Steven Spielberg kehrt mit DISCLOSURE DAY – DER TAG DER WAHRHEIT zu jenem Genre zurück, das er einst entscheidend mitgeprägt hat. Doch der Versuch, das Staunen von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ins Jahr 2026 zu übertragen, offenbart vor allem, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat.
Darum geht’s
Eigentlich wünscht sich die Wettermoderatorin Margaret Fairchild (Emily Blunt) nichts sehnlicher, als beruflich endlich ernst genommen zu werden und bei ihrem Fernsehsender anspruchsvollere journalistische Aufgaben übernehmen zu dürfen. Doch als sie während einer Livesendung unverhofft von einem unerklärlichen Phänomen heimgesucht wird, das sie für eine kurze Zeit nur noch unverständliche Geräusche von sich geben lässt, geraten all ihre Karrierehoffnungen in den Hintergrund. Während sie alles unternimmt, um herauszufinden, was da gerade mit ihr passiert ist, versucht der Aktivist und Cyberspezialist Daniel Kellner (Josh O’Connor), geheime Informationen über die Existenz außerirdischen Lebens an die Öffentlichkeit zu bringen. Damit macht er sich jedoch die mächtige Geheimorganisation WARDEX zum Feind, die seit Jahren sämtliche Erkenntnisse über UFOs und außerirdische Kontakte unter Verschluss hält. Deren Leiter Noah Scanlon (Colin Firth) setzt alles daran, die Wahrheit verborgen zu halten. Während sich die Ereignisse zunehmend zuspitzen, geraten Margaret, Daniel und Scanlon in einen Wettlauf um eine Enthüllung, die das Selbstverständnis der gesamten Menschheit erschüttern könnte.
Kritik
Kaum ein Filmgenre spiegelt das gesellschaftliche Klima seiner Zeit so deutlich wider wie der Alienfilm. Ähnlich wie im Horror erzählt er meist weniger von seinen Monstern als von den Ängsten und Hoffnungen der Menschen, die ihn hervorgebracht haben. Während die Besucher aus dem All in den Fünfzigerjahren häufig als Sinnbild für die Paranoia des Kalten Krieges dienten, stellte Steven Spielberg („Ready Player One“) sie in „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ als Verheißung dar. Also quasi als etwas, das Neugier und Staunen statt Furcht auslösen soll. Heute scheint ein solcher Ansatz schwieriger denn je. In einer Welt, in der jede Anomalie binnen Sekunden gefilmt, kommentiert und in zahllose konkurrierende Wahrheiten zerlegt wird, ist das große Mysterium selten geworden. Vielleicht ist das Kino deshalb auch gar nicht mehr der naheliegendste Ort für Aliengeschichten. Denn die Vorstellung eines Ereignisses, das die Menschheit kollektiv in Staunen versetzt, wirkt inzwischen fast unrealistischer als die Existenz außerirdischen Lebens selbst.
Daniel Kellner (Josh O’Connor) versucht verzweifelt, der Menschheit die geheimen Informationen zugänglich zu machen.
Trotzdem arbeitet Spielbergs neuer Film „Disclosure Day“, der im Deutschen den verheißungsvollen Beititel „Der Tag der Wahrheit“ trägt, auf ein genau solches Ereignis hin. Spielberg erzählt seine Geschichte diesmal jedoch nicht als klassische Alien-Invasion, sondern als langsame Annäherung an eine Erkenntnis, die die Menschheit in ihrer gesamten Existenz verändern soll. Tempo, Spannungsaufbau und die gezielte Verteilung emotionaler Höhepunkte ordnen sich diesem einen großen Offenbarungsmoment unter, auf den der Film ziemlich genau zwei Stunden lang zusteuert. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Wirkung dieses Konzepts an eine Weltsicht geknüpft scheint, die heute kaum noch existiert. Bereits „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ lebte von der Vorstellung, dass eine Begegnung mit außerirdischem Leben etwas Universelles auslösen könnte. Wie etwa das Gefühl, gerade Zeug:in eines welthistorischen Ereignisses zu sein. „Disclosure Day“ versucht, diesen Gedanken mit den technischen und erzählerischen Mitteln des Jahres 2026 wiederzubeleben, übersieht dabei aber, dass seine Geschichte geistig in einer anderen Zeit verankert ist. So, wie es hier gezeigt wird, würde ein solches Ereignis heutzutage schlicht nicht (mehr) funktionieren. Der alles entscheidende emotionale Punch im Finale bleibt also – obwohl der Schlussakt für sich genommen richtig stark ist – schon mal aus.
„Bereits ‚Unheimliche Begegnung der dritten Art‘ lebte von der Vorstellung, dass eine Begegnung mit außerirdischem Leben etwas Universelles auslösen könnte. ‚Disclosure Day‘ versucht, diesen Gedanken mit den technischen und erzählerischen Mitteln des Jahres 2026 wiederzubeleben, übersieht dabei aber, dass seine Geschichte geistig in einer anderen Zeit verankert ist.“
Doch der Weg dorthin muss natürlich erst einmal bestritten werden. Um die Tragweite seiner zentralen Enthüllung greifbar zu machen, wählt Autorenlegende David Koepp („Cold Storage“) gleich mehrere Perspektiven auf das Geschehen. Da wäre zum einen der Aktivist Daniel Kellner, der an die alles entscheidenden Informationen gelangt und seitdem vor den Behörden auf der Flucht ist. Ihm gegenüber steht die geheime Regierungsorganisation WARDEX unter der Leitung von Noah Scanlon, die mit allen Mitteln verhindern will, dass die Wahrheit an die Öffentlichkeit gelangt. Komplettiert wird das Trio durch die Nachrichtensprecherin Margaret Fairchild, die Veränderungen an sich bemerkt, die sie zwangsläufig mit Kellner und WARDEX zusammenführen. Diese permanenten Perspektivwechsel werden für „Disclosure Day“ zum dramaturgischen Motor. Viele Szenenwechsel sind so auf den Punkt platziert, dass der Film von Anfang an eine gewisse erzählerische Dynamik hat. Gleichwohl unterliegt „Disclosure Day“ aber auch gerade deshalb erheblichen Qualitätsschwankungen. Vor allem der Handlungsstrang rund um den von Colin Firth („Kingsman“) gespielten WARDEX-Leiter Scanlon erweckt eher den Eindruck eines bloßen Transportmittels, um alle notwendigen Informationen möglichst effizient (und auch immer und immer wieder) in Richtung Finale zu führen.
