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Smile 2 – Siehst du es auch?

„Höher, schneller, weiter!“ bedeutet bei Filmfortsetzungen nicht immer Gutes. Im Falle von SMILE 2 – SIEHST DU ES AUCH? funktioniert dieser Ansatz jedoch erstaunlich gut. Das Sequel des Horrorschockers von 2022 punktet vor allem durch sein Mehr – und zwar in Text und Subtext.

OT: Smile (USA 2024)

Darum geht’s
Skye Riley (Naomi Scott) ist eine erfolgreiche Popsängerin. Doch ihr sorgloses Leben mit jeder Menge Drogen und Alkohol findet ein jähes Ende, als sie in einen schweren Autounfall verwickelt wird. Ein Mann stirbt – und Skye muss fortan mit dem Wissen leben, dass wegen ihr ein Mensch ums Leben gekommen ist. Viele Monate und ein radikaler Sinneswandel später steht Skyes große Tour bevor. Doch als sie eines Abends bei ihrem Drogendealer (Kyle Gallner) nach Schmerztabletten für ihren gebeutelten Rücken fragt, verhält dieser sich plötzlich merkwürdig. Schließlich nimmt er sich vor Skyes Augen das Leben, indem er sich mit einem schweren Gegenstand den Schädel zertrümmert, wobei er ein diabolisches Grinsen auf den Lippen trägt. Es ist der Auftakt für grauenvolle Ereignisse, denn Skye ist nunmehr in den Fängen einer diabolischen, außerweltlichen Gestalt…

Kritik

Vor zwei Jahren war „Smile“ einer der ersten Filme, der maßgeblich von seinem Hype auf Social Media, insbesondere der Plattform TikTok, profitierte. Die Marketingmaschine lief quasi wie von selbst. Kinobesuche des Horrorschockers wurden zu mit dem Smartphone begleiteten Mutproben, was so manch eine Vorstellung für nicht handysüchtige Teens und Twens sicherlich unerträglich werden ließ. Der Erfolg des Films – ein Originalstoff, kein Teil eines bestehenden Franchises, keine Buchverfilmung oder anderweitige Adaption – spricht trotzdem für sich. Bei einem Budget von 17 Millionen US-Dollar spielte „Smile“ weltweit über 200 Millionen wieder ein und sicherte sich nicht nur bei seinem Publikum positive Reaktionen, sondern auch ein mindestens solides bis gutes Kritikerfeedback. Insbesondere das Alleinstellungsmerkmal – das vermutlich dämonischste Grinsen der (Horror-)Filmgeschichte – ließ den Film schnell ikonisch werden. Aber auch die handwerklich makellose Inszenierung sowie Parker Finns Gespür für Atmosphäre und zielsicher platzierte Jumpscares machen „Smile“ zu einem der besten Mainstream-Horrorfilme der letzten Jahre.

Zum ersten Mal taucht der Grinsedämon auf einer Autogrammstunde in Gestalt eines kleinen Mädchens auf…

Wie viel Geld das Studio für die Inszenierung einer Fortsetzung in die Hand nahm, ist aktuell noch nicht offiziell bekannt. Fakt ist aber, dass schon der erste Teil nach weitaus mehr Budget aussah als es seine läppischen 17 Millionen zu versprechen vermochten. Regisseur und Autor Parker Finn, für den „Smile“ das Debüt und „Smile 2“ nun seinen erst zweiten Langspielfilm darstellt, ist einfach ein verdammt talentierter Filmemacher. Und damit ist nicht nur sein stilsicheres Spiel mit Kamera- und Erzählperspektiven gemeint, sondern vor allem das Bewusstsein darüber, was Kinobesucher:innen heutzutage Angst macht. Auch „Smile 2“ ist, seiner simplen Ein in diversen Gestalten auftretender Dämon mit Grinsen im Gesicht macht Jagd auf sein(e) Opfer-Prämisse zum Trotz, eine intensive Auseinandersetzung mit psychischen Ausnahmesituationen. Teil eins zeichnete das Bild einer sich nach und nach immer mehr von der Umwelt distanzierenden Psychiaterin, die sich, Depressionen ähnlich, in die Isolation flüchtete. Um aus dieser herauszukommen und sich ihr Leben zurückzuholen, blieb nur die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, den eigenen Ängsten – in Gestalt eines sich im Finale schließlich in voller Größe präsentierenden Dämonenwesens. Die Ursache: Das Beiwohnen eines Suizids, der die Hauptfigur maßgeblich verstörte.

„Auch ‚Smile 2‘ ist, seiner simplen ‚Ein in diversen Gestalten auftretender Dämon mit Grinsen im Gesicht macht Jagd auf sein(e) Opfer‘-Prämisse zum Trotz, eine intensive Auseinandersetzung mit psychischen Ausnahmesituationen.“

