In Ben Wheatleys NORMAL ist gar nichts normal! Die Actionkomödie mit Bob Odenkirk kombiniert lakonischen Coen-Humor mit brachialer Comicaction. Eine gewitzte Kombination, die mehrfach überrascht, sodass der Filmtitel alsbald ironisch klingt.
Darum geht’s
Kritik
Wer den Namen Derek Kolstad auf einem Filmplakat liest, bringt automatisch eine sehr konkrete Erwartungshaltung mit ins Kino. Schließlich ist der Drehbuchautor nicht nur maßgeblich für die „John Wick“-Reihe verantwortlich, sondern hat mit „Nobody“ und dessen Fortsetzung auch Bob Odenkirk erfolgreich als unerwartet schlagkräftigen Actionhelden etabliert. Die Gleichung scheint also denkbar einfach: Kolstad plus Odenkirk ergibt schnörkellose, präzise choreografierte Gewalt, durchzogen von trockenem Humor und einem stoischen Protagonisten, der sich durch eine Welt voller Gegner prügelt. Auch „Normal“ scheint auf den ersten Blick genau in diese Kerbe zu schlagen. Doch der Film überrascht. Und zwar vor allem tonal. Statt sofort in die Vollen zu gehen, schlägt „Normal“ zunächst ungewohnt leise Töne an und erinnert in seinem lakonischen, bisweilen herrlich absurden Humor eher an Werke wie „Fargo“ oder „Burn After Reading“. Schräge Figuren, beiläufig eskalierende Situationen und Dialoge, die ihre Komik gerade aus ihrer Trockenheit ziehen, bestimmen über weite Strecken das Geschehen. Die Gewalt bleibt dabei zunächst im Hintergrund. Erst nach und nach ziehen die bekannten Kolstad-Elemente an. Und wenn sie es dann tun, wirken sie umso wirkungsvoller, weil „Normal“ sich zuvor die Zeit genommen hat, seine ganz eigene, angenehm verschrobene Welt zu etablieren.
Ulysses (Bob Odenkirk) und sein neuer Kollege Deputy Mike Nelson (Billy MacLellan), der eine viel zu laute Jacke trägt.
Ebendiese Welt heißt so wie der Film: Normal. Eine (übrigens fiktive) Kleinstadt in Minnesota, deren Name Programm ist. Oder zumindest zu sein scheint, wenn der jüngst von seiner Ehefrau getrennte, sie aber immer noch liebende Ulysses als Hilfssherrif seinen Dienst antritt. Dass in Normal aber so ganz und gar nichts „normal“ ist, eröffnet einem bereits ein Prolog. Dieser spielt in Japan und etabliert eine Gruppe Schwerkrimineller, die es über Umwege nach Normal verschlägt. Allein dieser erzählerische Kniff verleiht der Geschichte von Beginn an eine unerwartete Größe. Was zunächst wie ein lokal begrenztes Provinzdrama anmutet, wird durch den globalen Auftakt bewusst aufgebrochen. Die vermeintlich abgeschottete Kleinstadt existiert eben nicht losgelöst vom Rest der Welt – im Gegenteil: „die Fremde“ ist längst angekommen, hat sich ihren Weg gebahnt und beginnt nun, die fragile Ordnung von Normal zu unterwandern. Der Film zieht daraus eine stetig anwachsende Bedrohung, die weniger durch konkrete Gewalt als vielmehr durch ein unterschwelliges Unbehagen spürbar wird. Dass Kolstad diese Spannung so früh verankert, sorgt dafür, dass jede noch so beiläufige Begegnung in der Folge eine zusätzliche Ebene erhält. Hinter der Fassade des Alltäglichen lauert stets das Gefühl, dass diese Welt jederzeit kippen könnte.
