Blut, Schweiß und Ehrgeiz: HIM – DER GRÖSSTE ALLER ZEITEN zeigt, dass der Weg zum sportlichen Ruhm nicht nur über Training und Disziplin führt, sondern direkt in den Abgrund der eigenen Psyche. Vorbilder wie die Filme eines Jordan Peele liegen auf der Hand. Doch ganz an diese reicht der Film nicht heran.
Darum geht’s
Der aufstrebende Quarterback Cameron Cade (Tyriq Withers) hat sein gesamtes Leben der amerikanischen Football-Karriere untergeordnet. Kurz bevor er bei der großen Profiscout-Veranstaltung teilnehmen kann, wird seine Zukunft jedoch durch einen brutalen Angriff eines Fans und eine daraus resultierende schwere Kopfverletzung in Frage gestellt. In dieser Krise erhält Cam eine unerwartete Chance: Isaiah White (Marlon Wayans), eine lebende Legende im Football mit acht Meistertiteln, lädt ihn ein, auf seinem abgelegenen Trainingsgelände zu trainieren. Was zunächst wie ein Traum-Mentorprogramm aussieht, entwickelt sich zunehmend ins Unheimliche: Isaiahs charismatische Führung entgleist, das Training wird immer intensiver und die Grenzen zwischen Förderung und Manipulation verschwimmen. Cam findet sich in einer Welt wieder, in der Ruhm, Opferbereitschaft und Macht eine düstere Übersteigerung erfahren – und er muss sich fragen, was er bereit ist zu opfern, um „der Größte aller Zeiten“ zu werden.
Kritik
Warum gibt es eigentlich so wenig Horrorfilme, die im Sportlermilieu spielen? Die Kombination dieser beiden Genres liegt doch auf der Hand. Denn insbesondere für Extremathlet:innen können harte Trainingseinheiten schon mal der reinste Horror sein. Ganz zu schweigen von den körperlichen Strapazen, die der Leistungssport mit sich bringt. Perfektioniert hat das vor einigen Jahren Darren Aronofsky. Sein „Black Swan“ exerzierte das Leben einer Weltklasse-Balletttänzerin durch, die nicht nur von verkrüppelten Füßen und Hardcore-Diäten gepeinigt wurde, sondern auch von ihren eigenen Dämonen. Justin Tippings „HIM– Der größte aller Zeiten“ mit „Black Swan“ zu vergleichen, ist reichlich wagemutig. An die Qualitäten des oscarnominierten Psychothrillers reicht sein erst zweiter Spielfilm bei Weitem nicht heran. Aber Parallelen lassen sich trotzdem finden. Vor allem, was die Darstellung des psychischen Verfalls infolge allzu hoher sportlicher Anforderungen angeht. Doch „HIM“ geht auf der Zielgeraden dann doch in eine völlig andere Richtung.
In den USA ist Football der Nationalsport Nummer eins. Insofern könnte auch diese Liebe zur Materie daran liegen, dass „HIM“ dort nur äußerst mäßige Kritiken einfuhr. Vielleicht ließ die (Produktions-)Beteiligung von „Get Out“– und „Nope“-Regisseur Jordan Peele aber auch einfach die Erwartungen beim Publikum in zu große Höhen schnellen. Denn obwohl „HIM“ visuell durchaus mit den visionären Bild- und Stilgewalten des Regisseurs mithalten kann, ist der Subtext des Films längst nicht so bitterböse und subtil wie eben bei „Get Out“ oder auch bei „Wir“. Denn dass der Ehrgeiz, der Greatest of all Time (GOAT) zu werden, mit einem immensen Druck verbunden ist, ist beileibe keine neue Erkenntnis. Selbst wer sich nie groß mit Sportlerschicksalen auseinandergesetzt hat – sei es über Biopics, Dokumentationen oder Bücher – kann sich denken, wie zermürbend die Prozesse sein müssen, die einen bis an seine eigene Schmerzgrenze (und darüber hinaus) treiben. Die von Tyriq Withers („Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“) gespielte Hauptfigur Cameron Cade steht zu Beginn des Films kurz vor dem Status des absoluten Superstars, bis ihn eine schwere Kopfverletzung zur Pause und Fast-Aufgabe zwingt. Doch anstatt fortan einen Gang runterzuschalten, lockt ihn ein reizvolles Angebot zu einem ganz besonderen Trainingscamp.
