Channing Tatum als schmieriger Selfmade-Milliardär und eine Gruppe von Frauen, die seinem Luxusleben zunächst verfällt und sich dann geschlossen gegen ihn stellt: Zoë Kravitz ist mit ihrem Regiedebüt BLINK TWICE ein fieser Kommentar auf patriarchalen Machtmissbrauch gelungen, der trotz seines dringlichen Anliegens nicht minder unterhaltsam ist.
Darum geht’s
Auf einer Party lernt die dort eigentlich als Kellnerin angestellte Frida (Naomi Ackle) den über mehrere Monate verschollenen CEO und Tech-Milliardär Slater King (Channing Tatum) kennen. Seine Sympathie für Fridas forsches Auftreten mündet in eine Überraschung: King lädt sie und ihre beste Freundin Jess (Alia Shawkat) auf seine private Insel ein. Dort feiern die beiden Frauen gemeinsam mit einer Handvoll weiteren Gästen ausschweifende Partys und genießen die Vorzüge des dekadenten Luxusresorts. Doch als Jess von einem auf den anderen Tag verschwindet und sich Niemand auf der Insel an ihre Anwesenheit erinnern kann, wird Frida stutzig. Irgendetwas scheint hier nicht mit rechten Dingen zuzugehen…
Kritik
„Pussy Island“: So lautete der ursprüngliche Titel von Zoë Kravitz‘ Regiedebüt, dessen Planungen bereits im Jahr 2017 begannen. Für den Verleih war das wohl eine Spur zu krass. Am Ende wurde aus „Pussy Island“ „Blink Twice“. Doch die Aussagekraft, die bereits der Ursprungstitel mit sich bringt, hat der fertige Film dadurch nicht verloren. Denn „Blink Twice“ fühlt sich zu jedem Zeitpunkt gleichermaßen wütend als auch wie ein Befreiungsschlag an. Immer wieder wird in Reviews darauf verwiesen, was für Ähnlichkeiten die Ereignisse in „Blink Twice“ mit dem Skandal rund um den amerikanischen Investmentbanker Jeffrey Epstein, seine Freundin Ghislaine Maxwell sowie ihre ausschweifenden Sexhandelsring-Partys besitzen. Damit konfrontiert, gab Kravitz an, dass der Schreibprozess längst begonnen hatte, noch bevor insbesondere eine Netflix-Doku das ganze Ausmaß von Manipulation, Machtmissbrauch und sexuellen Straftaten 2020 ans Licht brachte. Trotzdem erinnert die Performance von Hauptdarsteller und Kravitz‘ Verlobtem Channing Tatum („Foxcatcher“) nicht von ungefähr an Epsteins Auftreten in der Öffentlichkeit. Auch wenn all das – der Film, die Darstellungen – lediglich „eine Metapher“ seien, wie Kravitz betont.
Schmierig, aber irgendwie auch süß: Channing Tatum ist in der Hauptrolle des Tech-Moguls Slater King die Idealbesetzung.
Doch egal ob Metapher oder nicht: Es ist im Grunde völlig gleich, wie viel (beziehungsweise ob überhaupt) wahre Straftaten der fiktionalen Handlung von „Blink Twice“ zugrunde liegen. Die bitterböse Satire über die Auswüchse patriarchaler Machtstrukturen und subtiler, psychologischer Gewaltausübung, die schließlich auch in körperlichen Übergriffen mündet, ist brandaktuell. Es erinnert ein bisschen an „Promising Young Woman“, der diese Thematik 2020 erstmals sehr präsent auf das Hollywood’sche Tableau brachte und für den Autorenfilmerin Emerald Fennell einen Oscar für das Beste Drehbuch gewann. In ein bonbonrosafarbenes Mainstream-Happening verpackt, fanden sich rudimentäre Gemeinsamkeiten drei Jahre später auch im Megahit „Barbie“ wieder. Nun also „Blink Twice“, der interessanterweise nicht minder bissig wie „Promising Young Woman“, aber auch nicht weniger unterhaltsam wie „Barbie“ ist – und obendrein auch ein bisschen so wirkt, als hätte sich Jordan Peele nach „Get Out“ die öffentliche Wahrnehmung der Frau durch machtgeile Männer sowie ihren Missbrauch als eine Form von Ware, einschließlich dessen Verschleierung nach Außen vorgenommen. „Blink Twice“ ist ein großartiger Hybrid all dieser genannten Filme – und ein phänomenales Debüt.
