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The Critic

Ian McKellen mimt eine Theaterkritikerikone, die ein fieses Komplott spinnt, um ihren Job nicht zu verlieren: THE CRITIC hätte das Potenzial gehabt, ein klassisches, vielleicht etwas altmodisches Krimidrama zu werden, ist aber in erster Linie Altherrenkino, das sich nie richtig zur Motivation seines Hauptcharakters bekennt.

OT: The Critic (UK/USA 2023)

Darum geht’s

Jimmy Erskine (Ian McKellen) ist der angesehenste Theaterkritiker seiner Stadt. Seine Leserinnen und Leser lieben seine boshaften Verrisse, von Theatern und Schauspielenden wird er dafür gefürchtet. Als Erskine plötzlich seinen Job verliert, spinnt er ein finsteres Komplott: Er stellt der engagierten Schauspielerin Nina Land (Gemma Arterton) nach seinen zahlreichen Negativschlagzeilen überragende Kritiken in Aussicht, wenn sie den Zeitungsverleger (Mark Strong) verführt, der für Erskines Entlassung verantwortlich ist. Doch die Ereignisse überschlagen sich alsbald und aus dem zwielichtigen Plan wird ein gemeingefährliches Unterfangen, dass schon bald ein erstes Opfer fordert…

Kritik

Das Casting passt wie die Faust aufs Auge! Sir Ian McKellen („Mr. Holmes“) schlüpft mit seinen 85 Jahren in die Rolle eines verhärmten Theaterkritikers. Das ist deshalb so passend, weil dieses Berufsfeld nicht nur seit jeher männlich dominiert, sondern auch eine der wenigen Branchen ist, in der der Anteil weiblicher Schaffender seit einigen Jahren sogar wieder zurückgeht (Stand 2022). Es ist also ziemlich bezeichnend, wie sehr der Diskurs über alle möglichen Kulturformen nach wie vor von „alten weißen Männern“ bestimmt wird – und genau als solcher überzeugt McKellen ganz ausgezeichnet. Konsequent ist auch, dass „The Critic“, sehr lose basierend auf dem Roman „Curtain Call“ von Anthony Quinn, nun ein klassisches Altherren(krimi-)drama geworden ist. Wirklich herauslesen, wie Drehbuchautor („Tagebuch eines Skandals“) zum Berufsfeld des Kritikers eigentlich steht, lässt sich aus dem fertigen Werk derweil nicht. Das ist vermutlich noch der spannendste Aspekt an diesem sichtbar von Nachdrehs gezeichneten, sehr betulich und trotz der Thematik alles andere als elegant inszenierten Film.

Als wichtigster Theaterkritiker der Stadt wird Jimmy Erskine (Ian McKellen) gefürchtet und geschätzt.

Ein gewisser Respekt vor dem Kritikerdasein ist „The Critic“ durchaus anzumerken. Die Hauptfigur Jimmy Erskine besitzt Renommee und Ansehen. Selbst die Schauspielerinnen und Schauspieler wünschen sich verzweifelt, positiv in seinen Texten erwähnt zu werden. Trotzdem lernen wir Erskine vor allem als zynisch-herablassenden Schreiber kennen, der in seinen Verrissen gerne persönlich wird und für die größtmögliche Aufmerksamkeit schon mal ins Unsachliche abdriftet. Gleichzeitig wird er von Außenstehenden aber auch für seine Leidenschaft gelobt, sobald er sich positiv über ein Stück äußert. Das Drehbuch gesteht es seinem Protagonisten also durchaus zu, in seinem Job Gutes zu schaffen. Eine Kritikerikone ist er allerdings vor allem, weil er vernichtet – und überhaupt nicht damit hinter dem Berg hält, wie gerne er das tut. Er gibt sogar zu, dass seine Leserinnen und Leser genau das von ihm erwarten. Und wenn man auf den Status Quo der heutigen Filmpresse schaut, hat sich daran über die vielen Jahrzehnte eigentlich kaum etwas geändert.

„Wir lernen Erskine als zynisch-herablassenden Schreiber kennen, der in seinen Verrissen persönlich wird und für die größtmögliche Aufmerksamkeit schon mal ins Unsachliche abdriftet. Gleichzeitig wird er von Außenstehenden aber auch für seine Leidenschaft gelobt, sobald er sich positiv über ein Stück äußert.“

