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Dracula – Die Auferstehung

Kaum eine Filmfigur wurde so oft und so widersprüchlich interpretiert wie Dracula – vom romantischen Verführer bis zum blutdürstigen Monster. Doch was Luc Besson mit DRACULA – DIE AUFERSTEHUNG abliefert, sprengt selbst diese Bandbreite: ein opulentes, groteskes Kinoexperiment zwischen Liebesdrama, Operette und unbeabsichtigter Selbstparodie.

OT: Dracula: A Love Tale (FR 2025)

Darum geht’s

Im 15. Jahrhundert führt Prinz Vladimir II., Graf von Drăcul (Caleb Landry Jones), einen Krieg gegen osmanische Angreifer und erlebt dort einen tragischen Verlust: Seine geliebte Frau Elisabeta (Zoë Bleu) fällt dem Kampf zum Opfer. Aus tiefster Verzweiflung und Schmerz schwört er Gott ab, tötet einen Priester und wird durch einen Fluch zur Unsterblichkeit verdammt. Von Schuldgefühlen und ewiger Trauer getrieben, wird Vladimir zum Vampir Dracula. Über 400 Jahre lebt Dracula fortan, besessen von der Hoffnung, Elisabeta eines Tages wiederzufinden. Er durchstreift die Jahrhunderte, geplagt von Sehnsucht und dem Gefühl, nicht in Frieden ruhen zu können. Im 19. Jahrhundert begegnet er schließlich in Paris einer jungen Frau namens Mina (ebenfalls Zoë Bleu), die Elisabeta verblüffend ähnlich sieht. Dracula ist überzeugt, dass Mina eine Wiedergeburt seiner verlorenen Liebe ist. Zwischen ihm und Mina entsteht eine intensive Verbindung, über die Zeit hinweg schwer zu definieren. Doch sie wirklich Elisabeta in neuer Gestalt oder nur ein trügerisches Doppelbild?

Kritik

Je nach Quelle gibt es zwischen 150 und 250 Verfilmungen, in denen die ikonische Vampir-Figur Dracula eine Rolle spielt. Diese hat im Laufe der Jahrzehnte einige wahrlich bizarre Interpretationen erlebt. 1948 ließ die Horrorkomödie „Abbott and Costello Meet Frankenstein“ die ikonischen Hammer-Filmmonster Dracula, Frankenstein und den Wolfsmenschen aufeinandertreffen. In „Dracula vs. Frankenstein“ kämpfen die gleichnamigen Genreikonen sogar gegeneinander. Und eine philippinische Trash-Produktion von 1967 hört auf den Titel „Batman Fights Dracula“ – man kann sich ausmalen, wer hier gegen wen antritt. Des Weiteren gibt es Filme über Draculas Vampirhund („Zoltan: Hound of Dracula“), eine Dracula-Odyssee im Weltall („Dracula 3000“) und natürlich unzählige Parodien und Satiren auf den Blutsauger-Fürsten. Man kann also mit gutem Gewissen sagen: Mittlerweile dürften wir in diesem Bereich so ziemlich alles gesehen haben. Doch Luc Bessons „Dracula – Die Auferstehung“ sorgt auf seine ganz eigene Art und Weise dennoch für frischen Wind. Denn trotz sichtbarer Orientierung an Francis Ford Coppolas „Dracula“ dreht er die Absurditätsschraube in seiner grotesken Liebesgeschichte bis an die Schmerzgrenze auf – und scheitert grandios.

Zwischen Dracula (Caleb Landry Jones) und Mina (Zoë Bleu) existiert eine unerklärliche Anziehung.

Wenn man bedenkt, mit welch einnehmender Opulenz und Ernsthaftigkeit Robert Eggers Anfang des Jahres die „Nosferatu“-Geschichte neu interpretierte, nimmt man Luc Bessons grellen Pomp-Ansatz für „Dracula – Die Auferstehung“ wie einen krassen Gegenentwurf wahr. Der französische Filmemacher  war schon immer auch für seinen Mut zu außergewöhnlichen Kino-Experimenten bekannt (man denke nur an „Valerian“, den dato teuersten europäischen Film aller Zeiten). Als ein solches lässt sich sein neuer Film nun auch ohne Weiteres bezeichnen. Denn das, was Besson hier macht, folgt inszenatorischen Motiven, die in einem ganz bestimmten Genre durchaus Sinn ergeben würden: nämlich jenen eines Musicals. „Dracula – Die Auferstehung“ besitzt sogar eine viel zu lange, äußerst bizarre Musik- und Tanzmontage, die wie die letzten Überreste einer ursprünglich mal als Musical geplanten Produktion wirken. Doch gesungen wird während der allzu üppigen 129 Minuten nicht. Dafür haben es zahlreiche andere Tropes des Genres in den Film geschafft. Und anhand dieser sieht man wieder einmal, dass für Musicals ganz bewusst eigene Regeln gelten. In „Dracula – Die Auferstehung“ wirken diese nämlich oft einfach nur lächerlich.

