In John Crowleys Romantikdrama WE LIVE IN TIME steht eine Liebe im Schatten einer schweren Krankheitsdiagose. Doch dank seiner verschachtelten, nicht chronologischen Erzählweise wirkt der Film nicht wie ein klassisches Sterbedrama, sondern lebt von einer außergewöhnlichen Unbekümmertheit.
Darum geht’s
Bereits die kuriosen Kennenlernumstände lassen erahnen, dass die Liebe zwischen Tobias (Andrew Garfield) und Almut (Florence Pugh) etwas ganz Besonderes ist. Und tatsächlich könnte es für die hochambitionierte Sterneköchin und den PR-Manager für Frühstücksflocken nicht besser laufen. Auch wenn ihr gemeinsames Leben von einem ständigen Auf und Ab geprägt ist, sind die beiden immer füreinander da und schauen gemeinsam in dieselbe Richtung. Doch neben der frohen Erwartung, schon bald eine Tochter auf der Welt begrüßen zu dürfen, müssen die beiden auch mit einem schweren Schicksalsschlag klarkommen: Bei Almut wird Eierstockkrebs diagnostiziert. Die mögliche Behandlung beschränkt sich auf lebensverlängernde Maßnahmen, weshalb die beiden beschließen, die Zeit, die ihnen noch bleibt, intensiv zu nutzen und auf die Therapie zu verzichten…
Kritik
Filme über Schwerkranke, deren Ableben über kurz oder lang unausweichlich ist, haben zwar in der Regel die ganz große Dramatik auf ihrer Seite. Schließlich lernen wir eine Figur einen ganzen Film lang kennen und im besten Fall lieben, nur um uns im Finale von ihr verabschieden zu müssen. Das ist – schon von Natur aus – traurig. Wenngleich nicht selten manipulativ. Außerdem eint sie die gängige „Alles steuert unaufhaltsam auf die Katastrophe, den Abschied etc.“-Dramaturgie. Und das kann sich nach dem dritten Film dieses Schemas dann doch auch wiederholend und kalkuliert anfühlen. Wie sich das bekannte Muster trotz ähnlicher Thematik aufbrechen lässt, zeigen uns nun Regisseur John Crowley („Brooklyn“) und sein Drehbuchautor Nick Payne („Vom Ende einer Geschichte“). Ihr Liebesdrama „We Live in Time“ wirkt mit seiner nicht chronologischen Erzählweise dem Gefühl des Altbekannten entgegen und büßt dabei trotzdem nicht an Schmerz und Dramatik ein. Umso erfrischender ist es dafür, wie leichtfüßig sich die hier porträtierte Romanze anfühlt, obwohl die weibliche Hauptfigur gleich zu Beginn mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert wird.
Auf den ersten Blick wirkt es ein bisschen willkürlich, nach welchem Konzept Nick Payne die Momente des Frohsinns, der Wut, des Ärgers und der Traurigkeit aneinanderreiht. Die Intention einer klassischen Gegenüberstellung liegt zwar nah. Aber ein simples „Auf einen tragischen Moment folgt immer ein komischer“-Muster ist bei „We Live in Time“ nicht erkennbar. Stattessen erinnert die Auswahl an Eindrücken und Szenen an Richard Linklaters Vorgehen in „Boyhood“. Auch in dem dreistündigen Coming-of-Age-Meisterwerk wirkt es ab und an random, wonach Linklater die darin geschilderten Erlebnisse und Ereignisse ausgewählt hat. Doch rückwirkend betrachtet ergeben die einzelnen Szenen Sinn; Trägt doch jede von ihnen eine enorme Bedeutung für die handelnde Hauptfigur in sich. Ähnliches ist nun auch bei „We Live in Time“ zu beobachten. Das macht den Film vor allem in seinen kleinen Gesten und Details so ungeheuer liebenswert. Denn hier finden Beobachtungen ihren Platz, die den Figuren nicht nur ein enorm vielschichtiges Profil verleihen, sondern das Gezeigte auch erst so richtig lebendig und authentisch machen. Ein früh in der Beziehung zwischen Almut und Tobias stattfindendes Streitgespräch darüber, ob die beiden später einmal Kinder haben wollen, hat dadurch eine enorme Wucht – gerade, weil solche Diskussionen, so normal sie auch im echten Leben sind, in (Liebes-)Filmen kaum ihren Platz finden.
