The Hype is real – oder? Keine Ahnung, wie viel ein Film erfüllen muss, um seinem Hype standzuhalten. Mit LONGLEGS gelingt Regisseur Oz Perkins jedenfalls ein fantastischer Hybrid aus Serienkillerthriller und übernatürlichem Horror, zu dessen Highlights neben einem wahnwitzigen Nicolas Cage vor allem die intensive Inszenierung unter Zuhilfenahme famos einprägsamer Bilder zählt.
Darum geht’s
Die junge Polizistin Lee Harker (Maika Monroe) wird von ihrem Chef Agent Carter (Blair Underwood) aufgrund ihrer latenten Hellsichtigkeit mit einer jahrzehntealten, unaufgeklärten Mordserie betraut. Nachdem sie die bislang unentschlüsselten Briefe des sich selbst nur Longlegs nennenden Killers (Nicolas Cage) entschlüsselt hat, offenbart sich ihr eine Verbindung zu ihrer eigenen Vergangenheit. Doch nicht nur das: Ihren Ermittlungen zufolge steht Longlegs‘ nächster Mord kurz bevor…
Kritik
In den USA hat die außergewöhnliche Werbekampagne rund um „Longlegs“ voll eingeschlagen. Die kryptischen Teaser, die den Titel des Films lange unter Verschluss hielten, die Geheimniskrämerei rund um Nicolas Cage („Dream Scenario“) als titelgebender Serienkiller Longlegs sowie die überragenden Kritikerstimmen, die den Film unter anderem als „gruseligsten Film des Jahrzehnts“ betitelten, führten nicht nur zu einem bisherigen Einspiel von knapp 80 Millionen US-Dollar (Stand 2. August 2024). Der Film legte in Nordamerika außerdem den besten Start eines Indie-Horrorfilms seit zehn Jahren hin, übertraf damit „Talk to Me“, und ist der erfolgreichste Film des Movie Labels Neon, das unter anderem auch den Oscar-Gewinner „Parasite“ und den Goldene-Palme-Preisträger „Triangle of Sadness“ vertrieb. Nun ist das mit Hypes im Horrorkino ja immer so eine Sache. Einen solchen haben in den letzten Jahren viele Genrebeiträge kreiert, von denen sich nicht alle im Nachhinein als gerechtfertigt erwiesen haben. Doch allein die schiere Menge an Hypes zeigt, dass es eine ganz fantastische Zeit für Horrorliebhaber:innen ist; Aktuell wird im Genre einfach viel ausprobiert.
Lee (Maika Monroe) und ihr Kollege Agent Carter (Blair Underwood) durchsuchen einen mutmaßlichen Tatort.
„Longlegs“ von Regisseur Oz Perkins, übrigens niemand Geringeres als der Sohn des „Psycho“-Hauptdarstellers Anthony Perkins, passt da tatsächlich gar nicht so sehr in die Kategorie jener Filme, die neue Wege bestreiten. Stattdessen bekommen wir hier einen die meiste Zeit über (fast) klassischen Serienkillerthriller zu sehen, bei dem die Vergleiche in der internationalen Presse bis hoch zu Kultfilmen wie „Das Schweigen der Lämmer“ reichten. Im Anbetracht des aktuell nahezu brachliegenden Thrillerkinos stellt „Longlegs“ also schon so etwas wie ein Unikat dar. Und vielleicht ist das auch ein bisschen der Grund dafür, weshalb es der Film zu einem solchen Erfolg gebracht hat. Das und natürlich die positive Mundpropaganda, denn Oz Perkins („Gretel & Hänsel“) ist mit seinem vierten Spielfilm ein atmosphärisches Meisterstück gelungen, das an die Hochphasen des späten Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre-Thrillerkinos erinnert und gleichzeitig moderne Genreströmungen aufgreift sowie mit weiteren, auch thematischen -Einflüssen kombiniert. So greift „Longlegs“ unter anderem den aktuellen Trend auf, die sogenannte Satanic Panic filmisch zu verarbeiten, zuletzt unter anderem zu sehen in „Late Night with the Devil“.