„Hinzu kommen gleichermaßen katastrophale wie kitschige Dialoge, die zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erwecken, dass wir es hier – abseits von Dracula selbst – mit realen Figuren zu tun haben. Auf die Spitze getrieben wird diese Kuriosität durch die unterschiedlichen Figurenauslegungen der Darstellerinnen und Darsteller.“

Wenn zum Auftakt in einer großgedachten Schlachtszene je nach Kameraeinstellung die Tageszeit wechselt, bekommt man einen ersten Vorgeschmack auf das, was im weiteren Verlauf noch so auf einen zukommt. Das Schauspiel sämtlicher Darstellerinnen und Darsteller wirkt grotesk überzeichnet; Große, allzu dramatische Gesten wecken Erinnerungen an theatralisches Operetten-Spiel. Liebesszenen erinnern in ihrer oberflächlichen Plakativität an das katastrophale „The Crow“-Remake. Auch die fehlende Chemie zwischen den vermeintlich Liebenden lässt Erinnerungen an diese gescheiterte Neuauflage wach werden. Hinzu kommen gleichermaßen katastrophale wie kitschige Dialoge, die zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erwecken, dass wir es hier – abseits von Dracula selbst – mit realen Figuren zu tun haben. Auf die Spitze getrieben wird diese Kuriosität durch die unterschiedlichen Figurenauslegungen der Darstellerinnen und Darsteller. Während sich Christoph Waltz („James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben“) als Priester irgendwie noch in halbwegs unterhaltsamem Schauspiel abmüht und dabei so wirkt, als würde er selbstbewusst über all dem Chaos hier stehen, ist das Spiel von Caleb Landry Jones („Dogman“) und Newcomerin Zoë Bleu („Gonzo Girl“) als tragisches Liebespaar mit nichts besser umschrieben als mit (immerhin sehr leidenschaftlichem) Overacting. Das wirkt an vielen Stellen unfreiwillig komisch und zahlt nicht darauf ein, dass man „Dracula – Die Auferstehung“ als Lovestory ernst nehmen könnte; Obwohl doch schon der Originaltitel mit „A Love Tale“ die Marschrichtung sehr genau vorgibt.

Dracula gerät in die Feierlichkeiten zur Hundertjahrfeier der Französischen Revolution.

Doch es fühlt sich auch auf einer Metaebene komisch an, Luc Bessons Regiearbeit als ernstzunehmende Liebesgeschichte wahrzunehmen. Neben zahlreicher Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs (die aus Mangel an Beweisen allesamt nicht zu einer Anklage führten), sorgte Besson vor allem mit seiner mehrjährigen Beziehung mit der Regisseurin und Schauspielerin Maïwenn für Aufsehen. Kam dieser doch im Alter von 32 Jahren mit der damals gerade mal 15-Jährigen zusammen. „Dracula – Die Auferstehung“ wirkt mit seiner viele Jahrhunderte umspannenden Liebesgeschichte, die eine romantische Beziehung über alle äußeren Widerstände hinweg darstellt, wie eine Form der Rechtfertigung respektive Legitimation. Manchmal ist die Liebe eben stärker, als es Außenstehende ihr zugestehen mögen. Ein Ansatz, den der Filmemacher eigenen Angaben zufolge als deutlich ansprechender empfand, als „Dracula“ in Horrorfilm-Manier umzusetzen. Das sorgt beim Schauen vor allem deshalb für Unbehagen, weil „Dracula – Die Auferstehung“ dieses Anliegen mit so einer theatralischen Dringlichkeit vorträgt. Ganz so, als hätte Besson die Absicherung direkt mitgeliefert: Im Falle von Kritik lässt es sich allzu leicht auf künstlerische Freiheit verweisen, wenn man, wie hier, wahrlich kunstvoll ans Werk geht. Ganz egal, wie ungewollt parodistisch all das am Ende auch wirken mag.

„Zwischen 45 und 52 Millionen Euro sollen in die Produktion geflossen sein. Ein Budget, das man dem Film ansieht. So absurd viele der Regie- und Drehbucheinfälle auch sein mögen, so rauschhaft vorgetragen wie hier kommt es im Anbetracht der ausufernden Lauflänge von über zwei Stunden trotzdem nur selten zu Längen.“

Dass „Dracula – Die Auferstehung“ generell wie ein Herzensprojekt Luc Bessons wirkt, liegt vor allem an den inszenatorischen Mühen, die für das Blutsauger-Kuriosum betrieben wurden. Zwischen 45 und 52 Millionen Euro sollen in die Produktion geflossen sein. Ein Budget, das man dem Film ansieht. So absurd viele der Regie- und Drehbucheinfälle auch sein mögen, so rauschhaft vorgetragen wie hier kommt es im Anbetracht der ausufernden Lauflänge von über zwei Stunden trotzdem nur selten zu Längen. Kostümen und Ausstattung wohnt ein sichtbarer Aufwand inne. Auch die zahlreichen Schauplatzwechsel unterstützen die hier angedeutete epische Breite des Stoffes, der immerhin 400 Jahre umspannt. Das kann aber auch nichts daran ändern, dass Luc Besson mit seinem Ansatz gescheitert ist, eine Vampir-Lovestory wie ein Musical zu inszenieren, in das es ausgerechnet die Musicalszenen nicht geschafft haben.

Marias Verlobter (David Shields), Anwalt Jonathan (Ewens Abid), der Priester (Christoph Waltz) und Doktor Dumont (Guillaume de Tonquédec).

Fazit: Luc Besson wollte dem Dracula-Mythos neues Leben einhauchen – und scheitert dabei ebenso grandios wie faszinierend. „Dracula – Die Auferstehung“ ist kein Horrorfilm, keine Liebesgeschichte und kein Musical, sondern ein überbordendes Kuriosum zwischen Ernst und Parodie. Trotz aller inhaltlichen und tonalen Entgleisungen bleibt das Werk ein Zeugnis von Bessons ungebremstem Ehrgeiz und seiner Lust am filmischen Exzess und in spektakuläres Scheitern, das man so schnell nicht vergisst.

„Dracula – Die Auferstehung“ ist ab dem 30. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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