit seinem treuen Hund Jasper und dem wortkargen, waffenerfahrenen Überlebenskämpfer Bangley (Josh Brolin) richtet er sich auf einem abgelegenen Flugplatz in Colorado ein und versucht, zwischen Vorratssuche, Patrouillenflügen und der ständigen Angst vor feindseligen Plünderern ein neues Leben aufzubauen. Als Hig eines Tages über sein Funkgerät ein mysteriöses Signal empfängt, keimt in ihm die Hoffnung auf, dass jenseits seiner abgeschotteten Welt doch noch andere Menschen leben…

Kritik

Das Endzeitkino ist krisenerprobt. Schon allein deshalb, weil die echte Welt selbst immer wieder neue Krisen hervorbringt. Pandemien, Klimakatastrophen, Kriege, Zombies oder der komplette Zusammenbruch der Zivilisation: An Ideen für den Weltuntergang mangelt es Hollywood wahrlich nicht. In den vergangenen Jahren haben (mehr oder weniger erfolgreiche) Kinoprojekte wie „Civil War“, „Mad Max: Fury Road“ oder die beiden „28 Years Later“-Filme das Genre dabei in ganz unterschiedliche Richtungen geführt. Mittlerweile kann man als Zuschauer:in frei wählen: Lieber das postapokalyptische Action-Spektakel oder die intime Überlebensgeschichte? Und in diesen geht es dann nicht mehr nur darum, woran die Welt überhaupt zugrunde geht, sondern immer häufiger auch um das Danach. Doch wie kann man einem Genre, das sein Publikum schon unzählige Male durch zerstörte Städte, menschenleere Landschaften und zusammengebrochene Gesellschaften geführt hat, überhaupt noch neue Facetten abgewinnen? „Der Marsianer“-Regisseur Ridley Scott versucht sich mit der Romanverfilmung „Das Ende der Sterne“ nun an einer vergleichsweise leisen Antwort und lässt die Welt dafür gar nicht komplett untergehen. Der Frage, was vom Menschen übrigbleibt, wenn um ihn herum nichts mehr existiert, kann er sich so ganz wunderbar annähern. Auch wenn ihn das konventionelle Dystopieblockbusterdenken nicht vollends loszulassen scheint.

Hig (Jacob Elordi) und Jasper sind zusammen ein absolutes Traumpaar.

Mit seinen rund 330 Seiten ist Peter Hellers Buchvorlage „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ (so sollte auch der Film ursprünglich heißen, bevor sich der Verleih für einen griffigeren Titel entschied) zwar kein schmaler Roman, inhaltlich aber deutlich überschaubarer, als es die Seitenzahl vermuten lässt. Anstatt eine komplexe Dystopie-Story zu erzählen, geht es vor allem um den bewaffneten Endzeit-Einzelgänger Hig und dessen treuen Hund Jasper. Während die verbale Kommunikation stets kurz und knapp erfolgt, verdeutlichen große Leerstellen und eine ungewöhnliche Zeichensetzung die Einsamkeit sowie Higs zersplitterten Bewusstseinszustand. Eine reizvolle Herangehensweise an einen Roman, aber auch risikoreich für eine Verfilmung mit einem Budget von rund 100 Millionen US-Dollar. Denn natürlich ist ein derart reduzierter Stoff für das Big-Budget-Kino ungewöhnlich: Wo neunstellige Produktionssummen normalerweise nach spektakulären Schauwerten in einer noch spektakuläreren Welt verlangen, setzt Ridley Scott in seiner Inszenierung vor allem auf Reduktion. Es dauert eine ganze Weile, bis in „Das Ende der Sterne“ überhaupt der erste Satz gesprochen wird, der über Higs kurze Anweisungen an seinen treuen Hund hinausgehen. Wir sehen Hig und Jasper als absolutes Dream-Team gemeinsam beim Durchstreifen der Einöde, auf der Suche nach Vorräten, im kurzen Austausch mit anderen Überlebenden oder einsam über den Wolken in einem schnuckeligen gelb-roten Leichtflugzeug.

„Die menschenleere Natur wird nicht bloß zur Kulisse, sondern macht die Einsamkeit ihrer letzten verbliebenen Bewohner:innen jederzeit spürbar. In seinen besten Momenten entwickelt ‚Das Ende der Sterne‘ so etwas nahezu Meditatives und wird zu einer Art postapokalyptischem Slice-of-Life-Film.“

Anders als in den meisten deutlich reißerischer angelegten Endzeitfilmen sind derartige Szenen hier kein bloßes Füllmaterial, sondern die zentrale Konstante. Für „Das Ende der Sterne“ setzt Ridley Scott weniger auf Spektakel als auf Atmosphäre und fährt damit gut, sofern man denn gewillt ist, sich voll und ganz auf eine solche Understatement-Dystopie einzulassen. Gemeinsam mit Kameramann Erik Messerschmidt („Mank“) fängt er die Weiten Colorados in fantastischen Landschaftspanoramen ein, vor denen Hig und Jasper bisweilen geradezu winzig erscheinen. Die menschenleere Natur wird dabei nicht bloß zur zweifellos wunderschönen Kulisse, sondern macht die Einsamkeit ihrer letzten verbliebenen Bewohner:innen jederzeit spürbar. In seinen besten Momenten entwickelt „Das Ende der Sterne“ so etwas nahezu Meditatives und wird zu einer Art postapokalyptischem Slice-of-Life-Film. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, was in dieser Welt für absonderliche Dinge passieren könnten, scheint sich Scott vor allem dafür zu interessieren, das Gefühl zu bebildern, wie es sein muss, in ihr zu leben. Das ist melancholisch und bedrohlich zugleich, vor allem aber erweist es sich die meiste Zeit über als ungemein stimmungsvoll.

