Erschütternde Wahrheit

Für seine Rolle in ERSCHÜTTERNDE WAHRHEIT wurde Will Smith, der nach der #OscarsSoWhite-Debatte nun den Academy Awards fernbleiben will, für einen Golden Globe nominiert. Das kann man angesichts seiner soliden Leistung machen, muss man aber auch nicht. Denn nicht nur er, sondern auch der Film selbst machen eine äußerst schwankende Figur. Mehr dazu in meiner Kritik.Erschütternde Wahrheit

Der Plot

Bennett Omalu (Will Smith) ist ein äußerst gebildeter Mann und ein brillanter Pathologe. Als er den ebenso frühen wie überraschenden Tod des berühmten Football-Spielers Mike Webster (David Morse) untersucht, stößt er auf das dato noch weitestgehend unbekannte Phänomen der CTE – ein durch diesen Sport verursachtes Hirntrauma, das Wahnvorstellungen auslöst und das Gehirn langsam von innen heraus zerstört. Omalu will damit an die Öffentlichkeit, doch er unterschätzt du USA mit ihrer Leidenschaft für den Football-Sport. Seine Nachforschungen werden zu einer gefährlichen Auseinandersetzung mit einer der mächtigsten und meistgeliebten Institution der Welt: der National Football League. Gemeinsam mit seiner Frau Prema (Gugu Mbatha-Raw) setzt Bennett Omalu alles daran, seine Entdeckung an die Öffentlichkeit zu bringen. Doch für das frischvermählte Pärchen wird dieses Unterfangen zu einem beklemmenden Spießroutenlauf, wodurch auch ihr Privatleben gefährdet wird.

Kritik

Wenn dieser Tage das auf wahren Ereignissen beruhende Gerichts- und Sportlerdrama „Erschütternde Wahrheit“ in die deutschen Kinos kommt, dann hat Will Smith („Focus“) in den vergangenen Wochen vor allem mit einer Sache für Schlagzeilen gesorgt: und zwar mit seiner Ankündigung, der Verleihung der Academy Awards 2016 aufgrund der #OscarsSoWhite-Debatte fernbleiben zu wollen. Kaum einer erinnert sich schon jetzt mehr daran, dass der „Men in Black“-Star für seine Rolle des intellektuellen Gerichtsmediziners Bennett Omalu, der Anfang der 2000er bei Untersuchungen mehrerer Todesfälle von Sportlern auf das Krankheitsbild der Chronisch-traumatischen Enzephalopathie stieß, mit einer Golden-Globe-Nominierung gewürdigt wurde. Geschlagen geben musste sich Smith letztlich von Leonardo DiCaprios „The Revenant“-Performance, trotzdem sahen viele seinen Platz unter den potenziellen Globe-Preisträgern als Anlass, ihm auch eine Nominierung bei den Oscars zuzutrauen. Bekanntermaßen blieb diese aus. Wie auch diverse andere infrage kommenden Darsteller afroamerikanischer Herkunft. Doch ist gerade Will Smiths Nicht-Berücksichtigung beim wichtigsten Filmpreis der Welt tatsächlich ein Skandal? Die Antwort lautet nein, denn der 47-jährige Schauspieler verkörpert seine Rolle des Bennett Omalu zwar angenehm solide, genau wie dem Film selbst fehlt allerdings auch ihm der Wiedererkennungswert, der aus der Vorenthaltung der Oscar-Nominierung jenen Aufreger machen würde, der er so allerdings nicht ist.

Erschütternde Wahrheit

Obwohl es das im Original ein wenig griffiger nur „Concussion“ betitelte Drama anders vorgibt, so ist Bennett Omalus Entdeckung des CTE-Phänomens nicht die erste. Schon in den frühen Fünfzigerjahren wurde das Krankheitsbild erstmals im Rahmen von Boxkämpfen festgestellt, als ein ehemaliger Profiboxer mit nur 51 Jahren an Gehirnblutungen starb, die zur damals noch namenlosen Chronisch-traumatischen Enzephalopathie passten. Im Laufe der Jahre folgten im Rahmen von einzelnen Patienten mehrere Untersuchungen. Wodurch sich die in „Erschütternde Wahrheit“ nacherzählten Ereignisse von jenen von vor Jahrzehnten unterscheiden, ist die Bündelung und die erstmalige Möglichkeit, nicht mehr von tragischen Einzelfällen, sondern von einer Art Schema zu sprechen. Wie Bennett Omalu die Zusammenhänge erkennt und sich langsam das erschreckende Ausmaß der fast systematisch vorkommenden Todesfälle abzeichnet, inszeniert Regisseur Peter Landesmann („Parkland – Das Attentat auf John F. Kennedy“) unter Zuhilfenahme einer spannend-kühlen Thriller-Ästhetik. Mit ruhiger Hand entlässt er seine Darsteller in eine paranoide Atmosphäre. Szenen, wie Bennetts Frau von einem schwarzen Wagen verfolgt oder der Pathologe von nächtlichen Anrufen terrorisiert wird, werden nicht künstlich hochstilisiert, sondern beschreiben kühn die wabernde Bedrohung, der sich Omalu mit seinen Nachforschungen aussetzt. Dadurch wird „Erschütternde Wahrheit“ zu einem Genre-Hybriden aus Drama und Thriller, der allerdings nie über den schnellen Adrenalinkick funktioniert.

