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The End of Oak Street

Jahrelang hat die „Jurassic World“-Reihe das Kino-Kino fast vollständig allein am Leben erhalten. Nun wagt sich „It Follows“-Regisseur David Robert Mitchell mit THE END OF OAK STREET an seinen ganz eigenen Genrebeitrag zum Thema Urzeitechsen – und macht deutlich mehr richtig, als alle „Jurassic World“-Filme zusammen.

OT: The End of Oak Street (USA 2026)

Darum geht’s

Als die Bewohner:innen der Oak Street plötzlich damit konfrontiert werden, dass sich in ihrer Nachbarschaft über Nacht Dinosaurier eingenistet haben, gerät das Leben der Familie Platt vollkommen aus den Fugen. Denise (Anne Hathaway), Greg (Ewan McGregor) und ihre Kinder Audrey (Maisy Stella) und Brian (Christian Convery) müssen sich in der ungewohnten Umgebung zurechtfinden und gleichzeitig lernen, mit den gefährlichen Urzeitechsen umzugehen. Dabei sind sie weder auf einen solchen Ausnahmezustand vorbereitet noch ausgebildete Überlebenskünstler. Entsprechend improvisiert fällt ihr Umgang mit den zahlreichen Bedrohungen aus. Während die Familie versucht, sich gemeinsam durch die prähistorische Welt zu schlagen und einen Weg zurück in ihr gewohntes Leben zu finden, wird ihr Zusammenhalt immer wieder auf die Probe gestellt.

Kritik

David Robert Mitchell ist einer jener seltenen Regisseure, bei denen man bereits nach wenigen Filmen das Gefühl bekam, hier könnte sich eine wirklich eigenständige Stimme des amerikanischen Genrekinos entwickeln. Mit „It Follows“ gelang ihm 2014 der große Durchbruch. Also mit einem Horrorfilm, der vor allem durch seine Atmosphäre, seine Bildsprache und seinen ungewöhnlichen Umgang mit einer diffusen Bedrohung aus dem Horror-Einheitsbrei herauszustechen wusste. Dass der anschließende, bis heute maßlos unterschätzte Verschwörungsthriller „Under the Silver Lake“ trotz eines Budgets von rund acht Millionen Dollar weltweit gerade einmal zwei Millionen einspielte, bremste Mitchells Karriere vorerst aus. Als er schließlich für den deutlich größeren Studiofilm „The End of Oak Street“ verpflichtet wurde, durfte man deshalb durchaus skeptisch sein. War dies womöglich jener klassische Regieauftrag, mit dem man nach einem kommerziellen Flop erst einmal wieder Geld verdient, bevor es zurück zum persönlichen Herzensprojekt geht? Schließlich arbeitet Mitchell längst an „They Follow“, der Fortsetzung seines Durchbruchfilms.

Denise (Anne Hathaway) kann zwar mit einer Waffe umgehen, hat aber nie auf einen Dinosaurier geschossen.

Umso erfreulicher ist es da, dass sich diese Befürchtung schon nach wenigen Minuten als unbegründet herausstellt. Denn obwohl „The End of Oak Street“ zweifellos größer und zugänglicher daherkommt als seine bisherigen Filme, fühlt er sich doch vergleichsweise wenig wie ein Studiofilm an, bei dem der Regisseur seine eigene Handschrift abgeben musste (all die zahlreichen Marvel-Regisseur:innen können ein Lied davon singen). Doch wer mindestens „It Follows“ kennt, erkennt Mitchells Vorlieben auch in seinem neuen Film schnell wieder. Gemeinsam mit seinem Stamm-Kameramann Mike Gioulakis setzt er erneut auf lange, ruhige Kamerafahrten, die von Anfang an wie beiläufig durch die titelgebende Oak Street gleiten, um die Stimmung einzufangen. Das Publikum bekommt dadurch viel Zeit, die Umgebung abzusuchen und nach Dingen Ausschau zu halten, die den Figuren noch verborgen bleiben. Genau wie in „It Follows“ – wir erinnern uns an die Szene auf dem Schulkorridor – entsteht Spannung also nicht (nur) durch das, was wir sehen, sondern vor allem durch die Frage, was sich ganz vielleicht irgendwo am Rand des Bildes befinden könnte. Aus dem unsichtbaren Monster werden diesmal allerdings Dinosaurier. Und auch bei deren Inszenierung beweist Mitchell eine bemerkenswerte Zurückhaltung.

