149 Minuten pure Raserei – im übertragenen und auch in wortwörtlichen Sinne! Das „Fury Road“-Prequel FURIOSA: A MAD MAX SAGA ist ein inszenatorisch herausragendes Actionfest, das überraschend nah an den Qualitäten seines Vorgängers liegt.
Darum geht’s
Irgendwann in der fernen Zukunft im australischen Outback: Die junge Furiosa (als Kind Alyle Brown) lebt mit ihrer Mutter friedlich in einer grünen Oase am Rande des Wastelands, die vor der finsteren Welt da draußen bislang unentdeckt blieb. Doch dann trifft sie ausgerechnet auf Schergen des Bösen Dr. Dementus (Chris Hemsworth), der erst die Mutter des Mädchens tötet und die Kleine anschließend verschleppt. Im Zuge eines Tauschgeschäfts wechselt sie alsbald in die Obhut des Warlords Immortan Joe (Lachy Hulme), für den sie 15 Jahre später (jetzt: Anya Taylor-Joy) gegen die Widersacher seines Clans kämpfen darf. Doch es ist vor allem eins, was sie antreibt: die Rache am Mörder ihrer Mutter…
Kritik
2015 gelang Regisseur George Miller für viele überraschend der ganze große Coup: Sein Actiongewitter „Mad Max: Fury Road“ wurde zunächst mit Skepsis entgegengesehen. Schließlich waren seit seinem letzten Film der Reihe schon drei Jahrzehnte vergangen und der Trend zu den sogenannten Legacyquels und Fortsetzungen zu bereits viele Jährchen auf dem Buckel habenden Franchises hatte mit „Jurassic World“ gerade erst begonnen. Doch dann erarbeitete sich „Fury Road“ in Windeseile einen Kultstatus. Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung belegte er in einer Umfrage der BBC Platz 19 der100 bedeutsamsten Filme des 21. Jahrhunderts, auf der Internetbewertungsplattform Rotten Tomatoes steht er aktuell sogar auf Platz eins der am besten bewerteten Filme. Hinzu kommen nicht zuletzt zehn Oscar-Nominierungen (unter anderem als Bester Film) sowie sechs gewonnene Trophäen. Der Erfolg an den Kinokassen dagegen konnte mit diesen exorbitanten Lobeshymnen nicht mithalten, spielte „Fury Road“ doch gerade einmal etwas mehr als das Doppelte seiner Produktionskosten wieder ein.
Davon unbeeindruckt, kündigte Miller alsbald ein Prequel an. In diesem sollte nicht erneut Max Rockatansky im Mittelpunkt stehen. Denn seien wir einmal ehrlich: „Mad Max: Fury Road“ war in Wirklichkeit der Film von Charlize Theron („Bombshell – Das Ende des Schweigens“) alias der ihrem Namen alle Ehre machenden Furiosa. Und um genau diese geht es nun in „Furiosa: A Mad Max Saga“. In die Rolle der titelgebenden Heldin (und im Film primär Rächerin) schlüpft diesmal jedoch nicht Theron selbst, was im Anbetracht dessen, dass der Film die Vorgeschichte und somit die Kindheit und das frühe Erwachsenenalter der Protagonistin abbildet, aber auch schwierig geworden wäre, ohne auf den noch immer nicht völlig ausgereiften Effekt des Deagings zurückzugreifen. Stattdessen tritt Shootingstar Anya Taylor-Joy („Split“) in die riesigen Fußstapfen ihrer Kollegin. Eine hervorragende Wahl! Taylor-Joy sieht nicht nur in manchen Einstellungen aus wie eine junge Theron, sondern besitzt obendrein eine derart einnehmende Leinwand-Präsenz, dass sie gar nicht mehr benötigt, als die vorab kommunizierten 30 Dialogzeilen, um Interesse für ihre Figur zu schüren und mitzureißen.