Der Leinwand-Horrortrip – also das plötzliche Sehen gruseliger Fratzen, schockierende Albträume und anderweitige Sinnestäuschungen – startet auch in „Smile 2“ damit, dass die von Naomi Scott („Aladdin“) wunderbar verstört gespielte Hauptfigur Skye Riley dabei zusehen muss, wie sich eine ihr bekannte Person vor ihren Augen selbst tötet. Doch eigentlich beginnt Skyes Tour de Force bereits einige Monate zuvor, denn diese weltberühmte, hocherfolgreiche Sängerin – in Sachen Einfluss und Reichweite vermutlich irgendwo zwischen Taylor Swift und Katy Perry zu finden – wird durch einen Verkehrsunfall schwer traumatisiert. Auf das Verarbeiten, dass bei diesem Crash ein Mensch zu Tode gekommen ist, folgt zwar die Typveränderung und ein radikaler No-Drugs-No-Alcohol-Lebensstil (einhergehend mit dem wohl penetrantesten Luxuswasser-Product-Placement, das man im Kino je gesehen hat, das aber dadurch, dass es sich „nur“ um Wasser handelt, fast schon wieder niedlich ist), doch tief im Inneren bleibt Skye weiterhin Skye. Eine junge Frau, die um sich, ein autoritäres Leben und Selbstfrieden kämpft. Die Steine, die ihr dabei in den Weg gelegt werden, sind längst nicht nur dämonischer Natur. Auch ihre sie unangenehm dominierende, zu Höchstleistungen antreibende Mutter und Managerin (Rosemarie DeWitt, „La La Land“) sowie die ständige Angst vor irren Fans engen die junge Künstlerin ein und machen eine vollständige geistige Regeneration unmöglich.

Schon bald ist Skye (Naomi Scott) nirgendwo mehr sicher…

Dass Parker Finn den im ersten Drittel kurz angerissenen Subplot rund um einen möglichen Stalker nicht weiterverfolgt – man überlege nur, wie hervorragend man hier eine reale Gefahr mit einer übernatürlichen hätte verknüpfen und gegeneinander ausspielen können – ist schade. Denn ansonsten sind die Kreativen immer ganz nah dran an ihrer durchaus kantigen Hauptfigur, die sich die Sympathien des Publikums erst einmal erarbeiten muss. So ist diese vertane Chance letztlich der einzige wirkliche Schwachpunkt an „Smile 2“. Dieser fühlt sich aufgrund des Popbusiness-Settings und Skyes Einfluss auf ihre Fans nicht nur deutlich größer und dadurch bedrohlicher an. Er ist obendrein auch noch ein gutes Stück brutaler (im Gegensatz zum Vorgänger ist der zweite Teil tatsächlich erst ab 18 freigegeben) und reizt das Motiv des Smiles deutlich mehr aus. Die Schlagzahl auftauchender Grinse-Dämonen ist nicht nur höher, die Auftritte derselben geraten zudem deutlich kreativer. Eine Masseninvasion in Skyes Zuhause, bei der plötzlich eine ganze Heerschar grinsender Tänzerinnen und Tänzer auf sie zuläuft – immer wieder unterbrochen dadurch, dass die Gruppe sich zu schwindelerregenden, abstrakten Menschenpyramiden formiert – sieht absolut grandios aus und schnürt einem dank eines surrealistischen Touches die Kehle zu.

„‚Smile 2‘ fühlt sich aufgrund des Popbusiness-Settings und Skyes Einfluss auf ihre Fans nicht nur deutlich größer und dadurch bedrohlicher an. Er ist obendrein auch noch ein gutes Stück brutaler und reizt das Motiv des Smiles deutlich mehr aus.“

Ähnlich bedrohlich, wenngleich ein bisschen gleichförmig, verlaufen die anderen Heimsuchungen. Immer wieder steht plötzlich eine fies lächelnde Figur im Raum, läuft an Skye vorbei oder verfolgt sie im Schleichschritt. Das lässt Erinnerungen an David Robert Mitchells „It Follows“ wachwerden. Nur ohne den Retrocharme und mit einer völlig anderen, tonalen Ausrichtung. Inszenatorisch ist „Smile 2“ eher ein Film des „schnellen Schocks“, weniger der langsam in einen hinein kriechenden Atmosphäre. Aber nicht nur dank der üppigen Laufzeit von über zwei Stunden hat das Grauen hier die Möglichkeiten, sich ähnlich intensiv in das Bewusstsein seiner Figuren, des Publikums, aber auch der ganzen Filmwelt hineinzugraben. Irgendwann sieht nicht nur die Protagonistin überall grinsende Gesichter und kann ihrem näheren Umfeld genauso wenig trauen wie ihrer eigenen Wahrnehmung. Auch das Publikum wird dank des Films sukzessive stärker im Unklaren darüber gelassen, was in „Smile 2“ echt und was Einbildung ist. Festhalten lässt es sich da am ehesten noch an dem angerissenen Subplot darüber, wie sich der Dämon denn nun endgültig bekämpfen lässt. Aber spätestens beim durch und durch pessimistischen, nahezu apokalyptischen Finale weiß auch die letzte Person im Publikum: Das Böse ist nicht mehr aufzuhalten! Ganz schön mutig für das sonst immer doch recht versöhnliche Hollywood-Horrorkino.

Fazit: Größer, brutaler und noch ein gutes Stück pessimistischer: „Smile 2 – Siehst du es auch?“ hat dem in Teil eins aufgebauten Mythos zwar nichts Neues hinzuzufügen, macht das, was der Vorgänger so gut gemacht hat, aber mindestens genauso gut und erzählt erneut eine durch und durch verstörende Geschichte über eine langsam in den Wahnsinn abdriftende Frau.

„Smile 2 – Siehst du es auch?“ ist ab dem 17. Oktober 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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