Die Storylines rund um Margaret und Daniel erweisen sich da als deutlich spannender. Insbesondere das Rätsel darum, was da gerade mit Margaret passiert, die auf einmal fremde Sprachen spricht und von visionsähnlichen Erlebnissen berichtet, lässt „Disclosure Day“ lang genug offen, um aus diesem Mysterium zusätzliche Spannung zu ziehen. Emily Blunt („Oppenheimer“) füllt die Rolle der Moderatorin, deren Optimismus langsam in Skepsis und schließlich in Panik umschlägt mit Bravour aus. Vor allem ein sich innerhalb eines Eisenbahnwaggons abspielender Nervenzusammenbruch gehört zum Besten, was Blunt schauspielerisch je gezeigt hat. Daneben glänzt Josh O’Connor („Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“) in einer unweit rationaleren, jedoch nicht minder leidenschaftlich angelegten Rolle. Während sich die beiden – auch darstellerisch – wunderbar ergänzen, kann ausgerechnet Colin Firth kaum eigene Akzente setzen. Das ist nicht zuletzt seiner – gerade im Genre – austauschbaren Rolle geschuldet. Sein „grimmiger Man in Black“ bekommt hier schlicht nicht wirklich was zu tun, außer – nun ja – eben grimmig zu schauen. Dafür wird „Disclosure Day“ von einem illustren Reigen an Nebencharakteren komplettiert. Auf das Konto von Wyatt Russell („Night Swim“) als Margarets zutiefst verwirrter Freund gehen zum Beispiel einige überraschend komische Momente. Und auch Colman Domingo („Sing Sing“) spielt gewohnt stark auf.
„So souverän ‚Disclosure Day‘ in vielen Momenten inszeniert ist, so wenig gelingt es ihm letztlich, seine zahlreichen Zutaten zu etwas wirklich Neuem zusammenzufügen. Dabei sieht man dem Film jederzeit an, dass hier einer der größten Handwerker der Filmgeschichte am Werk ist.“
Der eigentliche Knackpunkt liegt jedoch ohnehin an anderer Stelle. Denn so souverän „Disclosure Day“ in vielen Momenten inszeniert ist, so wenig gelingt es ihm letztlich, seine zahlreichen Zutaten zu etwas wirklich Neuem zusammenzufügen. Dabei sieht man dem Film jederzeit an, dass hier einer der größten Handwerker der Filmgeschichte am Werk ist. Bereits eine frühe Szene innerhalb eines Autos demonstriert eindrucksvoll, wie mühelos Spielberg selbst aus räumlich stark begrenzten Situationen Dynamik erzeugen kann. Die Kamera (wie gewohnt Janusz Kaminski, „West Side Story“) umkreist ihre Figuren nahezu permanent, und verschiebt dabei Blickachsen und Spannungsverhältnisse mit einer Selbstverständlichkeit, an der viele jüngere Regisseur:innen noch immer scheitern. Auch darüber hinaus ist „Disclosure Day“ modern inszeniert, technisch makellos und durchgehend darauf bedacht, seine Geschichte mit maximaler Zugänglichkeit zu erzählen (wenn man mal von den hundsmiserablen, aber ohnehin nur in einer Handvoll Szenen zu sehenden Tieranimationen absieht). Umso auffälliger ist es, wie sehr der Film inhaltlich in der Vergangenheit verhaftet bleibt. Dass Spielbergs Außerirdische auch 2026 noch aussehen wie jene aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, ist dabei gar nicht das Problem. Irgendwann hat sich die Popkultur eben auf ein bestimmtes Bild extraterrestrischen Lebens geeinigt. Viel bezeichnender ist das Gefühl, das „Disclosure Day“ durchzieht. Unter seiner zeitgemäßen Oberfläche schlägt das Herz eines Films, der von denselben Fragen und letztlich auch denselben Antworten lebt wie Spielbergs Aliengeschichten vor fast fünfzig Jahren. Das verleiht dem Ganzen zwar einen gewissen nostalgischen Charme, macht aber zugleich deutlich, warum „Disclosure Day“ nie ganz die Relevanz entfaltet, die sein Sujet eigentlich mitbringen würde.
Fazit: Mit „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ beweist Steven Spielberg einmal mehr, dass er sein Handwerk noch immer besser beherrscht als die meisten seiner Kolleg:innen. Gleichzeitig offenbart der Film aber auch die Schwierigkeiten eines Regisseurs, der eine Geschichte erzählen möchte, deren zugrunde liegende Idee nicht mehr ganz zur Gegenwart passt. So bleibt ein technisch und schauspielerisch starkes Science-Fiction-Drama, das zwar immer wieder an die Magie früherer Spielberg-Klassiker erinnert, sie jedoch nie vollständig neu für das Jahr 2026 übersetzen kann.
„Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ ist ab dem 10. Juni 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