„Während das moderne Blockbusterkino seine spektakulären Kreaturen normalerweise möglichst schnell und möglichst häufig präsentiert, lässt ‚The End of Oak Street‘ seine Saurier zunächst vor allem durch ihre Auswirkungen auf die Umgebung in Erscheinung treten.“

Denn während das moderne Blockbusterkino seine spektakulären Kreaturen normalerweise möglichst schnell und möglichst häufig präsentiert, lässt „The End of Oak Street“ seine Saurier zunächst vor allem durch ihre Auswirkungen auf die Umgebung in Erscheinung treten. Eine frühe Szene zeigt Ewan McGregors Figur auf der Flucht vor einem Dinosaurier, den wir über weite Strecken gar nicht direkt zu Gesicht bekommen. Stattdessen sehen wir, wie hinter einem hohen Palisadenzaun Holzhütten zerlegt, Wäscheleinen heruntergerissen und Mülltonnen durch die Gegend geschleudert werden. Mehr braucht Mitchell nicht, damit man trotzdem den Atem anhält. Diese Zurückhaltung ist angesichts des vergleichsweise überschaubaren Budgets von rund 85 Millionen Dollar natürlich auch eine clevere Entscheidung. Wo die „Jurassic World“-Reihe mit ihren weitaus größeren finanziellen Möglichkeiten nahezu jederzeit einen Dinosaurier ins Bild setzen konnte, muss Mitchell genauer überlegen, wann sich die digitale Materialschlacht tatsächlich lohnt. Und so gilt hier oftmals: Qualität vor Quantität. Nach und nach werden aus Geräuschen und Zerstörung schließlich konkrete Kreaturen, bis „The End of Oak Street“ irgendwann doch die komplette Dino-Action auffährt. Hier sorgen die unterschiedlichen Dinosaurierdesigns für Abwechslung und die Begegnungen zwischen Mensch und Saurier sind effektiv inszeniert. So rauscht der Film mit seinen 99 Minuten regelrecht an einem vorbei. Doch auch wenn die Dinosaurier Spaß machen und Mitchell mit seinen begrenzten Mitteln einiges aus ihnen herausholt, liegt die eigentliche Stärke des Films woanders. Nämlich bei den Menschen, die ihnen gegenüberstehen.

Familie Platt: Vater Greg (Ewan McGregor), Mutter Denise sowie die beiden Kinder Brian (Christian Convery) und Audrey (Maisy Stella).

Denn die Familie Platt reagiert auf die Dino-Katastrophe erfreulich wenig wie eine typische Blockbusterfamilie. Denise, Greg und ihre beiden Kinder Audrey und Brian sind zunächst schlicht überfordert, sodass sie weder einen Masterplan aus dem Ärmel schütteln noch innerhalb weniger Minuten zu perfekten Überlebenskünstlern werden. Stattdessen versuchen sie, mit den Mitteln klarzukommen, die ihnen zur Verfügung stehen. Das klingt banal, ist im Genrekontext aber absolut erfrischend. Mitchells Drehbuch legt seinen Figuren zwar immer mal wieder Dialogzeilen in den Mund, die etwas zu offensichtlich aus einem Skript stammen und nicht ganz so natürlich klingen, wie es die Inszenierung eigentlich nahelegt. Gleichzeitig wohnt „The End of Oak Street“ eine ganz besondere Qualität inne: Plausibilität. Immer wieder ertappt man sich bei dem Gedanken, dass die Figuren gerade genau das tun, was man selbst vermutlich auch tun würde. Eine Szene, die dabei sicherlich die Geister scheiden wird, bringt diesen Ansatz besonders schön auf den Punkt. Ohne zu viel vorwegzunehmen, wird das Ehepaar plötzlich Zeuge einer Situation, die man im Dino-Kino so wohl noch nicht gesehen hat. Wer hier einen spektakulären Showstopper erwartet, dürfte zunächst überrascht sein, denn Mitchell entscheidet sich für etwas vollkommen anderes: Die Szene ist banal, absurd und gerade deshalb unglaublich witzig. Und sie zeigt eben auch, wie menschlich seine Figuren bleiben. Das Lachen, das sie auslöst, wirkt dadurch nicht etwa wie ein Bruch mit der Bedrohung, sondern wie eine kurze Befreiung davon. Denn wenn Anne Hathaway in diesem Moment nicht wie eine abgebrühte Blockbusterheldin reagiert, sondern wie ein ganz normaler Mensch, fühlt sich das schlicht richtig an. Ja: Genauso würde es vermutlich ablaufen – egal, wie souverän man sich selbst vorher eingeschätzt hätte.