Für den waffenverrückten Bangley (Josh Brolin) gilt: Erst schießen, dann Fragen stellen!

Doch ganz so konsequent, wie es diese Beschreibung vermuten lässt, bleibt Ridley Scott dann doch nicht. Denn auch wenn sich „Das Ende der Sterne“ über weite Strecken als ausgesprochen zurückgenommene Dystopie versteht, streut Scott immer wieder einige deutlich konventioneller gedachten Endzeitmomente ein – und genehmigt sich sogar die ein oder andere überraschende Gewaltspitze. Den Überfall einer Gruppe skurril tätowierter Plünderer etwa hätte man in der hier dargebrachten Form eher im nächsten „28 Years Later“ vermutet. Auch ein spätes Aufeinandertreffen mit einer sektenähnlichen Überlebensgemeinschaft wirkt wie aus einem anderen, deutlich greller gedachten Film. Erstaunlicherweise zerstören diese Ausbrüche die zuvor sorgfältig etablierte Atmosphäre kaum. Stattdessen funktionieren sie vielmehr wie willkommene Farbkleckse, die den ansonsten sehr gleichförmigen Alltag von Hig und Jasper punktuell aufbrechen. Trotzdem fühlen sich diese Momente tonal wie visuell ein wenig zusammengewürfelt an. Zumal sie nicht immer so recht mit dem ansonsten erstaunlich selbstbewussten Understatement harmonieren wollen. Das ist vor allem deshalb schade, weil Ridley Scott mit der bewussten Reduktion über weite Strecken einen so besonderen Zugang zum Endzeitkino findet, dass man sich ein bisschen mehr Vertrauen in die eigene Herangehensweise gewünscht hätte. Denn gerade dadurch hebt sich „Das Ende der Sterne“ ja so wohltuend von vergleichbarer Genrekost ab.

„Auch wenn sich ‚Das Ende der Sterne‘ über weite Strecken als ausgesprochen zurückgenommene Dystopie versteht, streut Scott immer wieder einige deutlich konventioneller gedachte Endzeitmomente ein – und genehmigt sich sogar die ein oder andere überraschende Gewaltspitze.“

Auch darstellerisch lebt „Das Ende der Sterne“ von Zurückhaltung. Während das Skript die Figuren nur mit dem Nötigsten an Hintergrundinformationen ausgestattet, müssen die Schauspieler:innen einen großen Teil ihrer jeweiligen Vorgeschichte über Blicke und Gesten vermitteln. Das gelingt allen Beteiligten gut, wobei es Jacob Elordi („Frankenstein“) als Hig noch am leichtesten hat. Seine Figur bekommt mit der Erinnerung an seine verstorbene, hochschwangere Frau immerhin eine vergleichsweise konventionelle emotionale Backstory an die Hand. Deutlich spannender ist, dass wir die übrigen Figuren nicht erst über ausführliche Expositionsdialoge erklärt bekommen, sondern sie ganz unmittelbar aus den Situationen heraus kennenlernen, in denen sie auf Hig treffen. Das passt hervorragend zum reduzierten Erzählansatz des Films, der sich ohnehin weniger für große Lebensgeschichten als für den gegenwärtigen Zustand interessiert. Der heimliche Star ist aber natürlich Jasper. Oder besser gesagt: die drei Hunde, die Higs treuen Begleiter verkörpern und mit ihrem unwiderstehlichen Hundeblick ohnehin jede menschliche Konkurrenz ausstechen.

Auf seinen Streifzügen trifft Hig zufällig auf die toughe Cima (Margaret Qualley).

Fazit: „Das Ende der Sterne“ ist eine atmosphärisch dicht inszenierte Endzeitgeschichte, die mit ihrer bewussten Reduktion einen angenehm eigenständigen Zugang zum Genre findet. Ridley Scott gelingt es über weite Strecken hervorragend, aus den fantastischen Landschaftspanoramen und dem unspektakulären Alltag seiner Figuren eine beinahe meditative Stimmung zu erzeugen. Schade ist nur, dass er diesem konsequenten Ansatz nicht immer ganz zu vertrauen scheint, sodass einige tonal wie visuell etwas zusammengewürfelt wirkende Actionmomente zunächst irritieren, eh sie sich als erfrischende Nuancen innerhalb dieser elegischen Welt erweisen.

„Das Ende der Sterne“ ist ab dem 27. August 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

Die mobile Version verlassen