„Wenn Ulysses hier während seines Dienstes durch die Straßen von Normal fährt und von so ziemlich jedem einzelnen Einwohner und jeder einzelnen Einwohnerin beäugt und/oder begrüßt wird, dann verzichtet Wheatly auf Spannungsmusik oder allzu plakative Zeitlupen.“
Doch Regisseur Ben Wheatly, der nach seinem Ausflug ins Big-Budget-Mainstreamkino („Meg 2 – Die Tiefe“) nun glücklicherweise wieder zwei Nummern kleiner denkt, greift für die Etablierung ebendieses Bedrohungsgefühls nicht auf gängige Inszenierungskniffe zurück. Wenn Ulysses hier während seines Dienstes durch die Straßen von Normal fährt und von so ziemlich jedem einzelnen Einwohner und jeder einzelnen Einwohnerin beäugt und/oder begrüßt wird, dann verzichtet Wheatly auf Spannungsmusik oder allzu plakative Zeitlupen. Nicht einmal die Dialoge zwischen dem Interimssherrif und seinen Bürger:innen sind in irgendeiner Form zweideutig aufgeladen. Das ist angenehm, man weiß ja sowieso schon, dass die Situation hier irgendwann eskalieren wird. Schließlich gehen schon in der aller ersten Szene auf blutige Weise Finger verloren und ein Kopf fliegt seinem Träger von den Schultern. So steigt die Hauptfigur ganz langsam (vielleicht auch ein wenig zu langsam, schließlich braucht „Normal“ über eine halbe Stunde, eh dann doch mal das „Action“ in „Actionkomödie“ zum Tragen kommt), aber stetig dahinter, dass hier in Normal irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Und es ist spannend, gemeinsam mit Bob Odenkirk auf die richtige Fährte zu stoßen…
… der in „Normal“ einmal mehr seinen Status als potenzielle neue Actionikone unter Beweis stellt. Allerdings so ganz anders, als es Kollegen wie Liam Neeson, Keanu Reeves oder auch die alten Genre-Veteranen Bruce Willis und Sylvester Stallone getan haben. Während diese – bei aller Unterschiedlichkeit – meist als bereits gefestigte, physisch überlegene Kämpfer auftreten, lebt Odenkirks Präsenz gerade von seiner vermeintlichen Simplizität (es ist sicher kein Zufall, dass Odenkirks erster Film dieser Art „Nobody“ heißt). Auch sein Ulysses ist keiner, bei dem man von der ersten Sekunde an weiß, dass er die Oberhand behalten wird. Sein Auftreten ist eher zögerlich, was ihm zu einer Bodenständigkeit verhilft, die ihn deutlich nahbarer machen dürfte als die eingangs erwähnten Genreveteranen in vielen ihrer Rollen. Und es passt sogar dazu, weshalb Ulysses für den Job überhaupt ausgewählt wurde: als einer, der keinen Stress macht. Wenn Odenkirk schließlich zuschlägt, dann nicht mit der stoischen Unaufhaltsamkeit eines John Wick oder der abgeklärten Routine eines späten Liam Neeson, sondern oft aus der improvisierten Situation heraus. Für „Normal“ nutzt Ben Wheatly diese Qualität konsequent aus und lässt seinen Protagonisten lange beobachten, reagieren und zweifeln, bevor er handelt. Das macht jede Eskalation umso wirkungsvoller.
„Treffer haben Gewicht, Schmerzen Konsequenzen, und auch die graphische Darstellung der Gewalt bewegt sich klar im Bereich einer verdienten FSK-18-Freigabe. Doch trotz aller Härte wirkt das Geschehen nie zermürbend oder selbstzweckhaft. Im Gegenteil.“
Wenn „Normal“ dann nämlich dann die Schleusen öffnet, erinnert plötzlich wieder alles an den Derek Kolstad (oder auch den „‚Free Fire‘-Ben-Wheatly“), den man zu Beginn erwartet hatte. Was sich zuvor über lange Strecken als lakonisch erzählter, fast schon verschrobener Krimi präsentiert hat, kippt im letzten Drittel in ein regelrechtes Feuerwerk an überzeichneter Gewalt. Figuren fliegen durch Räume, improvisierte Waffen kommen in schneller Abfolge zum Einsatz, und die Inszenierung scheut sich nicht, das Geschehen immer wieder ins beinahe Comichafte zu überhöhen. Gleichzeitig bleibt „Normal“ dabei erstaunlich realistisch. Treffer haben Gewicht, Schmerzen Konsequenzen, und auch die graphische Darstellung der Gewalt bewegt sich klar im Bereich einer verdienten FSK-18-Freigabe. Doch trotz aller Härte wirkt das Geschehen nie zermürbend oder selbstzweckhaft. Im Gegenteil: Die Action besitzt eine fast schon ansteckende Spielfreude, eine kreative Lust am Exzess, die den Film zusätzlich beflügelt. Gerade dieser Spagat zwischen brachialer Direktheit und augenzwinkernder Überzeichnung sorgt dafür, dass „Normal“ sein Finale ebenso zelebriert, wie eine überraschende Wendung auf der Zielgeraden, die sogar Lust darauf macht, Ulysses in einer Fortsetzung beim weiteren Sherrifsein zuzuschauen.
Fazit: „Normal“ spielt zunächst bewusst mit den Erwartungen an einen Kolstad/Odenkirk-Film, nur um sie anschließend umso wirkungsvoller zu unterlaufen und im Finale in ein kreatives Actionfeuerwerk münden zu lassen. Ben Wheatly verbindet lakonischen Humor, unterschwellige Bedrohung und brachiale Eskalation zu einer eigenwilligen Mischung, die vor allem von Odenkirks ungewöhnlich geerdeter Präsenz profitiert. Eine überraschend vielschichtige, spielfreudige Actionkomödie, die Lust auf mehr macht.
„Normal“ ist ab dem 16. April 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

