Es ist immer wieder schade, wenn man potentielles Filmpublikum mit tollen Trailern in eine Kinovorstellung lockt, der beworbene Streifen sich allerdings lediglich als laues Lüftchen entpuppt, dessen beste Szenen bereits in der Vorschau verballert wurden. DIE VERMESSUNG DER WELT versprach (für deutsche Verhältnisse!) Bombastkino für die Sinne, scheitert jedoch schlussendlich an groben Stümpern seitens Besetzung, Story und Ungereimtheiten im Handlungsverlauf. Wo genau der Streifen diese Defizite versucht aufzufangen und welche Figur die beiden Hauptdarsteller abgeben, erfahrt Ihr in meiner neusten Kritik.
Der Plot
Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz) ist ein Wunderkind wie es im Buche steht. Sein Spezialgebiet ist die Mathematik. Der Formeljongleur offenbart sein Talent früh. So kommt, dass er ein Mathematik-Stipendium am Hofe des Adels erhält. Dort trifft er das erste Mal auf Alexander von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch). Für ihn spielt die Welt der Zahlen keine Rolle, doch die Neugier auf die Geheimnisse, die die Welt außerhalb von Haus und Hof bietet, teilt er mit Gauß. So kommt es, dass die Lebensläufe beider unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Von Humboldt macht sich auf den Weg in die Ferne, um die Fremde derer zu erforschen, Gauß bleibt daheim, um anhand von Zahlen und Formeln die Welt zu vermessen. Dabei stoßen beide an ihre ganz persönlichen Grenzen: Während Carl Friedrich die Liebe zu einer alten Freundin entdeckt, muss sich Alexander im Urwald durchs Dickicht schlagen und es mit Einheimischen aufnehmen.
Kritik
Der von Daniel Kehlmann geschriebene Roman „Die Vermessung der Welt“ avancierte quasi über Nacht zum Weltbestseller. Eine Seltenheit für das Werk eines deutschen Autors. Es schien also nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich ein Regisseur der Geschichte annehmen und sie verfilmen würde. Dass die Wahl schließlich auf Detlev Buck („Männerpension“, „Rubbeldiekatz“) fiel, verwunderte angesichts seiner typischen Handschrift dann doch ein wenig. Zwar besitzt schon der Roman an vielerlei Stellen einen deutlich humorigen Unterton, doch spätestens bei Betrachtung des Trailers dürfte so manch einem Filminteressierten die Auslegung des Streifens nicht ganz deutlich geworden sein. Als was versteht sich die Verfilmung von „Die Vermessung der Welt“? Als Komödie? Als Geschichtsstreifen? Gar als Kostümfilm?
Kurzum, diese Frage zu beantworten grenzt wohl an ein Ding der Unmöglichkeit. Der Grund dafür ist simpel: Die Macher mochten sich augenscheinlich auf kein bestimmtes Genre festlegen. Dagegen spricht nichts, im Gegenteil. Genremischungen sind heutzutage gängig (man denke nur an die aktuell stattfindende PR-Arbeit zu „Cloud Atlas“). Buck machte jedoch den Fehler, die einzelnen Genres nicht miteinander zu vermischen und ineinander übergehen zu lassen. Stattdessen wirkt ein Großteil des komödiantischen Anteils wie mit einem Holzhammer zwischen ernste Momente gehauen. Dadurch geht schnell ein großer Anteil an Glaubwürdigkeit über Bord, etwa wenn die Rolle eines von „Switch Reloaded“-Comedian Max Giermann verkörperten Generals so brachial in die Szenerie eingefügt wurde, dass der Witz der Figur nicht nur nicht zünden mag, sondern sogar ins Nervige kippt. Es ist jedoch nicht nur dieser Totalausfall auf der Komikschiene, der den Gesamteindruck bereits früh trübt. Es scheint, als hätte Buck über Nacht sein Handling für feinsinnigen Humor abgegeben. Gerade auf der Ebene des Dialogwitzes erlaubten sich die Macher erschreckend viele Patzer und platzierten mal mehr, mal weniger gelungene Pointen an Stellen, an denen feingesinnte Zuschauer den Kopf schütteln. So wird in der einen Einstellung noch eine relativ ernste Diskussion über den Wert des Menschen in Anlehnung an die Perversion des Sklavenhandels geführt, nur im sie mit einem schwachen Witzchen darüber zu beenden, dass die Menschheit in dieser Epoche noch glaubte, der Homo Sapiens würde vom Affen abstammen.
Um derartige Ausfälle zu kompensieren, hätten die Macher vor allem im Dramabereich Gas geben müssen. Fraglich ist jedoch, ob dies gewollt gewesen wäre, denn ohne bereits folgende Tatsache abwertend darzustellen, so lässt sie doch ein großes Fragezeichen zurück: „Die Vermessung der Welt“ ist – mit Ausnahme des versuchten Witzes – ein nicht zu definierendes Einerlei. Während die komischen Parts zum Großteil nicht funktionieren, findet die Story auch abseits derer nie die Möglichkeit, durch anderweite Charakterisierung zu überzeugen. Dramatische Momente bleiben nur angerissen und wirken dadurch nicht nach, gehen nicht zu Herzen. Passagen, in denen das durchweg schleichende Tempo endlich ein wenig angezogen wird, werden mitten in der Szenerie abgebrochen, was dem Spannungsaufbau nicht gut tut und selbst der Charme der damaligen Epoche will sich Dank billig wirkender Kulissen nicht einstellen. Sicher will „Die Vermessung der Welt“ kein klassisch aufgebautes Drama mit Exposition, Höhepunkt und Lösung sein. Doch als ausschließlich dahinplätschernde Geschichte, die wahllos gewählte Situationen aneinanderreiht, wollte der Streifen gewiss nicht verstanden werden. Wo also beweist diese Romanverfilmung ihre Daseinsberechtigung?
Was die Besetzung angeht, so machen Albrecht Schuch („Neue Vahr Süd“, „Westwind“) und Florian David Fitz („Doctor’s Diary“, „Männerherzen“) ihren Job souverän, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an welchem die Story einen Zeitsprung macht und die von ihnen verkörperten Figuren um ein Vielfaches altern. Vor allem Fitz‘ Darstellerleistung rutscht auf unterdurschnittliches Niveau ab, das man von ihm absolut nicht gewohnt ist. Dies geht erneut zu Lasten der Glaubwürdigkeit.
So bleibt ein ernüchterndes Fazit für diese groß angekündigte Bestsellerverfilmung. Auch wenn „Die Vermessung der Welt“ streckenweise wahrlich schön anzuschauen ist, fällt die Handlungsebene viel zu dünn aus. Die Figuren bleiben dem Zuschauer fremd, die Mischung aus verschiedenen Genres misslingt und aus den zwei werden schier endlose Stunden, die mit einem Gespräch enden, das ein Niveau erreicht, das beweist, was die Vorlage für ein Potential gehabt hätte. Durchgefallen, Herr Buck!
„Die Vermessung der Welt“ ist ab dem 25. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

