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Das Leben der Wünsche

Nach seinem charmant-verspielten Debüt „Cleo“ galt Erik Schmitt als einer der spannendsten neuen Stimmen des deutschen Kinos. Sechs Jahre später knüpft er mit DAS LEBEN DER WÜNSCHE stilistisch genau dort an – fantasievoll, detailverliebt und visuell beeindruckend. Doch wo „Cleo“ noch Leichtigkeit und Magie verströmte, herrscht diesmal bleierne Schwere. Weder die Bilder noch die Geschichte funkeln. Das Ergebnis ist ein Film, der alles hat, um zu verzaubern und einen trotzdem leer zurücklässt.

OT: Das Leben der Wünsche (DE 2025)

Darum geht’s

Familienvater und Angestellter Felix (Matthias Schweighöfer) steckt mitten in einer tiefen Lebens- und Berufskrise. Seine Ehe mit Bianca (Luise Heyer) droht zu scheitern, die Kinder ziehen sich zurück, und auch äußerlich zeigt er erste Spuren der Erschöpfung. Als er schließlich seinen Job an eine jüngere Kollegin (Ruby O. Fee) verliert, glaubt er, das Leben habe sich gegen ihn verschworen. In dieser verzweifelten Lage begegnet Felix einem geheimnisvollen Fremden (Henry Hübchen), der ihm drei Wünsche gewährt. Doch statt einzelner Wünsche äußert Felix nur einen großen: Alle seine Wünsche sollen künftig wahr werden. Zunächst scheint sich sein Leben tatsächlich zum Besseren zu wenden – Erfolg, Anerkennung und familiäre Nähe kehren zurück. Doch bald zeigt sich die dunkle Seite seines Wunsches: Auch unbewusste Sehnsüchte und verdrängte Begierden beginnen Wirklichkeit zu werden – und bringen Felix an seine Grenzen.

Kritik

2019 sorgte Regisseur Erik Schmitt mit seinem Langfilmdebüt „Cleo“ für reichlich positives Aufsehen. In der farbenfrohen Tragikomödie schickte er die sonst eher selten im Kino zu sehende Marleen Lohse auf einen Streifzug durch ein Berlin, wie es „Die fabelhafte Welt der Amélie“-Regisseur Jean-Pierre Jeunet kaum verspielter hätte einfangen können. Mit pfiffigen, frischen Ideen in der audiovisuellen Ausgestaltung und einem feinen Gespür für emotionale Zwischentöne katapultierte sich Schmitt aus dem Stand in die Liste der aufregendsten deutschen Regie-Newcomer seiner Zeit. Dass er sich nach „Cleo“ sechs Jahre Zeit gelassen hat, um sein Nachfolgewerk zu inszenieren, stimmte außerdem hoffnungsvoll, es bei Schmitt nicht mit einer Eintagsfliege zu tun zu haben, sondern mit Jemandem, der sich ganz genau aussucht, was und mit wem er dreht, damit das Endergebnis auch wirklich gut wird. Das Positive zuerst: Schmitt ist sich und seiner Verspieltheit bei seinem Zweitwerk durchaus treu geblieben. Das war es dann allerdings auch schon mit den lobenden Worten, denn einen inszenatorisch derart vielfältig-kreativen Film wie „Das Leben der Wünsche“ trotzdem zu einer durch und durch trostlosen Angelegenheit zu machen, ist auch eine Kunst, wenngleich eine fragwürdige.

In der Musikerin Paula (Verena Altenberger) findet Felix (Matthias Schweighöfer) eine Zuhörerin.

Splitscreens, Zeitlupen, entrückte Traumsequenzen und Filmsets wie aus dem wortwörtlichen Bilderbuch: Erik Schmitt trumpft auch bei „Das Leben der Wünsche“ mit zahlreichen tollen Einfällen auf. Manche davon sind simpel: Etwa, wenn Hauptfigur Felix während eines Konzerts so sehr in die Musik und seine Urheberin versunken ist, dass er geradezu aus seinem Stuhl und über die Menge an Zuschauenden hinwegschwebt. Hier stimmt alles: Eine träumerische Bildgestaltung, das Zusammenspiel von Musik und Licht sowie ein engagiert aufspielender Matthias Schweighöfer („Der Nanny“) im Zentrum. Auch die Innenausstattung, das Design diverser Setpieces – von den trostlosen Büroräumen in Felix‘ Firma über die prächtige Skyline einer utopisch anmutenden Fantasierealität – und die stets um außergewöhnliche Blickwinkel bemühte Kamera setzen in den Momenten ihres Auftritts Akzente. Sie verorten die Geschichte in einer Welt, fernab unserer, ohne dabei in Gänze in ein Paralleluniversum abzudriften. Das erinnert – natürlich neben den Filmen eines Jeune-Pierre Jeunet – auch an Regisseure wie Michel Gondry, Spike Jonze oder Wes Anderson. Die Form steht hier ganz klar über dem Inhalt…

„Dass es sich in der Atmosphäre des Films widerspiegelt, dass die von Matthias Schweighöfer gespielte Hauptfigur Felix von ihrem Leben angeödet ist, ist zwar verständlich. Doch ‚Das Leben der Wünsche‘ kann sich nie von der zu Beginn etablierten Lethargie seines Protagonisten loslösen.“