„Gleichzeitig wohnt ‚The End of Oak Street‘ eine ganz besondere Qualität inne: Plausibilität. Immer wieder ertappt man sich bei dem Gedanken, dass die Figuren gerade genau das tun, was man selbst vermutlich auch tun würde.“

Auch bei der Frage nach dem Ursprung der Dinosaurier beweist Mitchell zunächst Vertrauen in sein Publikum. Der Film erklärt nicht bis ins kleinste Detail, warum plötzlich Urzeitechsen in einem amerikanischen Vorort auftauchen. Anstatt sich für eine komplizierte Mythologie oder dergleichen zu interessieren, geht es hier vor allem um die Frage, wie Menschen in ebenjener reagieren würden. Das passt wiederum zu Mitchell, dessen Filme seit jeher mit Leerstellen arbeiten. Umso bedauerlicher ist es, dass er am Ende dann doch noch das Bedürfnis verspürt, die Ereignisse nachträglich einzuordnen. Der „Zwei Jahre später“-Nachklapp wirkt wie ein Fremdkörper und entzaubert die Situation ein kleines bisschen. Nicht, weil ein solcher Blick in die Zukunft grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil er schlicht nicht nötig gewesen wäre. In den neunzig Minuten zuvor vertraut Mitchell schließlich konsequent darauf, dass nicht jede Frage beantwortet werden muss. Ausgerechnet kurz vor dem Abspann wirkt es dann, als hätte doch noch jemand Angst bekommen, das Publikum mit offenen Fragen nach Hause zu schicken. Ob diese Entscheidung tatsächlich auf Mitchell selbst zurückgeht oder hier eher das Studio seine Finger im Spiel hatte, lässt sich natürlich nicht beurteilen. Sie fühlt sich jedenfalls nicht nach dem Film an, den wir zuvor gesehen haben. Denn bis dahin verweigert sich „The End of Oak Street“ an vielen Stellen den üblichen Regeln des modernen Blockbusterkinos.

Was verbirgt sich hinter dem Palisadenzaun?

Aus diesem Grund ist „The End of Oak Street“ eben auch eine ziemlich erfreuliche Überraschung. David Robert Mitchell nutzt seinen ersten großen Ausflug ins Blockbusterkino nicht dazu, seine bisherige Handschrift gegen Hochglanz einzutauschen, sondern überträgt seine bekannten Stärken souverän auf ein vollkommen anderes Genre. Die langen Kamerafahrten, das Spiel mit dem Offscreen-Raum und vor allem seine Geduld bei der Enthüllung der Bedrohung machen den Film jederzeit als Arbeit desselben Regisseurs erkennbar, der einst „It Follows“ inszenierte. Gleichzeitig gelingt ihm ein Dinosaurierfilm, der seine Figuren nicht als austauschbare Actionhelden behandelt, sondern es ihnen erlaubt, Angst zu haben und Fehler zu machen. Das macht „The End of Oak Street“ nicht nur unterhaltsam, sondern verleiht dem Film auch einen eigenen Charakter – etwas, was etwa wie „Jurassic World“-Filme zuletzt stark vermissen ließen. Vielleicht ist er trotzdem nicht ganz die kompromisslose Genre-Perle, die man nach „It Follows“ und „Under the Silver Lake“ von Mitchell erhoffen durfte. Aber er ist eben auch ganz und gar nicht der glattgebügelte Studioauftrag, den man angesichts seiner Karriereentwicklung hätte befürchten können.

Fazit: Mit „The End of Oak Street“ beweist David Robert Mitchell, dass auch ein 85-Millionen-Dollar-Dinosaurierfilm seine ganz eigene Handschrift tragen kann. Zwischen atmosphärischer Inszenierung, effektiv eingesetzten Sauriern und einer angenehm glaubwürdigen Familie entsteht ein eigenständiger Blockbuster, der sich wohltuend vom üblichen Dino-Kino abhebt. Lediglich der erklärende Nachklapp trübt den ansonsten mutigen Umgang mit der eigenen Prämisse.

„The End of Oak Street“ ist ab dem 13. August 2026 in den deutschen Kinos zu sehen.

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