„Anya Taylor-Joy sieht nicht nur in manchen Einstellungen aus wie eine junge Theron, sondern besitzt obendrein eine derart einnehmende Leinwand-Präsenz, dass sie gar nicht mehr benötigt, als die vorab kommunizierten 30 Dialogzeilen, um Interesse für ihre Figur zu schüren und mitzureißen.“
Im Vorfeld eines Prequels muss man sich ja in der Regel die Frage stellen, ob die darin enthaltenen Details einer Vorgeschichte überhaupt einen Mehrwert zum Vorgänger (beziehungsweise zeitlichen Nachfolger) beizutragen haben. Muss man tatsächlich wissen, wie Han Solo einst zu seinem Namen gekommen ist? Oder wie Mike und Sully ihren Weg zur Monster AG gefunden haben? Nicht zwingend, aber vor allem das zweite Beispiel hat gezeigt, dass die liebevolle Ausarbeitung einer eigenständigen Geschichte abseits reinen Namedroppings und Fanservice sehr wohl zu einem stimmigen Ganzen führen kann. Und in diese Reihe der eher selten auftretenden Spezies eines guten Sequels reiht sich nun auch „Furiosa: A Mad Max Saga“ ein. Natürlich ist es für den Genuss von „Fury Road“ eher unwichtig, warum Furiosa eigentlich ihren Arm verloren hat. George Miller („Happy Feet 1 und 2“) inszeniert aber schon allein diesen einen Moment derart unaufgeregt, dass man merkt, dass es ihm eigentlich um etwas ganz Anderes geht: die aufregende Geschichte einer gescholtenen Rächerin. Es ist schon allein Furiosas einnehmende Präsenz und Urgewalt, die rechtfertigt, dass sie ihren eigenen Film bekommt. Diese zu tragen, gelingt übrigens nicht nur Anya Taylor-Joy, sondern auch Youngster Alyle Brown, die Furiosa als Kind verkörpert und nach „A Thousand Years of Longing“ schon ein zweites Mal mit Miller zusammenarbeitete.
Nach der Emordung von Furiosas Mutter nimmt der fiese Dr. Dementus das junge Mädchen (Alyle Brown) unter seine Fittiche.
Neben Taylor-Joy gebührt nicht weniger Aufmerksamkeit dem von Chris Hemsworth („Avengers: Endgame“) gespielten Widersacher Dr. Dementus, der selbst in dieser gottlosen, apokalyptischen Welt, in der jedwedes Gute dem Menschen abhandengekommen scheint, noch als der Oberschurke durchgeht. Mit (zeitweise dunkelrotem) Rauschebart ist der „Thor“-Darsteller bisweilen kaum wiederzuerkennen. Dafür überträgt sich seine unbändige Freude am überdrehten Acting direkt auf das Publikum. Zur Witzfigur verkommt seine Figur jedoch nie. Dafür sind sein morbider Spaß an Mord und anderweitiger Gewaltausübung einfach viel zu präsent. Insbesondere im Zusammenspiel mit der ganz jungen Furiosa sind seine karikaturesk vorgespielten Vaterfreuden derart bedrohlich, dass die Situation in jeder Sekunde außer Kontrolle geraten könnte – obwohl ihm Furiosa von Anfang an haushoch überlegen scheint. Dr. Dementus‘ Schergen sind derweil eher eine einheitliche Masse. Sie tragen zwar allesamt kuriose Namen und besitzen ein extravagantes Erscheinungsbild, eigenständige Charaktere sind sie jedoch nicht – müssen sie aber auch gar nicht sein.