Während die erste Hälfte des Films die ärztlichen Befunde in den Mittelpunkt stellt, befasst sich die zweite Hälfte hauptsächlich mit dem Versuch, ebenjene Befunde an die Öffentlichkeit zu bringen. Dramaturgisch tut sich ganz klar die Anfangsphase hervor. Auch weil hier Nebendarsteller wie David Morse („Horns“) in ihren kleinen Rollen brillieren, der Story wegen aber nicht allzu lange auf der Leinwand verbleiben können. Wenn Omalu darauf stößt, dass sich Mike Webster im Wahn seine Zähne ausgeschlagen und mit Sekundenkleber wieder angeklebt hat, dann muss die Kamera solche Bilder nicht zeigen, um beim Zuschauer eben das auszulösen, was schon der Titel verspricht: Erschütterung. Doch all das konzentriert sich verstärkt auf die erste Stunde. Im Stile eines klassischen Gerichtsdramas geht es anschließend um den teils bürokratischen, in den Augen mancher vor allem aber auch moralisch verwerflichen Kampf eines einzelnen Mannes gegen eine ganze Behörde. Hier greift das bekannte David-gegen-Goliath-Konzept, doch im Gegensatz zu dieser bekannten Vorlage weigert sich der Regisseur, sich klar auf die NFL als Widersacher festzulegen. Daran, dass Bennett Omalus Bestreben nach Aufklärung einen wichtigen und notwendigen Hintergedanken hat, daran lässt Peter Landesmann keinen Zweifel. Doch offenbar scheint es sich der Filmemacher nicht ganz mit der National Football League verscherzen zu wollen. „Erschütternde Wahrheit“ geht nur so lange ehrlich mit dem Sportverband und dessen fahrlässigem Umgang mit den Football-Spielern ins Gericht, wie es das Image des Sports vertragen kann. Vor einer solchen Inkonsequenz wird der positive Ansatz des Films schlussendlich verwässert.

Erschütternde Wahrheit

In „Erschütternde Wahrheit“ kommt der Zuschauer am Ende zu dem Schluss, dass der Schuldige sich mithilfe der eigenen Lobby, viel Geld und dem Hochziehen eines amerikanischen Ideals (mehr als einmal darf sich die NFL damit verteidigen, dass der Sport ein unabdingbarer Teil der amerikanischen Kultur ist und bleiben muss) davor schützen kann, tatsächlich als schuldig angesehen zu werden. Unter anderer Regieführung würde einem diese Erkenntnis vermutlich im Halse stecken bleiben. Hier stellt sich hingegen lediglich das Gefühl ein, Peter Landesmann hätte gern hinter die Fassade der NFL geblickt, der ihm schlussendlich aber doch verwehrt geblieben ist. Will Smith tut es der Drehbuchvorlage gleich und gibt sich in seinem Spiel mit dem zufrieden, was er hat. Den engagierten, immens gebildeten Pathologen stattet er mit viel Charme und einigen unbeholfenen Spleens aus, der es an keiner Stelle unversucht lässt, seine Faszination für das Land Amerika auszudrücken. Letzteres geht allerdings auch nach hinten los. Etwa dann, wenn er seiner Frau von seinen Träumen erzählt, deren Authentizität etwa mit der einer hoffnungsvollen Präsidentschaftskandidatenrede vergleichbar ist. Subtil ist das nicht, die großen Gesten hat Will Smith dafür allerdings wirklich drauf. An seiner Seite bleiben Alec Baldwin („Mission: Impossible – Rogue Nation“) als engagierter Unterstützer sowie Gugu Mbatha-Raw („Jupiter Ascending“) und Albert Brooks („A Most Violent Year“) unauffällig.

Fazit: „Erschütternde Wahrheit“ behandelt ein wichtiges Thema in zwei verschiedenen Etappen. Die Entdeckung der CTE-Krankheit ist spannend und mitreißend, der Versuch, sich gegen die NFL aufzulehnen, bleibt eben das: ein Versuch. Trotzdem schafft es Will Smith, beide Teile mit seiner Performance gut zu verbinden und den Film zu tragen, allerdings ist seine Performance im Kampf um den diesjährigen Oscar definitiv abdingbar.

„Erschütternde Wahrheit“ ist ab dem 18. Februar bundesweit in den Kinos zu sehen.

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