… was es umso bedauerlicher macht, dass die von den diversen smarten Regieeinfällen suggerierte Magie nie auf das Publikum überspringt. Die wahlweise farbentsättigten oder von einem penetranten Gelbfilter überladenen Bilder versprühen eine Trostlosigkeit, die dem Geschehen jedwede Lebensfreude raubt – wo es in „Das Leben der Wünsche“ doch eigentlich um nicht weniger geht als um das Leben selbst. Doch dem Film mangelt es von vorne bis hinten an Energie, was deshalb so verwundert, weil „Cleo“ davon ja noch mehr als genug hatte. Erik Schmitt hat längst bewiesen, dass er unter Zuhilfenahme abwechslungsreicher Stilmittel mitreißende Geschichten erzählen kann, die ein ganz bestimmtes Lebensgefühl vermitteln. Dass es sich in der Atmosphäre des Films widerspiegelt, dass die von Matthias Schweighöfer gespielte Hauptfigur Felix von ihrem Leben angeödet ist, ist zwar verständlich. Doch „Das Leben der Wünsche“ kann sich nie von der zu Beginn etablierten Lethargie seines Protagonisten loslösen. Selbst ab dem Moment, in dem nach und nach Felix‘ Wünsche in Erfüllung gehen, kommt die Geschichte nie so recht aus dem Quark. Felix bleibt einfach ein unzufriedener Mensch, der selbst in den ersten Tagen seiner Wünsch-dir-was-Phase jedwede Faszination für die Ereignisse vermissen lässt. Ganz so, als sei es das Normalste auf der Welt, dass sein neuer kleiner Talisman in der Lage ist, ihn zum Beispiel zum Liebling seines Chefs zu machen oder potenzielle Nebenbuhler seiner Frau aus dem Weg zu räumen.

Felix‘ Ehefrau Bianca (Luise Heyer) hat sich emotional längst von ihm entfernt…

Letzteres suggeriert, dass es in „Das Leben der Wünsche“ sogar richtig zynisch zugehen kann. Und tatsächlich gibt es zwei, drei Momente, in denen das Be Careful what you wish for-Credo, das bei diesem Thema grundsätzlich immer mitschwingt, durchaus garstige Nadelstiche setzen kann. Das geht sogar so weit, dass sich Felix in einem Moment – wenn auch um die Ecke gedacht – die Abwesenheit seiner Gattin wünscht, die kurz darauf in die Wanne steigt, während das auf dem Badewannenrand platzierte Radio verdächtig wackelig steht. Doch bei derartigen Andeutungen soll es bleiben. Stattdessen lösen sich am Ende von „Das Leben der Wünsche“ – trotz angeschnittener Diskussion darüber, ob der Mensch nun von Grund auf böse oder gut ist – sämtliche mit Widerhaken versehene Ansätze in Wohlgefallen auf. Einzig ein äußerst rührender, von Schweighöfer und seiner Film-Ehefrau Luise Heyer („Das schönste Paar“) toll gespielter Dialog über ihre gemeinsame Zukunft kann dann doch noch einen ganz starken, emotionalen Akzent setzen. Und das, wo man doch im Vorfeld kaum bis gar nicht in das Schicksal sämtlicher Figuren involviert war.

„Luise Heyer holt darstellerisch noch am meisten aus ihrer eindimensionalen Figur heraus. Es ist rührend, wie sie auf der einen Seite an den schwindenden Gefühlen für ihren Ehemann verzweifelt, während sie auf der anderen Seite lernt, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen.“

Dafür gibt ihnen das Skript einfach viel zu wenig charakteristischen Unterbau an die Hand. Stattdessen sind in „Das Leben der Wünsche“ sämtliche Figuren auf ihre Zweckdienlichkeit reduziert. Matthias Schweighöfer hat wenig zu tun, meist blickt er trostlos in der Gegend herum. Ruby O. Fee („Lindenberg! Mach dein Ding“) als ihm vorgesetzte Arbeitskollegin geht in der Rolle des karrieregeilen Biests zwar mächtig auf, kann ihrer Figur aber auch nicht mehr abgewinnen als bloßes Stereotypendasein. Luise Heyer holt darstellerisch noch am meisten aus ihrer eindimensionalen Figur heraus. Es ist rührend, wie sie auf der einen Seite an den schwindenden Gefühlen für ihren Ehemann verzweifelt, während sie auf der anderen Seite lernt, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen. Auch wenn das im schlimmsten Fall eine Trennung zur Folge haben könnte. In „Das Leben der Wünsche“ steckt also durchaus Potenzial. Doch weder der (am Ende gar nicht so schöne) Schein noch die oberflächlich bleibenden Kalenderspruch-Dialoge über die Grundlage des Menschseins können ebenjenes aus der Idee herauskitzeln. Die eineinhalb Stunden fühlen sich danach ziemlich verschenkt an.

Der unbekannte Fremde (Henry Hübchen) erfüllt Felix natürlich nicht aus Nächstenliebe jeden Wunsch…

Fazit: Erik Schmitt bleibt mit „Das Leben der Wünsche“ zwar seinem verspielten Stil und seiner visuellen Kreativität treu, scheitert jedoch daran, diese formale Raffinesse mit erzählerischer Lebendigkeit zu füllen. Trotz eindrucksvoller Bildsprache, origineller Regieeinfälle und überzeugender Einzelleistungen – insbesondere von Luise Heyer – wirkt der Film über weite Strecken kraftlos und emotional distanziert. Wo „Cleo“ noch vor Energie und Lebensfreude sprühte, herrscht hier eine lähmende Trostlosigkeit.

„Das Leben der Wünsche“ ist ab dem 13. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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