„Insbesondere im Zusammenspiel mit der ganz jungen Furiosa sind Chris Hemsworth‘ karikaturesk vorgespielten Vaterfreuden derart bedrohlich, dass die Situation in jeder Sekunde außer Kontrolle geraten könnte.“
Demgegenüber steht mit Immortan Joe der aus „Fury Road“ bekannte Warlord und Warboys-Anführer, dessen Volk Furiosa als Zuflucht dient. Zeitweise strahlt die imposante Citadel sogar so etwas wie ein Heimatgefühl aus, obwohl wir ja bereits aus dem Vorgänger wissen, welche martialischen Regeln hier herrschen (etwa, dass Frauen hier als Gebärmaschinen und Milch-Lieferantinnen missbraucht werden). Doch spätestens mit dem Auftritt des Praetorian Jack offenbaren sich Furiosa vereinzelte emotionale Anker; Zumal sie als sich zunächst als Junge verkleidende Kämpferin einen respektablen Stand in Immortan Joes Clan erarbeitet. Diese Ambivalenz zwischen „Dieses Volk ist abgrundtief böse“ und „Dr. Dementus und seine Bande sind noch viel schlimmer“ ist faszinierend, erst recht mit dem Blick darauf, was in „Mad Max: Fury Road“ noch alles passiert. Diese herauszuarbeiten, gelingt George Miller in den satten zweieinhalb Stunden sehr gut, auch wenn sich immer mal wieder Leerlauf in die Erzählung einschleicht. Nicht alle Abläufe in der Citadel hätten einer allzu ausführlichen Darstellung bedurft. Auch die ohnehin spärlich gesäten Monologe und Dialoge sind fast nicht nötig – und zudem häufig eher bemüht bedeutungsschwanger als tatsächlich bedeutungsvoll. Doch letztlich schaut man sich auch ein „Furiosa“ vorwiegend wegen der Action an…
… und das, was Miller hier einmal mehr an Autoaction und Verfolgungschoreographien abfackelt, steht dem Vorgänger in nichts nach. Wenngleich der Einsatz von CGI hier ein wenig häufiger hervortritt als noch in „Fury Road“, lassen sich die Momente, in denen das tatsächlich stört, an einer Hand abzählen. Auch diesmal stehen primär Millers visionäres Gespür für adrenalingeladene Bildkompositionen im Vordergrund. Dafür sagen sich er und sein wiederkehrendes Cutterduo Eliot Knapman und Margaret Sixel vollends von dem Trend zu überhasteten Schnittabfolgen los. Kameramann Simon Duggan („Der große Gatsby“) befüllt seine Bilder bis zum Rand und bewahrt dabei trotzdem eine Übersicht, durch die man immer den notwendigen Blick über das Geschehen behält. Dabei lässt es sich nicht nur in den skurrilen Vehikeln schwelgen (Dr. Dementus etwa fährt eine Art römischen Streitwagen, der jedoch nicht von Pferden, sondern von Motorrädern gezogen wird), sondern vor allem in den Auto- und Trucküberschlägen, in den Explosionen und den zwischen den Fahrzeugen hin- und herspringenden (und fliegenden!) Warboys. Hier erweist sich auch das Setting der australischen Wüste einmal mehr als ideal. Lenkt so doch absolut nichts davon ab, was da im Vordergrund alles passiert.
„Kameramann Simon Duggan befüllt seine Bilder bis zum Rand und bewahrt dabei trotzdem eine Übersicht, durch die man immer den notwendigen Blick über das Geschehen behält.“
Dazu, „Furiosa: A Mad Max Saga“ ganz nah an den Rand zur Perfektion zu führen, tragen zu guter Letzt noch zwei Dinge bei. Zum einen die erneute Verpflichtung von Tom Holkenborg alias Junkie XL. In enger Anlehnung an seinen grandiosen Score zu „Fury Road“ (teilweise erkennt man beispielsweise das „Chapter Doof“-Thema wieder), treibt auch seine jüngste Arbeit den Puls des Films immer weiter nach oben. „Furiosa: A Mad Max Saga“ wird zur puren Raserei – im übertragenen und im wahrsten Sinne des Wortes. Die wenigen Momente, in denen es dann doch mal totenstill wird, haben umso mehr den Charakter kurzer Verschnaufpausen. Zum anderen gelingen Simon Guggan auch abseits der Actionszenen virtuose Bilder, deren kontrastreiche Farbenspiele man bereits aus Teil eins gewöhnt ist. Doch neben den endlosen Wüstenpanoramen sind es manchmal vor allem die kleinen Details im Close Up, die eine ähnlich große Wirkung entfalten. Etwa eine sich aus dem Sand herauskämpfende Hand oder der Zeitraffer eines wachsenden Asts. „Furiosa: A Mad Max Saga“ ist voller zitatreifer Bilder, Töne und Figuren und ausgenommen der bisweilen etwas zu ausufernden Story damit äußerst nah dran an den Qualitäten des Vorgängers.
Fazit: „Furiosa: A Max Max Saga“ ist ein brachiales Actionepos, das dem Vorgänger „Mad Max: Fury Road“ in fast nichts nachsteht. Die Verfolgungsjagden sowie der audiovisuelle Stil des Films knüpfen nahtlos an den Vorgänger an. Ein paar Minuten weniger auf der Uhr hätten der Leinwandraserei allerdings gutgetan.
„Furiosa: A Mad Max Saga“ ist ab dem 23. Mai 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