„Oz Perkins ist mit seinem vierten Spielfilm ein atmosphärisches Meisterstück gelungen, das an die Hochphasen des späten Neunziger- und frühen Zweitausenderjahre-Thrillerkinos erinnert und gleichzeitig moderne Genreströmungen aufgreift sowie mit weiteren, auch thematischen -Einflüssen kombiniert.“
In Sachen Geheimniskrämerei hielt es das Marketing derweil nicht vollständig durch, Nicolas Cages Auftreten außen vor zu lassen. Im ersten langen Trailer bereits veröffentlichte man seinen Namen, sodass sich „Longlegs“ alsbald als „neuer Nicolas-Cage-Film“ vermarkten ließ. Trotzdem ließ man sein Auftreten als titelgebender Killer lange Zeit unter Verschluss. Dafür geht Perkins direkt mit der Auftaktszene in die Vollen: Sie zeigt ein Aufeinandertreffen zwischen Longlegs und einem kleinen Mädchen. Erst sieht man seine Person nur bis knapp unterhalb der Nase, kurz darauf sein gesamtes Antlitz. Diese Szene hat nicht bloß etwas regelrecht Offenbarendes; Schließlich wissen alle Neugierigen jetzt endlich, wie Cage als Longlegs aussieht. Dieser Moment ist auch mit einem solch beißenden Sound unterlegt, dass man als Zuschauer:in fortan in Habachtstellung ist. Dabei ist „Longlegs“ eigentlich kein Film der derben Jump Scares. Genau genommen sind es auf 101 Minuten lediglich zwei Momente, in denen sich einem vor Schreck der Magen zusammenzieht (was natürlich auch ein wenig davon abhängig ist, wie schreckhaft man ist). Die beklemmende Atmosphäre arbeitet sich derweil beständig tief unter die Haut. Mit cleveren Entscheidungen in Sachen Kameraführung (Langfilm-Debütant Andres Arochj) und Sounddesign vereint „Longlegs“ klassische Horrormotive mit solchen der Unterwanderung. Etwa wenn die Kamera Hauptdarstellerin Maika Monroe („It Follows“) an einem Schreibtisch platziert, in dessen Hintergrund eine Tür offensteht – und man als gelernter Horrorfan eigentlich weiß, dass dort in jedem Moment Jemand oder Etwas vorbeihuschen wird. Wenn das dann allerdings einfach nicht passiert, wird klar, dass in „Longlegs“ eigene Regeln gelten.
Das sind hin und wieder auch ganz klassische Genreregeln. Das Motiv eines gegensätzlichen Ermittlerduos etwa. Oder die fast ein wenig klischeehaft anmutenden, absurden Spleens des dem Affen einmal mehr mächtig Zucker gebenden Nicolas Cage. Dieser verhilft seinem Longlegs zu einem Wahnwitz, der ihn zeitweise nah an der Karikatur vorbeischrammen lässt. Gleichwohl passt es zum Gesamtbild eines Films, der auf der einen Seite bedächtige Ermittlungsarbeit zeigt und eine weltliche, dabei nicht minder angsteinflößende Bedrohung eines „klassischen Mörders“ etabliert. Gleichzeitig aber auch von Anfang an die Verbindung zum Übernatürlichen sucht. Maika Monroe fungiert hier als Bindeglied; als aufopferungsvolle Polizistin mit nicht vollständig perfekt ausgeprägten, übernatürlichen Fähigkeiten, sehr schön bebildert in einer Szene, in der nach wissenschaftlichen Maßstäben der genaue Grad ihrer mutmaßlichen Hellsichtigkeit bestimmt werden soll. Im Film wird das nicht näher als „etwas Besonderes“ angesehen. Realismus und Fantastik verschwimmen hier zu einem ganz eigenen, individuellen Mix der Zeit- und Weltlosigkeit. Wann und wo „Longlegs“ spielen soll, ist irrelevant. Am Ende spielt das alles hier dann eben doch nach eigenen Regeln.
„Nicolas Cage gibt dem Affen einmal mehr ordentlich Zucker und verhilft seinem Longlegs zu einem Wahnwitz, der ihn zeitweise nah an der Karikatur vorbeischrammen lässt.“
Es ist müßig, darüber nachzudenken, was „Longlegs“ für ein Film geworden wäre, hätte sich Oz Perkins gegen das übernatürliche Element entschieden. Hin und wieder hat es allerdings den Anschein, als hätte sich Perkins mit seinen unterschiedlichen Ansätzen dann doch etwas übernommen. Nicht jede der zahlreichen offenen Fragen behält durch die Nichtbeantwortung jenen Reiz bei, den offene Fragen durch ihre unterschiedliche Auslegung haben können. Stattdessen hat es etwas Ausweichendes, wenn die innerfilmischen Regeln bis aufs Äußerste ausgedehnt werden. Da liegt Perkins dann doch mehr an dem ein oder anderen ikonografischen Bild als an der Nachvollziehbarkeit gewisser Handlungen. An der nervenzerrenden Spannung ändert das allerdings nichts; im Gegenteil. Und wenn sich diese durch die großartig verhuscht aufspielende Maika Monroe dann auch noch so hervorragend auf das Publikum überträgt, lässt sich ein gewisses Stirnrunzeln ob mancher Regieentscheidung nur zu gut verschmerzen.
Fazit: „Longlegs“ ist ein hervorragend gefilmter, hochatmosphäerischer Serienkillerthriller mit übernatürlichen Elementen, dessen paralysierende Stimmung sich dem Publikum Minute für Minute mehr unter die Haut bohrt. Dass Oz Perkins die von ihm selbst aufgestellten Regeln bis aufs Äußerste ausdehnt, kann man im Angesicht der brillanten Inszenierung und einem großartigen Duo aus Weirdo-Cage und Hellseher-Monroe sehr gut verschmerzen.
„Longlegs“ ist ab dem 8. August 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