Gleichzeitig ist Erskine aber auch ein ziemlich armes Würstchen. Als ihn die von ihm mit herber Bosheit bedachte Schauspielerin Nina Land aufsucht, um ihm endlich mal ihre Meinung zu sagen, ist Flucht sein erster Impuls. Schriftlich urteilen ja, den persönlichen Diskurs suchen nein. Und ab diesem Moment beginnt „The Critic“ plötzlich, seine Geschichte auf einer Figur aufzubauen, die sich aller Passion für ihren Job zum Trotz als mit sehr fragwürdiger Moral ausgestattet erweist. Als er seinen Job verliert, macht er sich seine Machtposition über die Schauspielerin zunutze, um sie in ein finsteres Komplott miteinzubeziehen. Land trifft es schon ganz gut, wenn sie sich in diesem Moment wie eine Prostituierte fühlt. Doch ob wir Jimmy Erskine nun weiterhin die Daumen drücken, oder sein abstoßendes Verhalten verurteilen sollen, geht aus „The Critic“ nie hervor. Regisseur Anand Tucker („Shopgirl“) behält Erskine als Zentrum der Geschehnisse bei und arbeitet dramaturgisch auf ein Happy End hin, in dem er seinen Job als Kritiker wiedererlangt. Die beiden wichtigsten Nebenfiguren Nina Land und der ihm gekündigte Zeitungsverleger David Brooke erfüllen fast schon Schurkenrollen, die seinem Plan im Weg stehen. Das Ende wiederum, für das „The Critic“ sachte in Thrillergefilde abgleitet, arbeitet tonal dann aber plötzlich gegen alles, was der Film zuvor aufgebaut hat. Was fehlt, ist ebenjene klare Position zur Hauptfigur – und die hätte im Anbetracht des Ausgangs eigentlich konsequent als Fiesling inszeniert werden müssen.

Zeitungsverleger David Brooke (Mark Strong) hat ein Auge auf die schöne Schauspielerin Nina Land geworfen.

Leider ist „The Critic“ ein Film, der vor allem langatmig und weitestgehend spannungsarm geraten ist. Dank falscher erzählerischer Schwerpunkte kommt das Krimidrama nie so richtig aus dem Quark. Nach viel zu langer und im Anbetracht ihrer Schwammigkeit auch völlig unnötiger Charaktereinführung folgt ein Mittelteil, der das Potenzial gehabt hätte, aufgrund seines an „Agatha Christie“-Krimis erinnernden Komplotts spannend zu sein. Nur leider ergeht sich der Film in endlosen Dialogen, die immer wieder das Gleiche erzählen, dabei aber nichts Konkretes über die Figuren und ihre Motivationen auszusagen haben. Dem letzten Drittel sind schließlich seine zahlreichen Nachdrehs anzumerken. Anstatt „The Critic“ wenigstens mit einem Paukenschlag zu beenden, sind negative Testscreenings, die das Ende als zu düster bewerteten, dafür verantwortlich, dass durch einen viel zu langen Nachklapp die Garstigkeit der Auflösung zerfasert. Überhaupt macht „The Critic“ viele verschiedene Fässer auf, die lediglich für einzelne Szenen herhalten müssen, sonst jedoch kaum etwas zur Story beizutragen haben. Dass Jimmy Erskine als Homosexueller beispielsweise verfolgt und eines Abends sogar von der Polizei verhaftet wird, bringt zwar einen Teil der Geschichte ins Rollen, darauffolgend spielt dieses Thema allerdings keine Rolle mehr, obwohl es eigentlich noch so viel dazu zu sagen gäbe. Schon allein, um der Hauptfigur weitere interessante Facetten zuzuschreiben.

„Dank falscher erzählerischer Schwerpunkte kommt das Krimidrama nie so richtig aus dem Quark. Nach viel zu langer und im Anbetracht ihrer Schwammigkeit auch völlig unnötiger Charaktereinführung folgt ein Mittelteil, der das Potenzial gehabt hätte, aufgrund seines an „Agatha Christie“-Krimis erinnernden Komplotts spannend sein könnte.“

Neben Ian McKellen, der die Rolle des Grummelkritikers solide abspult, kann immerhin Gemma Arterton („Hänsel & Gretel: Hexenjäger“) mit ihrem natürlichen Charme einige sympathische Akzente setzen. Auch wenn ihr Spiel ironischerweise mehr an das einer Theaterdarstellerin erinnert und daher sehr exaltiert ausfällt, passt das zu ihrer ohnehin ein wenig theatralisch angelegten Person. Mark Strong („Kingsman: The Secret Service“) bleibt derweil auf sein Dasein als von Erskine gesteuerte Schachfigur reduziert und somit blass. Genauso wie die unauffällige Inszenierung. Mit bisweilen sehr uneleganten Schnitten springt „The Critic“ zwischen uninspirierten Setpieces hin und her, wo Dialoge um Dialoge heruntergerattert werden. Aufgrund seiner reduzierten Sets mangelt es dem Film sichtbar an Opulenz, die einen Start im Kino rechtfertigen könnte. Da fragt man sich doch, wie Jimmy Erskine selbst „The Critic“ gefunden hätte…

Nina Land (Gemma Arterton) ist ein beliebtes Opfer des Kritikers.

Fazit: Ein behäbig erzähltes, wenig ansehnlich inszeniertes Krimi-Drama über eine Person, zu deren Motiven sich der Film nie wirklich bekennt: „The Critic“ ist Altherrenkino aus der Konserve, das nur dank seiner soliden Schauspielerinnen und Schauspieler nicht völlig in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

„The Critic“ ist ab dem 13. März 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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