„Hier finden Beobachtungen ihren Platz, die den Figuren nicht nur ein enorm vielschichtiges Profil verleihen, sondern das Gezeigte auch erst so richtig lebendig und authentisch machen.“
Auch Momente der Trauer können durch die hier eingefangene Lebensechtheit einen überraschenden Dreh bekommen. Zu den stärksten des ganzen Films gehört etwa eine Szene im Krankenhaus. Das Paar hat gerade von Almuts erschütternder Diagnose erfahren, da reicht ihnen die Ärztin unbeholfen eine Schale mit Schokolade – und greift anschließend genauso unbeholfen selbst zu, was unvermittelt für Heiterkeit bei allen Beteiligten sorgt. Der Allgemeinplatz von Freud und Leid, die nah beieinander liegen, findet hier zwar zu seiner vollen Entfaltung. Gleichwohl ist die emotionale Bandbreite in „We Live in Time“ noch viel ausladender – mit dramatischen Ausschlägen nach ganz oben (die Geburt von Almuts und Tobias‘ Tochter auf einer öffentlichen Toilette) und ganz unten (Almuts symbolischer wie auch wortwörtlicher Abschied von Mann und Tochter). „We Live in Time“ als einen Film über das Sterben respektive über das Leben mit dem bevorstehenden Tod abzutun, würde dem Projekt aber auch nicht gerecht werden. Vor allem ist er nämlich eine ganz und gar unkitschige Liebesgeschichte. Ihre Unaufgeregtheit, Unbekümmertheit und auch ihr Humor in der Darstellung verschiedener Beziehungs- und Lebensstadien erinnert an Richard Curtis‘ „Alles eine Frage der Zeit“ – nur eben nicht chronologisch, sondern wild durcheinander erzählt.
All diese Zutaten haben zur Folge, dass man gar nicht anders kann als mit Almut und Tobias mitzufiebern; Was auch ein Stückweit ironisch ist. Früh kündigt sich an, auf welch tragischer Note der Film enden wird. Dieses Gefühl des Unausweichlichen könnte sich wie Ballast auf das Gezeigte legen. Doch mitreißend gerät die Geschichte nicht über die Frage, wie der Film wohl ausgehen wird, sondern was auf dem Weg dorthin alles passiert. John Crowley gelingt es hervorragend, „We Live in Time“ von jedweder Schwermut zu befreien. Erst ganz zum Schluss bricht sich eine bittere Süße Bahn. Doch auch die kann nicht verhindern, dass die Geschichte auf einer optimistischen Note endet. Bis dahin haben einem Momente wie jener, in dem Almut und Tobias verzweifelt versuchen, ihrer Tochter vom bevorstehenden Tod ihrer Mutter zu erzählen, dennoch das Herz gebrochen…
„John Crowley gelingt es hervorragend, ‚We Live in Time‘ von jedweder Schwermut zu befreien. Erst ganz zum Schluss bricht sich eine bittere Süße Bahn. Doch auch die kann nicht verhindern, dass die Geschichte auf einer optimistischen Note endet.“
… vor allem, weil Florence Pugh („Midsommar“) und Andrew Garfield („Hacksaw Ridge“) in den Hauptrollen eine grandiose Chemie besitzen. Ihre Interaktion miteinander wirkt intuitiv, ihre Liebe so echt, dass man sie auch in den Momenten der Uneinigkeit und Streits spürt. Pugh selbst beschrieb „We Live in Time“ als ein Highlight in ihrer bisherigen Karriere, was ihrer aufopferungsvollen Performance als Sterneköchin stets anzumerken ist. Garfield gibt den PR-Unternehmer für Frühstücksflocken zunächst unbekümmert und lässt ihn schließlich mit jeder neuen Lebensaufgabe wachsen und reifen. Der hohen Kochschule als Kontrast das Junkfood gegenüberzustellen, um auch hiermit noch einmal (sich einander ergänzende) Gegensätze zu schaffen, die auch auf die Charakterzeichnungen einzahlen, ist vielleicht noch die plakativste Entscheidung in einem ansonsten ganz hervorragend inszenierten, feinfühlig erzählten und wunderbar authentisch gespielten Film.
Fazit: Eine bittersüße Liebesgeschichte, die den heiteren Stunden deutlich mehr Platz einräumt als den traurigen, ohne letztere zu vernachlässigen. Dank seiner unkonventionellen Erzählweise gelingt es John Crowley, dem klassischen Sterbedrama mit „We Live in Time“ einen neuen Dreh zu geben.
„We Live in Time“ ist ab dem 9. Januar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