„‚Blink Twice‘ ist als bitterböse Satire über die Auswüchse patriarchaler Machtstrukturen und subtiler, psychologischer Gewaltausübung, die schließlich auch in körperlichen Übergriffen mündet, brandaktuell.“
Denn dass Zoë Kravitz („The Batman“) vor „Blink Twice“ noch nie als Regisseurin hinter einer Kamera gestanden hat, mag man im Anbetracht der vom Film zur Schau gestellten Stilsicherheit kaum glauben. Das riesige Anwesen auf Slater Kings abgeschiedener Privatinsel (von der man so gut wie nichts zu sehen bekommt, weil sich die Handlung vollständig hinter den dekadenten Mauern der Luxusvilla abspielt) erinnert an Miles Brons Nobelschuppen aus „Knives Out 2: Glass Onion“. Das weitläufige Resort mit zahlreichen (Gäste-)Zimmern, Wasserfällen, Pools und einer riesigen Gartenanlage ist ideal für das Wahren des schönen Scheins. Es wundert nicht nur im Anbetracht dieses Ortes, sondern auch aufgrund seines Charmes zu keinem Zeitpunkt, weshalb alle Beteiligten so scharf darauf sind, hier mit Slater King und seiner Entourage aus persönlicher Assistentin, Psychotherapeut und Best Buddy abzuhängen. Kameramann Adam Newport-Berra („Ephoria“) fotografiert das Geschehen so ansprechend wie nur möglich. Keine Spur von einer anklingenden Bedrohung, die hier, in äußerst moderaten Dosen platziert, am Idyll rüttelt. Wüsste man es nicht besser, wäre man nicht verwundert darüber, würde es sich bei „Blink Twice“ einfach nur um das Porträt einer feierwütigen Gemeinschaft handeln, die sich mehr und mehr von einem neureichen, schmierigen und dabei doch auch grundsympathischen Selfmade-Milliardär einlullen lässt. Das Tempo, der zwischen augenzwinkernd, banal und bitterböse changierende Witz sowie die grellen Farben offenbaren jedenfalls viele Möglichkeiten, in welche Richtung sich „Blink Twice“ noch entwickeln wird.
Channing Tatum erweist sich für die Rolle des Slater King als ideale Darstellerwahl. Zu Beginn von „Blink Twice“ erfahren wir von einem nicht näher ausgeführten Skandal, in dem es um Machtmissbrauch oder so etwas in der Art ging. In einem TV-Interview gibt sich King als geläuterter Mann, der mittlerweile eine Therapie gemacht und Social Media abgeschworen hat. Tatum spielt das alles so souverän und selbstsicher, dass diese eigentlich so schmierige Person nie an Faszination einbüßt. Vielleicht ist er ja tatsächlich geläutert? Macht nicht jeder mal einen Fehler? Weshalb sollte man diesen Mann dauerhaft canceln, wenn er sich öffentlich sogar zu einer Therapie bekennt? Es ist den Frauen im Film jedenfalls keinerlei Vorwurf zu machen, weshalb diese auf die Einladung Kings eingehen; Zumal sie im weiteren Verlauf auch weniger ihn als vielmehr die Möglichkeiten anhimmeln, die ihnen auf seiner paradiesischen Insel geboten werden. Einen wirklich engen Kontakt baut Slater ohnehin nur zu seiner Zufallsbekanntschaft Frida auf, die bereits früh amouröse Gefühle für ihn hegt. Naomi Ackie („I Wanna Dance with Somebody“) spielt Frida als bauernschlaue, mit der Zeit immer selbstbewusster auftretende Frau, die zwar weiß, was sie will, jedoch nicht immer den Mumm besitzt, um sich genau das zu holen – bis zur richtig schön fiesen Pointe.
„Anstatt den Männern ihres Films den Erzählfokus respektive gar die Erzählgewalt zu überlassen, wird ‚Blink Twice‘ im letzten Drittel zu einem Appell an den weiblichen Zusammenhalt.“
Doch bis „Blink Twice“ bei dieser angekommen ist, muss das Geschehen auf der Insel natürlich erst noch eskalieren. Und das tut es gewaltig, auch wenn Zoë Kravitz die eigentliche Auflösung fast schon im Vorbeilaufen präsentiert. Ihr Film verweigert sich jedweder Ausbeutung der Figuren, insbesondere natürlich der Frauen. Wenige einprägsame Szenen sprechen für sich, Kravitz‘ Motto lautet hier weniger ist mehr. Anstatt den Männern ihres Films den Erzählfokus respektive gar die Erzählgewalt zu überlassen, wird „Blink Twice“ im letzten Drittel zu einem Appell an den weiblichen Zusammenhalt. So bedächtig und subtil sie in der Stunde davor die Nadelstiche in diesem Paradies platziert hat, so eskapistisch zelebriert sie die weibliche Rache. Neben Naomi Ackie brillieren hier unter anderem Adria Arjona („A Killer Romance“), Liz Caribel („God’s Time“) und Trew Mullen („Juliet“), während Christian Slater („Unfrosted“), Simon Rex („Red Rocket“) und Geena Davis („Thelma & Louise“) ihre unterschwellig schlummernde Boshaftigkeit nun auch nach Außen transportieren. Ob man bei der aller letzten Einstellung schließlich jubelt, oder einem vom Schlag in die Magengrube schlecht wird, bleibt schlussendlich jedem und jeder selbst überlassen. Nachdenken wird man darüber jedoch definitiv noch eine ganze Weile.
Fazit: Irgendwo zwischen „Promising Young Woman“ und „Get Out“ ist Regiedebütantin Zoë Kravitz ein gnadenlos unterhaltsamer, nicht minder bissiger Schlag in die Magengrube gelungen, der nicht ohne Grund an eine filmische Aufarbeitung des Jeffrey-Epstein-Skandals erinnert.
„Blink Twice“ ist ab dem 22. August 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