„Das Skript betont von Anfang an, wie eng Cams Selbstwert mit seiner Sportleridentität verknüpft ist. Nimmt man ihm den Football, nimmt man ihm quasi sein Ich – und aus dieser Prämisse heraus, können die folgenden neunzig Minuten dann eben doch weitestgehend mitreißen.“
Der bislang noch nicht oft auf der Leinwand aktive Tyriq Withers schafft es gut, den inneren Zwiespalt seiner Figur zu verkörpern. Zwischen Vernunft und Leistungsstreben hin- und hergerissen, entscheidet er sich schließlich gegen Ersteres und knüpft an sein hartes Leistungspensum von vor dem Unfall an. Nun ist es jedem selbst überlassen, darüber zu urteilen, ob man mit Cam im weiteren Filmverlauf überhaupt noch Mitleid hat. Schließlich könnte man seinen unbedingten Wunsch nach Anerkennung auch ganz leicht mit einem „Er hat es ja nicht anders gewollt!“ abtun. Doch das Skript betont von Anfang an, wie eng Cams Selbstwert mit seiner Sportleridentität verknüpft ist. Nimmt man ihm den Football, nimmt man ihm quasi sein Ich – und aus dieser Prämisse heraus, können die folgenden neunzig Minuten dann eben doch weitestgehend mitreißen, weil einem das dreiköpfige Autorenteam aus Justin Tipping, Zack Akers und Skip Bronkie genügend emotionale Grundlage liefert, damit einem das Leinwandgeschehen nicht völlig egal ist. Wer seine Sympathien allerdings primär charismatischen Figuren schenken möchte, der steht im Falle von „HIM“ vor dem Nichts. So richtig liebenswürdig ist hier niemand…
… was allerdings auch auf die Atmosphäre einzahlt. „HIM– Der größte aller Zeiten“ ist in erster Linie ein kühler Film, der seinen Reiz aus den hochglänzenden Bildern und seiner zermürbenden (An-)Spannung zieht. Immer wieder kreiert Justin Tipping Szenen, die beim Zuschauen durch und durch unangenehm sind. Vor allem wer vor ein paar Jahren das Will-Smith-Vehikel „Erschütternde Wahrheit“ gesehen hat, dürfte sich hier in so manchen Momenten die Hände vor die Augen halten. Was Tipping in „HIM“ alles mit dem menschlichen Körper anstellt, ohne dafür direkt in Bodyhorror-Gefilde abzugleiten, ist schon ziemlich beeindruckend. In den besten Momenten gelingt es dem Filmemacher, einzig mit den Darstellungen dessen, wie sich gewisse sportliche Betätigungen auf die Gesundheit auswirken können, Schockeffekte zu erzeugen. Doch wie das eben so ist bei Horrorfilmen, die gen Ende hin zwangsläufig eskalieren müssen, bleibt es dabei nicht. Mit zunehmender Lauflänge kreiert Tipping auch immer wieder astreine Horrorfilmszenarien. Die meisten von ihnen geraten effektiv. Vor allem eine Szene, in der eine Badewanne eine zentrale Rolle spielt, bleibt im Gedächtnis. Doch man wird auch nie so ganz den Eindruck los, die Macher hätten es schon auch selbst darauf abgesehen, so etwas wie eine GSOAT zu inszenieren – eine Greatest Scene of all Time.
„Am Ende des Films meint man schon einen ganz guten Eindruck davon machen zu können, mit was für inneren Mächten Leistungs- und Extremsportler in ihrem Leben zu kämpfen haben.“
Da ist es dann auch egal, ob in „HIM“ und insbesondere in der Gestaltung von Setpieces und Szenenaufbauten am Ende alles seinen Sinn ergibt. Insbesondere das Finale punktet mit seinen audiovisuellen Qualitäten. Denkt man jedoch auch nur eine Sekunde zu lange über das alles nach, ist das hier Gezeigte ganz schön zum Haare raufen. Trotzdem meint man, sich am Ende des Films schon einen ganz guten Eindruck davon machen zu können, mit was für inneren Mächten Leistungs- und Extremsportler in ihrem Leben zu kämpfen haben. In „HIM – Der größte aller Zeiten“ mag all das dem Genre entsprechend überspitzt und besonders radikal dargestellt sein. Aber das Sprichwort „Sport ist Mord“ bekommt nach diesem Film auf jeden Fall nochmal eine ganz neue Bedeutung.
Fazit: „HIM – Der größte aller Zeiten“ verbindet Sportdrama und Horror zu einem visuell eindrucksvollen, aber erzählerisch unausgereiften Film. Justin Tipping gelingt es, den körperlichen und psychischen Druck des Leistungssports beklemmend darzustellen. Inhaltlich bleibt der Film jedoch hinter Vorbildern wie „Black Swan“ oder „Get Out“ zurück und verliert sich zum Ende hin in überzogenen Horrorelementen. Trotz erzählerischer Schwächen fesselt die kalte Atmosphäre und die intensive Körperdarstellung. Am Ende bleibt ein ambitioniertes, aber unausgeglichenes Werk über den zerstörerischen Preis des Ehrgeizes.
„Him – Der größte aller Zeiten“ ist ab dem 13. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

